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Serie Lokstedts Zentrum

Nicht zu retten!

In einer Serie von Artikeln beschäftigen wir uns mit dem Lokstedter Zentrum.
Teil 4: Gescheiterte Versuche der Wiederbelebung (1980 - 2012)

Was muss das für ein Tag gewesen sein! Am 2. Mai 1919, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, stand er am „Platz bei der Doppeleiche“. Ihm zu Ehren und in großer Dankbarkeit wurde der Platz neu benannt. Heinrich Siemers II., hochverdiente Persönlichkeit, stellvertretender Gemeindevorstand und Kreistagsabgeordneter, Mitbegründer des Bürgervereins und des Entwässerungsverbands, stolzer Besitzer des Hofs Nr. 6 und als Unternehmer der Inbegriff des modernen Agrarökonomen.

Schade nur, dass sein Vater, Heinrich Siemers I., das nicht mehr erleben durfte. Gefühle durchdrangen ihn, nur nachvollziehbar für den, der wie er nur einen Steinwurf von diesem bedeutenden Lokstedter Platz entfernt geboren wurde, der nun seinen Namen trägt.

Vom Siemersplatz zur Leschnerkreuzung

Ob Heinrich Siemers seinen Siemersplatz wohl heute wiedererkennen würde? Und, würde er es wohl als große Ehre betrachten, dort vor dem Gedenkstein mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt – 24. März 1848 -1898“ zu stehen, wenn direkt hinter ihm der weltgrößte Niederflurbus der Metrobuslinie 5 vorbeifegt? Dort stehend mit Blick auf den Rot-Ahorn – der als Ersatz für die Doppeleiche 1990 gepflanzt wurde und den das Ortsamt seinem Bürgerverein aus Anlass der 90-jährigen Bestehens geschenkt hatte – würde er bald schon mit ansehen müssen, wie auch dieser Rot-Ahorn der Busbeschleunigung zum Opfer fallen wird. Würde er sich nicht wünschen, dass diese Kreuzung erneut umbenannt würde. Umbenannt etwa in Olaf-Scholz-Platz.

Nein, gehen wir auf der Suche nach einem Kandidaten für die Umbenennung noch etwas weiter zurück. Zurück ins Jahr 1996. In das Jahr als Ortsamtsleiter Hartmut Leschner mit folgenden Worten dem Siemersplatz den endgültigen Todesstoß versetze: „Ich sehe keine Möglichkeit, von Seiten der Stadt etwas für die Steigerung der Attraktivität des Siemersplatzes beizutragen.“

Da scheinen wir also einen geeigneten Kandidaten gefunden zu haben. Krönen wir also die Laufbahn des Standesbeamten und späteren Ortsamtsleiters Leschner mit der großen Ehre, diesem einst wunderschönen Platz seinen Namen zu geben: Leschnerkreuzung!

Düstere Prognosen

Man kann annehmen, dass Leschner die Entscheidung, den Siemersplatz aufzugeben, nicht einfach aus dem Bauch heraus getroffen haben wird. Aus heutiger Sicht muss man zudem einräumen, dass 1996 wohl kaum mehr Besserung für den Siemersplatz möglich war.

Der Verwaltung müssen bereits zu diesem Zeitpunkt entsprechende Daten vorgelegen haben, aus denen hervorging, dass der Siemersplatz sich unweigerlich in eine öde Wüste verwandeln würde.

Die Verkehrsschätzungen waren eindeutig. Damals noch 60.000 Kraftfahrzeuge, Mitte der 2000er Jahre bereits 100.000 Kraftfahrzeuge und aktuell über 175.000 Kraftfahrzeuge Tag ein Tag aus.

Leschner hatte recht! Warum sollte man in einen Platz investieren, der bereits auf dem Weg war, zu einem der verkehrsreichsten Plätze Hamburgs zu werden.

