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Wachsende Stadt

Ein neuer Krieg

Gerade heute war es hier besonders schön in meinem Haus in der Höxterstraße: Der frisch gefallene Schnee, dazwischen die grünen Rasenflecken - und dann die Sonne, die voll in den Garten, in die Wohnung und sogar wieder wie früher ins Kellerfenster schien. Jetzt haben wir besonders viel Sonne, denn das Haus nebenan ist verschwunden, auch Bäume, und auch die Büsche. Teil 5 einer Serie von Manfred Bonson

Stattdessen: Eine große, tiefe Baugrube. Das Nachbarhaus war nur ein Einfamilienhaus, aus den 60ern, jetzt kommt stattdessen ein großes Etagenhaus mit zehn Mini-Wohnungen, und auch die Sonnenfreude wird verschwinden. Denn leider ist das genau unsere Südseite - und ein „Recht auf Sonne“ habe ich nicht, wie mir der Anwalt erklärte. Haus und Garten werden nun ständig im Schatten des neuen großen Gebäudes liegen. Das hätte sich mein Großvater nicht träumen lassen. Als er 1933 das Kapitänshaus baute, war das Nachbargrundstück noch eine Gärtnerei, nur Beete - gegen die sogenannte Nachverdichtung ist juristisch nichts zu machen!

Verdichtung - es ist eine unablässige Zerstörung: Am Lokstedter Steindamm stehen (noch) drei kleine Häuser in einem besonderen alten ortstypischen Stil aus dem 19. Jahrhundert, zwischen Siemersplatz und Peter-Wieben-Straße: Nr. 17 und 19. Bei Nr. 17 steht groß die Jahreszahl 1864. Die gleichen Häuser, vom selben Typ, wurden in der Winterhuder Ulmenstraße unter Denkmalsschutz gestellt (1).
Ihre Errichtung wird auf die Mitte des 19. Jahrhunderts und einige Jahre danach datiert. Es sind also wirkliche Kulturdenkmäler. Lange Zeit lebte und arbeitete z.B. im Haus Lokstedter Steindamm 17 ein angesehener Juwelier, dessen Erzeugnisse in alle Welt exportiert wurden. Nr. 17 und Nr. 19 werden offenbar abgerissen. Einzelne Exemplare der Vergangenheit haben das Glück, erhalten zu werden, wie in Winterhude, als „Schaustücke“ für zukünftige Betrachter und Forscher. Aber die meisten Zeugnisse der Vergangenheit sind in Hamburg offenbar verurteilt, dem modernen Kommerz zum Opfer zu fallen. Wie sehr bewundern wir doch solche Städte wie Lüneburg, Lübeck und Tübingen, die klüger, weiser waren, und sind. Und wie wohl fühlt man sich in ihnen! Und das gilt auch für viele Städte im Ausland. Z.B. Italien, mit seinem viel größeren Kulturverständnis als das geldgetriebene, geldgeile Hamburg: Ich war vor wenigen Wochen noch in Mailand. Ein komplettes Stadtbild ist erhalten, obwohl dieses auch kommerziell geprägt ist, Mailand war immer eine Handelsmetropole. Und dann erst Bergamo mit seiner erhaltenen mittelalterlichen „Città Alta“.

Nun ja, so wird der Kurz-Fluchttourismus angekurbelt. Das Hamburger Abendblatt machte vor einiger Zeit ganz ungeniert in seinem Hauptartikel eskapistische Reklame für die toxische Rynair: „Für 15 Euro nach Mailand“ (Flughafen Bergamo). Ich fuhr etwas umweltfreundlicher mit der Bahn.

Aber zurück zum alltäglichen Lokstedter Steindamm. Mindestens zwei der erwähnten Häuschen sind offenbar bereits verkauft, sie werden verschwinden, und bestimmt kommen große Gebäude auf diese lukrativen Grundstücke. Die Häuschen zählen zu den ältesten Lokstedter Häusern, und haben, hätten sicherlich Denkmalswert. Aber: der Denkmalsschutz als Wirtschaftsbremse, als Profitbremse - das darf nicht sein, das darf ja nun nicht übertrieben werden...

