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Gedenkstein am Siemersplatz

Im Kiesbett gestrandet

Die Farce um den Findling mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt 1848 - 1898“ nahm kein Ende und wuchs sich zu einem Skandal aus. Vier Millionen Euro investierte die Stadt in den Umbau des Siemersplatzes und war nicht in der Lage einen Gedenkstein würdig umzusetzen.

Im letzten Jahr hat der Senat den Umbau der wichtigsten Kreuzungen auf der Route des Metrobus 5 durchgesetzt. Den Siemersplatz hat dieser Umbau in ganz besonderem Maße und auch nachhaltig beschädigt. Er gilt seither in Hamburg als Mahnmal verfehlter Straßenplanung. „Kreuzungs-Irrsinn am Siemersplatz - rechts einordnen, um nach links abzubiegen“, etwa beschrieb die Bild-Zeitung das Herzstück dieses Umbaus.

Schleswig-Holstein-Denkmal

Seit 1898 steht ein Findling zu Ehren der Veteranen des Jahres 1848 am Siemersplatz. Die ihm einst beigegebene Doppeleiche wurde längst gefällt, Abgase haben dem Stein in den letzten Jahrzehnten schwer zugesetzt.

Bereits im Mai 2012 richtete sich das Dezernat Wirtschaft, Bauen und Umwelt darauf ein, dass das Denkmal im Rahmen der Umbauarbeiten des Siemersplatzes eventuell versetzt werden müsste: „Bei einem Umsetzen von Doppeleiche und Gedenkstein an einen neuen Standort sollte der Gedenkstein auf einen niedrigen Sockel gesetzt und die Inschrift wieder lesbar gemacht werden.“

Kein Geld für eine Restaurierung

Doch dann nahm der Irrsinn seinen Lauf. Die SPD-Abgeordneten Rüdiger Rust und Marc Schemmel erhielten im August 2013 auf ihre Kleine Anfrage von der Verwaltung folgende Antwort: „Das Bezirksamt verwendet seinen Etat zur Straßenunterhaltung für die Herstellung verkehrssicherer Zustände. Dieser Etat ist defizitär. Insoweit sieht die Verwaltung keine Möglichkeit, diesen Etat zur Verbesserung der Lesbarkeit von Gedenksteinen in Anspruch zu nehmen. Die Kosten werden auf ca. 300 - 500 Euro geschätzt.“

Wie bitte? Da machen die Politiker Schulden um für 4 Millionen Euro am Siemersplatz die Busbeschleunigung umzusetzen und haben keine 500 Euro für die Säuberung und Aufarbeitung des von Verkehrsabgasen verschmutzten Findlings.

So drohte dem Denkmal ein wirklich unwürdiges Schicksal. Zunächst während der Umbauarbeiten achtlos in einem Schutthaufen abgelegt, sollte er nun irgendwo abgestellt werden, ohne zuvor gesäubert zu werden. Dies rief naturgemäß den Widerspruch einiger besorgter Bürger auf den Plan, die sich an die Behörden wandten.

Georg Winter, er entstammt einer alten Lokstedter Familie, war bereit, die Kosten für die Renovierung zu übernehmen und damit den „defizitären Etat“ des Bezirks zu entlasten. Im vergangenen Herbst ist er an das Forum Kollau herangetreten, um anzuregen, den Gedenkstein würdig zu reinigen, ihn an einen angemesseneren Platz umzuziehen zu lassen und ihn damit vor dem Verfall zu retten.

Der grüne Bezirksabgeordnete Volker Bulla nahm sich für das Forum Kollau der Sache an und trat den Weg durch die Ämter an. Ein Erfolg blieb jedoch aus und schließlich schaffte eine Mitarbeiterin des Denkmalschutzes vollendete Tatsachen. So landete der Stein schließlich vor dem Matratzenladen am Siemersplatz in dem Kiesbeet.

Eine ganze Weile versperrte sich dann die Behörde gegen jeglichen weiteren Verbesserungsvorschlag. Eine angebotene würdigere neue Heimat für den Gedenksteins auf privatem Grund, etwa neben der Rotbuche vor der Bücherhalle, verschließt sie sich nach wie vor: „Die ist aus unserer Sicht schwierig. Zumal der Stein sich ursprünglich im Zusammenhang mit einer Doppeleiche befand, die an der jetzigen Stelle im nächsten Frühjahr noch gepflanzt wird.“

Aktuell sieht es allerdings so aus, dass Bewässerungsrohre das Einzige sind, was aus dem Kiesbeet ragt und dem Stein Gesellschaft leistet. Dieser traurige Anblick rief weitere, engagierte Bürger auf den Plan. Beim zuständigen Ressort meldeten sich verschiedene Lokstedter, die wenigstens für die Renovierung aufkommen oder aber die Wurzelbürste persönlich in die Hand nehmen wollten.

