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Stadtteilspaziergang mit Volker Bulla

Lokstedt im Regen

Den Hamburgern sagt man nach, dass sie sich von ein bisschen Regen nicht gleich den ganzen Tag verderben lassen. Trotz Friesennerz-Wetter folgten über 30 Interessierte der Einladung des Forum Kollau e.V. zu einem Stadtteilspaziergang in Lokstedt.

Treffpunkt vor der Haspa-Filiale am Siemersplatz. Schon als wir in letzter Minute um die Ecke bei Behrmann biegen, sehen wir eine auffallend große Traube von Menschen mit Regenschirmen. Und das war der Anblick, den wir in den nächsten zwei vergnügten Stunden für die vielen vorbei fahrenden Autofahrer darboten.

Unser Lokstedt-Führer ist der Rechtspfleger Volker Bulla. Er lebt seit 2002 in Lokstedt, interessiert sich für die Geschichte unseres Stadtteils, ist immer auf der Suche nach historischen Stätten und nimmt in Lokstedt an vielen Veranstaltungen teil. Außerdem ist Bulla Kreisvorsitzender der GAL in Eimsbüttel.

Mit dabei: Carsten Ovens vom Bürgerverein Hoheluft-Großlokstedt sowie Jürgen Frantz und der Historiker Georg Winter vom Veranstalter des Spaziergangs. Winter entstammt übrigens der alten Lokstedter Behrmann-Familie, die am heutigen Sitz des DRK nachweisbar 394 Jahre lang den Hof Nr. 3 bewirtschafteten.

Schnell wurden noch kleine Info-Flyer mit der Streckenführung verteilt und schon ging es los. D.h. wir standen bereits an der ersten „Haltestelle“.

Volker Bulla selbst war bestens präpariert. Als ob er das Regenwetter vorausgeahnt hat, hatte er für jede unserer Haltestellen sorgfältig laminiertes Bildmaterial mitgebracht und ließ nun die erste Tafel kreisen.

Siemersplatz

Das Gebäude, vor dem wir stehen, wurde 1934 für die florierende Lokstedter Gemeindesparkasse errichtet. In den 1930er Jahren entwickelte die Gemeinde Großlokstedt am Siemerplatz ihr neues Stadtteilzentrum, etwas abseits von den Läden im Dorf an der Grelckstraße. Die Lokstedter Betriebswerke errichteten dann neben der Sparkasse ihr Verwaltungsgebäude. Dieses war mit einem Schauraum angelegt, in dem nun seit Jahrzehnten Feinkost Behrmann angesiedelt ist. Damals, nach langjährig geführtem Abwehrkampf und Gründung der Großgemeinde, rechneten die Lokstedter nicht mehr mit einer Eingemeindung und planten kleinstädtisch. Vom Siemersplatz ausgehend war man zu dieser Zeit aber schon lange mit Hamburg durch die Straßenbahn verbunden und nach Fertigstellung der Gebäude kam dann doch noch 1937 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz die Eingemeindung. Jürgen Frantz und Georg Winter ergänzen abwechselnd.

Bis dahin war Lokstedt Teil der preußischen Provinz Schleswig-Holstein. Auf einer Verkehrsinsel genau gegenüber erinnert noch der Gedenkstein mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt 1848 - 1898“ an diese Zeiten. Dieser Stein wird allerdings nun im Rahmen der Bauarbeiten zur Busbeschleunigung in die Osterfeldstraße verlegt werden.

Lokstedter Steindamm

Der ehedem baumumstandene Siemersplatz war einst beliebtes Ausflugsziel der Hamburger. Auf der Ecke Osterfeldstraße stand früher die Gaststätte Lindenpark, eine beliebte Ausflugsgaststätte gleich an der Haltestelle der Straßenbahn, also für jeden Hamburger gut zu erreichen. Hier gab es ein Karussell und manch ein Lokstedter erinnert sich noch an die Schiffschaukeln. Weichen musste der Lindenhof in den 1960er Jahren für einen eher zweckmäßigen als schönen Büro- und Geschäftsbau, der mittlerweile auch in die Jahre gekommen ist.