Wie viel altes, traditionelles habe ich schon verschwinden sehen: In Lokstedt das Fachwerkbauernhaus am Anfang der Vogt-Wells-Straße, in dem Frau Karp ihre Leihbücherei hatte, wo ich mir immer die Karl-May-Bände holte. Der schöne Ausflugsgasthof Münster an der Ecke der Vogt-Wells-Straße zur Kollaustraße. Und der alteingesessene Lebensmittelladen gegenüber, „Kolonialwaren Behrmann“, wurde erst vor kurzem ein Opfer des großartigen Umbaus des Siemersplatzes für die unsinnige Busbeschleunigung. Dann die Wiese, an der Kollaustraße, wo jetzt statt der Kühe „McDonald’s“ Autorestaurant steht, und auf der in meiner Kindheit Volksfeste stattfanden, wo ich noch plattdeutsche Tanzlieder hörte („Lütt Anna Susanna...“) und selbst in den 70er Jahren noch die temperamentvollen Tänze der portugiesischen „Gastarbeiter“ erleben durfte.

Es geht Natur verloren, gute Luft, es geht Gemeinschaft verloren. Es gehen besonders viele kleine Läden und Geschäfte verloren, die den täglichen Bedarf decken, deckten. Supermärkte befriedigen nicht nur ihn, sondern auch den Luxus, der als solcher in der Wohlstandsgesellschaft nicht wahrgenommen wird. Kleine Läden am Siemersplatz waren der Schlachter, das Schreibwarengeschäft von Frau Wohlers, das sich erstaunlich lange hielt, der Drogist, der einen Kunden gerne noch persönlich beriet, dort, wo jetzt der Reiterbedarf verkauft wird (schon Lokstedter Steindamm) - Reiterausrüstung, genau das, was ich in Hamburg unbedingt brauche. Nun gut, meine Tochter ist wie viele Teenagers Pferdenärrin. Aber sollen wir sie dann mit dem Auto für jede Reitstunde zum Reiterhof ins Holsteinische Umland bringen? Ja, natürlich! würde jeder sagen - und so entsteht der unsägliche Autoverkehr (unter anderem…).

Nein, es ist ein Verlust an Lebensqualität, an „Aufenthaltsqualität“, den wir gerade am Siemersplatz, an der Vogt-Wells-Straße, am Lokstedter Steindamm seit vielen, vielen Jahren erleben. Übrig bleiben Autos und Stein und Beton, und man zieht sich, wenn man in Lokstedt wohnt, in seine vier Wände zurück, und macht es sich da möglichst schön - und einige haben auch noch Glück mit einem Garten.

Natürlich wird, wie in den vergangenen Artikeln dargestellt, die Luftqualität weiter verschlechtert, der Klimawandel beschleunigt - durch diese „Verdichtungs“-Politik, ich würde eher sagen: Profitpolitik.

In den Papieren der Berliner Koalitionsverhandlungen las ich nichts von diesen Dingen, die uns tagtäglich berühren! Die Abgasproblematik in den Städten war praktisch kein Thema der großen Politik - bis jetzt der Abgasskandal und der Druck der EU auch die deutsche Regierung und die Medien erreichte. Das ist de facto - wie so vieles, das bewegt wird - das Verdienst vor allem einer Person. In diesem Fall ist es das Engagement von Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Er kämpft mit Hilfe der Gerichte gegen die Gleichgültigkeit der deutschen Regierung und gegen ihre Politik zugunsten der kriminellen Autokonzerne - und auch die Medien können nicht mehr leugnen, dass Hamburg zu den vergiftetsten Metropolen Deutschlands gehört, wie das Umweltbundesamt feststellt (2).

Tatsächlich ist das Ausmaß der Verseuchung vieler Städte noch viel größer als amtlich erfasst. Es gibt viel zu wenig Messstationen, die auch nicht unbedingt an den richtigen Stellen stehen. Wer misst z.B. die Belastung am Siemersplatz? Jürgen Resch und die Umwelthilfe stellen deshalb jetzt hunderte weiterer Messstationen überall in Deutschland auf. Das Ergebnis dürfte erschreckend sein.

Die Zerstörung von schönem erhaltenswerten Baubestand erlebe ich seit Jahrzehnten in Hamburg. Es ist die zweite Vernichtung der Stadt, nach den Bombenangriffen des Krieges - ein weiterer Krieg sozusagen, gegen unsere Lebensumwelt.

