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Amsinck-Villa

Ein märchenhaftes Geschenk

Mit der Amsinck-Villa hat die Finanzbehörde wahrlich kein gutes Händchen. 2010 wurde erst durch Presseberichte im letzten Moment verhindert, dass die neoklassizistische Villa an einen vorbestraften Brandstifter und Versicherungsbetrüger verscherbelt wurde. Nun lässt die Behörde sich seit Jahren von der Rudolf-Ballin-Stiftung an der Nase herum führen.

Es mehren sich die Anzeichen, dass die nunmehr seit fünf Jahren laufenden Verhandlungen zwischen der Rudolf-Ballin-Stiftung auf der einen Seite, der Finanzbehörde und der SAGA / GWG auf der anderen Seite über einen Mietvertrag der Amsinck-Villa bald abgeschlossen werden könnten. Im Herbst 2016 seien dann die Sanierungsarbeiten abgeschlossen, so dass die dort geplante Kita für 90 Kinder eröffnet werden könnte.

Unser letztes Lokstedter Kulturerbe im Besitz der Stadt zu einer Kita umgebaut! Wo einst der deutsche Kaiser schlief tobende Kinder! Kleinkind-gerechte Pissoirs im ehedem gediegenen Boudoir der Dame des Hauses!

Das Objekt

Über die denkmalgeschützte Amsinck-Villa wird viel geschrieben, meist Unsinniges. Entweder übertrifft man sich mit Superlativen: „Wie ein Märchenschloss“, schreibt etwa das Niendorfer Wochenblatt. Oder man stellt profan fest, nun sei die „Amsinck-Villa gerettet: Sie wird zur Kita“ (Die Welt).

Als Zumutung empfindet hingegen manch Lokstedter derlei Einmischung. Man möge sich einmal vorstellen, wir würden auf Lokstedt online berichten: „Jenisch Haus gerettet: Es wird zur Jugendherberge“. Zurecht würden wir den Zorn der Othmarschener Bürger heraufbeschwören.

Aber der Jubel über die idiotische Idee mit der Kita ebbt nicht ab. Noch einen Tag vor Weihnachten 2014 versucht das Niendorfer Wochenblatt uns Lokstedtern die Kita in der ehemaligen Sommerresidenz schmackhaft zu machen: „Dann wird wie schon zu Zeiten Wilhelm Amsincks (1821-1909) in der großzügigen neoklassizistischen Villa wieder getobt: Der Hamburger Kaufmann und Mitbegründer der Vereinsbank hatte zwölf Kinder.“

Der Schreiber des Wochenblattes vergisst dabei, dass nicht alle Kinder von Amsinck gleichzeitig im Kindergartenalter gewesen sein können. Und es ist auch nicht davon auszugehen, dass es den Kindern von Amsinck - damals wurde preussisch streng erzogen - vermutlich nicht gestattet war, mit Fingerfarben die Holzpaneele zu beschmieren.

taz: „Ein Kleinod verödet“

Wenn eine Villa, wie die 1868 vom Rathaus-Architekten Martin Haller errichtete Amsinck-Villa, in einem solch erbärmlichen Zustand ist, dass man allen Ernstes ausgerechnet die Nutzung als Kita als letzte Chance einer Nutzung ansieht, dann ist der Besitzer in aller Regel die Stadt Hamburg. Seit 1956 ist der Landesbetrieb Immobilienmanagement und Grundvermögen (LIG) der Finanzbehörde der Besitzer und lässt dieses Kleinod systematisch verwohnen und veröden: Zunächst hat die Villa als Ausbildungsstätte für eine Polizeihundestaffel gedient, in den 1980er Jahren stand sie über Jahre leer und verfiel. Spätere Mieter, wie eine Galerie, eine Filmproduktion und ein Architektenbüro trugen wenig zum Erhalt der Bausubstanz bei.

Großinvestor gesucht

Als die Immobilie 1993 unter Denkmalschutz gestellt wurde, war klar, dass die Stadt die Immobilie irgendwann abstoßen würde. 2008 erfolgte dann die öffentliche Ausschreibung der Villa, die LIG war sich sicher, einen „ernsthaften Interessenten“ gefunden zu haben.

Da der von der Finanzbehörde favorisierte Kaufinteressent die Bezirksversammlung nicht überzeugt, folgt 2009 ein Vorstoß in die richtige Richtung: „Seit einiger Zeit gibt es Ärger mit der Nutzung des Bürgerhauses Lokstedt in der Sottorfallee. Vor allem Anwohner und Nachbarn fühlen sich…gestört. Es wäre also zu überlegen, ob es eine andere Möglichkeit der Unterbringung für das Bürgerhaus Lokstedt gibt. Daher wird die Verwaltung gebeten, zu prüfen, ob die Amsinckvilla im Amsinckpark für die Nutzung als Bürgerhaus in Frage kommt“, heißt es in einem Antrag von SPD und Grünen.