Wir gehen nun den Lokstedter Steindamm stadteinwärts. Vom ehemaligen Lindenpark rüber zum Lindenhof. Hausnummer 7, ursprünglich eine Bäckerei, diente Jahrzehntelang als Restaurant und später als Kneippe. Aktuell ist hier wieder Gastronie ansässig. Es wird hier ein Steakhaus betrieben.

Das besonders Schöne an den Lokstedter Spaziergängen ist, dass man auf Menschen trifft, die ebenfalls eine Verbindung zu Lokstedt haben. Manch einer schwelgt in Erinnerungen. So auch eine Dame, die einst in Münsters Gastwirtschaft ihre Hochzeit gefeiert hat: „Ach war das schön!“

Ingrid Wurstmann geb. Koch berichtet. Sie sei früher aus Niendorf zu Fuß nach Lokstedt gegangen. Zum Einkaufen und um ihre Freundin zu besuchen.
Die Gruppe fragt nach: „Einkaufen?“ Ja, in Niendorf und Schnelsen hätte es damals nichts gegeben. So seien die Leute zu Fuß nach Lokstedt gekommen. Und am Siemersplatz und in der Grelckstraße gab es damals alles was man brauchte und hier war immer viel los.

Und quasi als Beleg ihrer Aussage fügte sie hinzu: Außerdem sei sie seit Ihrem 4. Lebensjahr mit der Familie Langeloh befreundet, die sie hier regelmäßig besuchte. Die Familie betrieb hier am Lokstedter Steindamm eine Schlachterei.

Die Freundin und ihre Tochter waren auch mit auf dem Spaziergang. Gabriele Langeloh zeigt uns das Haus, in dem sie einen Teil ihrer Jugend verbrachte. „Da unter dem Dach haben wir gewohnt und dort an der Ecke war der Schlachterladen. Und etwas weiter gab es Kemm‘sche Kuchen. Da bin ich oft rein und habe mir etwas Leckeres mit nach Hause genommen.“
 
Die Urgroßeltern, Hermann Langeloh ( * 29.7.1878; † 23.5.1924) und seine Frau Margarethe (geborene Petersen; * 12.3.1882; † 30.3.1949), betrieben ihre Schlachterei am heutigen Lokstedter Steindamm 29. Auf dem Bild (siehe Fotoserie) stehen von links nach rechts Hermann Langeloh, Margarethe Langeloh und Ihre erstgeborene Tochter Käte. Auf dem Schild hinter ihnen stand geschrieben: "Schlachterei und Wurstfabrik Herr Langeloh".
 
Das Gebäude der Schlachterei wurde im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. An Ort und Stelle wurde ein modernes Wohnhaus mit Ladenzeile errichtet, in dem auf der rechten Seite wieder ein Schlachterladen, die Fa. Repp, einzog. 

Die Langelohs hatten drei Kinder:

  • Käte heiratet später Carl Vollmer, deren Wäscherei heute in fünfter Generation von Brigitte Vollmer geführt wird.
  • Hermann Langeloh, wurde ebenfalls Schlachtermeister und übernahm die Schlachterei.
  • Grete heiratet den Pastor Seebrandt der Niendorfer Gemeinde. 

Weiter geht es, vorbei an den Räumen des ehemaligen Milch- und Sahnegrosshandels Wolper (die Meierei war bis 1962 in Betrieb), zum Hersteller der bereits erwähnten Kemm’schen Kuchen. Die Familie Kemm, seit 1769 als Bäcker und Konditoren zunächst in Altona beheimatet, verlegten 1903 ihre Kuchen-, Keks- & Zwiebackfabrik J. G. Kemm nach Lokstedt. 1995 wurde die Produktion eingestellt und der Name (das wohl wertvollste Lokstedter Warenzeichen) an eine Krefelder Firma verkauft. Noch heute kann der berühmte Kuchen in Nostalgiedosen gekauft werden.

Wiben-Peter-Straße

Gleich um die Ecke in der Wiben-Peter-Straße 4 steht noch eine Villa die der Architekt Wilhelm Vollmer 1903 erbaut hat. Etwas weiter, dort wo die Baufirma Burmeister, später Wellmann, ihr weitläufiges Firmengelände mit Sandgruben hatte, wurde das Corvey Gymnasium errichtet. Ursprünglich als Grundschule in Betrieb genommen, stellte sich der Standort in den 1960er-Jahren als Fehlplanung heraus.

