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Wachsende Stadt

Verdichtung = Vernichtung

Nachdem ich vor kurzem - als persönlich Betroffener - hier einen Artikel für die sogenannte Nachverdichtung geschrieben hatte, habe ich weiter über das Thema nachgedacht. Es scheint fast unerschöpflich zu sein, ich habe weitere Fakten und Informationen gesammelt, und vor allem sind mir viele neue Einsichten gekommen über die Zusammenhänge. Von Manfred Bonson

Vor allem habe ich gemerkt, wie sehr dieses Thema in den Kern unserer heutigen Politik führt - und wie sehr meine Verurteilung dieser Verdichtungspolitik von meiner Kindheit in Lokstedt geprägt ist: Dass ich noch ein ganz anderes Lokstedt erlebt habe, also vergleichen kann, und den Verlust an, wie es heute so schön heißt, Lebensqualität empfinden und beurteilen kann.

Es ist hier nicht die Stelle, über die heutige Spracharmut und Ökonomisierung der Sprache zu philosophieren, die sich sogar gerade in dem Wort Lebensqualität ausdrückt. Aber wenn uns nur noch solche aus der Konsumwelt stammenden Begriffe zur Verfügung stehen, in denen wir unsere Gefühle und Gedanken beschreiben, dann sagt auch das schon etwas aus über die Mentalität, die eben zu so einer abstrusen politischen Idee wie Verdichtung geführt hat. Ich lasse also zunächst sehr stark meine Gefühle sprechen. Der Leser möge es mir verzeihen. Die Analyse folgt später!

Seit vielen Jahrzehnten erlebe ich es, dass Altes, Gutes verschwindet: Gut erhaltene, schöne Häuser aus der Vergangenheit müssen neuen gesichtslosen Silos weichen, viele Bäume werden gefällt, Wiesen bebaut oder dem Straßenverkehr geopfert.

Ich bin 1944 geboren und in der Höxterstraße aufgewachsen. Mein Großvater fuhr als Überseekapitän im Auftrage der traditionsreichen Hamburger Reedereien auf allen Weltmeeren. Er wurde damit nicht reich, hatte aber 6000 Reichsmark erspart, um unser Haus zu bauen, weitere 6000 Mark lieh er sich im Verwandtenkreis. Eine Kogge ziert am Eingang die Hauswand, gebrannt aus dem typisch norddeutschen Backstein, aus dem das ganze Haus besteht - sogar doppelt gebrannter Stein, den man nur noch selten sieht.

Wie viele Angebote habe ich bekommen, das Grundstück zu verkaufen, damit das Haus „plattgemacht“ wird? - wie das Nachbarhaus, ein schönes Einfamilienhaus, das jetzt abgerissen wird, um durch einen großen Bau ersetzt zu werden mit zehn teuren Wohnungen. Der Garten dort verschwindet!

Wie wichtig war der Garten schon in meiner Kindheit für mich: ein Lebensraum, in dem ich eine wichtige Beziehung zur Natur aufbauen konnte. Wir hatten im großen Garten hinter dem Haus, keinen sterilen Rasen, sondern Beete mit Kartoffeln, Gemüse, die ich als Kind einmal im Jahr umgrub. Wir hatten Äpfel-, Pflaumen-, Kirsch- und Birnenbäume, Johannisbeer- und Stachelbeerbüsche. Ich pflanzte und pflegte Blumen.

Wir spielten auf der Höxterstraße, vor allem Fußball. Jetzt kommt jede Minute ein Auto, damals fuhr nur gelegentlich der Bierkutscher durch die Straße und hinterließ seine Pferdeäppel. Und öfter rumpelte ein Lastwagen über das Kopfsteinpflaster, so dass das Haus erzitterte. Er brachte Müll in die große Müllgrube zwischen Corvey- und Süderfeldstraße. Sie ist längst zugeschüttet. Auf ihr liegt der Sportplatz der Schule, ein anderer Teil wurde gerade überbaut. Die Süderfeldstraße, ohnehin schon reichlich befahren, muss noch mehr Autoverkehr aufnehmen. Wer bezahlte die „Sanierung“ des Untergrundes?

Verdichtung - unsere Höxterstraße mündet in die Osterfeldstraße. Heute sehe ich nachmittags regelmäßig den Stau, der vom Siemersplatz bis über die Einmündung reicht. Wenn ich im Garten sitze, höre ich den Verkehrslärm, obwohl er drei Grundstücke entfernt ist, das Hupen und die ständigen Sirenen der Unfall- und Polizeiwagen: Ärger, Alarm, Hektik! Und manchmal rieche ich die Abgase. Den Frühling rieche ich nicht mehr, aber ich sehe ihn in dem schönen Garten, und höre ihn morgens im Gesang der Vögel.

