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Alte Kollaustraße / Nedderfeld

Denkmalschutz light

Das Straßenbahn-Depot Lokstedt „stellt ein bedeutendes Zeugnis der Hamburger Verkehrsgeschichte dar, an dessen Erhaltung aus stadt-, bau- und technikgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht.“ Nun wurde es skelettiert und verstümmelt.

Bereits der unglaubliche Baumfrevel - im Rundumschlag wurden auf und vor dem Gelände des Bauhaus am Nedderfeld sämtliche Bäume gefällt – warf ein schlechtes Licht auf das geplante Bauvorhaben und machte manchen fassungslos. Das war im März, ein Vorgeschmack auf den nachfolgenden Räumungsverkauf. Unter dem Motto: „Alles muss raus!“

Gerade hatten sich die Gemüter wieder einigermaßen beruhigt. Und wer den verregneten Juli mit Heimwerken verbrachte, hat den Baumarkt in Lokstedt vielleicht sogar ein wenig vermisst. Da vertröstete sich manch einer auf das nächste Jahr, wenn ihm ein besonders breit-gefächertes Sortiment auf 10.000 Quadratmetern zur Verfügung stehen würde.

Bis August setzten zudem manche Bürger noch ganz andere Hoffnungen in das Bauvorhaben. Insbesondere Straßenbahnfans konnten sich für die Pläne begeistern: Das ehemalige Straßenbahndepot, gebaut und entworfen für die Hamburger Hochbahn Aktiengesellschaft von der auf Eisenbetonbauten spezialisierten norddeutschen Traditionsfirma Gustav Schibli, sollte als Denkmalbereich in den neuen Baumarkt integriert werden. Zudem soll dort eine Leihgabe, ein historischer Straßenbahnwaggon (Kenner nennen ihn liebevoll V6E 3642), ausgestellt werden.

Peter Br. schreibt im Straßenbahn-Forum Drehscheibe über die ehemalige Wagenhalle:

„Von den ehemals zahlreichen Depots in Hamburg war das Straßenbahndepot Lokstedt das letzte in Betrieb befindliche, bis zur Einstellung der Linie 2 im Jahre 1978. Die Wagenhalle des ehemaligen Straßenbahndepots Lokstedt war im Jahre 1924 errichtet worden und hatte es geschafft, in der Substanz relativ wenig verändert bis heute zu überleben. Die Halle wurde als Eisenbetonkonstruktion mit Mittelstützenreihe erstellt, d.h. es handelt sich um eine relativ frühe derartige Konstruktion.“

Über dem Text des Aficionados stand die frohe Botschaft: „Wiederkehr alter Schönheit“. Dergleichen Hoffnungen hatte der Bauhaus-Konzern geschürt: „Obwohl die zukünftige Nutzung als Baumarkt einige Umbauten notwendig macht, können wichtige Teile der historischen Konstruktion freigelegt und erhalten werden. So wird der historische Eindruck wieder erlebbar gemacht von der Konstruktion über das alte Gleisbett bis zu den ehemaligen Einfahrtstoren für die Straßenbahnen.“

Auch das Denkmalschutzamt bekundet gefallen an der Wagenhalle. Folgerichtig heißt in der Begründung zum Bebauungsplan unter der Überschrift Denkmalschutz: Sie „zeichnet sich insbesondere durch die gut erhaltene, langgestreckte ehemalige Wagenhalle in zeittypischer und zugleich in Hamburg seltener Eisenbetonkonstruktion mit Mittelstützenreihe aus.“

Nach der Räumung im Juni, anschließender liebevoller Renovierung des historischen Giebels und Entfernen der störenden Fensterverschalungen, präsentierte sich das Depot Anfang August noch einmal ohne Regale wieder in ehemaliger Größe von innen. Man konnte zu diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass hier tatsächlich eine denkmalgerechte Wiederherstellung durchgeführt würde. In der Mitte des Giebels wurde sogar, nachdem die Bauhaus-Bleche entfernt waren, der runde Schatten der alten Uhr wieder sichtbar.

Dieser Tage nun kam die endgültige Ernüchterung. Die Betonschere wurde an die massive Konstruktion gesetzt. Mittlerweile stehen von den ehemaligen 22 Gebäudeachsen neben dem Giebel nur noch drei. Von „langgestreckter Wagenhalle“ kann nun keine Rede mehr sein.

Tatsächlich ist vom ehemaligen Depot jetzt nur noch ein geradezu lächerlich anmutender, völlig skelettierter Stummel übrig geblieben. Die Wagenhalle, die ja mit dem V6E 3642 zusammen Denkmalbereich werden soll, hat nun nur noch die Länge eines einzelnen Straßenbahnwaggons. Ehedem konnten in jeder Reparaturspur fünf solcher Waggons hintereinander eingestellt werden.

