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Perspektiven für den Stadtteil Lokstedt

Visionen realisieren

Nach jahrelangem Moratorium um das Thema Lokstedter Zentrum am Behrmannplatz soll es am 4. September in der Aula des Gymnasiums Corvey endlich weitergehen. „Lokstedt im Wandel“ heißt die Veranstaltung, zu der die Arbeitsgruppe Bezirksentwicklungsplanung interessierte Lokstedter Bürger einlädt.

Lokstedt hatte einst ein florierendes Zentrum. Vor hundert Jahren kamen Hamburger Kaufleute mit Pferdekutsche zur Sommerfrische, Ausflügler mit der „Elektrischen“ in den Villen-Vorort. Am Siemersplatz wurden sie von mehreren Cafés und Restaurants empfangen. Von dort konnten sie durch das ausgedehnte Ortszentrum vorbei an Geschäften jeder Art flanieren und schließlich in einem Tanzcafés den Tag ausklingen lassen (siehe auch Lokstedt online vom 12.09.2012).

Flaniermeile wird Verkehrsinsel

Was sich nach einem perfekten Ausflug anhört, ist zu einem Alptraum geworden. Der Verkehr hat den Lokstedtern nach und nach das Stadtteilzentrum geraubt. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Umbau zu Umbau wurden die Straßen am Siemersplatz und in der Vogt-Wells-Straße in immer schnellerer Folge breiter und die Fußwege schmäler; Parkplätze verschwanden. Und mit jedem Geschäft, dass dem Verkehr weichen musste, lohnte es weniger, vor Ort einzukaufen: “Man bekommt ja doch nicht alles was man braucht“, die Begründung eines Einkaufstouristen.

Einkaufstourismus

Lange Jahre hatten sich die Lokstedter damit abgefunden, in anderen Stadtteilen einkaufen zu gehen. Je nach Geschmack und Geldbeutel orientierten sich die Lokstedter daher entweder nach Eppendorf und Winterhude oder Niendorf, Eidelstedt und in die Osterstraße. Doch durch den zunehmenden Straßenverkehr und den Parkplatzmangel auch in den Einkaufsquartieren der Nachbarstadtteile, wurde diese Einkaufsfahrten im Laufe der Jahre immer unbequemer - zudem sind diese wöchentlichen Fahrten mit dem Pkw ökologisch und ökonomisch unsinnig.

Die Politik der wachsenden Stadt und die Verdichtung in der „Urbanisierungszone“ Lokstedt, haben nun dazu geführt, dass der Verkehr in Lokstedt unerträgliche Dimensionen erreicht hat und mancher fragt sich: Wie lebenswert ist ein Stadtteilzentrum, in dem man sich kaum noch aufhalten kann und mag?

Attraktivitätssteigerung

Bereits seit den 1970er Jahre hatte es immer wieder Aktionen gegeben, die auf eine Attraktivitätssteigerung des Siemersplatzes und der Vogt-Wells-Straße abzielten. Doch selbst wenn mal ein paar Bäume gepflanzt wurden, konnte dies den Qualitätsverlust des Zentrums nicht entgegenwirken.

Behrmannplatz

Neue Hoffnung schöpften Lokstedter Bürger, die sich mittlerweile in der Bürgerinitiative „Ein Zentrum für Lokstedt“ zusammengeschlossen haben, als das Deutsche Rote Kreuz (DRK) vor einigen Jahren in Aussicht gestellte, sein Grundstück am Behrmannplatz zu verkaufen.

Just dieser Platz war einst ein Ort, an dem sich die Lokstedter, ob jung oder alt, treffen konnten. Nach heutigem Verständnis wäre das etwa ein Marktplatz mit Cafés und Restaurants, der zum Verweilen einlädt. Unser Chronist Horst Grigat schreibt über den Platz, der sich jahrhundertelang mitten im Lokstedter Ortszentrum befand: „Der rechteckige Lokstedter Dorfanger war ursprünglich ein Hektar groß. Er umfasste Teile des heutigen Behrmannplatzes sowie der Grelckstraße.“

Die Initiative fordert, dort am Tor zur Grelckstraße, die von Alteingesessenen noch immer liebevoll „im Dorf“ genannt wird, das alte Lokstedter Zentrum neu zu begründen.

B-Plan Lo 61 scheitert

Der Bezirk Eimsbüttel hatte vor Jahren bereits einmal für das DRK-Grundstück sowie für das benachbarte THW-Gelände das Bebauungsplanverfahren Lokstedt 61 eingeleitet. Dort hieß es: „Übergeordnetes Planungsziel ist die Stärkung der Zentrenfunktion sowie die Deckung des weiteren Bedarfes im Bereich Wohnungsbau.“

Im Oktober 2010 folgte der Architektenentwurf. Doch der hatte bereits das Thema verfehlt: "Wohnen an der Schillingsbek" war er betitelt. In den Entwürfen (hier ein Beispiel) war kaum mehr etwas von der Stärkung der Zentrenfunktion zu spüren. Deutliches Übergewicht hatte der Wohnungsbau.

