Leserbrief

Grund allen Übels

(zu: Haufendorf auf der Waldlichtung vom 12.09.2012)

Ich habe Ihre "Geschichte von Lokstedt" gelesen. Vielen Dank für Ihre Darstellung der Zerstörung des Stadtteils, insbesondere des Zentrums "Siemersplatz" durch den Autoverkehr, unter dem wir immer gelitten haben - seit den 60er Jahren.

Es wird tatsächlich immer schlimmer, wie ja auch die sogenannte Busbeschleunigung zeigt. Sie hat auch dem letzten alten Laden, Behrmann Nachfolger, den Todesstoß gegeben.

Mir, der ich hier aufgewachsen bin, erscheint es als Ergebnis einer konsequenten Verkehrspolitik, die nur für das Auto gedacht ist - schon seit den späteren 40er Jahren. Schon damals wurden in der Osterfeldstraße für die Verbreiterung der durchaus nicht schmalen Straßenallee die Vorgärten weggenommen (und die Bäume natürlich).

Man, d.h. die Politik in Hamburg, organisiert bis heute die "autogerechte Stadt" - und ich sehe auch keinerlei Tendenzen zu einer Veränderung dieser Sichtweise. Ebenso kann auch die sogenannte Verdichtung nicht scharf genug kritisiert werden. Sie bedeutet einen immer größeren Verlust an Lebensqualität für die Bewohner. Grünflächen (Kleingärten etc.) werden weiter weggenommen. Hamburg ist schon jetzt überfüllt - mit Autos und Menschen - und diese unerträglichen Zustände werden noch unerträglicher. Wir brauchen "Luft zum Atmen", die wir in Hamburg immer weniger haben. Aber - man muß es so einfach sagen - es ist eine "Politik des Geldes", eine Politik für das "große Geld", und daran wird auch niemand etwas ändern.

Alle Parteien sind dem "Wachstum" verschrieben, und keine Partei wagt es, an diesem Dogma ("Hamburg wächst, muss wachsen", "die Wirtschaft wächst, muß wachsen“) zu rütteln. Ich denke, dass nicht einmal "die Linke" dem zu widersprechen wagt. Wenn wir das nicht ablehnen, können wir aber an den Zuständen nichts ändern, denn das ist der "Grund allen Übels".

Wir müssen uns schon aus diesem "Gefängnis" befreien. Für den Einzelnen wird das hier in Hamburg nur den Wegzug bedeuten können.

Es tut mit leid, eine solch traurige Bilanz und Perspektive aussprechen zu müssen - aber das ist einfach meine Lebenserfahrung hier! Aber ich freue mich trotzdem, daß es hier wenigstens eine so kritische Stimme gibt wie die Ihre!

Manfred Bonson

P.S. Ich war entsetzt, als ich vor wenigen Tagen bei einer Fahrt mit dem Bus 5 durch die Innenstadt die völlige Verschandelung des Jungfernstiegs (mit seiner ehedem wunderbaren Aussicht auf die Alster) und die Verunstaltung des Rathausmarktes sah: Hamburg ist wirklich "Kommerz total" - und da haben wir (kritischen) Bürger keine Chance!

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 17.11.2016