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Historische Gebäude

Ortsbildprägung mit der Abrissbirne

In der Vogt-Wells-Straße 18 steht es noch, das älteste Haus Lokstedts. 1804 wurde es für die Bäckerei Molsberger errichtet und macht auf den ersten Blick noch einen recht guten Eindruck.

Von außen hat sich an dem Haus in 200 Jahren nicht viel verändert. Die schönen grünen Fensterläden sind nach wie vor ein echter Hingucker. Seit das Fachwerkhaus aber bei EBay-Kleinanzeigen als schnödes Baugrundstück zum Verkauf angeboten wurde, empören sich Lokstedter Bürger über den geplanten Abriss. Völlig zu Recht!

Nicht den Investor trifft die Schuld

Auch auf Lokstedt online erschienen zwei Artikel zu diesem Thema. Zunächst Anfang Oktober 2011 „Ältestes Haus soll abgerissen werden“; es folgte Ende August 2012 „Rettet den Backofen!“ Im ersten Artikel wurde auf ein Wunder gehofft. Im zweiten wurde gemahnt, doch wenigstens den über 200 Jahre alten Backofen zu retten.

Anschließend wurde bei der Geschäftsführung der Johannsen Bauprojekt-Entwicklungsgesellschaft mbH mit Sitz in Hamburg-Stellingen mit den Worten: „Ein solches Schmuckstück hanseatischer Handwerkstradition gehört nach Auffassung von ausgewiesenen Heimatkundlern in ein Museum“, per Mail um einen Termin zwecks In-Augenscheinnahme des Ofens und der Immobilie nachgesucht.

In der letzten Woche meldete sich dann doch noch - spät aber nicht zu spät, das Haus steht ja noch - der Geschäftsführer des Bauträgers Dirk Johannsen und bot einen Termin für eine Begehung des Hauses an.

In Begleitung der ausgewiesenen Lokstedt-Expertin Ursula Gehrke und des Lokstedt-online-Lesers Ulrich Staets begab die Autorin dieser Zeilen sich dann tief in Feindesland. Und dies tat sie mit Vorurteilen beladen. In der sicheren Erwartung einen wunderschönen alten Ofen in einem absolut erhaltungswerten historischen Gebäude wenigstens noch einmal fotografieren zu können, bevor die Abrissbirne nächste Woche Frevel mit dem Gebäude treibt. Doch alles kam ganz anders. Denn bei genauerem Hinsehen offenbart sich: Das Haus ist nicht mehr zu retten.

Eine Ruine vorgefunden

Außer Dirk Johannsen war auch die neue Eigentümerin zugegen. Wir wurden freundlich begrüßt und herum geführt.

Den nicht historischen Anbau ließen wir außen vor und machten uns gleich auf den Weg das vermeintliche Prachtstück in Augenschein zu nehmen. Dazu mussten wir uns in den Keller begeben.

Von der alten Backstube führt eine Treppe hinab. Wir kommen auf einen engen Flur an einer alten Tür vorbei. Dahinter verbirgt sich eine kleine Speisekammer in dem früher die Brote getrocknet wurden. Weiter dann in einen kleinen Raum mit einer steilen Treppe, die an der Decke endet. Hier ging es früher zum Verkaufsraum. Hinter der Treppe gelangen wir mit eingezogenen Köpfen zu dem Ofen.

Diesen aber finden wir in einem sehr schlechten Zustand vor: Verrostet, versandet und die Klappe, mit der Ofen einst verschlossen wurde, fehlt. Eine Ruine von einem Ofen, nur noch zum Teil aus alten Mauersteinen, teilweise wurden sie auch erneuert.

Zur anderen Seite ein sehr kleiner Raum, wo früher der Teig hergestellt wurde. Viele Bäcker können in dieser engen Backstube nicht gearbeitet haben. So dürfte also der Bruder der Urgroßmutter der Autorin dieser Zeilen - von dem häufig erzählt wurde, dass er einst dort gearbeitet hätte - nicht viele Kollegen gehabt haben. Es sei denn, ihm hätten die sieben Zwerge zur Seite gestanden.