Die Gelder fließen nach Niendorf

Schon seit Anfang der 1980er Jahre, als der Tibarg die U-Bahn-Anbindung erhielt, wurde der Siemersplatz übergangen. Dabei hatte der Ortsausschuss 1957 den Bau einer U-Bahn „Innenstadt -Siemersplatz - Niendorfer Markt“ gefordert. Noch 1972 war geplant, die U-Bahn vom Siemersplatz aus in einem weiten Bogen durch Groß Borstel nach Niendorf zu führen. Die später gewählte Streckenführung „Hagenbecks Tierpark - Hagendeel -Tibarg“ wurde diesen Plänen nicht gerecht. Den Siemersplatz ließ man links liegen.

Nach dem Bau der U-Bahn nach Niendorf wurde Zentrumsentwicklung, zumindest was die benachbarten Stadtteile Lokstedt und Niendorf anging, nur noch am Tibarg betrieben. Noch heutige vertritt der SPD-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksversammlung Eimsbüttel die fragwürdige Auffassung, er könne ja zu Fuß zur U-Bahn Hagenbeck gehen und von dort zum Einkaufen zum Tibarg fahren. Wozu brauche Lokstedt da ein eigenes Zentrum.

Millionen sind in der Niendorfer Einkaufsstraße verpufft. Wer erinnert sich nicht an die sinnlosen Wellen im Eingangsbereich des Tibarg. Mal wurde ein Einkaufszentrum im nördlichen Tibarg errichtet, obwohl der Investor lieber am Siemersplatz gebaut hätte. Dann wurde wieder der vernachlässigte südliche Tibarg gefördert. Was bedeutete, dass die Wellen wieder verschwanden. Zuletzt wurden 1,75 Millionen Euro investiert und der Tibarg präsentiert sich 2012 mit neuen Fahrradbügeln, Laternen, plätschernden Brunnen und neuartigen Spielgeräten.

Leschner fordert Bürgerbeteiligung ein

Als Leschner 1996 dem Siemersplatz den Todesstoß versetzte, indem er keine Möglichkeit sah, von Seiten der Stadt etwas für den Siemersplatz zu tun, fügte er hinzu: „Das kann nur im privaten Bereich passieren, z.B. durch den Neubau anderer Läden und mehr Grün.“

Dennoch hätte es eine letzte Chance für den Siemersplatz gegeben. Wenn der Siemersplatz eine U-Bahn-Station bekommen hätte oder nur wenigstens die Linie 2 der Straßenbahn weiter gefahren wäre und wenn der Bezirk, anstatt sich zurück zu ziehen geholfen hätte, ein Einkaufszentrum auf dem ehemaligen Gelände des Gasthofs Münster an der Ecke Kollausstraße / Vogt-Wells-Straße zu errichten.
Aber ohne die Hilfe des Bezirks bekam der Investor nicht genügend Grundstücke zusammen und baute dann 2002 statt dessen das Tibarg Center. Der Bau eines Einkaufszentrums mit großem unterirdischem Parkhaus am Siemersplatz wäre aber wohl wirklich die allerletzte Chance gewesen, den Siemersplatz attraktiv zu gestalten.

Anstatt einfach zuzugeben, dass der Siemersplatz aufgegeben wurde, handelte die Politik verlogen. Zynisch wurde Bürgerbeteiligung eingefordert. Die Anwohner wurden in die Pflicht genommen, etwas für den Siemersplatz zu tun, obwohl die Behörden schon damals wussten, dass das verlorene Liebesmüh war.

Die Bürger machten sich an die Sisyphusarbeit

Denn natürlich wollten die Lokstedter ihr Zentrum retten. Ein Ort ohne ein Zentrum ist schließlich eine öde Wüste.

Doch die sich zu dieser Arbeit berufen fühlenden nahmen die Worte Leschners zu wörtlich. Sie hätten zwischen den Zeilen lesen sollen. Dort stand, dass Leschner eben nicht mehr an eine Zukunft des Siemersplatzes glaubte. Und auch, dass die Stadt die Bemühungen ihrer Bürger nicht fördern würde.

