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Flüchtlingsunterbringung

Backe, backe Kuchen!

Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke gesteht auf der Informations-Veranstaltung zum Flüchtlingslager Lokstedter Höhe planerische Fehler ein. Die Veranstaltung selbst wurde von Mitarbeitern der sozialen Dienste dominiert - Anwohner kamen kaum zu Wort.

Spät, sehr spät, hatte der Bezirk Eimsbüttel die betroffenen Anwohner durch die Presse über die bevorstehende Unterbringung von Asylbewerbern an der Lokstedter Höhe in Kenntnis gesetzt. Am Dienstagabend sollten die Bürger nun endlich genauer informiert werden. Auch zu dieser Veranstaltung in der Aula der Grundschule Döhrnstraße hatten einige Anwohner ihre Einladung erst am Vorabend per Boten erhalten.

Unterstützung sozialer Einrichtungen erwünscht

Auf die Einladung der Anwohner wurde aber wohl auch nicht so viel Wert gelegt. Nur die Bewohner in der unmittelbaren Nachbarschaft der geplanten Unterkunft wurden geladen. Anwohner aus den angrenzenden Straßen, etwa der Emil-Andresen-Straße, hatten keine Einladung bekommen.

Wichtiger war dem Bezirk und der SPD Eimsbüttel die Einladung der benachbarten Einrichtungen und der Presse. So schreibt der SPD-Kreisvorsitzende zusammen mit vier Kollegen: „Wir laden Sie sehr herzlich ein, im Anschluss an diese Informations-Veranstaltung in einem offenen Kreis mit Ihnen und anderen benachbarten Einrichtungen darüber zu sprechen, was wir für die Anwohner und die Flüchtlinge tun können, um ein gutes Miteinander und ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis zu ermöglichen.“ Rückmeldung erbeten!

Doch weder offener Kreis noch runder Tisch sollte diese Veranstaltung sein. Die Pressestelle des Bezirksamts Eimsbüttel lud zu einer Informations-Veranstaltung: „Vertreter der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration und des Betreibers f&w fördern und wohnen AöR werden über die Planung informieren und stehen für Nachfragen zur Verfügung.“

Da konnte ein naiver Anwohner hoffen, die Behörde wolle ihn informieren und er könne auf dieser Veranstaltung in aller Ruhe seine Bedenken vortragen. Eventuell könne er noch Einfluss auf die Planungen nehmen.

Doch die Veranstaltung geriet zur Farce. Mehr als 300 Menschen, darunter etliche Bezirkspolitiker sowie Mitarbeiter der sozialen Dienste, Kirchen, Kindergärten und Schulen, drängten in die Aula. Und sie sprengten die Veranstaltung.

Die Presse

Vor der Tür der Grundschule Döhrnstraße schon wurden Flugblätter der Linken verteilt. Sie warben für „bessere, menschenwürdige Lösungen“.
Drinnen wurden die etwa zwanzig Anwohner, die tatsächlich von den Unterbringungsmaßnahmen Betroffenen, von Kamerateams und Fotografen empfangen. Beschwerden dagegen, mit seinen berechtigten Anliegen in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden, wurden von Bezirksamtsleiter Sevecke zurück gewiesen. Wir seien eine freie Gesellschaft, dazu gehöre auch die Presse. Jeder der hier rede, müsse für sein Wort auch vor der Öffentlichkeit gerade stehen.

Selbstherrliche Moderation

Moderiert wurde die Veranstaltung von Brigitte Samtleben in gewohnt barschen Ton. Wer sie von den Informationsveranstaltungen zur Unterbringung von Flüchtlingen am Offakamp in Erinnerung hatte, kannte ihre Art, wusste bereits, wie sie kritische Fragen von Bürgern abzubügeln pflegt.

Ein für ihre impertinente Art typisches Zitat an diesem Abend: „Nun geben ich ihnen noch fünf Minuten um ihren Frust rauszulassen. Danach wollen wir dann endlich darüber sprechen, wie wir alle den Flüchtlingen helfen können.“ Oder auf die nahe liegende Frage einer Anwohnerin, ob die traumatisierten Flüchtlinge, die so viel Gewalt erleben mussten, nicht auch eine Gefährdung darstellen könnten: „Diese Frage ist jetzt schon grenzwertig!“

Hier war also schon ein Grenze überschritten. Solch ein unverschämte, aus ihrer Sicht wenig zielführende Frage, war die Sozialdezernentin nicht bereit zuzulassen. Beide hier zitierten Aussagen grenzen aber die Informationsmöglichkeiten der Anwohner massiv ein. Samtleben begrenzt als Moderatorin hier die Fragemöglichkeiten für die betroffenen Anwohner sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

Gewalt im Lager

Dabei wären solche Fragen durchaus sinnvoll gewesen. Stephan Steinlein schreibt in der Welt: „Mit dem Einzug ins Flüchtlingscamp ist die Arbeit der Behörden noch lange nicht beendet. Die Bewohner des Containerdorfes leben auf arg beengtem, provisorischem Platz, es gibt für sie weder Arbeit noch Perspektive und kaum eine Chance auf Teilhabe an unserem Leben. Langeweile, Enttäuschung, Ärger werden aufkommen. Es droht Frust, der schnell in Gewalt münden kann. Das zu verhindern ist die Hauptaufgabe der beteiligten Behörden.“

