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Baumführung in Lokstedt

Lehrstunde in Biologie und Lokalhistorie

Das Wetter spielte am letzten Dienstag mit: Bei strahlender Abendsonne trafen sich knapp zwanzig Personen im Bürgerhaus Lokstedt, um auf einem gemeinsamen Spaziergang mit Harald Vieth mehr über die Bäume in Lokstedt zu erfahren.

Den Spaziergang leitete der Hamburger „Baumpapst“ und Autor Harald Vieth (1) , der in den folgenden neunzig Minuten auf seine außerordentlich kurzweilige und spontane Art die unterschiedlichen Baumarten, deren Blätter und Früchte vorstellen sollte. Dabei bezog er die Teilnehmer spielerisch mit ein, indem er sie gemeinsam raten ließ, wie wohl dieser oder jene Baum heißen könnte.

Zudem erläuterte Vieth die Geschichte und Bedeutung der ältesten Bäume in Lokstedt. So hatten die Spaziergänger nicht nur die Chance, ihr altes vergrabenes Biologie-Wissen aufzufrischen, sondern erhielten nebenbei noch einen Einblick in die Lokalgeschichte Lokstedts. Einer der ältesten Bäume Lokstedts befindet sich im Von-Eicken-Park: Die auf ein Alter von 400 bis 500 Jahren geschätzte und prachtvolle Eiche erkennt man sofort, da sie sich in zwei Stämme aufteilt.

Zur Sprache kam natürlich auch die alte Lutherbuche bei der Christ-König-Kirche, die 1917 zum 400. Jahrestag des Thesenanschlags durch Martin Luther an der
Schlosskirche zu Wittenberg gepflanzt wurde. Vieth lobte hier vor allem die
vorbildliche Pflege und Versorgung des alten Baumes. Leider haben es jedoch nicht alle alten Bäume in Lokstedt so gut: Sowohl die ca. 200 Jahre alte Stieleiche an der Kollaustraße wie auch die die beeindruckende 100-jährige Blutbuche neben der Bücherhalle kämpfen um ihr Überleben.

Am Beispiel der vor Jahren erfolgreichen „Bürgerinitiative Emil-Andresen-Straße“
wurde auf dem Spaziergang ausführlich diskutiert, wie schwierig es ist, die Vielfalt
und Vielzahl der Bäume in Lokstedt zu erhalten – obwohl allen Menschen klar sein
müsste, wie wichtig Bäume in unserem Leben sind. Gerade die geretteten
Spitzahorn-Bäume an der Emil-Andresen-Straße werden wegen ihrer wunderbaren
Herbstfärbung auch in diesem Jahr ein wohliges „Indian Summer“-Gefühl vermitteln.

Bäume sehen jedoch nicht nur schön aus. Sie nehmen Kohlendioxid auf und
produzieren Sauerstoff. Sie dienen nicht nur als Luftreiniger und filtern Staub bzw.
Schadstoffe aus der Luft, sondern bieten auch Lebensräume für Insekten, Vögel und Säugetiere. Bäume lindern sowohl Lärm als auch die Aufheizung in den Städten. Sie geben Schutz und Schatten. Gleichzeitig schenken sie vielen Menschen nach wie vor emotionale Ruhe und Kraft. Nicht umsonst wird auch in der modernen Resilienzforschung der Waldspaziergang empfohlen.

Selbstverständlich haben Bäume natürliche Feinde wie z.B. die Ross-Kastanien-
Miniermotte oder den Ulmen-Splintkäfer. Vieth macht sich jedoch vielmehr Sorgen
aufgrund des aktuellen Baubooms im Rahmen der Hamburger Stadtplanung. Allein
2012 wurden im Stadtgebiet mehr als doppelt so viele Straßenbäume gefällt wie
nachgepflanzt. 2073 Fällungen standen nur 941 Nachpflanzungen gegenüber (2).

Damit wird in der Praxis die Regelung, die für jeden gefällten großen Baum eine
Neupflanzung vorsieht, leider nicht eingehalten. „Da Experten zudem davon
ausgehen, dass heutige Neupflanzungen aufgrund der erheblichen
Schadstoffbelastungen kaum mehr hundert Jahre alt werden können, ist ein alter
Baum von über 100 Jahren unbedingt schützenswert“, so Vieth. Er geht noch weiter: „Um eine hundertjährige Buche ökologisch zu ersetzen, muss man 1 000 junge Bäume nachpflanzen – was niemand tut.“

Aber wie können die Bäume und vor allem auch die wunderbaren Baumalleen in
Lokstedt erhalten bleiben? Wie können wir sie schützen? Denn letztlich wird die
Attraktivität des Bezirks ja beworben mit dem Slogan "Citynahes Wohnen im
Grünen". Grün bleibt Lokstedt jedoch nur, wenn gemeinsam mit Behörden und
Abgeordneten Instrumente zur Erhaltung der Bäume, Baumalleen und Biotope
gefunden und bedient werden. Dieser Herausforderung will sich das Bürgerhaus
Lokstedt stellen: Hansjürgen Rhein stellte zum Schluss des Spaziergangs mögliche
Maßnahmen vor, die demnächst auch in der bekannten „Lokstedter Runde“ im
Bürgerhaus Lokstedt präsentiert werden sollen: So soll für das Gebiet Lokstedt ein
Landschaftsprogramm nach § 4 Abs. 1 und 2 HambBNatSchAG aufgestellt werden,
um das Versprechen "Wohnen im Grünen" halten zu können. Zudem wäre es
sinnvoll, in dem für Hamburg zu schaffenden Biotopverbund die "Grünachse" von
Lokstedt über Niendorfer Gehege zur Schnelsener Feldmark nach § 9 aufzunehmen.

Schützenswerte Landschaftsbestandteile wie z.B. der Willinks Park müssten dabei
nach § 10 Abs 1 Ziff 5 unter Schutz gestellt werden. Die Teilnehmer der
Baumführung werden das Vorhaben auf jeden Fall weiter verfolgen. Sie freuen sich
jetzt schon auf den versprochenen zweiten Spaziergang, den Harald Vieth mit dem
Bürgerhaus Lokstedt organisieren möchte. Dieser wird dann in den Von-Eicken-Park führen.

(1) Harald Vieth: "Hamburger Sehenswürdigkeiten: Bäume". Eigenverlag; 2010; 19,95 Euro.
(2) www.mopo.de

Di. 02.09.2014

Bürgerhaus Lokstedt

Baumführung durch Lokstedt

Lernen Sie bei einem Spaziergang mit Harald Vieth durch Lokstedt
die Bäume Ihres Stadtteils kennen. Treffpunkt Bürgerhaus. Eintritt 9 Euro.

Sottorfallee 9, 22529 Hamburg
Tel. 56 52 12
Programm des Bürgerhauses 2014

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© Lokstedt-online 08.09.2014; Susanne Kostorz, Bürgerhaus Lokstedt