Allen voran nahm der damals schon langjährige Vorsitzende des Bürgerhauses Lokstedt Hansjürgen Rhein die Worte Leschners für bare Münze. Noch im Jahr 1996 gruppierte sich um diesen Kristallisationspunkt ein Zusammenschluss von Lokstedter Bürgern, Geschäftsleuten und Einrichtungen aus dem schon bald das noch heute regelmäßig tagende „Lokstedter Forum“ hervorgehen sollte.

Zunächst aber bildete sich der Arbeitskreis "Zentrumsentwicklung Lokstedt" und getreu dem Luther-Motto: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen!", machte man sich an die Arbeit.
Zunächst kam der Arbeitskreis gut voran. Schon im April 1997 wurde ein Städtebauliches Gutachten unter Mitarbeit dieser noch jungen Gruppierung von der Firma Plankontor im Auftrag der Stadtplanungsabteilung des Bezirksamts Eimsbüttel erstellt: „Perspektiven zur Entwicklung des Stadtteilzentrums Lokstedt“. Und der Arbeitskreis hatte Gelegenheit seine Vorschläge auf einem Workshop im Januar 1997 einzubringen.

Ein Papier der Bezirklichen Entwicklungsplanung aus dem Jahre 2002 schreibt dazu:

„Das Gutachten zur Entwicklung des Zentrums Lokstedt wurde von Anfang an mit einer begleitenden Projektgruppe, die aus 20 Vor-Ort-Akteuren bestand, bearbeitet. Im Januar 1997 fand hierzu ein Workshop statt. Ein entsprechendes Handlungskonzept wurde 1998 politisch beschlossen.

Das Konzept hat im Kern die Schwerpunkte Städtebau und Gestaltung, Verkehr und Wohnen. Dabei sollen folgende Maßnahmen eine besondere Priorität erhalten:

Die Neubebauung des ehemaligen Münsterschen Grundstücks an der Ecke Kollaustraße / Vogt-Wells-Straße und an der Ecke Siemersplatz / Osterfelderstraße zur städtebaulichen Fassung des Raumes und zur Stärkung des Zentrums (Nutzung, Angebote).

Im Bereich des öffentlichen Straßenraumes wird durch eine Neuordnung Raum für die Rechtsabbiegespur in die Vogt-Wells-Straße gewonnen. In allen Teilen wird Wert auf eine Fußgänger- und Radfahrfreundliche Gestaltung gelegt. Baumpflanzungen sorgen für eine optisch-psychologische Beruhigung des Straßenraumes. Das Konzept berücksichtigt auch die Integration der Stadtbahn. Die Beeinträchtigung des Wohnens soll durch gezielte Neubebauung als Lärmschutz gemindert werden. Die Maßnahmenpalette reicht von begrünten Mauern bis hin zu Möglichkeiten der Grundrissdrehung in vorhandenen Gebäuden. Die Neubebauungen sollen auch dazu beitragen, fehlende soziale und kulturelle Einrichtungen aufzunehmen.“

Wir haben nachfolgend wesentliche Passagen aus dem Städtebaulichen Konzept für den interessierten Leser in einer PDF zusammengetragen.

Das Lokstedter Forum fasste die Ergebnisse des Gutachtens ebenfalls zusammen und stellte einen Maßnahmenkatalog auf:

• Neugestaltung des Eckgrundstücks Kollaustraße / Vogt-Wells-Straße.

• Pflanzung einer Baumreihe auf der nördlichen Seite der Vogt-Wells-Straße.

• Aktivierung einer Werbegemeinschaft der Geschäftsleute. Daraus wurde der Gewerbeverein Kaufleute & Co. Lokstedt e. V.

• Einrichtung einer zusätzlichen Ampel südlich des Siemersplatzes.

• Neubauten auf der nicht mehr von den HEW beanspruchten Fläche neben der Feuerwache Lokstedt mit Wohnungen und Läden.

• Einrichtung einer Parkpalette an der Lembekstraße.

• Bau eines turmartigen Gebäudes an der Ecke Osterfeldstraße / Lokstedt Steindamm.

Munter machten sich die Akteure daran, für eine Umsetzung des Konzeptes zu sorgen und zogen dabei sämtliche Register:

• Im Sommer wurde das Konzept vier Wochen lang in der Bücherhalle ausgestellt.

