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Gedenkstein am Siemersplatz

Busbeschleunigung wichtiger als Denkmalschutz

Es ist Ironie pur. Genau dort, wo der stetig wachsende Verkehrsstrom den Siemersplatz zerstört und unser Lokstedt in vier Teile zerfällt, steht ein Findling mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt 1848 - 1898“.

Als dieser Findling 1898 zu Ehren der Veteranen von 1848 aufgestellt wurde, konnte niemand ahnen, wie doppeldeutig heutzutage diese Inschrift interpretiert werden kann.

Beigegeben wurde dem Findling einst eine Doppeleiche, darstellend die Herzogtümer Schleswig und Holstein, vereint im Kampf gegen die Dänen. Bis 1919 hieß der heutige Siemersplatz „Bei der Doppeleiche“. Woraus ersichtlich ist, welche Bedeutung einst dem Findling und seiner Eiche zuerkannt wurde. Umzäunt war er mit einem schönem Zaun.

Die Doppeleiche musste im April 1978 dem Verkehr weichen. Die Sicherheit könne nicht mehr gewährleistet werden, da die Wurzeln des Baumes zum großen Teil verfault wären, hieß es von Seiten der Behörden.

Nur der Gedenkstein steht noch auf der Nordspitze der Grünfläche bei der Bushaltestelle in Richtung Niendorf. „Up ewig ungedeelt 1848 - 1898“. Das erste Datum weist auf die Erhebung der Herzogtümer gegen die dänischen Anschlussbestrebungen hin, die zweite Jahreszahl auf die Pflanzung der Doppeleiche 50 Jahre später.

Quasi als Ersatz pflanzte man am 14.11.1990 in Höhe des Matratzen-Ladens, weit weg vom Gedenkstein, einen 11 Jahre alten Rot-Ahorn, den das Ortsamt dem Bürgerverein aus Anlass seines 90-jährigen Bestehens geschenkt hatte. Dieser hatte als Standpunkt den Siemersplatz vorgeschlagen, weil dort ein Defizit an Grün bestehe.

Am 24.03.2013 steht der Stein seit nunmehr 115 Jahren am Siemersplatz. Anerkannt als schützenswertes Denkmal, aber unscheinbar seit ihm die Doppeleiche abhanden gekommen ist. So kommt es, dass man ihn manchmal fast vergisst.

Und auch als die Bürger nicht über die Umbaumaßnahmen im Rahmen des Busbeschleunigungsprogramms informiert wurden, also als die Bürger wieder einmal den Behörden die Informationen aus der Nase heraus ziehen mussten, da wurde er vergessen. Auf einem nun veröffentlichen Plan wird ersichtlich, dass der Rot-Ahorn für die Busbeschleunigung weichen soll.

Die Bedenken kamen nach und nach

Martina Wiecha, aktiv in der Bürgerinitiative Lokstedt 58, wohnt gleich um die Ecke und kommt jeden Tag an dem Findling vorbei. Irgendwann fragte sie sich, was wird eigentlich mit dem Findling? Wagen die für die Umbauarbeiten zuständigen Beamten Hand anlegen zu lassen an das Ehrenmal? Geben die nunmehr (viel zu spät) im Internet verbreiteten, unzureichenden Pläne zu den Umbauarbeiten am Siemersplatz Auskunft über den Verbleib des Findlings?
http://www.via-bus.de/contentblob/3600594/data/05-siemersplatz-metrobusline-5-gesamtplanung.pdf

Auf dem Karten war der Findling nicht verzeichnet, so musste Wiecha eine Email an das Denkmalschutzamt schreiben.

Die Fragen

So stellte Wiecha denn ihre Fragen:
„Kann durch eine Umgestaltung und neue Strassenführung einfach der Findling von seinem Platz genommen werden?
Steht er nicht an einem historischen Ort?
Welche Kenntnis hat Ihre Behörde von diesem Bauvorhaben?“

Und um der Behörde die Auffassung vieler Lokstedter zu diesem Thema gleich zu verdeutlichen, fügte sie noch hinzu: „Wir Lokstedter setzen uns für dieses Denkmal ein.“

Die Antworten

Vom Leiter des Denkmalschutzamts Frank Pieter Hesse erhielt sie einige bemerkenswerte Antworten:

Es sei in der Tat so, dass der Findling versetzt werden solle und das Denkmalschutzamt habe Kenntnis von der Maßnahme.
Aus zwei Gründen habe das Denkmalschutzamt keine Bedenken:
Zum einen wurde das Denkmal schon einmal leicht versetzt; es handele sich also nicht um den Originalstandort.
Zum anderen sei die heutige Situation keine ideale und angemessene.
Im Übrigen sei der Denkmalbelang nur einer der zahlreichen öffentlichen Belange, die untereinander abgewogen werden müssten.
Das Busbeschleunigungsprogramm sei erklärtes Ziel des Hamburger Senates.