Außerdem wurde der Seitenteil der Wagenhalle mit den schönen historischen Fenstern - hier waren ehemals das Magazin und die Büros untergebracht - komplett abgerissen. Gleiches gilt für den Dachaufsatz im Mittelteil der Wagenhalle - jahrelang war er gut genug ein Bauhaus-Schild hoch über dem Nedderfeld thronen zu lassen.

Wieder einmal zeigt es sich, wie naiv es ist, wenn sich der Bürger auf Versprechungen von Konzernen oder einer Behörde verlässt.
Kaum akzeptabel für den Steuerzahler, wenn der Bauhaus-Konzern als Belohnung für diesen Denkmalschutz light auch noch in den Genuss von verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten für seine Baumaßnahmen (besser Abrissarbeiten) käme.

Vom kommenden Frühjahr an wird der neue Baumarkt seine Verkaufsfläche verdoppelt haben. Man hätte stutzig werden müssen. Wenn ein Konzern solch gigantische Anstrengungen unternimmt um die Verkaufsfläche zu vergrößern, wie sie derzeit am Nedderfeld zu besichtigen sind, dann hat er in der Regel keinen Platz ein „Straßenbahnmuseum“ in das Gebäude zu integrieren.

Doch wer trägt die Verantwortung für dieses Debakel?

Vermutlich das Denkmalschutzamt. Denn gemäß § 7a Absatz 1 Denkmalschutzgesetz haben die Verfügungsberechtigten alle geplanten Eingriffe bzw. Veränderungen an erkannten Denkmälern spätestens vier Wochen vor Veränderungsbeginn gegenüber der zuständigen Behörde anzuzeigen. Also dürfte die Behörde über die geplanten Veränderungen Kenntnis gehabt haben.

Dem Depot wurde dabei offensichtlich zum Verhängnis, was häufig auch als Vorwand genutzt wird, einem denkmalwürdigen Gebäude schon im Vorweg den Denkmalschutz zu verweigern. So geschehen bei dem ältesten Haus Lokstedts, der ehemaligen Bäckerei Molsberger (../stadtteil/stadtteil37.html).
Unter Denkmalschutz steht nämlich lediglich der im Original erhaltene Teil eines Gebäudes. Der Bäckerei wurde wegen einiger Bausünden in der Vergangenheit die Anerkennung als Denkmal verwehrt. So konnte das Gebäude dann dieses Jahr abgerissen werden.

Beim Straßenbahn-Depot lief es im Prinzip ähnlich. Zwar wurde dem „Ensemble Alte Kollaustraße 44-46, Nedderfeld 5“ grundsätzlich Denkmalschutz gewährt, dieser konnte aber beim de facto-Abriss, in einer Art Salami-Taktik umgangen werden. Teil für Teil wurde abgetragen und das darunter liegende für nicht historisch erklärt.

So schreibt den auch Peter Br. in seinem Straßenbahn-Blog: „Mit dem Denkmalschutz in Hamburg ist es ja bekanntermaßen so eine Sache, das war auch in der Geschichte der Stadt oft nie anders. Man kann es eigentlich nur mit (schwarzem) Humor nehmen: Wie es sich für einen ordnungsgemäßen denkmalhistorischen Umgang gehört, ist eingangs eine umfassende Bestandsuntersuchung durchzuführen. Hier geschehen am massiven Tragwerk mittels einer Betonschere.“

Was das Straßenbahndepot anbelangt, scheint nur ein Stummel der Betonkonstruktion in der Länge einer Straßenbahn unverändert die 89 Jahre seit seiner Erbauung, und damit auch die Bestandsuntersuchung, überstanden zu haben. Ob die schicksalsbestimmenden Veränderungen am Gebäude während der Nutzung als Straßenbahn-Depot oder später vom Bauhaus-Konzern vorgenommen wurden, lässt sich nun vermutlich nicht mehr klären.

Das „Zeugnis Hamburger Verkehrsgeschichte“ ist nunmehr nur noch ein trauriges Gerippe. Kaum vorstellbar, dass es im nächsten Frühjahr das Kernstück eines Straßenbahn-Denkmals werden kann.
Der historische Straßenbahnwaggon jedenfalls steht - derzeit noch ungekürzt - gut verpackt auf dem Gelände und wartet dort auf seine weitere Verwendung.

fototagebuch.bahnfotokiste.de
www.hamburg.de (pdf)

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© Lokstedt-online 26.09.2013