Der Pillenknick zeigt seine Auswirkungen und die Konkurrenz mit der ebenfalls neuen Schule Vizelinstraße im dichter besiedelten Süden Lokstedts war zu groß. 1976 bestand hier der erste Abiturjahrgang seine Prüfung. Dieser Übergang von Grundschule zum Gymnasium brachte dem Geburtsjahrgang von 1961 den wohl unvergleichlichen Genuss, auf ein und derselben Schule Einschulungs- und Abiturfeier zu erleben.

Osterfeldstraße

In der Osterfeldstraße war einst, in vorgeschichtlichen Zeiten ein Begräbnisplatz. Später wurde entlang der Osterfeldstraße, wie an manchen anderen Stellen in Lokstedt, Sand abgebaut.

Seit 1861 war am Lokstedter Steindamm der Hamburg-Lokstedter Rennklub ansässig und betrieb eine kleine Rennbahn. Damals wurde bereits ein großes Pferdesportgelände geplant. Die Ausführung scheiterte allerdings wie so häufig am Grunderwerb, denn in Lokstedt war schon damals die Preise für die Grund und Boden sehr hoch. So zog der Rennklub weiter nach Horn.

Die Sandgruben wurden später mit Hausmüll verfüllt. Altlasten, die noch heute eine Rolle bei der Bebauung von Flächen spielen. Daher werden auf dem Wellmann Gelände nur 300 Wohnungen gebaut werden. Auf den kontaminierten Flächen soll ein Quartierspark eine Verbesserung der Freiraumversorgung bringen.

Ebenfalls in der Osterfeldstraße standen seit 1924 die 100 Meter hohen Sendemasten der „Nordischen Rundfunk Aktiengesellschaft“, außerdem siedelten sich hier Firmen wie die Fischfabrik Gunkel und Thormälen an.

Ein Herr aus der Gruppe zeigt uns sein Elternhaus. „Hier bin ich groß geworden. Heute wohne ich bei Stade, aber es zieht mich immer noch nach Lokstedt.“

Offakamp

An der Ecke zum Offakamp stehen noch einige ältere kleinere Gebäude, über die offiziell kaum etwas bekannt ist. Teilnehmer aus der Gruppe aber konnten etwas über diese Häuser berichten. Das seien noch von der Reichsbahn erbaute ehemalige Betriebswohnungen für die Eisenbahner des Güterbahnhofs Lokstedt. Das leuchtet ein und ist durchaus plausibel. Alles was östlich vom Offakamp lag, war bis in die 1960er Jahre hinein weiträumiges Gelände des Güterbahnhofs, der bis 1985 betrieben wurde.

Im Offakamp machte die Gruppe einen Abstecher zum alten Standort der Müllabfuhr. „Eine Müllabfuhr wie wir sie kennen, gibt es erst seit den 1950er Jahren, vorher konnten die Grundeigentümer den Müll auch selber entsorgen“, berichtet uns Bulla.

Später wurde die Fläche für die Stadtreinigung und Recyclinghof genutzt.
Die Fläche, die bis 1929 als Mülldeponien genutzt wurde, erlangte jüngst traurige Berühmtheit, als der Bezirk Eimsbüttel plante 177 Asylbewerber auf dem verseuchten Boden unterzubringen. (siehe Lokstedt online)

Die geplante Unterbringung von Flüchtlingen - die Container für die Asylanten stehen bereit - ist durch ein gerichtliches Verfahren derzeit blockiert, wenn nicht gestoppt. Hintergrund ist, dass die Bodenbelastungen ausschlaggebend waren, im aktuell gültigen Bebauungsplan Lokstedt 58 die Nutzung für Wohn- als auch die für soziale Zwecke ausdrücklich ausschließen. Auch eine zeitlich befristete Nutzung scheint nach Rechtsauffassung des Verwaltungsgerichts daher rechtlich nicht zulässig zu sein.

Nedderfeld

Auf dem Nedderfeld angekommen werfen wir einen kurzen Blick auf die andere Seite rüber nach Opel Dello. Ernst Dello höchst persönlich war 1914 Mitglied im Gemeinderat von Lokstedt.