1966 kam ich wieder nach Hamburg, nachdem wir 10 Jahre im Rheinland gelebt hatten, wo mein Vater einen Arbeitsplatz hatte. Als ich zurückkam, bezog nach der Scheidung meine Mutter wieder ihr Lokstedter Haus, und ich wohnte in einem Studentenzimmer „Am Stadtrand“ nahe der Trabrennbahn Farmsen. Im ersten Jahr zogen noch Massen von Arbeitern zu Fuß (!) von der U-Bahn-Haltestelle zum nahen Gewerbegebiet. Nach vier, fünf Jahren waren es nur noch Autokolonnen!

Ich zog dann, um näher an der Universität zu sein, für ein Jahr an die Hochallee. Ich schaute auf eine typische Harvestehuder Villa auf der anderen Straßenseite - aber nicht lange. Dann sah ich nur noch, wie sie abgerissen wurde. Nicht weil sie baufällig gewesen wäre, sondern weil ein größeres Gebäude mit mehr Wohnungen mehr bringt. Danach fand ich ein wunderschönes Dachzimmer in traumhafter Lage: an, nein: über der Fontenay-Allee, als Hugenotten-Nachkomme die richtige Adresse, dachte ich... Ich sah von dort aus ein Stück der Alster ganz nah, und blickte auf einen autofreien Fußweg, umsäumt von kleinen wunderhübschen Häusern, die ich sonst in Hamburg nirgends gesehen habe, ein bisschen holländisch vielleicht. Schräg gegenüber an der Fontenay: Wieder eine alte ehrwürdige Villa - viel zu unrentabel für dieses „Filet(grund)stück“ (Kleinstadtbürgermeister-Jargon). Sie wurde abgerissen, natürlich, und das Hotel Intercontinental kam drauf. Bevor ich auszog, kaufte noch Makler Vogel die Fontenay-Allee - und alle Häuser wurden abgerissen - Was denn sonst? Heute stehen dort die Luxus-“Alster-Terrassen“. Und das Interconti wurde auch schon wieder abgerissen, um dem angeblich „besten Hotel Deutschlands“ (und teuersten) Platz zu machen: „The Fontenay“.

Ob alt oder neu - es wird abgerissen. Das Hamburger Abendblatt spricht verharmlosend und beschönigend vom „Zeitgeist“ und der „Logik des Immobilienmarktes“, während Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein schon klarer Tatsachen benennt: „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, die gegen alle ökologischen Erkenntnisse auch Gebäude wie Konsumgüter behandelt, mit immer kürzeren Nutzungszyklen. Gebäude, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind dadurch natürlich besonders gefährdet“ (3).

Das Motiv hierfür spricht sie gegenüber dem Abendblatt allerdings nicht aus: Gewinnmaximierung. Es wäre vielleicht dort nicht zitiert worden.
So erlebte, erlebe ich einen immer währenden Feldzug sogar gegen die neuere, aber vor allem gegen die überkommene Bausubstanz Hamburgs, gegen den überlieferten, prägenden Charakter des Stadtbildes. Vor wenigen Tagen las ich, dass auch das - natürlich vollkommen intakte - Deutschlandhaus am Gänsemarkt abgerissen werden soll (Der Gänsemarkt war Jahrzehnte lang eine Baustelle, und bleibt es also).

Und selbst der Stintfang soll zerstört werden: Auch hier wieder ein Ort, eine Stelle, die einfach zu schön ist, um nicht zu (noch mehr) Geld gemacht zu werden. Immer wieder verbringen wir, wenn wir Familienbesuch haben, Nächte und Tage in der Jugendherberge auf dem Stintfang, über den Landungsbrücken, und genießen die einmalige Panoramaaussicht auf den Hafen. Natürlich muss auch das richtig lukrativ bebaut werden. Es gibt keine schlechte Sache, und sei sie auch noch so schlecht, für die sich nicht eifrige Propagandisten finden. So las ich vor einiger Zeit auf einem Plakat den Slogan „Hamburg erfindet sich immer neu“. So kann man es auch ausdrücken.

Heute lese ich „Chinesen drängen auf den deutschen Immobilienmarkt“. Es hat sich herumgesprochen, wo sich gut Geld verdienen lässt. Das internationale Kapital treibt die Immobilienpreise natürlich noch mehr in die Höhe.

