Expresswohnungen

Deponiegasbildung nachgewiesen

In der Osterfeldstraße plant der Bezirk Nord Wohnungen für bis zu 2.800 Flüchtlinge. Statt ein ordnungsgemäßes Baugenehmigungsverfahren durchzuführen, sollte der Baubeginn mittels Polizeirecht erzwungen werden. Dieses Vorgehen kommt nun wie ein Boomerang auf die Verantwortlichen zurück, unter dem Gewerbegebiet tickt nämlich eine Zeitbombe.

Man konnte es ahnen. Seit der Bezirk Eimsbüttel am Offakamp eine Containerunterkunft errichten wollte - und damit scheiterte - ist hinlänglich bekannt, dass der Lokstedter Osten mit seinen diversen ehemaligen Mülldeponien ein erhebliches Altlast-Problem hat.

Auf dem nahegelegenen ehemaligen Betriebshofs der Tiefbaufirma J.H. Burmeister GmbH & Co. etwa, wo in diesen Jahr mit dem Bau eines neuen Wohnquartiers mit insgesamt 380 Wohneinheiten begonnen werden soll, mussten vor dem ersten Spatenstich jahrelang Deponiegase abgelassen werden.

Giftige Altlasten

Wie Die Welt nun aktuell berichtet, befinden sich auch auf dem Gewerbegebiet in der Osterfeldstraße, auf dem 480 sogenannte Express-Wohnungen für bis zu 2.800 Flüchtlinge entstehen sollten, ebenfalls „giftige Altlasten“.

Der CDU-Bezirksabgeordnete Stefan Niclas Bohlen spricht bereits von einem Riesenskandal. Denn dem Bezirk Nord (der Planungsbereich liegt in Eppendorf) ist seit Jahren bekannt, dass unter dem Gewerbegebiet Schwermetalle, Mineralöl-Kohlenwasserstoffe und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe vermutet werden. Dies geht jedenfalls aus der „Begründung zur Änderung des Bebauungsplans Eppendorf 7" vom 26. Januar 2004 hervor.

Wo wurden die Giftstoffe gefunden?

Folgt man der Begründung aus dem Jahre 2004, dann befinden sich auf dem Gelände Altlast-Verdachtsflächen der ehemaligen Deponie Nedderfeld, einer Lackfabrik sowie dreier Tankstellen. Für die Deponie Nedderfeld werden belastete Teilflächen von drei Flurstücken näher bezeichnet. Es handelt sich um die Flurstücke 2934, 2930 und 3453, hier wurden zwischen 1951 und 1952 Haus- und Sperrmüll verfüllt. Anschließend wurde bis 1960 die Müllschicht mit Bauschutt und Aushubböden bedeckt. „Aufgrund der Ablagerungsbestandteile und der Ergebnisse früherer Untersuchungen ist mit erhöhten Belastungen durch Schwermetalle, Mineralöl-Kohlenwasserstoffen (MKW) und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) zurechnen“, heißt es. Zudem wurde Deponiegasbildung im Ablagerungskörper, der zwischen 2 und 9 Metern mächtig ist, nachgewiesen.

Folgen für die geplante Bebauung

Der erste Bauabschnitt mit 180 Wohnungen, der eigentlich noch in diesem Jahr begonnen werden sollte, grenzt genau an eine der Verdachtsflächen (Flurstück 2930) an. Der zweite Bauabschnitt mit 300 Wohnungen liegt auf einer Verdachtsfläche, nämlich dem Flurstück einer ehemaligen Tankstelle.

Ob nun direkt daneben oder mitten drauf spielt allerdings in diesem Falle keine große Rolle. Da Deponiegase aus der Ablagerungsfläche in den benachbarten Untergrund wandern, ist in einem Umkreis von jeweils 100 Metern um die verschiedenen Verdachtsflächen - folglich im gesamten Gewerbegebiet - mit Deponiegasen zu rechnen.

Rechtsrahmen des Baugenehmigung

„Wir werden diese Flächen auf ihre Bebaubarkeit für Flüchtlinge hin prüfen“, kündigte Bezirksamtsleiter Harald Rösler (Bezirk Nord) an. Das unbebaute Areal an der Osterfeldstraße ist rund 30.000 Quadratmeter groß.
Sobald eine Einigung mit dem Grundeigentümer erzielt ist, wird der Bau der knapp 500 neuen Wohnungen beantragt und sicherlich genehmigt. Die nötige rechtliche Grundlage für die auf Gewerbeflächen errichteten Wohnungen wird dann nachgeliefert.

So hatte sich Rösler das gedacht. Jetzt aber, da die Existenz von Altlasten öffentlich bekannt geworden ist, wird man um ein ordentliches Bebauungsplanänderungsverfahren einschließlich Bürgerbeteiligung und um die Erteilung einer regulären Baugenehmigung kaum herum kommen. Denn die Umweltbehörde verlangt: „Für Neu-, Um- und Anbauten auf der Verdachtsfläche sind bauliche Sicherungsmaßnahmen zur Abwehr von Gefahren durch Deponiegaseintritte vorzusehen. Um eine ordnungsgemäße Planung und Durchführung dieser Maßnahmen sicherzustellen ist die Behörde für Umwelt und Gesundheit (BUG)-W251- an den einzelnen Baugenehmigungsverfahren zu beteiligen.“

Mit anderen Worten. Für eine Bebauung der Gewerbefläche ist ein Baugenehmigungsverfahren inklusive der Beteiligung der BUG zwingend erforderlich. In diesem Fall wäre es in der Tat ein Skandal, würden diese Auflagen der Umweltbehörde mittels Polizeirecht außer Kraft gesetzt.

Außerdem könnte - sozusagen als Kolateralschaden für die Grundeigentümer - durch ein reguläres Genehmigungsverfahren die Spekulation mit dem neu geschaffenen Wohnraum erschwert werden.

Mögliche Auflagen

Es ist nicht ausgeschlossen, dass vor Baubeginn an der Osterfeldstraße - ähnlich wie auf dem ehemaligen Betriebshofs der Tiefbaufirma J.H. Burmeister GmbH & Co. - erst jahrelang entgast werden muss. Auch könnte, was das ehemalige Tankstellen-Flurstück betrifft, ein aufwendiger Austausch des Baubodens nötig sein. Was konsequent durchgeführt, eigentlich eine Abtragung der gesamten Deponie zur Folge haben müsste.

Diese Auflagen würden den Baubeginn womöglich um Jahre - wenn nicht länger, da auch der Bebauungsplan des Gewerbegebietes geändert werden müsste - verzögern, sodass von Expresswohnungen tatsächlich nicht mehr gesprochen werden kann.

Eppendorf7.pdf
Eppendorf7_Begruendung.pdf

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© Lokstedt-online 13.01.2016