Leserbrief

Das Grundübel ist der Wachstumsgedanke

(zu: Recherche vom Sofa aus? vom 08.02.2018)

Lieber Herr Räbsch,

ich kann Ihnen nur 150 Prozent zustimmen. Ich sehe es genauso, wir müssen die gesamtgesellschaftlichen Zusammenhänge betrachten. Nachverdichtung ist ein Resultat der Gesamt-Politik, ob wir das nun Neo-Liberalismus, Kapitalismus oder Profitgesellschaft nennen.

Natürlich müssen wir mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Und das ist auch möglich durch eine andere Politik, die nicht nur denen hilft, die damit Geld, viel Geld machen wollen. Aber das Grün muss damit nicht geopfert werden, ebenso wie schöne alte Villen durchaus stehen bleiben können - und müssen.

Das Grundübel ist der Wachstumsgedanke: Es wird geradezu als ein naturwissenschaftliches Faktum angenommen, dass die Bäume in den Himmel wachsen können. Es gibt auch die naive Ansicht, dass sich Wachstum von Umweltzerstörung entkoppeln ließe. Aber das ist ein Aberglaube. Da halte ich es doch lieber mit der echten Religion: Ich denke immer an das Alte Testament und seine Erzählung vom Turm zu Babel, und an die Erzählung von Jesus im Tempel, wie er den Händlern und Geldwechslern das Handwerk legte, also den Immobilienspekulanten und Investmentbankern etc. Ich gebe Ihnen recht: An die wundersame Geldvermehrung werden wir solange glauben bis alles zusammenbricht…

Oder man könnte, um im Alten Testament zu bleiben, an den Tanz um das goldene Kalb und an die Verehrung des Götzen Baal denken. Der Affentanz um die „drohenden“ Fahrverbote erinnert daran: Wie glücklich wären wir in Hamburg, in Lokstedt, wenn die endlich kämen! Aber stattdessen blufft man jetzt mit angeblichem kostenlosen Nahverkehr, den man schon seit Jahrzehnten hätte einführen können, um ja nicht die heilige Kuh (auch wieder eine so schöne Metapher) Auto antasten zu müssen.

Wenn der Bürgermeister der Auto- und Nachverdichtungsstadt Hamburg nun den Vorsitz der SPD übernimmt – Was sagt uns das?

Ja, Herr Räbsch, mein Wissen über Ampelschaltungen in Guatemala habe ich in der Tat - mit Hilfe des Flugzeugs erworben. Und sie haben völlig recht, wenn Sie feststellen, dass ein Flug, erst recht ein Interkontinentalflug, das Schlimmste überhaupt ist, was unsereins an Umweltvergiftung leisten kann! Dafür habe ich auch keine Entschuldigung. Ich kann Ihnen zwar versichern, dass ich alle meine Reisen in Europa mit der Bahn mache - von Mailand bis Ushgorod, aber nach Amerika, Afrika und Südostasien nahm ich bisher das Flugzeug. Das passiert zwar nur noch selten, aber es passiert. Bequem der Verweis auf die Schwierigkeit, mit dem Schiff dorthin zu kommen! Warum nicht - wie mein Großvater, der Kapitän, das tat? Es ist nicht so billig, es verschmutzt auch, es kostet viel Zeit - aber die muss man sich eben nehmen. Der Platz zwischen den Containern muss einen nicht stören, wenn man gute Bücher hat. Und die Motorengeräusche - gibt es auch im Flieger.

Manfred Bonson

© Lokstedt-online20.02.2018