Aktion Wurzelbürste

Auch hier zeigte sich die Behörde wenig einsichtig: „Eine Reinigung dürfte aber nur mit Wasser erfolgen, die Flechten können mit einer Wurzelbürste (keine Drahtbürste!!) vermutlich auch beseitigt werden, sofern das überhaupt notwendig ist. Ein Erneuern und / oder Nachmalen der Inschrift ist aber ausgeschlossen und wird auch nicht notwendig sein“, diktierte ein Mitarbeiter vom Denkmalschutzamt den Hilfswilligen wenig sachkundig die Bedingungen.

Die Aktion mit der Wurzelbürste hat sich indes als Flop herausgestellt: „Wir haben heute die Frontseite des Gedenksteins versucht zu säubern. Der Stein ist hochgradig mit Moosen und Flechten bedeckt und wir konnten mit Wurzelbürsten und warmem Wasser den Stein nur notdürftig reinigen. Das Wasser dazu bekamen wir aus dem Matratzenladen. Nach unserer Einschätzung muss der Stein tiefengereinigt werden. Mechanisch per Hand ist der Oberfläche nicht beizukommen. Die Schrift ist nur rudimentär vorhanden, die gemeißelten Buchstaben haben im Laufe der über 100 Jahre sehr gelitten und sind nur noch zu erahnen“, mussten sich Martina Wiecha und Freigang Müller nach einem Reinigungsversuch geschlagen geben.

Die Denkmalschutzbehörde war allerdings mit dem Ergebnis zufrieden: „Ganz herzlichen Dank für Ihre Mühe! Das ist toll und wenn ich das Vorher-Nachher-Bild sehe, dann ist der Zustand doch viel besser geworden!“, bekamen die beiden als Antwort.

Geschichtsinteressierter Mitbürger

Hier schaltete sich der Historiker Georg Winter noch einmal ein. Der „Lokstedter Jung“ ging täglich zweimal am verwahrlosten Stein vorbei und konnte das Elend nicht mehr sehen. Er fühlte er sich direkt angesprochen, Geschichte wieder sichtbar zu machen und schaute sich dann den von Hand gereinigten Stein noch mal genau an. Dieses Mal wendete er sich direkt an das Denkmalschutzamt.

Das Amt zeigte sich nun einsichtiger, zumal Winter der Behörde versprach, dass auf sie keine Kosten zukommen würden. So durfte er schließlich verschiedene Angebote einholen. Diese bewegten sich zwischen 790 und 2.000 Euro.

Abgewickelt wurde der Auftrag dann über das Forum Kollau, so dass es möglich war Georg Winter wenigstens eine Spendenquittung über den Betrag zukommen zu lassen.

Die Restaurierung

Mittwoch, kurz nach 10 Uhr auf dem Siemersplatz: Georg Winter und Siegbert Rubsch (Forum Kollau) besprechen sich mit der Restauratorin, die letzte Hand an den Gedenkstein legen wird. Sie hat den Stein fachgerecht gereinigt und die Originalschrift wieder hergestellt.

Eine Restaurierung in der kalten Jahreszeit ist schwierig. Durch den sehr milden Februar begünstigt, konnten die Arbeiten aber diese Woche abgeschlossen werden.

Probleme machte die Gravur. Sie ist derzeit noch undeutlich, da sie noch nicht mit schwarzer Farbe nachgezogen wurde. Die Restauratorin benutzt dafür eine witterungsbeständige Farbe auf Silikatbasis.

Aber auch die Typografie war nicht einfach. Die Buchstaben sind ohne Serifen ausgeführt. Solche sans-serif oder Grotesk genannten Schriften wurden Anfang des 19. Jahrhunderts in England für Werbetafeln entwickelt. In Deutschland kamen sie gerade erst in Mode, als der Findling beschriftet wurde. „Die Buchstaben- und Wortabstände sind recht unterschiedlich und unterstützen die Lesbarkeit nicht gerade gut. Vermutlich war der Steinmetz 1898 noch in der Ausbildung und hatte mit der Typografie der gerade aufkommenden Groteskschriften noch keine Übung“, so die Restauratorin.

Die Gedenktafel

Jetzt hat der Stein – dank der Initiative von Georg Winter und dem Forum Kollau – endlich wieder einen festen Platz gefunden und wird nicht mehr herumgestoßen. Allerdings wirkt er an seinem neuen Platz noch ein wenig wie ein Fremdkörper, so als hätte man ihn in das ihn umgebene Kiesbett hineingeworfen. Die von den Behörden vor Baubeginn versprochene würdige Umgebung sähe anders aus.

Und dennoch, wenn im Frühjahr noch eine doppelstämmige Eiche gepflanzt wird und zudem dafür gesorgt wird, dass die Hundeködel regelmäßig aus dem Kiesbett genommen werden, dann wäre das schon so etwas wie ein Happy End.

Sobald die Doppeleiche am Siemersplatz gepflanzt ist, wird das Denkmal dann noch mit einer Gedenktafel versehen, ebenfalls finanziert durch Georg Winter. Der Text steht noch nicht fest. Schön wäre es aber auf jedenfall, wenn anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel ein kleines Fest stattfinden könnte. Schwierigkeiten dürfte dabei allerdings die Location machen, der Siemersplatz nach dem Umbau ist dafür nicht wirklich geeignet.

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© Lokstedt-online 20.02.2014