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Lesung

Flaniermeile mit Galgen

Am Donnerstagabend stellte der Autor Klaus Tornier im Bürgerhaus Lokstedt sein erfolgreiches Buch „Hamburg-Hoheluft - Der Jahrhundert-Stadtteil“ vor. Ein Heimspiel vor einem sachkundigem Publikum, denn Tornier begeistert im Bürgerhaus seit mehr als 30 Jahren immer wieder mit seinen heimatkundlichen Veranstaltungen.

In der Begrüßung durch Hansjürgen Rhein wurde das für den Experten spannendste Thema des Abends bereits angesprochen: Er freue sich darauf, heute Abend einmal mehr über die Hoheluft zu hören. Im Bewusstsein der Lokstedter sei Hoheluft ja doch lediglich eine Straße, die in Verlängerung des Lokstedter Steindamms in die Innenstadt führe.

Wie sich später herausstellte, hatte diese provokante Bemerkung über den Stadtteil, der für manchen tatsächlich nur aus der Hoheluftchaussee besteht, dann durchaus einen ernst gemeinten Hintergrund: Gab es jemals einen Stadtteil Hoheluft? Ist dem Autor gar bereits im Titel in der Bezeichnung von Hoheluft als „Jahrhundert-Stadtteil“ ein Fehler unterlaufen?

Der Flecken Hoheluft

Tornier selbst schreibt in seinem Buch: „Bis zu seiner ‚Selbständigkeit‘ gehörte Hoheluft zum erstmals 1140 bezeugten Eppendorf.“ Und Eppendorf selbst wiederum gehörte wie Eimsbüttel, Harvestehude und ein Dutzend andere Dörfer in der Umgebung dem Kloster Harvestehude. Die Hoheluft aber war lange Zeit nicht einmal ein Ortsteil von Eppendorf, sondern eigentlich nur ein Flecken auf der Landkarte.

Urkundlich verzeichnet ist der Name Hoheluft erstmals 1802 im Kirchenbuch Eppendorf und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein, wohnten „auf der hohen Lucht“ - unter diesem Namen 1805 in Protokollen des Klosters erwähnt - nur 40 Seelen.

Die meisten Heimatforscher tendieren dazu, dass der Name Hoheluft auf einen 1602 dort errichteten Galgen zurück geht. Das Gebiet wurde nämlich auch als Veerendeel auf Karten verzeichnet, wohl weil man hier Verbrecher von Pferden Vierteilen lies, bevor man ihre Überreste am Galgen öffentlich zur Schau stellte. „Hohe Luft“ also im Sinne von hoch hängen.

Als Hinrichtungsstätte hatte die Hoheluft also gedient. Und das vermutlich über mehr als 200 Jahre hinweg. Denn noch bis 1852 waren solche öffentlichen Hinrichtungen durchaus üblich.

Der Jahrhundert-Stadtteil

Tornier macht die Entwicklung zum eigenständigen Stadtteil an der Trennung von der riesigen Kirchengemeinde St. Johannis in Eppendorf fest. 1893 wurde die Abtrennung beschlossen und am 1. Juli 1905 wurde der selbständige Pfarrbezirk Hoheluft eingerichtet. Zwölf Jahre dauerte also die Abnabelung von der geistigen Führung der Eppendorfer. Viel länger aber gestaltete sich der weltliche Weg vom Flecken zum Stadtteil.

1830 jedenfalls, als der Hamburger Senat die Dörfer Eppendorf, Eimsbüttel und Harvestehude in die neue Hamburger Verwaltungseinheit der „Landherrenschaft der Geestlande“ eingliedert, war von Hoheluft kaum die Rede. Namenlos kam die Hoheluft, ein wegen seiner Hinrichtungsstätte verruchtes Randgebiet von Eppendorf, allenfalls noch erwähnenswert weil hier seit 1789 ein Grenzhaus stand, unter die Herrschaft von Hamburg.

1894 dann der nächste Schritt zum auf dem Weg zum Stadtteil. Die Vorstadt St. Pauli sowie 15 Vororte (Rotherbaum, Harvestehude, Eimsbüttel, Eppendorf, Winterhude, Uhlenhorst, Barmbek, Eilbek, Hohenfelde, Borgfelde, Hamm, Horn, Billwerder-Ausschlag, Steinwerder und Kleiner Grasbrook) - wurden eingemeindet.

Hoheluft erscheint nicht auf der Liste der eingemeindeten Vororte, wird offensichtlich noch immer als Ortsteil von Eppendorf angesehen. Obwohl die Hoheluft inzwischen eine beachtliche Entwicklung genommen hatte. Reiche Hamburger hatten sich hier angesiedelt, Parks waren entstanden und die Hoheluftchaussee war eine echte Flaniermeile geworden - musste sich vor anderen Eppendorfer Straßen nicht verstecken.

