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Lokstedt 360°

In fußläufiger Entfernung zum Niendorfer Gehege

Die Bauherren bewarben das Hamburger Wohnungsbau-Vorzeigeprojekt Lokstedt 360° mit unrealistischen Phrasen und geschönten Bildern. Sie versprachen das blaue vom Himmel - und grüne Dächer. Doch die Realität sieht anders aus.

Eine idyllische Wohnanlage mit Gärten, Spielplätzen und Dachterrassen sollte auf der Fläche zwischen Emil-Andresen-Straße, Lohkoppelweg und Lohbekstieg entstehen. Beste Voraussetzungen bot das Gelände. Reichlich Grün und alter Baumbestand war vorhanden - bis die Bauherren mit schwerem Gerät anrückten und das Baugelände ebneten.

Festtagsreden

Auf dem Richtfest für die 233 Wohnungen des Wohnquartiers Lokstedt 360° war Prominenz zugegen und Hamburgs 1. Bürgermeister Olaf Scholz hielt eine Rede.

Scholz sprach zunächst über sein Lieblingsthema: Das Ziel des Bündnisses für das Wohnen in Hamburg seien 6.000 neue Wohnungen. Dann sprach er weiter über bezahlbaren Wohnraum und über Nachverdichtung. Gelegentlich allerdings hatte man das Gefühl, dass er sich sehr weit von seinem Thema weg bewegte. So wollte er hier in Lokstedt gar „das Schreckgespenst der Gentrifizierung zähmen“, blieb aber jeden Nachweis eines Zusammenhangs mit dem Anlass seiner Rede schuldig. Denn dann hätte er über das Gegenteil sprechen müssen - Ghettoisierung.

Doch Scholz war voll des Lobes: „Diese 233 Wohnungen.. sind ein gutes Beispiel für das, was in Hamburg jetzt wieder mehr Platz finden wird, so dass es häufiger stattfinden kann: familiengerechtes, ökologisch verträgliches, modernes, einfallsreiches Bauen für Menschen, die stadtnah wohnen wollen, inmitten guter Infrastruktur. Und in einer Umgebung, in der sie gern ihre Kinder aufwachsen sehen.“

Am Höhepunkt seiner Rede, zumindest für den Heimatkundler, unterstellte er gar die posthume Zustimmung eines verdienten Lokstedters: „Emil Andresen, vor hundert Jahren Gemeindevorsteher im damals noch preußischen Lokstedt, würde seinen Zylinder ziehen. Ich bin sicher, dass er auch und erst recht dieses neue Wohngebiet als Zierde seines Ortes betrachtet hätte.“

Gewiss liegt es nahe, bei solchen Anlässen an ehemalige Gemeindevorsteher zu erinnern. Doch Rittmeister Emil Andresen war ein braver Mann, der Bäume pflanzte. Mit Sicherheit hätte er dieses Bauprojekt abgelehnt, in den hier gefällten Bäumen lebten schließlich einst Zwergfledermäuse und Braune Langohren.

Bei soviel Lob allerdings von höchster Stelle ließen sich den auch die Bauherren nicht lumpen. In der gemeinsamen Presseerklärung der Bauträger dhu Baugenossenschaft, Hansa Baugenossenschaft, HLB lehrerbau, Otto Wulff Bauunternehmung und CDS Wohnbau lesen wir: „Die Lage ist ruhig und doch zentral und die 3- und 4-geschossige Bauweise dem Wohnviertel angepasst.“

Hansa-Vorstand Dirk Hinzpeter ergänzt: „Lokstedt 360° ist für uns ein besonderes Projekt, da es den Ansprüchen an moderne Wohnkonzepte mehr als gerecht wird. Innenstadtnah und doch im Grünen, mit einer hervorragenden Infrastruktur bietet dieses neue Quartier Familien, Singles und Senioren eine hohe Lebensqualität.“

Um Gerechtigkeit walten zu lassen, muss man allerdings einräumen, dass zum Zeitpunkt des Richtfestes die Stadthäuser und Eigentumswohnungen bereits ausverkauft waren. Lediglich einige Genossenschaftswohnungen waren zu diesem Zeitpunkt noch zu haben. Da könnte man sagen: „Was soll‘s, das waren Festtagsreden. Die nimmt eh keiner ernst.“

Viele schöne Phrasen

Doch es lohnt einmal einen Blick auf die Internetseiten zu werfen, mit denen die Häuser beworben wurden und mit deren Hilfe dieser schnelle „sell out“ zustande kam.

