Leserbrief

Recherche vom Sofa aus?

(zu: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn vom 03.02.2018)

Herrn Bonson ist in weiten Teilen zwar zuzustimmen aber sein Lösungsansatz (Unterschreiben der NABU-Volksinitiative) greift viel zu kurz. Das Problem beschränkt sich nicht auf Hamburg oder gar Lokstedt, sondern ist bundesweit, wenn nicht global, vorhanden. Das Problem heißt Neoliberalismus. Der gesamte geschilderte Irrsinn baut auf diesem Denken  und Handeln auf - und wird zwangsläufig zum Kollaps führen.

Alles wird heutzutage als "Kostenfaktor" betrachtet und bewertet. Die Auswirkungen sind verheerend: massenhaft prekäre Arbeitsverhältnisse einschließlich daraus resultierender späterer Rentnerarmut, Pflegenotstand weil die Pflege alter Menschen so billig zu sein hat, dass - weil privatisiert - die Pflegedienstleister möglichst viel Gewinn machen. Kultur darf nichts kosten, also wird auch dort gespart. Krankenhäuser werden privatisiert und oftmals wird so diagnostiziert und behandelt, dass der Gewinn maximiert wird usw. usw. Die Liste ist endlos.

Es gibt viele Bücher über die Folgen dieses politischen Vernichtungsfeldzugs gegen große Teile (der Mehrheit) der Bevölkerung, z.B. "Armut in einem reichen Land" von Prof. Dr. Christoph Butterwegge (kurzer Überblick hier) Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn sind unmittelbare Folge des Kapitalismus, der am Ende zum Kollaps führen muss, weil sich prinzipbedingt nicht vermeiden lässt. Man "google" z.B. nach Noam Chomsky oder Fabian Scheidler ("Das Ende der Megamaschine“).

Es lässt sich lange darüber diskutieren, ob in einer Großstadt Einfamilienhäuser Luxus sind oder nicht. Wenn immer mehr Menschen in die Städte ziehen, weil dort nun einmal die Arbeit ist, reicht der Platz für Einzelhäuser mit schönen Grundstücken drum herum nicht aus. Möglichst dichte Bebauung mit Mehrfamilienhäusern (Gewinnmaximierung) reduziert wiederum immer mehr die Lebensqualität in einer Stadt. Ganz sicher gibt es einen Königsweg aber dazu müssten "Investoren" (also Menschen, die bereits sehr viel Geld besitzen und daraus möglichst noch viel mehr Geld machen möchten) teilweise auf Gewinn verzichten. Und da sich die Politik nach den "Investoren" richtet, wird daraus nichts.

Herr Bonson schreibt: "...habe ich es seit den 70er Jahren erlebt, wie drei große, schöne, prägende Villen abgerissen und die Grundstücke mit großen Wohnblöcken bebaut wurden". Klar sind große Wohnblöcke weit weniger ansehnlich, als alte Villen, man muss aber die Frage zulassen, wie gerecht es ist, wenn einige wenige Personen in einer "schönen, prägenden Villa" leben, weil sie oder ihre Eltern einmal das Glück hatten, sich so etwas leisten zu können, während viele andere nicht einmal die Miete für zwei Zimmer bezahlen können, bzw. gar nicht erst eine (bezahlbare) Wohnung in Hamburg finden.

Was die Verkehrsplanung in Hamburg angeht, hat Herr Bonson Recht. Es ist die reinste Pest! Alles ist nur auf den maximalen Vorteil des umweltschädlichen Autoverkehrs ausgerichtet. Für Fußgänger und Radfahrer bleiben minimale Verkehrsflächen, die vielfach unzumutbar sind. Der Siemersplatz ist ein Extrembeispiel dafür, was die Auto-Verkehrsplaner den Menschen zumuten: Unerträgliche Rad- und Fußverkehrsführungen und diskriminierend kurze Grünphasen. Das ist aber nicht nur in Hamburg so, sondern einer Politik nach den Wünschen der Autolobby geschuldet, egal, ob es um die Verhinderung von strengeren von Schadstoffgrenzwerten, Diesel-Umrüstung, Tempolimits oder mehr Raum für umweltfreundliche Verkehrsmittel geht. Es zählt immer nur das Wohl der Autoindustrie, genauer: deren Gewinnmaximierung. Lieber sollen die Menschen weiterhin giftige Dieselabgase einatmen, als dass eine Hardware-Umrüstung gesetzlich vorgeschrieben wird (http://www.duh.de/projekte/dieselabgas-betrug/). Diese wäre ohne Weiteres von den Autokonzernen bezahlbar, würde aber deren Gewinne - ein wenig - reduzieren.

Auch hier hat Herr Bonson Recht: "Auch die Straßenbahn ist verschwunden: Auch sie wurde dem Profit geopfert, dem der Automobilindustrie, die auch heute noch Hamburg und die ganze Republik regiert (eigentlich die ganze Welt – oder?)". DIe ganze Welt wird allerdings nicht von der Autoindustrie regiert, das haben bereits andere übernommen (Blackrock, militärisch-industrieller Komplex, "tiefer Staat") und eine Handvoll Milliardäre.

Leider teilt Herr Bonson uns nicht mit, ob er sein Wissen über Ampelschaltungen in Jakarta und Guatemala-Stadt, sowie Straßenbahnen in Frankreich durch Recherche vom Sofa aus oder persönlich (mithilfe des Flugzeugs?) gewonnen hat ("Ich war noch jüngst in Mailand"). Falls Letzteres zutreffen sollte, steht ihm Kritik an der "Zerstörung unseres Planeten" nur bedingt zu. Allein Hamburg - Guatemala City und zurück sind rund 19000 Flugkilometer! Wer auf solche Flüge verzichtet, kann dafür seeehr lange mit dem Auto fahren. Was nämlich unterm Strich zählt, ist die persönliche Gesamtenergiebilanz. Wer z.B. auf Fleisch verzichtet, dürfte (zumindest in puncto CO2) einen dicken SUV fahren - was ein halbwegs vernunftbegabter Mensch natürlich nicht tun würde.

Ganz nebenbei: wer möchte, gehe einmal nachts durch die Vogt-Wells-Straße. Seit einiger Zeit ist dort ab 22 Uhr Tempo 30 ("Lärmschutz") angeordnet. NICHT EIN EINZIGER Autofahrer hält sich daran! Kontrollen? Fehlanzeige.

Und eine Frage noch: Weshalb darf man eigentlich nicht auf einer beliebigen Rasenfläche in Hamburg ein Zelt / einen Wohnwagen aufstellen, während Autos auf öffentlichen Flächen (Gehwegen) KOSTENLOS parken dürfen (und den Fußgängern auch dort noch Raum nehmen)? Es sind nicht nur die großen Wohnblocks, die die Lebensqualität reduzieren…

Lutz Räbsch

© Lokstedt-online 08.02.2018