• Der schwere Unfall einer Radfahrerin, die am Siemersplatz von einem LKW erfasst wurde, gab Anlass den Ersten Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) auf einer Wahlkampfveranstaltung auf die Verkehrssituation in Lokstedt anzusprechen. Der antwortete brav und brachte seine Freude zum Ausdruck, dass die Radfahrerin „nur“ schwer verletzt sei. Ansonsten führte er den Unfall aber auf menschliches Versagen zurück. Der LKW-Fahrer hätte eine gelbe Warnleute übersehen.

• So schrieb Rhein, gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Andreas Scheffler, dem Volkswirt Jörg-Rüdiger Vahle und dem Soziologen Matthias Klupp im November 1997 Briefe an die zuständigen Senatoren und unterbreitete den Maßnahmenkatalog. Betreff: Verkehrssituation in Lokstedt.

• Regelmäßig wurde ins Lokstedter Forum geladen. So gab es am 29.01.1998 ein Gespräch zum Thema Verkehrssituation Siemersplatz und Grelckstraße mit Vertretern der SPD, CDU und der GAL sowie einem Gutachter von Plankontor.

•  Artikel im Niendorfer Wochenblatt und der Zeitung des Bürgervereins wurden lanciert.

Am 20.01.1998 dann die erste niederschmetternde Antwort. Der Innensenator Hartmuth Wrocklage (SPD) hatte die Ampelschaltungen überprüfen lassen und sie wurden für sicher befunden. Alle anderen Maßnahmen wurden abschlägig entschieden. Lediglich „den Gehwegbereich im Bereich Kollaustraße 7 - 9 zur Fahrbahn hin ‚abzupollern‘“ fand seine Zustimmung.

Wie konnte das sein? Eine Absage bereits Im Januar 1998 und im bereits oben zitierten Papier der Bezirklichen Entwicklungsplanung aus dem Jahre 2002 heißt es: „Ein entsprechendes Handlungskonzept wurde 1998 politisch beschlossen.“

Was war das für ein Handlungskonzept?

In Wahrheit wurden die „Vor-Ort-Akteure“ hingehalten. Es lief so, wie Leschner es angekündigt hatte. Der Staat würde sich zurückhalten. Da waren Aktivisten, die Forderungen an den Staat stellten. Aber Ansage Leschners war, ihr müsst auf eigene Kosten begrünen. Und so artet das weitere Szenario zu einer politischen Farce aus.

Wie meist, wenn Bürger zu recht etwas fordern, gibt es zunächst eine Info-Veranstaltung, dann einen Workshop. Dann muss ein Gutachten her. Das Gutachten muss dann von den zuständigen Behörden geprüft werden. Das dauert Jahre. Danach haben aber immer noch nicht alle Politiker, gar die Senatoren oder der Bürgermeister Kenntnis. Im Zweifel müssen sich erst mal deren persönliche Referenten einlesen. Auch das dauert. Um die Akteure inzwischen hinzuhalten, gibt es gelegentlich freundliche Worte. Das macht Hoffnung und hält weiter hin. Wenn dann irgendwann einmal von Seiten der Aktuere mit Nachdruck nachgefragt wird, gibt es bestenfalls einen neuen Senat. Auf jeden Fall gibt es dann endlich den negativen Bescheid und auch der Ton der Briefe wird unfreundlicher. All dies geschah so auch hier.

Bei dem „Handlungskonzept“ handelte es sich nämlich im Wesentlichen, soviel wird bei nachträglicher Durchsicht der Akten des Lokstedter Forums klar, lediglich um einige aufmunternde Worte:

• Noch im Dezember 1997 schreibt die Stadtplanungsabteilung an das Lokstedter Forum: „Wir möchten ihnen ausdrücklich unsere Unterstützung hinsichtlich der geforderten verkehrlichen Maßnahmen entsprechend den gutachterlichen Vorschlägen zusichern.“

• Im Mai 1998 schreibt der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Thomas Böwer an seinen Parteifreund Wrocklage und übermittelt ihm, ein aufschlussreiches Gespräch mit seinem persönlichen Referenten geführt zu haben und es vor Ort zu einer sehr konstruktiven Lösung gekommen sei.