Ob dieser Vorschlag allerdings ernst gemeint war, sie dahingestellt. Das Bürgerhaus Lokstedt hat jedenfalls umgehend von diesem Ansinnen Abstand genommen, da die Sanierungs- und Unterhaltskosten für das Bürgerhaus kaum zu finanzieren gewesen wäre.

Ein Betrüger wird entlarvt

Anfang 2010 entpuppt sich der Favorit der Finanzbehörde als Betrüger. Am 03.02.2010 schreibt das Hamburger Abendblatt: „Wie sich später herausstellte, saß der Geschäftsführer der Firma drei Jahre in Haft - wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrugs mit Immobilien.“

Nach diesem Debakel musste ein neues Ausschreibungsverfahren her.

Der Bezirksamtsleiter

Während all dieser Jahre, in denen die Amsinck-Villa dem Verfall preisgegeben war, macht ein junger Jurist Karriere. Als die Villa unter Denkmalschutz gestellt wird, ist er noch Referendar. Später entscheidet er sich für den höheren allgemeinen Verwaltungsdienst. Nach Stationen bei der Stadtentwässerung und der Technischen Prüfstelle wird er 2004 Berater im Projekt „Kita-Gutscheinsystem“, im April 2010 schließlich wird Torsten Sevecke zum Bezirksamtsleiter gewählt.

Neben dieser Tätigkeit ist Sevecke für die Rudolf-Ballin-Stiftung aktiv, er sitzt dort im Verwaltungsrat. Und es ist gerade diese Tätigkeit für die Rudolf-Ballin-Stiftung, die auf die nachfolgenden Ereignisse ein schlechtes Licht wirft.

Bereits am 6. April 2010 heißt es in einer Pressemeldung des Bezirks Eimsbüttels: „Für die Amsinck-Villa im Stadtteil Lokstedt werden von der bezirklichen Politik neue Nutzungsideen gesucht.“ Daraufhin führt die Finanzbehörde im August erneut ein Ausschreibungsverfahren durch.

Rudolf-Ballin-Stiftung erhält den Zuschlag…

Im Sommer 2010 ging die Rudolf-Ballin-Stiftung, in deren Verwaltungsrat es neben Sevecke von hochrangigen SPD-Politikern nur so wimmelt, siegreich aus der öffentlichen Ausschreibung der Finanzbehörde um die Amsinck-Villa hervor.

…doch es fehlt das Konzept

Unschön aber: Die Stiftung wurde zum Sieger der Ausschreibung erklärt, ohne dass jemals eine öffentliche Präsentation der eingereichten Konzepte stattgefunden hätte. Dabei gab es durchaus andere Interessenten. Der Lokstedter Kita-Betreiber „le petit monde“ hätte dort ebenfalls gerne eine Kita betrieben; ein sozial-ökologischer Investor hätte die Villa auf eigene Kosten saniert, um dort ein Wohnprojekt umzusetzen.

Der Plan der Rudolf-Ballin-Stiftung in der Villa eine Kita zu betreiben ist nicht wirklich originell - kann kaum als Konzept gelten. Noch im April 2010 wurde von der Bezirksversammlung nämlich gefordert: „Mögliche Interessenten müssen dabei in der Konzeption eine gemeinnützige, stadtteil- und umfeldverträgliche Nutzung und einen in Teilen öffentlichen Zugang zu dem denkmalgeschützten Gebäude vorsehen und ermöglichen.“

Auf diese Forderungen geht die Rudolf-Ballin-Stiftung kaum ein. Gelegentlich sickern Fetzen von angeblichen Ideen durch, die fast wirr wirken. Sei heißt es zeitweise, man plane im Turmzimmer Trauungen durchzuführen.

Daher ist anzunehmen, dass die Zusprechung der Amsinck-Villa an die Stiftung sich nach anderen Kriterien vollzogen hat. Nicht das Konzept gab den Ausschlag, sondern die Zusage der Stiftung die Villa auf ihre Kosten zu sanieren.

- und auch das Geld

Doch schon bald nach der Zusprechung wird klar, dass die Stiftung gar nicht über die notwendigen Gelder zur Sanierung verfügt. Als eigene Gutachten ergeben, dass vermutlich 2,8 Millionen Euro für die Sanierung benötigt werden, wirft die Stiftung erstmals einen Blick in den Geldbeutel und stellt fest, dass mindestens eine Million fehlt.

Erst großspurig daher kommen und alle kleineren Konkurrenten aus dem Rennen werfen und dann kleinlaut eingestehen, dass man kein Geld hat.