Als dann im März 2011 Olaf Scholz Bürgermeister wurde, und seine Forderung noch Sozialwohnungen auch die Lokstedter SPD aus ihrem Winterschlaf schreckte, bedeutete das das Ende für das Projekt Zentrum am Behrmannplatz. Durch die Verpflichtung zum Bau von Sozialwohnungen wurde die SAGA GWG quasi zum Nachfrage-Monopolisten und diktierte den Preis. Die Folge: Das DRK brach die Verhandlungen ab und wird noch bis auf weiteres am Behrmannplatz bleiben - vermutlich bis der gewünschte Verkaufpreis erzielt werden kann.

Neuer Versuch

Vor einem Jahr wurde der Antrag „Perspektiven für den Stadtteil Lokstedt“ einstimmig in der Bezirksversammlung verabschiedet. Der Initiator dieses Antrags der Bezirkspolitiker Carsten Ovens schreibt dazu auf seinen Internetseiten: „Gemeinsam mit der CDU setze ich mich für ein neues Zentrum ein. Im Sommer 2013 haben wir nach einigen Veranstaltungen mit Bürgerinnen und Bürgern aus dem Stadtteil einen entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung Eimsbüttel gestellt.“

Der Antrag traf mitten ins Ziel. Der Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke wurde gebeten Referenten in den Regionalausschuss zu entsenden, die die aktuelle Situation hinsichtlich „Wohnungsbau, Einzelhandel- und Nahversorgungskonzept sowie Verkehrsinfrastruktur“ vorstellen und zukünftige Pläne aufzeigen. Des Weiteren sollte Sevecke „dem zuständigen Landesamt erneut die Notwendigkeit der Aufwertung des Lokstedter Stadtteilzentrums“ verdeutlichen. Und schließlich - Thema Runder Tisch - sollte der Bezirk einen „Prozess der Bürgerinformation und -beteiligung“ erarbeiten.

Ovens schreibt weiter: „SPD und Grüne haben sich den Forderungen angeschlossen und das Papier gemeinsam mit unserer CDU-Fraktion erweitert.“

Ergänzungen

So meldet Marc Schemmel für die SPD Beratungsbedarf zu dem Antrag der CDU-Fraktion an: Die Zielrichtung sei richtig, Ergänzungen aber erforderlich. Andreas Reichel hält Ergänzungen aus Sicht der Grünen ebenfalls für erforderlich. So enthält der Antrag nun viel Geschwafel und weitere Punkte wie den über das „Zusammenleben der Generationen“. Auf Wunsch der Grünen wurde der eigenständige Punkt Verkehr eingeführt. Die SPD setzt „Wie geht’s weiter in der Lenzsiedlung?“ auf die Agenda. Der Fraktionsvorsitzende Rüdiger Rust ist dort einst aufgewachsen und sorgt sich vermutlich darum, dass aus dem Quartiersfonds regelmäßig genügend Mittel für den Verein Lenzsiedlung und das Café Veronika bereit gestellt werden.

Doch immerhin. Auch in der SPD-Pressemitteilung vom 16. August 2013 wird auf die Wichtigkeit des Punktes „Stadtteilzentrum am Behrmannplatz“ hingewiesen: „Mit dem Beschluss werden Bezirksverwaltung und Behörden aufgefordert, in diversen für den Stadtteil wichtigen Bereichen Maßnahmen zu ergreifen, Planungen voranzutreiben und Perspektiven zu entwickeln. Dies betrifft…die Entwicklung des Stadtteilzentrums – im Fokus steht dabei die weitere Entwicklung rund um den Behrmannplatz“.

Um so mehr verwundert es, dass, obwohl die Verwaltung eindeutig aufgefordert wird, Maßnahmen zu ergreifen, die SPD im Laufe eines Jahres nichts unternahm, um die Umsetzung anzumahnen. Im Gegenteil, man könnte eher meinen, sie würde alles unternehmen, das Thema möglichst auf die lange Bank zu schieben.

Rust sei zwar im Prinzip weiterhin für ein Zentrum - so wie es im bereits vor Jahren im Bebauungsplanverfahren Lokstedt 61 geplant wurde - das sei aber nicht umsetzbar gewesen, teilt er Mitgliedern der Bürgerinitiative auf einer Wahlveranstaltung mit.

Offensichtlich tut sich die SPD weiterhin schwer mit diesem Thema. Von Sitzung zu Sitzung wurde der fällige Runde Tisch vertagt und als Ovens im Februar 2014 den Bezirksamtsleiter „aufgefordert, zu Beginn des zweiten Quartals einen Runden Tisch zur Attraktivitätssteigerung des Lokstedter Zentrums einzuberufen“, wird dies von der SPD als Wahlkampfmanöver abgetan.