Ein alter Tisch steht in dem kleinen Raum. Herr Johannsen hat ihn der Autorin überlassen. Er wird ins Esszimmer kommen, im Gedenken an den einsamen Onkel Arthur, der nachts dort Brötchen gebacken hat.

Im Erdgeschoss befindet sich eine große Küche mit einem alten Herd. Die Fliesen sind allerdings nicht original. Auch hier noch eine alte Speisekammertür. Die Fenster haben innen noch alte Rahmen. Ansonsten nichts Originales zu entdecken. Alles weitere wie Fenster, Böden, Treppe und Türen nicht stilecht.

Im ganzen Haus war es eisig. Dirk Johannsen erklärt, dass solch ein Haus nur schlecht zu isolieren sei. Innen ginge es nicht und von außen würde das Fachwerk verdeckt. Dabei verfügt Johannsen über die nötige Erfahrung: Der alteingesessene Lokstedter hat einst das Antikes (ehemals Lokstedter Lindenhof, heute Rio Grande) vor dem Abriss gerettet. Für sich selbst hat er eine alte Scheune in Rellingen restauriert.

Das Dachgebälk in dem Fachwerkhaus sei zudem von Holzwürmern durchsetzt. Hausschwamm und Schimmel breiteten sich auf dem Dachboden und im Keller aus. Ein potentieller Käufer, der das Gebäude hätte sanieren wollen, hätte wirklich tief in die Tasche greifen müssen. Und ein Retter für das Fachwerkhaus an einer solch viel befahrenen Straße habe sich eben nicht gefunden.

Verantwortung beim Denkmalschutzamt

Letztlich aber war das Schicksal des Hauses schon lange besiegelt. Schon vor Jahren wurde der beantragte Denkmalschutzstatus dem Haus nicht zuerkannt. Für das Denkmalschutzamt war der Zustand des noch unter dänischer Herrschaft erbauten Gebäudes nicht original-getreu genug, weil in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts umfangreiche bauliche Änderungen vorgenommen wurden.

Durch diese krasse Fehleinschätzung konnten die Mittel für die notwendige Sanierung und Instandhaltung nicht auf Dauer gesichert werden. Die ehemalige Besitzerin des Hauses hat mit Liebe zur Geschichte des Hauses - überall hängen noch Bilder und Drucke - jahrelang gekämpft.

Letztlich war aber die Bausubstanz zu marode, so bot das Haus am Ende den Mietern gar die Möglichkeit, den Mietzins zu mindern. Das Haus drohte zum Verlustgeschäft zu werden. Da hat die Besitzerin die Notbremse gezogen und es im Herbst vorletzten Jahres zum Verkauf angeboten.

Die Entscheidung des Denkmalschutzamtes ist für die Bürger vor Ort, aber auch für Politiker und Beamte anderer Behörden völlig unverständlich. Die Kollegen die für die Städteplanung im Bezirk zuständig sind, haben zum Beispiel eine völlig andere Auffassung. Ihnen ist es offensichtlich völlig egal, ob der Grundriss etwa 1920 modifiziert wurde. So heißt es im für die Vogt-Wells-Straße geltenden Bebauungsplan-Entwurf Lokstedt 60 wörtlich: „Als eines der letzten Gebäude aus Lokstedts dörflicher Vergangenheit ist das eingeschossige Gebäude Vogt-Wells-Straße 18 ortsbildprägend.“

Droht weiteres Ungemach?

Doch nun da der Untergang des alten Hauses unmittelbar bevorsteht, droht neues Ungemach. Der Neubau wird um einige Meter zurück versetzt errichtet werden und sich damit in die Baufront der Nachbarhäuser einreihen.

Nur noch das dann älteste Haus in der Vogt-Wells-Straße, das Haus Nr. 10, bewahrt die Straße vor weiterem Übel. Heute im Besitz von Glaser Andreas, wurde es 1887 als Mitgift für die Großbauerntochter Anna Wilhelmine Hinsch aus Niendorf erbaut. Nunmehr bewahrt dieses letzte nicht in der Baufront stehende Haus die Straße vor einer weiteren Verbreiterung. Hoffen wir, dass es noch lange erhalten bleibt.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online.de 18.01.2013