Auf 360lokstedt.de lesen wir: „Im grünen und ruhigen Teil Lokstedts lässt es sich entspannt wohnen und leben. Im direkten Umfeld laden charismatische und pulsierende Nachbarstadtteile wie Eppendorf, Stellingen, Niendorf oder Eimsbüttel dazu ein, sich nach Belieben ins Leben zu stürzen.“

„Mit gepflegten Spielplätzen und ganz viel Spielraum für alle kleinen und großen Kinder bietet 360° Lokstedt in der Wohnanlage selbst einen spürbaren Erholungs- und Freizeitwert für Familien. Und den idyllischen, blühenden Rahmen dieser außergewöhnlichen Architektur bilden die Gärten und Grünanlagen, denn diese werden durch Landschaftsarchitekten gestaltet und angelegt.“

Zur Lage heißt es: „Schulen, Kindertagesstätten, Kultur- oder Freizeitangebote, alles ist in der direkten Umgebung vorhanden und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Im alten Lokstedter Dorfkern gibt es einen wundervollen, typischen Wochenmarkt sowie viele Einkaufsmöglichkeiten in den zahlreichen bunten Läden und Geschäften mit vielseitigem Angebot. In Eppendorf und Eimsbüttel pulsiert das Leben, in Stellingen lädt Hagenbecks Tierpark zum Besuch, Niendorf bietet Erholung in freier Natur – und Sie wohnen mittendrin in einer der schönsten Lagen Lokstedts.“

Den Vogel allerdings schießt die Hansa-Baugenossenschaft ab: „Stadtnah und doch im Grünen, Bus- und U-Bahnverbindungen vor der Tür, nahe bei Hagenbecks Tierpark. In fußläufiger Entfernung gibt es verschiedene Parks und das Niendorfer Gehege. Der Stadtteil, mit einem kleinen Dorfkern, bietet Geschäfte, Einkaufszentren [schön wär‘s! Anmerkung der Redaktion], Cafés, Restaurants, Arztpraxen, Schulen und Kindergärten. Zur einen Seite grenzt das quirlige Eimsbüttel, in die andere Richtung, in unmittelbarer Nachbarschaft, liegt das schicke Eppendorf...Zu jeder Wohnung gehört entweder eine Dachterrasse, ein Balkon oder eine Loggia bzw. eine Terrasse mit eigenem Mietergarten.“

Wir lesen aber auch: „Neben der modernen, komfortablen Ausstattung, genießen zukünftige Bewohner auch alle Vorteile des energiesparenden Wohnens. Geschont wird dabei sowohl das Budget als auch die Umwelt. Die Energieeffizienzhäuser 70 (EnEV 2009) werden über ein Nahwärmenetz mit Pelletheizung versorgt und sind mit einer Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung ausgestattet.“

Alles ganz anders

Wohnungslüftung mit Wärmerückgewinnung und begrünte Dächer. Das konnte irgendwie nicht klappen.

Ingrid Grulke wohnt im 3. Stock, das ist die Endetage in der Emil-Andresen-Straße. Sie rief die Lokstedt-online-Redaktion an und schlug vor, dass wir uns doch einmal ein Bild vor Ort machen sollten.

Am Telefon erklärt sie: Gemietet habe sie, jedenfalls auf dem Papier, eine Wohnung mit Super-Blick über ein begrüntes Dach. Aber es sei anders gekommen. Nun lebe sie wie auf einer Raffinerie.

Privatsphäre Fehlanzeige!

Vor der Tür eine Baustelle, keine Parkplätze weit und breit. Auf der Suche nach der Hausnummer fragte ich einen Anwohner. Das sei so ein Problem hier. Es sei hier alles im Kreis angelegt. „Wenn sie die Nummer gefunden haben, müssen sie dem Weg folgen bis zum Buchstaben.“

Bis ich endlich fündig geworden war und den Weg zu meiner Nummer hinter mich gebracht hatte, kannte ich aber auch den Speiseplan mehrerer Familien, denen ich durch die ebenerdig-bodentiefen Fenster auf die Teller geschaut habe. Die Häuser stehen einfach so eng, so dicht bei dicht. Da geht es gar nicht anders.

