Leserbrief

Jetzigen Bewohner keinem Druck aussetzten

Jetzt bin ich selbst direkt betroffen. Dieses Mal werden Flüchtlinge und Wohnungslose nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt untergebracht. Bisher fand dies in „sicherer Entfernung“ von mir statt. Außerdem sprechen mich direkt Betroffene auf der Straße auf das Thema an. Also denke ich erneut über alles nach.
 
Zuerst denke ich über die nackten Fakten nach – soweit sie zur Verfügung stehen. Zunächst sollen es 38 Wohnungen sein, die für öffentliche Unterkunft genutzt werden sollen. Diese stehen jetzt leer. Da besteht ja kein Zweifel, dass es besser ist, diese Wohnungen für Leute zu nutzen, die in Not sind und sonst keine Unterkunft finden würden.
 
Ich lese von bis zu 150 Personen, die man in den 45 Wohnungen unterbringen will. Rein rechnerisch sind es gut 13 qm pro Person. Im Containerdorf auf Lokstedter Höhe werden bis zu 4 Personen auf 15 qm untergebracht mit Gemeinschaftstoiletten, -duschen und -küche. Wer das drei Monate durchgestanden hat, wird eine Wohnung mit eigener Toilette und Dusche oder Bad und Küche mit luxuriösen 13 qm pro Person als Luxus empfinden und überglücklich sein. Und in der Tat, die Umgebung ist grün und bietet Platz zum Spielen, und das Einkaufen von alltäglichen Lebensmitteln ist einfach. Als diese Häuser gebaut wurden, war die Belegung vermutlich ähnlich, wie sie jetzt von f&w anvisiert wird.
 
Nun zu der anderen Seite: Wie wird die unmittelbare Umgebung mit den Neuzugängen zurecht kommen?
 
Am allerwichtigsten ist es, dass die jetzigen Bewohner keinem Druck ausgesetzt werden, ihre Wohnungen zu räumen. Keinem wirtschaftlichen und keinem psychischen Druck.
 
Die ganze nächste Umgebung wird zunehmend fremden Gesichtern begegnen. Da hoffe ich mir, dass jeder Nachbar sich dessen bewusst ist, dass diese Leute nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sie haben es hier schwer. In den allermeisten Fällen wollen sich diese Leute integrieren, sie wollen Deutsch lernen, sie wollen arbeiten und wollen niemandem zur Last fallen. –  Die wenigen Ausnahmen werden auch hier die Regel nur bestätigen. So ist es unter Deutschen auch.
 
Wie wir es verkraften, hängt stark von uns selbst ab. Wir haben es auf Lokstedter Höhe sehen können. Wenige Tage nach den schrecklichen Nachrichten aus Berlin-Hellersdorf fing es an, aber Lokstedter wollten es anders als dort. Obwohl es am Anfang noch hier und da etwas hakte, weil niemand, auch die Verwaltung nicht, auf Flüchtlinge eingestellt war, hat es sich ganz phantastisch entwickelt. Warum? Weil sich Lokstedter Bürger selbst engagiert haben. Weil sie nicht gesagt haben „Die Verwaltung soll das Problem lösen. Wir haben damit nichts zu tun.“ Sie haben die Flüchtlinge, die die Allerschwächsten in der ganzen Angelegenheit sind, freundlich aufgenommen, sind auf sie zugegangen, haben ihre Hilfe aktiv angeboten, haben sich untereinander organisiert, haben nicht weggeschaut – und haben Lokstedt über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt gemacht. Und die Helfer sind fürstlich belohnt worden: Sie wissen, dass sie gebraucht werden, sie sehen die positive Entwicklung und haben nach jedem einzelnen Hilfe-Einsatz ein gutes Gefühl. Die Kinder danken es mit ihrem Lachen und die Augen und Worte der Eltern sprechen Bände.
 
Wir erwarten von der Stadtverwaltung behutsamen Umgang bei der Belegung der zukünftigen Unterkünfte. Wir erwarten frühe, offene und qualifizierte Information und Beteiligung. Dann kann man auf Lokstedter Kooperation zählen. Ich bin gespannt und - vorerst jedenfalls - freudig erregt.
 
Helena Peltonen

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© Lokstedt-online 11.02.2014