Die Gruppe geht weiter zum Jägerlauf. Auf der Ecke ist seit 1892 das Familienuntrnehmen Wibo-Werk beheimatet. Das Unternehmen wurde als Töpferwerkstatt gegründet und ist heute europäischer Marktführer für Elektroheizsysteme.

Vor dem Wibo-Werkseingang finden wir dann auch einen angemessenen Hintergrund für ein Gruppenfoto. Dort steht eine moderne Skulptur, die in vier Schritten die Entwicklung vom Vormenschen zum modernen Menschen beschreibt.

Auf Höhe Kellerbleck angekommen, sehen wir die Rückseite des ehemaligen Straßenbahndepots. Hier unterbricht das Bauhaus nach 29 Jahren Ende Juni den Verkauf. Der Baumarkt wird vergrößert. Die alten Depots werden aber, da sie unter Denkmalschutz stehen, in das neue Gebäude integriert - selbst eine alte Straßenbahn soll dort aufgestellt werden. Die Betreiberfirma, an anderen Standorten ökologisch vorbildlich aufgestellt, machte allerdings jüngst erst durch eine über das Ziel hinaus schießende Baumfäll-Aktion am Nedderfeld auf sich aufmerksam (siehe Lokstedt online).

Weiter Informationen, zum Beispiel zum geplanten vierspurigen Ausbau des Neddrfeld finden sie ebenfalls auf Lokstedt online.

Kellerbleek

An der Brücke der Güterumgehungsbahn übertreten wir die heutige Grenze zu Groß Borstel. Früher gehörte das Gebiet noch zu Lokstedt, erst in den 1940er Jahren wurden hier die Stadtteilgrenzen verschoben.

Von unten sieht man noch das Schild „Hamburg-Lokstedt“ an den Gleisen stehen. Seit 1937 wurde die Strecke Eidelstedt - Lokstedt abgefertigt, die nach Osten weiterführende Strecke ging in den 1940er-Jahren in Betrieb. Jetzt soll das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes Lokstedt mit Wohnungen bebaut werden (siehe Lokstedt online).

Bei der Pulvermühle

Die Straßennahmen „Bei der Pulvermühle“ und „Auf dem Kollauer Hof“ erinnern noch an die Geschichte des Kollauer Hofes.

Der Kollauer Hof (Hof Nr. 30) bestand schriftlich belegbar von 1184 - 1921, also 737 Jahre lang, und ist damit weitaus älter als alle anderen Lokstedter Höfe. Zur Zeit seiner ersten schriftlichen Erwähnung gehörte der Hof noch nicht zu Lokstedt, sondern zu Groß Borstel. Die Curia Burstolde an der Coldeloghe wird in einer Urkunde des Bischofs Sigfried 1184 zum erstenmal erwähnt. Der Bischof setzt fest, dass der Hof eine jährliche Abgabe von fünf Mark zum Unterhalt der Hamburger Domschüler aufzubringen habe. Der Name Coldeloghe bezeichnete eine Kornmühle, die an der Tarpenbek errichtet worden war.

Ab 1341 verkaufte Adolf von Holstein die Mühle dem Kloster Jungfrauenthal. 1591 wurde die Mühle aufgegeben, danach wurde sie als Pulvermühle genutzt, die 1660 in die Luft flog, jedoch wieder aufgebaut wurde und bis 1773 Schießpulver produzierte.

Für uns schließt sich hier der Kreis. Am Siemersplatz bei den Betriebswerken Lokstedt beginnend sind wir nun an ihrem einstigen Betriebsgebäude angelangt, das alte Pumpwerk. Hier beenden wir den Spaziergang völlig durchnässt an der Hochwasser-führenden Kollau.

So. 26.05.2013

Forum Kollau

Stadtteilspaziergang - Lokstedt – die andere Seite

Volker Bulla zeigt weitgehend unbekannte Zeugnisse dieses ersten Wandels vom Dorf zum Stadtteil, z.B. die alte Keksfabrik Kemm, das Corvey Gymnasium, das Straßenbahndepot und den alten Güterbahnhof Lokstedt.

c/o Schule Bindfeldweg
Bindfeldweg 37, 22459 Hamburg
www.forum-kollau.de

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© Lokstedt-online 02.06.2013