Der Stadtteil

So sind es dann erst die Nazis, die Hoheluft offiziell von Eppendorf abtrennen. Sie unterteilten 1939 die Stadt Hamburg in zehn Kreise, denen 110 Bezirke - entsprechend in etwa den heutigen Stadtteilen - nachgeordnet waren. Einer diese Bezirke war die Hoheluft. Endlich also so etwas wie ein Stadtteil, wer konnte allerdings ahnen, dass die Zerstörung im Bombenhagel unmittelbar bevor stand.

Erst nach 1949 und etlichen Verwaltungsreformen später wurden dann nach und nach aus 110 Bezirken 104 Hamburger Stadtteile. Sogar zwei davon tragen heute den Namen Hoheluft und es ist die Hoheluftchaussee, die diese voneinander trennt.

Hoheluft-Ost* gehört zum Bezirk Hamburg-Nord und manch Bewohner dieses Stadtteils betrachtet sich, gemäß der alten Tradition, weiterhin als Eppendorfer.

Hoheluft-West*, auf der anderen Seite der Hoheluftchaussee, gehört hingegen zum Bezirk Hamburg-Eimsbüttel. Und nicht wenige Hamburger halten diesen Stadtteil für Eimsbüttel.

(* geändert am 11.10.2014: leider hatte der Autor die heutige Bezirkszugehörigkeit der beiden Stadtteile verdreht. Siehe dazu den Leserbrief)

Mithin kann festgehalten werden. Es gab niemals wirklich einen eigenständigen Stadtteil Hoheluft. Erst Flecken, bestenfalls Ortsteil von Eppendorf, später Bezirk und nach dem Krieg als Stadtteil zweigeteilt - und irgendwie immer noch Eppendorf und Eimsbüttel zugeschlagen.

Hoheluft und sein Nachbar Lokstedt

Entlang der viel befahrenen Straßenverbindung, der Hoheluftchaussee, deren Verlängerung Lokstedter Steindamm und Kollaustraße auch den Stadtteil Lokstedt teilen, gab es immer schon viele Berührungspunkte zwischen dem Dorf Lokstedt und dem Flecken Hoheluft hinter der Grenzstation. Und der Rentner Tornier, früher einmal Pressesprecher der Hamburger Universität, ist höflich genug, seinem Lokstedter Publikum genau diese Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Er liest daher Auszüge aus seinem Buch, die speziell Lokstedter interessieren. So ergibt sich bereits während der Lesung eine lebhafte Diskussion.

Wer eines der bereits 1000 verkauften Exemplare des im Eigenverlag erschienenen Buches parat hat, hier eine Liste der Kapitel mit Bezug zu Lokstedt:

  • Der Ursprung der Hoheluft
  • Das Grenzhaus und seine Geschichte
  • Der Grenzstein überdauerte
  • Victoria: Hohelufter Höhepunkt
  • Die Straße der Gärtnereien
  • Beiersdorf: Erfolge und Schicksale
  • Die Ära Troplowitz in Hoheluft
  • Einziger erhaltener Betriebshof der Pferdebahn
  • Tabakfabrik von Eicken: ein Industriedenkmal
  • Krankenhaus seitwärts von Eppendorf
  • Trümmer recycelt und mit Lorenbahn entsorgt
  • Hohelufter Bürgerverein für Wohlergehen der Nachbarschaft

Für die Zuhörer an diesem Abend im Bürgerhaus gab diese Lesung jede Menge Gesprächsstoff her. Und man hätte noch viel länger über alte Zeiten plaudern können, als die heutigen Hamburger Stadtteile - seien es damals nun Dörfer oder Flecken gewesen - noch einen klaren Charakter hatten, den wir authentisch in Erinnerung bewahren möchten.

Das reich bebilderte Buch von Klaus Tornier ist durchaus hilfreich dabei, diese Erinnerungen auferstehen zu lassen.

Klaus Tornier: „Hamburg-Hoheluft - Der Jahrhundert-Stadtteil“. BoD - Books on Demand, Norderstedt; 224 Seiten; 19,95 Euro.

Von dem Lokstedter Autor sind noch zwei weitere Bücher erschienen:
„Flucht vor den Russen: Eine Marienburger Familie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges“ und „Erstaunliche Vielfalt: Hamburger Buchverlage“.

Do. 02.10.2014

Bürgerhaus Lokstedt

Hamburg Hoheluft: Der Jahrhundert-Stadtteil

Klaus Tornier stellt sein Buch vor.

Sottorfallee 9, 22529 Hamburg
Tel. 56 52 12

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 03.10.2014