Hubert-Fichte-Weg

Stadtgärten mit multikulturellem Verständnis

Nun ist es doch nur ein Weg geworden und keine Straße, die nach dem weltweit ersten Pop-Literaten Hubert Fichte benannt wird. Die GAL-Fraktion Eimsbüttel jedenfalls ist begeistert, dass sich ihre Initiative gelohnt hat.

„Mit Freude begrüßt die GAL-Fraktion Eimsbüttel die Benennung eines neu zu erstellenden Weges östlich vom Grandweg nach Hubert Fichte (1935-1986). Der Schriftsteller, Intellektuelle und genaue Beobachter schwuler Kultur in Hamburg verbrachte fast sein ganzes Leben in der Hansestadt, den größten Teil davon in Lokstedt“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Und weiter. Er „war ein Star der lokalen Literaturszene der sechziger und siebziger Jahre und ist bis heute Mittelpunkt zahlreicher literaturwissenschaftlicher Betrachtungen; für eine kulturelle Auseinandersetzung mit Homosexualität ist sein Werk unverzichtbar.“

Geradezu euphorisch vereinnahmen auch Sprecher der GAL-Fraktion Eimsbüttel Hubert Fichte und feiern ihn gar als frühen Grünen. Stefanie Könnecke: "Fichte als Ethnograph fremder und eigener Kulturen hat Türen aufgestoßen und in jeder Hinsicht multikulturelles Verständnis eingefordert.“ Simone Hentze-Orlikowski ergänzt: "Eine notwendige Maßnahme für das kulturelle Erbe des Stadtteils!“

Fichte selbst eher ein stiller Beobachter und Außenseiter hätte sich dieser Begeisterung wohl eher entzogen. Seine Vita und sein Schaffen war gekennzeichnet, wie er es selbst gern bezeichnete, durch ein dreifaches Ausgestoßensein. In seinem Roman „Versuch über die Pubertät“ schreibt er 1974 über die Entdeckung seiner sexuellen Ausrichtung: „Eine Triene! Eine Schwuchtel! Ein Arschficker! Ich bin ein Mischling ersten Grades, ein uneheliches Kind und nun auch noch schwul – das ist übertrieben.“

Insofern ist Fichte auch nicht wirklich „kulturelles Erbe des Stadtteils“. Er ist und bleibt der „Herodot aus Lokstedt“ (Ulrich Peltzer). Er hat hier gewohnt, hatte eine besondere Beziehung zu Lokstedt. Als Ethnograph aber war er auf St. Pauli, Bahia, Haiti oder Trinidad unterwegs (vergleiche Artikel vom 17.10.2011)

Fichte war sich sehr bewusst, das sein beschauliches Lokstedt ihm eine Zuflucht war. Ihm Abstand zu seiner geliebten „Palette“ und homosexueller Subkultur ermöglichte. Hier in Lokstedt fand er die Ruhe sein beachtliches Werk zu Papier zu bringen. In seinem einzig vom Publikum angenommenen Roman „Die Palette“ beschreibt er seinen nächtlichen Heimweg.

„Jäcki geht über den Gänsemarkt: Die Palette ist neunundachtzig bis hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt. Zwischen der Koppelstraße in Lokstedt und dem Gänsemarkt gibt es die Haltestellen Stephansplatz, Dammtor, Staatsbibliothek, Rentzelstraße, Schlump, Schlankreye, Eppendorfer Weg, Heußweg, Methfesselstraße, Eidelstedterweg, Brehmweg - früher Löwenstraße; jetzt hält die Bahn auch am Radrennplatz, Kolonie Maiglöckchen, wo im Krieg die Flak stand. Eine Station nach Koppelstraße – Endstation: Hagenbecks Tierpark. Die Straßenbahn braucht zwanzig Minuten."

Seit 1995 verleiht die Stadt Hamburg im Gedenken alle drei Jahre den Hubert-Fichte-Preis. Nun kommt die späte, hochverdiente Ehre der Benennung eines Weges in Hamburg-Lokstedt nach Hubert Fichte.

Der Hubert-Fichte-Weg begleitet unseren Lokstedter Pop-Literaten allerdings nicht in die multikulturelle Auseinandersetzung mit seiner Homosexualität. Er führt schlicht und einfach in eine neue Wohnsiedlung am Grandweg. Die Stadtgärten Lokstedt, hier werden bald junge Familien einziehen, sogenannte Besserverdienende, die in ihren Stadthäusern immerhin eines mit Fichte gemeinsam haben. Sie kommen nach Lokstedt, um hier ruhig und friedlich ihren Feierabend und ihr Wochenende zu verbringen. Damit wären wir dann auch beim kulturellen Erbe Lokstedts angekommen.

Pressemitteilung GAL

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© Lokstedt-online.de 04.07.2012