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Wachsende Stadt

Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn

Auch wenn es in der Hamburger Parteienlandschaft keine Opposition gibt, ebenso wenig wie bei den Medien - gibt es doch eine Opposition, eine außerparlamentarische, wie ich es in meinem letzten Artikel erhofft hatte: Es sind die Naturschutzverbände NABU und BUND. Sie schaffen es, einiges von dem Hamburger Politikwahnsinn zu stoppen - oder jedenfalls zu dämpfen. Teil 4 einer Serie von Manfred Bonson

Unter maßgeblicher Beteiligung des BUND wurde die Hamburger Landesregierung gezwungen, das Hamburger Stromnetz wieder in die Hand des Bürgers zurückzugeben. Und der NABU (Naturschutzbund) versucht jetzt, das Hamburger Grün zu retten – gegen den Verdichtungswahn des Senats. Er sammelt gegenwärtig Unterschriften für diese Volksinitiative - und ich kann nur jedem Einwohner unserer Stadt und auch gerade jedem Lokstedter empfehlen, mit kräftiger Hand zu unterschreiben. Es ist die einzige Chance, einer menschenfeindlichen Politik Einhalt zu gebieten! (1)

Ich habe in den vergangenen Artikeln beschrieben, was aus dem Lokstedt, das ich aus meiner Kindheit kenne, gemacht wurde, und noch gemacht wird, und weiter gemacht werden soll. Die Phrasen wechseln: Las ich als Kind im Hamburger Abendblatt immer: Die, und die, und die Straße muss erweitert werden, „zur Entlastung“, um den Verkehr zu bewältigen – was den Verkehr nur angezogen hat: Eine Förderung des Autoverkehrs kann den Verkehr prinzipiell nicht bewältigen, beherrschen – so lese ich jetzt landauf landab das dumme Schlagwort von der Nachverdichtung, um „den Wohnungsbedarf zu befriedigen“. Auch dieser Bedarf ist durch den Bau teurer Kleinstwohnungen, wie jetzt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft in der Höxterstraße, prinzipiell nicht zu bewältigen. Alle neuen Zahlen beweisen, dass der gewaltige Preisanstieg dadurch nicht im mindesten gebremst wurde - im Gegenteil, der Bauboom förderte natürlich die Preisexplosion! (2)

Es wird im übrigen alles mögliche in Deutschland wie besessen gebaut - nur nicht das, was man braucht. Gerade in den Innenstädten werden viele erhaltenswerte Gebäude abgerissen. Und es geht dabei überhaupt nicht um die Schaffung von Wohnraum, sondern um Bauspekulation, um den Profit! Immobilien, besonders in den Innenstädten und den citynahen Zonen bringen es.

Auch Lokstedt gehört gehört längst zu den citynahen Gebieten, die fette Profite versprechen! Ein anderes Beispiel: Als leidgeprüfter Bahnfahrer stelle ich ständig fest, dass die Deutsche Bahn viele Bahnhöfe abreißt, um daraus Kaufhäuser zu machen (,die die Ladenschlusszeiten aushebeln) - anstatt ihren maroden Zugbetrieb zu sanieren (dazu gehört auch, Bäume rechtzeitig vor dem Sturm zu fällen, und gerade hier nicht den Baumschutz als Alibi zu missbrauchen). In Stuttgart werden unendliche Milliarden in den Boden versenkt, obwohl jeder, auch bei der DB weiß, dass das ohne Nutzen ist. In Hamburg haben wir das irre Riesenprojekt des Altonaer Bahnhofs. Es gibt jede Menge solcher Projekte, die den Steuerzahler Geld kosten und den Profiteuren Millionen bringen. Eine solche geniale Schnapsidee (wie meine ehrwürdige Mutter angesichts der Kapriolen der Hamburger Politik immer zu sagen pflegte) ist auch die U4, die uns Lokstedter mit einem U-Bahnanschluss am Siemersplatz beglückt: Genau das bringt die Lösung all unserer Probleme (3) ...