• Im Oktober 1998 weißt der Leiter der Stadtplanungsabteilung das Tiefbauamt darauf hin, dass die Bezirksversammlung in einer Ausschusssitzung bereits am 28.04.1998 das Gutachtenergebnis „zustimmend zur Kenntnis genommen“ habe und fügt einen Maßnahmenkatalog bei.

Im Sommer 1999 wird der Umgangston mit der den Behörden aber allmählich unfreundlicher. Rhein hatte im August 1999 gewagt, die noch ausstehende Antwort der Baubehörde auf sein Anschreiben vom 27.11.1997 anzumahnen. Es kommt eine unfreundliche Antwort aus dem Büro des Senators. In dem Antwortschreiben des Senators Wrocklage seien ausdrücklich die Prüfergebnisse der Baubehörde berücksichtigt worden. „Damit haben sie gemäß der Ankündigung der Präsidialabteilung der Baubehörde eine Antwort erhalten.“

Ein Protokoll des Treffens des Lokstedter Forums mit dem Thema: „Drei Jahre Lokstedter Forum – Eine Bilanz“ vom 30.11.2000 liegt uns leider nicht vor. Es ist aber zu vermuten, dass dies kein sehr erbaulicher Abend war.

Als der Bausenator Eugen Wagner dann im Januar 2001 ein Schreiben des Lokstedter Forums durch das Tiefbauamt beantworten lässt und feststellt: „Die Situation am Siemersplatz gehört nicht zu den dringlichen“, reicht es einigen Mitgliedern des Forums. Sie sammeln Unterschriften und fordern erste sichtbare Maßnahmen:

• Sicherung der Radwegführungen,

• Umgestaltung der Vorfläche im Bereich der Post,

• Verbesserung der Lebensqualität durch Baumpflanzungen.

Das Lokstedter Forum gibt nicht auf

Im November 2001 wird Reinhard Buff, Leiter der Stadtplanungsabteilung zu einem Gespräch ins Lokstedter Forum geladen. Thema: „Was geschieht mit dem Siemersplatz?“

Im Jahre 2002 folgen Briefe an den Ortsausschuss, an den Ortsamtsleiter Leschner, an Bezirksamtsleiter Jürgen Mantell und an den neuen Bausenator Mario Mettbach.

Antworten aber entweder Fehlanzeige oder es wir negativ beschieden.

Der rechtspopulistische Parteigänger Roland Schills Mettbach, der später einen lukrativen Vertrag als Logistikberater der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung wegen Beziehungen zum Osmani-Clan aufgeben musste, ließ z.B. antworten: „Ihre Unzufriedenheit…ist durchaus verständlich. Die…konstruktiven Vorschläge…ernsthaft geprüft wurden, auch wenn ihnen im Ergebnis nicht gefolgt werden konnte.“

Am 20.01.2004 führt Rhein ein Gespräch mit Vertretern der Baubehörde um eine Entscheidung zu erzwingen. Im Antwortschreiben vom 12.02.2004 weißt die Behörde darauf hin, dass der Siemersplatz ein hoch frequentierter Verkehrsknoten sei, „der täglich von 100.000 Kraftfahrzeugen frequentiert“ werde. Dies nimmt die Behörde aber nicht etwa zum Anlass endlich etwas zu unternehmen. Nein! Unter dem Vorwand die Schaltprogramme der Lichtsignalanlagen hätten keine Reserven mehr, werden die meisten Vorschläge abgewiesen:

• Der Rückbau der Verkehrsinsel Kollaustraße / Vogt-Wells-Straße und Umwandlung einer Geradeausspur in eine Abbiegespur, weil damit ein Drittel der Aufstellfläche vor der Ampel entfallen würde.

• Die Umgestaltung der Verkehrsinsel Siemersplatz / Osterfeldstraße wird abgelehnt, weil der Umbau angeblich zu einer erhöhten Gefährdung für die Fahrradfahrer führen würde.