Innen hui, außen pfui!

Die Klingel ist sehr hochwertig, mit Überwachungskamera. Der Fahrstuhl mit elektronischem Knopf. Es gibt einen übersichtlichen Schaukasten für die Mieter mit allen Ansprechpartnern und Informationen.

Grulke öffnet mir die Tür. Wir gehen ins Wohnzimmer. Was für ein Schock! Der Ausblick ist katastrophal. Die Dächer sind nicht grün, sie sind mit silbernen Lüftungsrohren übersät, die im Kontrast zu den intensiven Rot-Orange-Tönen der Häuser ganz besonders zur Geltung kommen.

Die Wohnzimmercouch ist nicht nach draußen sondern zur schönen Küche ausgerichtet. Überhaupt ist innen alles sehr hochwertig verarbeitet. Der Hausmeister sei zudem sehr hilfsbereit und jederzeit für einen da. Aber der Blick nach außen ginge gar nicht!

Ich stelle mich auf den Balkon. Es ist noch eine grüne Tannengirlande von Weihnachten um das Geländer getüddelt. So ist es wenigstens etwas grün. Auch steht ein Schornsteinfeger noch von der Silvesterfeier da und hofft auf ein wenig Glück.

1000 Euro warm für 74 qm

„Wir sind aus der schönen Wohnung in Winterhude weggezogen, da ich mit meinem kaputten Knie Schwierigkeiten habe, die Treppen zu steigen. Es war uns aber auch wichtig ganz oben zu wohnen und so kam nur etwas mit Fahrstuhl in Betracht.“

Nach der Schlüsselübergabe erfuhren sie und ihr Partner von den Rohren, die erst nach dem Einzug montiert wurden. „So einen Umzug macht man ja nicht aus Spaß, es ist anstrengend, wir mussten uns drastisch verkleinern, unsere gewohnte Umgebung zu verlassen. Nun sitzen wir hier. Merken, dass wir hier die versprochene Infrastruktur nicht haben, also mussten wir ein zweites Auto kaufen. Und dann jeden Tag dieser Blick! Wir sitzen quasi zwischen den Rohren.“

Wir streiten uns gerade mit unserem Vermieter der Hansa Baugenossenschafft. Dort ist man auch überrascht. Hatte angeblich nicht gewusst, dass der Bauunternehmer Otto Wulff alles so wenig grün geplant hatte.

Und die Baugenossenschafft räumt zudem ein, dass ihre Gärtner das Grün auf den Dächern nicht hätten pflegen können. Also war auch der Baugenossenschaft klar, dass es so grün wie auf den Bauzeichnungen nie werden würde.

Ein Nachbar hat da mehr Glück. Zum einen hat er einen anderen Blick und zwar in Richtung des öffentlichen Parks. Zum anderen begrenzen zwar beim Nachbarn auch Rohre die Dachterrasse, er wird aber von der Baugenossenschaft Pflanzen bekommen. Diese muss er allerdings selber pflegen.

Die umliegenden fünf Hochhäuser mit alteingesessenen Lokstedtern schauen auch auf die Anlage. Für die muss es aussehen wie eine leuchtende Industrieanlage.

Um die Mieter von Lokstedt 360° dennoch zufrieden zu stellen, sind mittlerweile auf einem Dach zwei Musterstücke von Sichtschutzwänden aufgestellt worden. Eine Bretterwand mit Abständen dazwischen und als andere Variante ein durchsichtiges Gitter. Die Sichtschutzwände könne aber nicht begrünt werden. Ob die Dächer mit diesen Sichtblenden besser aussehen werden ist höchst zweifelhaft.

Für Grulke hat sich das Experiment Lokstedt 360° allerdings mittlerweile erledigt: „Unser Ziel ist, wenn wir den letzten Umzug verkraftet haben, der Auszug und etwas Neues suchen.“

Weitere Artikel zu den Themen Emil-Andresen-Straße und Lokstedt 360°:
www.lokstedt.de/home_service/home_service1.html
www.lokstedt.de/organisationen/organisationen1.html

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© Lokstedt-online 18.02.2013