Im Gegensatz zu spektakulären Mammutprojekten, wie z.B. auch der Elbphilharmonie oder dem Berliner Großflughafen, kostet der Abriss von Häusern, wie ich es in „meiner“ Höxterstraße immer wieder erlebe, den Steuerzahler natürlich zunächst wenig Geld - nur Nerven und Lebensqualität. Da die neuen Gebäude viel größer sind und viel mehr (meist kleine, teure) Wohnungen enthalten, gestaltet sich die Parkplatzsuche natürlich viel schwieriger, wächst der Autoverkehr, sinkt die Luft- und Lebensqualität, mit dem reduzierten Grünbestand. Allein in der Höxterstraße, die nicht allzu lang ist, habe ich es seit den 70er Jahren erlebt, wie drei große, schöne, prägende Villen abgerissen und die Grundstücke mit großen Wohnblöcken bebaut wurden. Ich erinnere mich noch, wie wir in dem großen Garten der Villa Cordes Fangen spielten - und wir nur durch die Frau des Hauses, die ihren Mittagsschlaf halten wollte und uns aus dem Fenster „zur Ordnung“ rief, in unseren Jagden „gestört“ wurden. Diese ihre Intervention hat sich deshalb mir so eingeprägt, weil es sonst keine Beschränkung unserer Bewegungsfreiheit gab: keine Autos, vor denen wir Angst haben mussten. Selbst der Lokstedter Steindamm, den ich auf dem Schulweg überquerte, war harmlos: Es machte mir Spaß, einsame Autos in weiter Entfernung auf mich zufahren zu sehen, abzuwarten bis sie endlich näher kamen, und ihnen auf der unendlich breiten Straße erst relativ spät auszuweichen: Ein Spiel, keine ernsthafte Gefahr.

Und dann weiter: Zur Volksschule Dörnstraße ging ich nicht, sondern rannte ich, angespornt durch wilde Abenteuerfantasien-Tagträume lief ich durch das große Kleingartengelände zwischen Grandweg und Emil-Andresen-Straße...

Ein urtümliches Stück Natur damals nach dem Krieg: Alles wuchs wild, und war nicht so „maßgeschneidert“ und „geschniegelt“ wie heute die Schrebergärten sind - die, die noch existieren. Auch sie will man opfern - der Nachverdichtung, und ich würde sagen: dem Profit! (4)

Später, auf dem Weg zur Oberschule bin ich dann vom Siemersplatz mit der Straßenbahn zur Hoheluftbrücke gefahren, um am Kaiser-Friedrich-Ufer zum Wilhelm-Gymnasium zu gehen. Nun ja, auch wenn diese Namen an reichsdeutsche Herrlichkeiten erinnern, die ihre zwei Seiten haben - das Kaiser-Friedrich-Ufer ist wirklich eine Perle Hamburgs, Reminiszenz an eine Zeit, die noch Geld ausgab für Parks, unkommerzielle Erholungsräume, und schöne Gebäude, die eine Wohltat für das Auge sind - und eine Zeit, die noch den Sinn für Ruhe hatte.

Wie schön war es, auf dem damals in manchem Winter noch zugefrorenen Isebekkanal zur Schule zu schlittern. Und im Sommer wartete man an der Haltestelle auf der Hoheluftbrücke, ohne Autolärm und Abgase, geduldig auf die Straßenbahn und schaute etwas neidisch den Paddlern auf ihren schmalen Booten zu. Wo sind sie geblieben?

Auch die Straßenbahn ist verschwunden: Auch sie wurde dem Profit geopfert, dem der Automobilindustrie, die auch heute noch Hamburg und die ganze Republik regiert (eigentlich die ganze Welt – oder?).

Es ist auch nicht Nostalgie, wenn man der alten Straßenbahn nachweint, wie sie jetzt nur noch im „Bauhaus“ zu bewundern ist. Vielmehr ist die Straßenbahn, die Elektrische wie sie meine Großeltern nannten, in Wirklichkeit ausgesprochen zukunftsweisend wie überhaupt der Schienenverkehr. Sie wurde beim weniger „überkandidelten“ (Mutters Hamburgisch) Nachbarn Bremen nicht abgeschafft. Im armen, linken Bremen war der Kapitaleinfluss schwächer - weil es kein Kapital gab.

Aber auch andere Städte der Welt haben die Straßenbahn erhalten, modernisiert - oder sogar wieder neu eingeführt, wie etliche französische Städte.

Hamburg kennt keine zukunftsweisende Politik, es kennt nur „die Zukunft des Kapitals“. An Hamburg ist die Zukunft vorbeigegangen, könnte man etwas ironisch sagen. Von den Bewegungen der 70er Jahre, die vieles angestoßen haben, ist Hamburg nahezu unberührt geblieben. London und Stockholm haben eine saftige Gebühr für's Autofahren in der City eingeführt und den Autoverkehr dadurch kräftig reduziert. Amsterdam und Kopenhagen bauen die Fahrradwege immer mehr aus - auf Kosten des Autoverkehrs: die Fahrbahnen werden verengt! (5)