Sehr viel Verständnis

Normalerweise hätte man an dieser Stelle erneut eine weitere Ausschreibung durchführen müssen. Doch offensichtlich verhindert der politische Einfluss der Rudolf-Ballin-Stiftung dies. Führende SPD-Politiker rühren dabei die Werbetrommel für den Kita-Konzern und drücken gleichsam auf die Tränendrüse. Ex-Stiftungsvorstand der Rudolf-Ballin-Stiftung Werner Dobritz (SPD) gegenüber der Bildzeitung: „Obwohl die Stadt das Haus jahrelang verlottern ließ, wollte sie uns für die gesamte Sanierung aufkommen lassen. So geht das nicht.“.

Und auch die Verantwortlichen in der Finanzbehörde zeigen sehr viel Verständnis. Deren Sprecher Daniel Stricker jedenfalls spielt alles runter: „Die Ballin-Stiftung hat sich schlicht verschätzt. Jetzt soll die Saga das Haus sanieren.“

Öffentliche Gelder fließen

Nun, da die Rudolf-Ballin-Stiftung sich verschätzt und nicht genug Geld im Säckel hat, möchte sich plötzlich jedes Gremium an den Sanierungskosten beteiligen. Es muss doch irgendwie möglich sein, die Finanzierungslücke der Stiftung zu schließen.

In einem interfraktionellen Antrag aus dem Regionalausschuss Lokstedt vom 03.12.2012 heißt es: „Im April 2012 schien dann mit der Rudolf-Ballin-Stiftung ein Nutzer mit einem Konzept, welches den bezirklichen Vorgaben entspricht, gefunden zu sein. Die Stiftung ermittelte auf eigene Kosten in einem Gutachten den aktuellen Sanierungsbedarf der Villa, der bei rund 2,8 Mio. Euro liegen soll. Daraufhin sah sich die Stiftung nicht mehr in der Lage, die geplante Nutzung wirtschaftlich alleine zu tragen. Für eine wirtschaftliche Nutzung besteht demnach eine Kostenlücke von rund einer Mio. Euro.“ Die Bezirksversammlung Eimsbüttel ist bereit 15 Prozent dieser Kostenlücke zu schließen und „maximal 150.000 Euro für die Sanierung der Amsinck-Villa zur Verfügung zu stellen.“

Im Mai zieht die Bürgerschaft nach: Für die Sanierung und den Erhalt der Amsinck-Villa werden aus dem „Sanierungsfonds Hamburg 2020“ Mittel in Höhe von insgesamt 500.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Die nicht enden wollenden Verhandlungen

Am 02.06.2013 dann schließlich die Rolle rückwärts: „Es besteht die Möglichkeit, dass SAGA / GWG die Immobilie von der Stadt kauft, saniert und entsprechend dem Beschluss der Bezirksversammlung Eimsbüttel vermietet. Als künftige Nutzerin ist die Rudolf-Ballin-Stiftung bereit, nach Sanierung und Umbau in dem Gebäude eine Kita …einzurichten.“ Seither wird zwischen der Rudolf-Ballin-Stiftung, der Finanzbehörde und der SAGA über den Mietvertrag verhandelt.

Das ist also das neue Konzept. Nachdem die Rudolf-Ballin-Stiftung von seinen Plänen, die Villa zu kaufen, zurück getreten ist, versucht man, durch ein Konstrukt - Bezirk und Stadt stellen 650.000 Euro zur Verfügung, die SAGA saniert und verwaltet, die Rudolf-Ballin-Stiftung mietet - weiter an der Kita-Lösung festzuhalten.

Doch auch die Bereitschaft der Rudolf-Balllin-Stiftung, die Immobilie zu mieten, gilt nur eingeschränkt. An den Zuschuss der Bezirksversammlung Eimsbüttel in Höhe von 150.000 Euro sind nämlich Bedingungen gebunden. So heißt es in einem SPD-Antrag vom 10.12.2013: „Die Finanzierungslücke in Höhe von 1,7 Millionen Euro wird vom LIG übernommen und teilweise über die Mieteinnahmen refinanziert…Die Ballin-Stiftung wird sich an den Gesamtkosten beteiligen, mindestens mit 650.000 Euro, die Verhandlungen hierzu sind noch nicht abgeschlossen“. Diese Bedingungen scheinen der Stiftung nicht zu gefallen. Jahr um Jahr verzögert sich seither die öffentliche Präsentation und die Unterzeichnung des Mietvertrags.