Die Osterfeldstraße war früher eine ruhige Allee. Viele Bäume wurden gefällt, die Vorgärten auf Handtuchbreite reduziert, die Straße zum Autobahnzubringer gemacht. Wie oft lasen wir damals im Abendblatt: „Zur Entlastung wird die und die Straße verbreitert“. Bald war die auch voll - und ich habe die Rechtfertigung nicht mehr geglaubt.

Damals, in den 50er Jahren, gingen wir zum Siemersplatz „einholen“ (einkaufen). Mein Großvater traf oft Bekannte, etwa Kapitänskollegen, nahm jedes mal den Hut ab und hielt einen Plausch. Wenn ich später als junger Mann in den 70er Jahren noch manchmal mit meiner Mutter dort hin ging, war eine Verständigung unmöglich - so groß war der Verkehrslärm geworden!

Aber als Kinder liefen wir dort noch über eine Schafswiese - an derselben Stelle, wo heute große Wohnblöcke stehen. Für sie wurde auch eine Villa mit ihrem großen Garten abgerissen.

Der Siemersplatz ist zu einem „Autobahnkreuz“ verkommen. Ich empfinde ihn, mit seinem Lärm und seinen Abgasen, als die „reinste Hölle“. Gemütlicher Aufenthalt, gemütliches Einkaufen unmöglich. Der letzte Lebensmittelladen („Kolonialwaren Behrmann“ lasen wir noch als Kinder über dem Eingang) - er musste aufgeben, ebenso wie das traditionsreiche Ausflugslokal und -Cafe“ gegenüber schließlich gesichtslosen Kommerzbauten wich. Muss man doch dort zur Haltestelle, um mit dem Bus in die City zu fahren, ist man froh, dem Inferno so schnell wie möglich zu entrinnen.

Verdichtung? Noch mehr Verdichtung, noch mehr Verlust an Lebensqualität, an Aufenthaltsqualität, noch mehr Hektik und Stress, noch mehr Verkehr und Abgase, noch weniger Raum, Platz für den Menschen? Noch weniger Natur, und Grün?

Es ist nicht erst seit heute, dass ich mich über diesen Verlust an Menschlichkeit in dieser Stadt aufrege und darunter leide. Ich empfand es schon in den 70er Jahren, als ich nach 10-jähriger Abwesenheit nach Hamburg zurückkehrte, um in meiner Heimatstadt zu studieren und zu arbeiten: In diesen 10 Jahren hatte sich die Stadt so verändert, dass sie - ja, ich möchte fast sagen, nicht mehr meine Stadt war. Sie hatte sich zur Autostadt gewandelt. Sie war planmäßig zur „autogerechten Stadt“ ausgebaut, umgebaut worden. Und an diesem Konzept wird bis heute systematisch festgehalten - auch wenn das nicht mehr offen gesagt wird!

Es hat kein Umdenken eingesetzt. Den Leidensdruck empfinden die Verantwortlichen offenbar nicht. Alle Gegenmaßnahmen (Ausbau der Fahrradwege) sind pure Augenwischerei. Im Gegenteil, die Situation wird konsequent verschlimmert. Ein Beispiel ist eben die sogenannte Nachverdichtung, ein Beispiel ungeheurer Blindheit und Taubheit, ein Beispiel unglaublicher Ignoranz und Zukunftsblindheit.

Dies soll in den nächsten Folgen erläutert und begründet werden. Natürlich gilt es, nicht nur die Schäden zu benennen, die durch diese Politik angerichtet werden, sondern auch, die Propaganda zu analysieren, mit denen die Nachverdichtung begründet wird: Eine Sache mag noch so schlimm sein - es finden sich immer Argumente „dafür“, mit denen dem Volk Sand in die Augen gestreut wird. Die Begründung Wohnungsknappheit erscheint zunächst – für sich genommen - ganz plausibel. Tatsächlich zerstört die Nachverdichtung aber nicht nur unsere Stadt, sondern dient auch ganz bestimmten Interessen, Wirtschaftsinteressen, finanziellen Interessen. Sie löst keines der Probleme, das sie zu lösen verspricht, im Gegenteil, sie verschärft diese und andere Probleme noch. Sie ist ein Beispiel kurzatmiger, beschränkter, verhängnisvoller Stadtpolitik – und damit ein Beispiel für unsere Politik überhaupt!

Sie entlarvt auch alle großen Parolen von Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Bekämpfung des Klimawandels als verlogene Phrasen!

Serie zum Thema

Teil 1: „Nach-Verdichtung" - und eine menschliche Stadt
Teil 2: Verdichtung = Vernichtung
Teil 3: Siemersplatz-Inferno ist überall

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 04.09.2017, Autor: Manfred Bonson