• Dem Vorschlag einer zusätzlichen Fußgänger-Lichtsignalanlage kann nicht gefolgt werden, da der Abstand zur nächsten Lichtsignalanlage weniger als 100 m beträgt.

• Die Anpflanzung einer Baumreihe auf der nördlichen Vogt-Wells-Straße kann zwar gefolgt werden. Sorgen bereiten der Behörde aber die dort vorhandenen Leitungstrassen und die dringend benötigten Stellplätze.

• Die Umgestaltung der Vorflächen im Bereich Post und Sparkasse sieht die Behörde kritisch.

• Ein Fußgängerüberweg im nördlichen Bereich Siemersplatz wird abgelehnt, weil die Wege für die Fußgänger angeblich dann noch länger würden.

• Für Änderungen an den Radwegen fehlten derzeit noch die Flächen.

Hansjürgen Rhein aber bleibt weiterhin optimistisch

Noch dieses niederschmetternde Schreiben nimmt Rhein zum Anlass für weitere Aktivitäten.

Zum 9. September 2004 lädt er erneut die Vertreter des Lokstedter Forum zu einer Sitzung. Er schreibt in seiner Ladung: „Da ausdrücklich der Vorschlag zur Anpflanzung einer Baumreihe vom Behrmannplatz zum Siemersplatz positiv bewertet wird, bietet sich hier ein Ansatz als erster Schritt für die Gestaltung der Verkehrskreuzung.“

In schier grenzenlosen Optimismus werden auf der Sitzung vier Motti beschlossen. Und zwar:

• für die Baumpflanzung möglichst mit attraktiven Bäumen „Leben im Grünen“,

• für die Bebauung des Münsterschen Grundstücks: „Ein Wahrzeichen für den Siemersplatz“,

• für die verkehrlichen und straßenbaulichen Maßnahmen: „Ein vertretbares Nebeneinander von Kraftfahrzeugen, Fußgängern und Radfahrern“ und

• für die Umgestaltung des Vorplatzes bei der Post. „Ein Zeichen setzen für die Stadtteilentwicklung Lokstedts an einem der größten Verkehrsknotenpunkten in Hamburg“.

Bei der Verabschiedung dieser Motti zeigen sich allerdings erste Tendenzen zu Realitätsverlust im Lokstedter Forum. Waren es doch genau diese Punkte, die die Baubehörde zurück gewiesen hatte.

Parallel dazu läuft im Sommer 2004 eine Aktion mit dem Gymnasium Corveystraße. Im Bürgerhaus Lokstedt findet schließlich eine Ausstellung unter dem Titel „Corveyschüler planen den Siemersplatz“ statt. Ein Staatsrat eröffnet die Ausstellung und Michael Aldag sagt die Unterstützung durch den Gewerbeverein „Kaufleute & Co Lokstedt“ zu.

CDU möchte möblieren

Zwischendurch meldet sich auch einmal die Firma JCDecaux und legt, unterstützt von der CDU-Abgeordneten im Ortausschuss Lokstedt Lieselotte Schneede, ein Renovierungskonzept Siemersplatz vor. Die Vorschläge allerdings im Wesentlichen nur oberflächliche Schönheitsreparaturen. Neue Möblierung, wie moderne Bänke etc. Schilder erneuern, Platten neu verlegen, Absperrungen abschleifen, schweißen und neu Streichen. Zur Gegenfinanzierung schlägt JCDecaux die Aufstellung von 4 SIAs (Stadtinformationsanlagen / Werbekästen) vor. Und auch die neuen Bänke und Papierkörbe werden von der Firma selbst vertrieben. Ein wirklich uneigennütziger Vorschlag!

Gefährliche neue Ampelschaltung

Im September 2004 wieder ein kleiner Lichtblick. Die Behörde für Inneres schreibt – ausgerechnet an den Bürgerverein Hoheluft-Großlokstedt –, dass es bald eine neue Ampelschaltung am Siemersplatz gäbe, die bei Verkürzung der Linksabbiegephase eine höhere Leistungsfähigkeit verspräche.