Der Geduldsfaden reißt

Mittlerweile geht allerdings der Bezirksversammlung die Geduld aus. Schließlich wurde das Konzept der Stiftung immer noch nicht vorgestellt. Am 22.01.2015 ergeht daher der Beschluss: „Die Vorsitzende der Bezirksversammlung wird gebeten, sich dafür einzusetzen, dass nun zeitnah VertreterInnen des jetzigen bzw. künftigen Eigentümers und des künftigen Mieters - der Rudolf-Ballin-Stiftung - in einer öffentlichen Sitzung des Regionalausschusses Lokstedt das Nutzungskonzept für die Villa vorstellen.“

Der Geschäftsführer der Rudolf-Ballin-Stiftung Harald Clemens kontert dieses Ansinnen und spielt den Ball zurück: „Wir warten auf die Einladung des Regionalausschusses, um unser Vorhaben dort vorzustellen und mit den Politikern und interessierten Bürgern zu diskutieren. Auf die offene Aussprache freuen wir uns.“ Einfach nur frech, wenn man bedenkt, wie häufig der Regionalausschuss bereits die Präsentation des Konzepts angemahnt hat.

Und mal ganz ehrlich. Wäre der Stiftungsrat nicht so mit SPD-Politikern durchsetzt, hätte die Finanzbehörde solch einem Bieter längst den verdienten Tritt in den Hintern verpasst. Tatsächlich scheint aber die Finanzbehörde geneigt, der Rudolf-Ballin-Stiftung die Villa als Geschenk darzubieten.

Alternativen

In Lokstedt hingegen kommt inzwischen Unmut auf. Kaum zu verstehen, dass einem Kita-Großkonzern, der Hamburgweit 1.900 Kinder in seinen Kitas betreut, ein solches Geschenk gemacht wird. Der Kita-Markt boomt, in der Branche wird verdient, warum sollte man hier einen Großanbieter subventionieren.

Zu diesen geänderten Bedingungen gäbe es andere Möglichkeiten für eine sinnvolle Nutzung der Amsinck-Villa. Im letzten Jahrzehnt ist der Stadtteil stark gewachsen, mithin besteht auch der Bedarf an einer kulturellen Begegnungsstätte.

Die Villa auf dem Lokstedter Liethberg ist zudem ideal gelegen. Keine 50 Meter vom Amsinck-Park ist die U-Bahn Station Hagendeel entfernt. Von einem Veranstaltungszentrum könnte daher der gesamte Bezirk Eimsbüttel profitieren. Nur zu oft hört man Klagen, das ein solches Kulturzentrum fehlt. So etwa die Eimsbütteler Nachrichten: „Es gebe zu wenig Orte, wo kulturelle Angebote stattfinden können.“

Böse Zungen behaupten

Dies scheint aber nicht das zu sein, was Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke (SPD) sich für die Amsinck-Villa wünscht. Obwohl in der Bürgerfragestunde des Regionalausschusses am 12.8.2013 einst versichert wurde, dass Sevecke nicht in die Verhandlungen über die Amsinck-Villa involviert sei, reagiert er seit Jahren genervt, wenn er auf den Immobilien-Deal angesprochen wird. Gegenüber der Bildzeitung wütet er 2012: „Bei dem Haus besteht Einsturzgefahr. Ich überlege, den ganzen Park einzuzäunen.“

Bei so viel Parteilichkeit machen mittlerweile Gerüchte die Runde: Nicht nur die Rudolf-Ballin-Stiftung spiele auf Zeit. Staatsrat Jan Pörksen - der sich das nur wenige Hundert Meter von der Amsinck-Villa entfernte Grundstück Hagendeel, gelegen mitten im Überschwemmungsgebiet der Alten Kollau, für eine Flüchtlingsunterkunft auserkoren hat - sitzt ebenfalls im Verwaltungsrat der Rudolf-Ballin-Stiftung. Er und Sevecke versuchten, so die Gerüchte, die Fertigstellung der Kita in der Amsinck-Villa und den Erstbezug der Flüchtlingsunterkunft am Hagendeel zeitlich zu synchronisieren. Dann hätten sie zum Erstbezug der Unterkunft mit 288 Flüchtlingen gleich die passende Kita für deren Kinder parat.

Denn irgendwo müssen die Kinder für die 16. Kita der Rudolf-Ballin-Stiftung ja auch her kommen. Sind doch in den letzten Jahren viele neue Kitas in Lokstedt dazugekommen. Da kommen dann die Flüchtlingskinder gerade rechtzeitig.

Amsinck-Villa_-_Leben_im_Park.pdf

Lesen sich auch:

Denkmalschutz: Saga übernimmt Amsinck-Villa
Lokstedt online vom 06.04.2013

Denkmalschutz: Was würde unser Kaiser dazu sagen?
Lokstedt online vom 12.11.2011

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© Lokstedt-online 14.02.2015