Sieht man die neu angelegten Fahrradwege in Hamburg, auch in Lokstedt, kommen einem - gerade als passionierter Radfahrer - die Tränen. Die neuen Radwege sind genau so wie Hamburg auch sonst ist: großspurig, rücksichtslos (die Fußwege wurden de facto verengt), gedanken- und lieblos (mal schmaler, mal breiter), teuer und vor allem: völlig sinnlos. Als Radfahrer vergrault mir der tosende Autoverkehr am Lokstedter Steindamm und an der Osterfeldstraße jegliches Radfahren, ja jeglichen Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Es ist auch kaum möglich „'rüberzukommen“, auf die andere Straßenseite zu wechseln: Die Rotphasen vieler Ampeln sind die längsten, die ich auf der Welt kenne (z.B. Lokstedter Steindamm, Osterfeldstraße-Jägerlauf). Nein, Pardon, in Jakarta sind sie im alten Zentrum noch länger und in Guatemala-Stadt gibt es gar keine. Man hat in Hamburg nur Glück, wenn sich zwei Hauptverkehrsstraßen kreuzen: Die anderen Autos müssen ja auch zügig drankommen...

Diese Prioritätschaltung wurde damals eingeführt unter dem Begriff „Grüne Welle“ - grün selbstverständlich nur für's Auto.

Da Hamburg an der Priorität für den Autoverkehr nicht rütteln will, verspielt es gerade seine, unsere Zukunft. Denn ohne die Verkehrswende, ohne eine Beschränkung und Reduzierung des Autoverkehrs, gibt es keine Energiewende, die die Zerstörung unseres Planeten, u.a. den Klimawandel, aufhalten könnte. Die Hamburger Politik denkt nicht an eine menschenwürdige Zukunft, sondern erschöpft sich im täglichen klein-klein und im Machterhalt. Nicht anders als die gesamtdeutsche Politik. Man wurstelt vor sich…

Ich war noch jüngst in Mailand, einer Stadt, die hinsichtlich ihrer merkantilen Bedeutung mit Hamburg zu vergleichen ist, und erlebte etwas ganz anderes: Ich wandelte entspannt durch eine kilometerweite zusammenhängende Fußgängerzone, eine fast komplett autofreie Innenstadt!

Um den Charakter einer Stadt und ihrer Politiker zu beurteilen, genügt ein Blick aus dem Hauptbahnhof. Hamburg: Autos auf beiden Seiten. Milano Centrale: Ein großer weiter Platz...

ANMERKUNGEN:

1. NABU Hamburg Unterschriftenliste

2. Frankfurter Rundschau, 18.1.18 „Rekordpreise bei Wohneigentum“, Frankfurter Rundschau, 27.12.17 „Mietpreise steigen und steigen“
Spiegel online, 18.12.17 „Wo die Mieten am stärksten steigen“
Handelsblatt, 14.12.17 „Verkehrte Welt auf dem Wohnungsmarkt“. Das Handelsblatt hat einen z.T. anderen Blickwinkel. Frankfurter Rundschau, 13.12.17 „Luxus Wohnen“

3. Der Lokstedter kommt mit den vorhandenen öffentlichen Verkehrsmitteln bequem und schnell überall hin. Aber auch die übrigen Teile des geplanten U4-Netzes überzeugen mich nicht. Im Vergleich zum Nutzen scheint es wieder eine ungeheure Verschwendung von Mitteln des Steuerzahlers zu sein.Man wird keine Verbesserung der Situation erzielen ohne eine umfassend geplante umwelt- und menschengerechte Stadtpolitik, die auch die „heilige Kuh“ Auto antastet.
Eine kritische Analyse des U-4-Schwindels (Pardon) fehlt bis jetzt. Sie würde einen Extra-Artikel erfordern.

4. Hamburger Abendblatt 29.5.17 „160.000 Quadratmeter Garten gekündigt - Schreber rebellieren“ und Website der Schreberrebellen

5. www. heise.de 10.1.18 „Die Verkehrswende beginnt überall“. Es werden zahlreiche Beispiele von Ansätzen zu einer alternativen Verkehrspolitik aus verschiedenen Städten und Ländern genannt. Sie werden allerdings nicht kritisch untersucht. Jede Stadtpolitik müsste sich einfügen in eine umfassende Politik der Energiewende. Weder die deutsche Regierung noch Hamburg dürften sich da „tot stellen“ und zum Schlusslicht werden.
Zur im Dezember noch einmal aktuell formulierten Energie- und Klimaschutzpolitik der EU siehe: Frankfurter Rundschau 20.12.17 „Etappenweise zur Energiewende“.

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall
Teil 4: Bauboom, Preisexplosion und Autowahnsinn
Teil 5: Ein neuer Krieg
Teil 6: Umdenken in der gesamten Stadtpolitik

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© Lokstedt-online 03.02.2018, Autor: Manfred Bonson