Dies allerdings keine Folge der Aktivitäten des Lokstedter Forums. Ein Pilotprojekt in Bramfeld mit vernetzten Ampeln, bei dem die Signalintervalle und Grünphasen mehrerer Ampeln in einem Gebiet abhängig vom Verkehrsaufkommen geschaltet und zusätzlich durch ein Computernetz, an dem alle Ampeln angeschlossen sind, gesteuert werden, war positiv verlaufen. Nun sollte die verkehrsadaptive Steuerung auch auf die Bereiche Tarpenbekstraße / Lokstedter Steindamm bis rauf zum Siemersplatz übernommen werden.

Nach einigen schweren Linksabbiegeunfällen am Siemersplatz, wurde die eigens geschaltete Linksabbiegephase dann allerdings wieder eingeführt.

Im Ergebnis ein Fiasko

Im Januar 2008 schließlich erhält das Lokstedter Forum endlich das lang ersehnte Schreiben vom Bezirksamt. Betreff: Verbesserung der Situation am Siemersplatz. Auf Beschluss des Ortsausschusses Lokstedt vom 10.12.2007 werde der Siemersplatz nun umgebaut. Am 21.01.2008 werden in der öffentlichen Sitzung des Ortsausschusses Lokstedt in der Aula der Gymnasiums Corveystraße die Umbaupläne bekannt gegeben.

Das Ergebnis kann noch aktuell jederzeit auf dem Siemersplatz besichtigt werden.

Pappeln fallen auf der südlichen Vogt-Wells-Straße

Praktisch nichts, was das Gutachten von Plankontor aus dem Jahre 1997 vorschlug, wurde umgesetzt. Nur einige wenige Bäume wurden gepflanzt.

Außerdem wurde das Grundstücks der HEW neben der Feuerwehr in der Vogt-Wells-Straße bebaut. Doch dafür mussten die alten Pappeln dran glauben. Die Bebauung hatte zudem die Konsequenz, dass die Feuerwehr nach Fertigstellung der Gebäude nicht mehr genügend Platz für ihren Fuhrpark hatte. Und so wurde die Hälfte des 1951 liebevoll hergerichteten freien Platzes an der Vogt-Wells-Straße / Vogt-Wells-Kamp, der benachbarte „Alte-Leute-Garten“, geopfert.

Also keine neuen Bäume auf der nördlichen Seite der Vogt-Wells-Straße. Stattdessen Kahlschlag auf der südlichen Seite. So kann man die Einheitlichkeit einer Straße natürlich auch herstellen.

Auch attraktive Läden, wie damals gefordert, sind dort nicht entstanden. Die Gewerbeeinheiten in dem Neubau wurden nur schleppend vermietet. Heute arbeiten dort Physio- und Ergotherapeuten und es gibt dort ein Vertriebszentrum für Lichtschalter.

Begrünung durch Spendengelder

Im Jahre 2009 schließlich hatten die Bürger begriffen. Nicht die Stadt würde Bäume pflanzen. Die Gelder dafür müssten die Bürger schon selbst aufbringen, so wie es Leschner 13 Jahre zuvor angekündigt hatte.

Mit dem Ziel „100 Bäume für den Siemersplatz“, gründete sich zu guter Letzt am 6.01.2009 ein Verein „Aktives Lokstedt - Verein zur Begrünung des Siemersplatzes“. In Abstimmung mit dem Bezirk Eimsbüttel hat ein Büro für Freiraumplanung ein Grünkonzept für den Siemersplatz entwickelt. Auf Basis des neuen Hamburger Werbeflächenvertrags sind die Bezirke ab diesem Jahr an den Einnahmen aus der Straßenwerbung beteiligt. Aus diesen Mitteln finanziert der Bezirk die anteiligen Kosten für das Grünkonzept, die andere Hälfte wird weitgehend über Spenden laufen und über den eigens gegründeten Verein hereinkommen.

Im April 2011 war es dann soweit. 20.000 Euro an Spenden hatten die Lokstedter gesammelt und es konnten die ersten Linden gepflanzt werden. Doch die Gelder aus dem Hamburger Werbeflächenvertrag sind bis heute nicht geflossen. Auch hier nur leere Versprechungen!

