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Pferde

Rowdy, das letzte Pony

Hartsprung 13.40 Uhr: Eltern die Ihre Kinder von der französischen Schule abholen. Ein ziemliches Chaos mit den vielen Autos. Hupen und Schimpfen in zwei Sprachen, alle suchen einen Parkplatz. 

Direkt neben der Schule ein Einfamilienhaus, es wirkt für die heutige Zeit  ungewöhnlich. Vorne steht ein Trecker von 1960, Kinder stehen am Zaun und sehen sich die Hühner an. Manchmal hört man auch ein Wiehern. 

Hier lebt Rowdy, Lokstedts letztes Pony, etwa 28 Jahre alt, ein kleines Shetland. Es ist das Pony von Anna, 27 Jahre alt. Schon ihr Opa wohnte hier. Er hielt kurz nach dem Krieg mehrere Jahre lang auf dem Grundstück Schafe, Hühner, Gänse und Schweine und baute sein Gemüse und Obst selbst an - so wie es damals viele Lokstedter machten.

Später hielt die Mutter von Anna hier Weiße und Bunte Deutsche Edelziegen. Anfang der 70er Jahre wurden in den meisten Gärten die Tiere und die Obstbäume gegen Waschbetonplatten und Ziersträucher ausgetauscht. Die viele Arbeit wollte man einfach nicht mehr machen.

Aber hier im Hartsprung ist es noch wie früher. Rowdy hat Gesellschaft von Hühnern, Katzen, zwei Hunden, Kaninchen und Meerschweinchen. 80 Prozent der Kleintiere sind hier abgegeben worden, "zwei Katzen sind uns zugelaufen und wohnen hier einfach mit", sagt Anna. Schade findet sie, dass es auch Menschen gibt, die das hier mit den Tieren nicht gut finden. Leider meinen sie, das passe nicht ins Stadtbild.

Anna hat jetzt einen eigenen Hof bei Pinneberg, wo sie noch vier weitere Ponys hält. Aber Rowdys Zuhause ist der Hartsprung geblieben. Hier lebt er seit 1992. Damit Rowdy nicht so allein ist, hat er regelmäßig Kontakt zu den anderen Ponys. Zur Zeit ist die hübsche Nessy da. Entweder holt Anna ein Pony dazu oder bringt Rowdy auf die saftigen Wiesen ihres Hofs. "Das ist ein ziemliches Hin und Her Gefahre, aber für Rowdy tue ich viel, damit es ihm gut geht. Und wenn er Heimweh bekommt, bringe ich ihn wieder nach Hause." Rowdy soll in naher Zukunft nach Pinneberg ziehen und so gewöhnt er sich schon an sein neues Zuhause.

Anna hat in verschiedenen Reitställen, unter anderem im Hamburger Reiterverein, reiten gelernt und viel Theorie geübt. Sie und ihre fünf Geschwister haben Rowdy von Ihrem Vater geschenkt bekommen. Er wurde auf einem Viehmarkt gekauft. Deswegen weiß man sein Alter nicht mit Bestimmtheit.

Anna ist angehende Lehrerin für die Grund- und Mittelstufe und ihr Erstes Staatsexamen hat sie an der Uni Hamburg schon abgeschlossen. Sie versuchte, ihr Studium speziell mit Rowdy zu verbinden. Auf Sommerfesten in Schulen (Stadtteilschule Stellingen, Französisches Gymnasium), auf dem Sommerfest in der Kita Wernigeroder Weg ist er gewesen. Er war als Therapiepony für nicht beschulbare Kinder tätig, er diente als Forschungsobjekt im Sach- und Sportunterricht in der Grundschule Eimsbüttel, der Grundschule Hinter der Lieth und der Grundschule Hoheluft sowie im Rahmen von Annas Studium als Anschauungs- und Trainingsobjekt im Anschluss an einen Vortrag über "Pferde, Kinder und Bewegung" an der Hamburger Uni vor dem Philosophenturm. 

Kinder haben dadurch ersten Kontakt zum Pony erhalten und eine Leidenschaft daraus entwickelt. Durch seinen guten Charakter haben sie rasch Vertrauen aufbauen können. Rowdy ist ein überaus freundliches, genügsames, extrem geduldiges und unerschrockenes Pony. 

"Wir kennen Anna schon lange, und unser Sohn darf Rowdy betüddeln", sagt seine Mutter Bettina. Nach ausgiebigen Putzen geht Anna mit ihrem Pony durch die Straßen. Die meisten Menschen, die uns dabei begegnen, freuen sich, uns zu sehen.

Für einen Moment ist es wie früher.

Früher, so um 1975 gab es in Lokstedt diverse Reitmöglichkeiten. Wersich zwischen der Stapelstraße und Feldhoopstücken, Ketelsen im Hagendeel, Grimm im Heckenrosenweg und mit richtiger Reithalle im Niendorfer Kirchenweg. 

Der Reitstall und das New Forest Gestüt Ketelsen wurden 1972 zunächst als "Verein der Freizeit, Pony- und Kleinpferdereiter" gegründet. Die Reitschule wechselte häufiger den Standort, geritten wurde unter anderem an der Lokstedter Grenzstraße, da wo heute das Parkhaus und die Parkplätze für Hagenbeck sind und zuletzt ab1978  auf dem fünf Hektar großen Gelände in der Emil-Andresen-Straße 58, wo ein großes Gewächshaus als Reithalle diente. 

1982 hatte die Reitschule bereits 350 Mitglieder und 12 Ponys. Der Reitstall galt als gemeinnützige Einrichtung, 1990 waren es dann schon 20 Ponys. Dann aber wurde die Kündigung zum 30.09.1990 ausgesprochen. Die Wiesen und das Gewächshaus sollten dem Wohnungsbau weichen. Man bemühte sich um eine Ersatzfläche, hatte aber bis zum Sommer 1992 noch keine gefunden. Dann kam die endgültige Kündigung durch die privaten Eigentümer zum 30.06.1996. Die Pferde wurden verkauft, der Reitbetrieb eingestellt. Die Vorbereitung für den Bau von 300 Wohnungen liefen an. (1)

"Gerade als Mädchen war es das schönste von der Welt bei den Pferden zu sein. Ab und zu haben wir Ausritte ins Niendorfer Gehege gemacht oder sind auch im Amsinck-Park geritten. Wir hatten Vorführungen auf der Hansepferd und sind zum Turnier durch die Hamburger Stadtteile bis nach Farmsen geritten. Nach der Schule waren wir den ganzen Tag dort. Wir haben uns um die Ponys gekümmert, sie gefüttert und geputzt, haben im Heu gespielt und zu Allerletzt, wenn unsere 10er-Karte noch nicht verbraucht war, sind wir geritten. Da es mitten in Lokstedt war, konnten wir alleine dort hinfahren. Was Christian und Dita Ketelsen so alles mit uns gemacht haben, war schon Klasse", erinnert sich Bettina.

Heute gibt es diese Möglichkeiten leider nicht mehr. Alles ist zugebaut worden. Heute müssen die Eltern ihre Kinder zum Reiten mit dem Auto hinfahren, weit auf dem Lande. Da geht für die Mütter ein ganzer Nachmittag drauf. 

Es wäre schön, wenn es wieder einen kleinen Reitstall in Lokstedt geben würde! Viele Lokstedter Kinder und Mütter würden sich sehr freuen! 

1. Horst Grigat: "Hamburg-Lokstedt". Seite 621

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© Lokstedt-online.de 01.11.2011