Am Ende schlägt Hesse noch versöhnliche Töne an: „ Dem Denkmalschutzamt ist es wichtig, dass der Stein in jedem Fall am Siemersplatz verbleibt.“ Dieses Vorhaben erläutert er dann noch:
„Gemeinsam mit dem Bezirk Eimsbüttel wurde allerdings eine neue Stelle weiter östlich am Siemersplatz gefunden, an der der Gedenkstein in einem angemessenen Umfeld wie ursprünglich mit Doppeleiche wieder aufgestellt werden wird.“

Was ist angemessen?

Der Findling mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt“, auf die Ironie dieser Worte wurde eingangs bereits hingewiesen, wäre dort wo er einst stand nicht nur angemessen platziert gewesen. Er hätte dort sogar seine Worte wahr gemacht. Er hätte dort quasi als Schutzbollwerk gegen den Verkehr gewirkt. Die Versäumnisse sind also in der Vergangenheit zu begangen worden. Aber wo war damals das Denkmalschutzamt? Die Eiche mit ihren angeblich verfaulten Wurzeln und der Stein hätten geschützt werden müssen. Wenn man ihnen dann noch angemessenen Raum, einen kleinen Platz zugestanden hätte, wäre aus dem einst schönen Siemersplatz keine bloße Kreuzung geworden.

Zukünftig wird dort am Siemersplatz jeder Zentimeter für die unsinnige Busbeschleunigung eingeplant. Aber hat uns Lokstedter jemals jemand gefragt, ob wir wirklich wollen, dass der Metrobus 5 beschleunigt über den Siemersplatz rauscht. Was bringen 5 Minuten, die auf dem Weg zum Hauptbahnhof eingespart werden, wenn man diesem Ziel alle auf dem Weg liegenden Kreuzungen und Plätze opfern muss?

Hesse, dessen Amt die Verantwortung trägt, schreibt zynisch, die heutige Situation sei keine ideale und angemessene. Aber diese Situation haben die Behörden doch selbst verursacht: Der Stein steht heute auf einer verwahrlosten Fläche, ungepflegt in Gemeinschaft mit einem Stromkasten. Einige Meter davon entfernt, steht ein mickriger Baum, an ihm werden gerne Wahlplakate befestigt.

Wohin kommt der Stein?

Nach Eingang der Email schaute Wiecha auf den Bauplänen nach. Weiter östlich, wo könnte der Findling dort ein angemessenes Umfeld finden. Zunächst ist da eine kleine Verkehrsinsel. Drei Bäume werden dort gepflanzt. Aber die Verkehrsinsel ist nur mit dem Fahrrad zu erreichen. Wie sollte man dort die Inschrift lesen? Nein, dort kann es nicht sein.

Dann also noch weiter östlich. Aber das ist nicht mehr der Siemersplatz. Das ist dann in der Osterfeldstraße und da gehen dann auch so gut wie keine Passanten lang. Könnte es sein, dass Hesse eigentlich meint wenn er schreibt, dass der Stein in jedem Fall am Siemersplatz verbleibe, er verbleibe eben nicht dort. Ist das alles nur ein behördliches Verwirrspiel? Oder will Hesse tatsächlich die Osterfeldstraße in „Doppeleichenallee“ umbenennen. Netter Einfall eigentlich, wenn nicht 1963 fast alle Bäume in der Osterstraße gefällt worden wären. Nun gibt es dort also 50 Jahre später einen Ausgleich, es wird eine Doppeleiche gepflanzt in der Osterfeldstraße.

Versetzung. Ja oder Nein?

Interessant auch der Hinweis, dass der Stein schon einmal leicht versetzt wurde, mithin habe er nicht mehr seinen historischen Standort. Das mindert natürlich seinen Wert als Denkmal. Warum gab es aber damals keinen Einwand von Seiten des Denkmalschutzamtes, als der Stein das erste Mal versetzt wurde?

Allerdings auch diese Behauptung Hesses mag eine Schutzbehauptung sein. Auf den verschiedenen hier vorliegenden Fotografien aus den letzten 90 Jahren, ist eine Versetzung des Steins nicht ersichtlich. Wenn er bereits einmal versetzt wurde, dann nur minimal. Nun aber droht eine Versetzung in die Osterfeldstraße und damit in die Bedeutungslosigkeit.

Denkmalschutz ohne Priorität

Eigentlich schafft Hesse mit seinen Aussagen zur Priorität sein Amt gänzlich ab. Er gesteht ein, dass es im Grunde völlig egal wäre, was mit dem Stein geschähe, denn schließlich sei der Denkmalbelang nur „einer der zahlreichen öffentlichen Belange.“ Der Hamburger Senat habe entschieden, oberste Priorität gelte dem Busbeschleunigungsprogramm. Dann kann Hesse auch gleich seinen Laden dichtmachen!

Horst Grigat: „Hamburg – Lokstedt, von der Steinzeit bis zum Jahre 2000“.
Kollauer Chronik Bd. I

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© Lokstedt-online.de 24.01.2013