Finale durch Busbeschleunigung

Und schon bald werden die durch Spendengelder bezahlten Bäume wieder gefällt werden. Im Rahmen des Busbeschleunigungsprogramms wird der Siemersplatz erneut umgestaltet werden. Mit dem Ergebnis: Die Fußgänger sind die großen Verlierer (siehe Lokstedt online vom 30.09.2012).

Das Busbeschleunigungsprogramm vollendet sozusagen den Untergang des Bereichs Siemersplatz / Vogt-Wells-Straße mit seinen dann teilweise bis auf 70 cm verschmälerten öffentlichen Fußwegen.

Was derzeit mit dem Siemersplatz geschieht kann nur noch als Leichenschändung bezeichnet werden.

Jeder fünfte Weg zu Fuß

Welche Bedeutung es für die Zentren zukünftig haben wird, wenn die Politik nicht bald neue Prioritäten setzt, ist kaum abschätzbar. Die beiden umweltfreundlichsten Verkehrsmittel, die eigenen Füße und das Fahrrad, werden geradezu sträflich vernachlässigt.

Und es kann das Wissen darum, dass irgendwann die heutigen Kfz- und Buslastigen Verkehrsadern zugunsten von Fußgängern, Fahrradfahrer und Straßenbahnen rückgebaut werden müssen, nur wenig Befriedigung bringen. Eine Studie aus Karlsruhe beschrieb bereits vor einem Jahrzehnt wohin der verkehrspolitsche Wind in der Zukunft weht:

„Bezogen auf die Gesamtbevölkerung von Karlsruhe wurde bei der Erhebung zum Verkehrsverhalten im Jahr 2002 gut jeder fünfte Weg ausschließlich zu Fuß zurückgelegt. Dies war nach der Autonutzung (selbstfahrend) der zweithöchste Anteil. Für Menschen mit einer hohen Nahraumorientierung sind gute Bedingungen besonders wichtig. Insbesondere Kinder, Jugendliche und ältere Menschen legen einen Großteil ihrer Wege zu Fuß zurück, sei es zur Schule, zum Einkaufen, für Erledigungen und in der Freizeit.“ Und weiter heißt es: „Die größte Bedeutung kommt dem Fußverkehr im Stadtquartier zu, wo er aufgrund der räumlichen Nähe nicht nur die flexibelste und umweltschonendste, sondern vielfach auch die schnellste Art der Fortbewegung ist. Der Einzelhandel lebt hier insbesondere von Kunden, die in fußläufiger Entfernung wohnen oder arbeiten. Die Stärkung des Fußverkehrs auf Stadtteilebene fördert damit die Unternehmen im Stadtteil.“

Fazit

Trotz aller Bemühungen der Lokstedter Bürger ist es nicht gelungen, den Siemersplatz zu retten. Das lag zum einen daran, dass die Politik ihn schon frühzeitig aufgegeben hatte. In den Planungen der Politik spielte dieser Platz nur eine Rolle als funktionierende Verkehrsader. Vorhaben ihn als Platz zu retten, sollten den Bürgern vorbehalten bleiben. Diese scheiterten letztlich daran, dass es potentiellen Investoren nicht gelang, das Grundstück des ehemaligen Gasthofes Münster mit seinen Nachbargrundstücken zu vereinen und dort wie gefordert ein „Wahrzeichen für den Siemersplatz“ zu bauen.

www.corvey.hamburg.de
Auszüge aus dem Städetebaulichen Konzept

Lesen sie auch die anderen Serienteile:
Teil 1: Das historische Zentrum
Teil 2: Der Untergang des Lokstedter Zentrums (1922 bis 1948)
Teil 3: Der Untergang des Lokstedter Zentrums (1949 bis 1978)
Teil 4: Gescheiterte Versuche der Wiederbelebung (1980 - 2012)
Teil 5: Aktuelle Situation im Jahre 2013
Teil 6: Der letzte Teil. Das historische Zentrum wieder herstellen!

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online.de 31.12.2012