Man kann das Problem nicht aus seinen Zusammenhängen lösen. Und es gibt viele Zusammenhänge. Der Autor Michael Herl schreibt in der FR, dass seine Heimatstadt Pirmasens entvölkert wurde, als die dortigen Schuhfabriken der Globalisierung zum Opfer fielen. Also auch: Landflucht durch das, was beschönigend als Strukturwandel bezeichnet wird. Herl trifft seine Pirmasenser nun in Berlin, München, Frankfurt, Stuttgart - und auch Hamburg! „Wirtschaftsflüchtlinge“ nennt er sie, und bezeichnet sich selbst als einen solchen. 70 Proeznt seines Bekanntenkreises bestehe aus ihnen, und auch das sei ein Grund für das hemmungslose Wachstum der Städte - und der Mieten (4).

Alles hängt mit allem zusammen! Aufgaben also genug für unsere Politiker - aber … man schläft den Schlaf der (Un-)Gerechten.

Gerade (21.02.2018) veröffentlichte der Verband der Immobilienwirtschaft mit seinem Jahresgutachten die neuesten Zahlen. Demnach hat das Jahr 2017 sämtliche Rekorde gebrochen. Die - schon ausgeweiteten - Kapazitäten der Baubranche sind aufgrund des boomenden Wohnungsbaus voll ausgelastet, der Preisanstieg ist nicht gebremst: Die Wohnungsmieten stiegen bundesweit um durchschnittlich 4,3 Prozent. Die Kaufpreise der Eigentumswohnungen kletterten um 7,9 Prozent. Ein weiterer Beweis, daaa die sogenannte Nachverdichtung als Subvention, als Profitbeschleuniger für die Bau- und Immobilienbranche gedacht war und ist.

Subvention im übertragenen Sinne: Der Staat gibt dem Gewerbe kein Geld, um es zu fördern, sondern er gibt Natur und Lebensqualität der Bürger - so als gehörte ihm beides. Weder die Natur noch die Bürger können sich wehren. Kaschiert wird das Ganze mit Pseudo-Maßnahmen wie Mietpreisbremse und - der neueste Clou, im Koalitionsvertrag vereinbart - Baukindergeld. Wieder wird deutlich, dass sich unsere Politik in bloßer Symbolpolitik, Propaganda und Rhetorik erschöpft - bei allen relevanten Themen seit vielen Jahren. Es wird herumgedoktert, ohne die wirklichen Ursachen anzupacken. Das neueste Opfer ist das Hamburger Grün. Aber das gilt für alle Politikbereiche: ob Gesundheit, Verkehr, Bildung, Wohnungsbau oder Klima-Energiepolitik etc.

Der neueste Propagandacoup ist der kostenlose Nahverkehr. Das wird seit Jahrzehnten gefordert ohne dass sich die Regierenden auch nur im mindesten dafür interessiert hätten. Jetzt plötzlich wird es aus der Schublade geholt - um die EU daran zu hindern, Deutschland zu verdonnern, nun endlich die Luft in den Städten zu entgiften. Um die Autoindustrie nicht anzutasten. Ein durchsichtiges Manöver, ohne die wirkliche Absicht, etwas zu tun. In diese Kategorie gehört auch das – in Hamburg natürlich gigantische - Tiefbauförderungsprogramm U5: Überirdisch sollen die Automassen weiter rollen, zerstören und vergiften - unterirdisch werden die anderen transportiert.

P.S. Nicht das ich etwas unterschlagen wollte: Die Immo-Branche sorgt auch für die notwendige Beschwichtigung: Der Preisanstieg würde schwächer verlaufen, nicht jetzt, nicht 2018, aber dann… Eigentlich ist ja auch schon genug eingesackt worden, oder? Aber keine Sorge: Es wird nie ein Ende geben, die Gier ist ungebrochen, vom Mammon“spricht schon das Alte Testament, und - nun ja - „Nach uns die Sintflut“...

Quellen :

1. Denkmalliste - hamburg.de

2. Frankfurter Allgemeine Zeitung 02.02.2018, Wirtschaft, S. 17

3. Hamburger Abendblatt 01.02.2018, S.13 „Denkmalschützer kämpfen ums Deutschlandhaus“

4. Frankfurter Rundschau 06.02.2018, S. 10 „Flüchtlinge aus der Provinz“

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik

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© Lokstedt-online 26.02.2018, Autor: Manfred Bonson