Umfrage

Noch im April 2014 unternimmt der Bezirk einen weiteren, fast schon verzweifelt wirkenden Versuch, das Thema Zentrum zu beerdigen. Michael Freitag vom Fachamt Sozialraummanagement startet persönlich eine Umfrage unter 65 willkürlich ausgewählten Lokstedtern, die zufrieden mit ihren Einkaufstüten den Supermarkt verlassen. Er fragt sie, ob sie mit der derzeitigen Einkaufssituation zufrieden seien. Bis heute ist unklar, wer der Auftraggeber dieser Umfrage war und was sie wirklich bezwecken sollte. Die Bezirksversammlung erhält jedenfalls auch auf Nachfrage keinerlei Auskunft über das Ergebnis.

Am 2. Juli 2014 endlich sollte das Ergebnis dieser „Umfrage“ anlässlich des ersten Runden Tischs veröffentlicht werden. Doch dann geben die Verantwortlichen kurzfristig bekannt, dass „trotz intensiver Bemühungen um einen Veranstaltungsort im Stadtteil…keiner der denkbaren Orte zur Verfügung steht.“ Neuer Termin: 4. September 2014, diesmal verbindlich.

Bis dahin ist allerdings noch ein Bußgang fällig. Denn soviel ist klar, wenn das DRK nicht bereit ist, das Gelände zu räumen, wird Lokstedt kein neues Zentrum erhalten. Bezirkspolitiker müssen also zu allererst das DRK wieder an den Verhandlungstisch zurück bringen.

Sozialwohnungen am Behrmannplatz?

Und eine Aufnahme der Verhandlungen zum Status quo reicht nicht mal aus. Die Forderung nach Sozialwohnungen am Behrmannplatz sollte die SPD hintanstellen. Die Gelegenheit preiswerten Wohnraum in Lokstedt zu schaffen, hätte es in den letzten Jahren in Lokstedt genügend gegeben. Nun ausgerechnet beim am historischen Lokstedter Zentrum gelegenen 13.000 Quadratmeter großen Filetstück den Bau von Sozialwohnungen zu fordern, wird diesem Grundstück nicht gerecht. Bei einem Quadratmeterpreis von 700 Euro für das Grundstück ist preiswerter Wohnraum schwerlich zu realisieren.

Veranstaltung im Gymnasium Corvey

Für den 4. September ist nun die erste Veranstaltung „Lokstedt im Wandel“ angekündigt. Die Mitglieder der Bürgerinitiative erwarten, dass die zusätzlich eingebrachten Themen nicht zum Vorwand genutzt werden, das eigentlich brennende Problem „Ein Zentrum für Lokstedt“ an die Seite zu drängen, so wie es bereits auf der letzten Sitzung des Regionalausschusses Lokstedt am 12. Mai geschah:

In der Mehrzweckhalle der Schule Vizelinstraße sollte es nun endlich zum Thema Zentrum etwas Neues geben, statt dessen gab es einen gefühlt mehrstündigen Vortrag zum Thema Mutzenbecher-Villa. Vorgetragen wurde ein Nutzungskonzept, in dem Esel im Pendelverkehr die benötigten Lebensmittel und Getränke zur Villa ins Niendorfer Gehege tragen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Lokstedter nicht irgendwann ebenfalls darauf angewiesen sind, ihren täglichen Bedarf von Eseln aus Eppendorf anliefern zu lassen und dass es am 4. September 2014 endlich einmal voran geht.
Die Veranstaltung hat inzwischen auch einen Namen: „Lokstedt im Wandel - Fakten, Meinungen, Perspektiven“. Die die Arbeitsgruppe Bezirksentwicklungsplanung (BEP) lädt um 18.00 Uhr in die Aula des Gymnasiums Corvey. Die Bürgerinitiative "Ein Zentrum für Lokstedt" bittet um rege Beteiligung an der Veranstaltung, damit nicht nur Perspektiven sondern auch Visionen realisiert werden können.

Do. 04.09.2014, 18.00 - 21.00 Uhr

Arbeitsgruppe Bezirksentwicklungsplanung

Lokstedt im Wandel - Fakten, Meinungen, Perspektiven

Aufbauend auf dem Bezirksversammlungsantrag "Perspektiven für den Stadtteil Lokstedt" ist die Zielsetzung der Veranstaltung, zum Start der Legislaturperiode den Wandel des Stadtteils mit den Bürgern Lokstedts zu erörtern.

Aula des Corvey Gymnasiums
Corveystraße 6, 22529 Hamburg
Einladung.pdf

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© Lokstedt-online 21.08.2014