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Hubert-Fichte-Straße

„Unehelich, Halbjude, schwul“

Nach Beschluss der Bezirksversammlung Eimsbüttel soll in Lokstedt eine Stichstraße, die am Grandweg in eine neue Wohnsiedlung (Stadtgärten Lokstedt) führen wird, nach dem weltweit ersten Pop-Literaten Hubert Fichte benannt.

Jäcki geht über den Gänsemarkt: Die Palette ist neunundachtzig bis hundert Schritte vom Gänsemarkt entfernt. Zwischen der Koppelstraße in Lokstedt und dem Gänsemarkt gibt es die Haltestellen Stephansplatz, Dammtor, Staatsbibliothek, Rentzelstraße, Schlump, Schlankreye, Eppendorfer Weg, Heußweg, Methfesselstraße, Eidelstedterweg, Brehmweg - früher Löwenstraße; jetzt hält die Bahn auch am Radrennplatz, Kolonie Maiglöckchen, wo im Krieg die Flak stand. Eine Station nach Koppelstraße – Endstation: Hagenbecks Tierpark. Die Straßenbahn braucht zwanzig Minuten. "

So beschreibt der „Herodot aus Hamburg-Lokstedt“ (Ulrich Peltzer), Meister der Aufzählung und des Interviews Hubert Fichte in seinem einzigen wirklich vom Publikum angenommen Roman "Die Palette" seine nächtliche Heimfahrt, er wohnte damals in der heutigen Julius-Vosseler Straße (ehemals Karlstraße), mit der Linie 16, die bis 1966 diese Streckenführung bediente. Die Erwähnung der Kolonie Maiglöckchen ist dem Umstand geschuldet, dass er dort mehrere Jahre nach der Ausbombung mit seiner Mutter in der Gartenlaube verbrachte.

Von einflussreichen Kritikern wie Marcel Reich-Ranicki oder Walter Jens nur mit gönnerhafter Kritik an seinen literarischen Mitteln besprochen, stellt dieser Roman ein Novum in der deutschen Literatur dar. Er dokumentiert eine Subkultur in der Homosexualität nicht nur geduldet sondern gelebt wurde.

Doch auch in seiner geliebten Palette, einer Gammlerkneipe der Beat-Generation in der ABC-Straße, in der nahezu jeder Gast  sich selbst inszenierte, gehörte Fichte nicht wirklich dazu. Man hielt ihn für einen Spinner, keiner hat dort geglaubt, dass er wirklich Schriftsteller war.

Die Vita und das Schaffen Fichtes kennzeichnet sein, wie er es selbst gern bezeichnete, dreifaches Ausgestoßensein. In seinem Roman „Versuch über die Pubertät“ schreibt er 1974 über die Entdeckung seiner sexuellen Ausrichtung: „Eine Triene! Eine Schwuchtel! Ein Arschficker! Ich bin ein Mischling ersten Grades, ein uneheliches Kind und nun auch noch schwul – das ist übertrieben.“

„Unehelich, Halbjude, schwul“, so der Literaturprofessor Hans Mayer 1988 in einer Buchbesprechung zweier Werke Fichtes im Spiegel.  Am Ende von Fichtes Leben kam dann noch ein viertes Ausgestoßensein dazu, die damals stigmatisierende Krankheit  Aids.

So führte Fichte ein sehr bewegtes, unstetes aber produktives Leben als Schauspieler, Dramatiker, Landwirt, Schafhirte in der Provence, Kolumnist bei "konkret", Ethnologie-Forscher in St. Pauli, Bahia, Haiti und Trinidad, immer auf der religiös-philosophischen Suche nach einem Sinn im Leben. Kennzeichnend für diese Vita die altgriechische Inschrift seines Grabsteins, ein Diogenes-Zitat: „Denn ich war schon einmal ein Junge und ein Mädchen und ein Busch und ein Vogel und ein aus dem Meer springender wandernder Fisch.“

Fichte hinterlässt ein beachtliches Werk. Sein in den späten Siebzigern begonnenes literarisches Großprojekt allerdings, die auf 19 Bände angelegte „Geschichte der Empfindlichkeit“, konnte er nicht mehr vollenden. Als er 1986 im Alter von nur 50 Jahren im Hamburger Hafenkrankenhaus starb, fehlten noch sieben Bände. Er konnte sie nicht mehr schreiben, weil der frühe Tod ihm dies verwehrte.

Seit 1995 verleiht die Freie und Hansestadt Hamburg im Gedenken alle drei Jahre den Hubert-Fichte-Preis. Gestiftet wurde er “für Literaten, die in ihrem Schaffen eine deutliche Beziehung zu Hamburg als Ort ihrer Herkunft oder bestimmenden Prägung erkennen lassen.“

Hinzu kommt nun die späte, aber mehr als verdiente Ehre der Benennung einer Straße in Hamburg-Lokstedt. Diese soll seine besondere Beziehung zu Lokstedt würdigen.

Dahingestellt sei, ob die Familien, die in diese Straße einziehen werden, etwas mit Hubert Fichte anfangen können.

Unwahrscheinlicher aber, dass Fichte sich in einer solchen Neubausiedlung, die dazu beiträgt ein fragwürdiges  Konzept einer  „wachsenden Stadt“ umzusetzen, wohlgefühlt hätte.

Doch immerhin. Noch in den 60ern, als Fichte sich allabendlich mit der Straßenbahn in die Palette fuhr, hätte er von dort, wo nun die Hubert-Fichte-Straße entsteht, wo damals noch ein Sportplatz war, nur wenige Schritte zur Straßenbahn-Haltestelle Veilchenweg der Linie 2 gehabt, die nun auch nicht mehr fährt. Er wäre über die Haltestellen Gärtnerstraße, Eppendorfer Weg, Hoheluft, Hallerplatz, Rentzelstraße, Staatsbibliothek, Dammtor, Stephansplatz, Gänsemarkt, die nun vom Metrobus 5 angefahren werden, in die Palette gelangt, die es selbstredend heute auch nicht mehr gibt. Dort steht ein Brunnen vor einem Luxushotel.

Mehr Informationen sowie Fotos von Hubert Fichte finden sie:

Unvergessenes Dorf Lokstedt, Helene Koden S. 402
wissen.spiegel.de/wissen/
de.wikipedia.org/wiki/Hubert_Fichte
www.tagesspiegel.de/kultur/expedition-ins-afrika-der-seele/691434.html
www.hamburg.de/rathaus/207176/ehrungen.html
othes.univie.ac.at/10142/1/2010-06-01_0275096.pdf
www.ub.fu-berlin.de
www.hubertfichte.de/

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© Lokstedt-online.de 17.10.2011