Über diesen Teil des zukünftigen Miteinanders schwieg sich aber die Behörde aus. Stattdessen werden Menschen, die begründete Zweifel anmelden, diskriminiert.
An diesem Abend erzeugte das aggressiv vorgetragene Gutmenschentum einen derartigen Gruppenzwang, in dem jeder Fragesteller sich in die rechte Ecke geschoben und als „Schlechtmensch“ fühlen musste. Dabei sind kritische Fragen ungemein wichtig. Steinlein schreibt weiter: „Menschen, die sich gegen ein Sozialprojekt in ihrer Nachbarschaft wehren, sind nicht automatisch unsozial. Sie zu informieren und mitzunehmen hilft Ängste und Vorurteile abzubauen.“

Somit wurde durch dieses Versäumnis Vorbehalte abzubauen, ein kaum wieder gut zumachender Schaden angerichtet. Nur durch ein ernsthafte Interesse der Beamten an den Sorgen der Anwohner, hätte im Quartier ein Miteinander entstehen können. Nun aber fühlen sich die Anwohner, die an diesem Abend überrumpelt und mit ihren Ängsten alleine gelassen wurden, in ihrer Umgebung mit ihren alten und neuen Nachbarn vermutlich nicht mehr wohl.

Daher agierte die Behörde letztlich kurzsichtig, wenn es ihr an diesem Abend nur darum ging, diesen Abend hinter sich zu bringen. Negative Aspekte unter den Teppich zu kehren und die vom Senat angeordnete Unterbringung durchzuboxen.
Aus dieser zu beschränkten Sichtweise der Behörde jedoch betrachtet, hat sie an diesem Abend besser agiert als auf den Informations-Veranstaltungen zum Offakamp. Dort hatte die Behörde nur die Unterstützung weniger Mitarbeiter sozialer Organisationen, so etwa ein Pastor aus Eppendorf. Dieses Mal hatte die Behörde eine andere Strategie. Sie mobilisierte ein ganzes Heer. So wurden die betroffenen Bürger durch die Übermacht an professionellen Helfern schlichtweg niedergewalzt.

So war es an diesem Abend nicht nur Samtleben, die die Anwohner einschüchterte. Und die Strategie des Bezirks, die Anwohner mundtot zu machen, ging voll und ganz auf. Zwar konnte der eine oder andere Anwohner eine kritische Frage loswerden. Aber er wurde dann mit Zwischenrufen wie: Hört, hört!“ oder „Das kann jeder sagen!“ sofort ausgebremst.

Letztlich hat sich diese Strategie auch für die Behörden positiv in der Presseberichterstattung zu diesem Abend niedergeschlagen. Die Vertreter von nicht vor Ort ansässigen Medien, die natürlich nicht jeden Mitarbeiter der hiesigen sozialen Einrichtungen kennen können, ließen sich beeindrucken und waren überwältigt von der Woge der Hilfsbereitschaft der Lokstedter. Da wäre es an diesem Abend wirklich einmal interessant gewesen, nachzuzählen wer denn nun wirklich aus Lokstedt kam und wer betroffener Anwohner war.

Die Informations-Veranstaltung

„Morgen um 9.00 Uhr startet die Belegung.“ Mit diesem Paukenschlag eröffnet Sevecke nach der Anmoderation provokant die Veranstaltung.
„Gestern geladen, heute informiert und morgen wird die Einrichtung bereits bezogen. Wo bleibt denn da die Mitwirkung der Bürger?“ ruft ein Anwesender.
Diesen Vorwurf möchte Sevecke sogleich ausräumen. Er sei selbst erst am 22.08.2013 um 18.00 Uhr im Rathaus von den Staatsräten über die Entscheidung informiert worden, dass auf dem Park+Ride-Parkplatz Lokstedter Höhe 200 Flüchtlinge untergebracht würden. Er habe dann um 19.30 Uhr die Fraktionen der Bezirksversammlung informiert und um 21.00 Uhr die Presse.

Ein Anwohner korrigiert Sevecke: „Bezüglich ihrer Zeitrechnung kann etwas nicht stimmen. Sie sagen, sie wären erst am 22.8.2013 über die Unterbringung informiert worden. Doch bereits am 19.08.2013 war am Parkplatz Lokstedter Höhe ein Parkverbot ausgeschildert und an diesem Tag ergingen auch die Aufträge an die Baufirmen.“

Sevecke räumt daraufhin ein, dass ursprünglich drei verschiedene Standorte geprüft worden seien und für alle diese Standorte hätte man bereits am 19.8.2013 begonnen solche allgemeinen Vorbereitungen zu treffen.

Die Dauer der Flüchtlingsunterbringung

Auf eine konkrete Aussage über die Dauer der Unterbringung wollte Sevecke sich an diesem Abend nicht festlegen. Auf der Einladung des Bezirks, so ein Anwohner, stand „für die Dauer von drei Monaten“. Sevecke hingegen sprach an diesem Abend zunächst von einem Jahr, dann gar von zwei Jahren.

Die Erklärung dazu, wieder erst auf Nachfrage: Die von f&w beantragte Genehmigung gelte bis zum 31.12.2013, könne aber beliebig verlängert werden. „Das dauert solange, wie die Notlage anhält.“ Allerdings die genannten zwei Jahre seien die Obergrenze. Das Grundstück solle ja verkauft und bebaut werden.

Nur ein Fehler?

Und dann gab es eine Überraschung. Sevecke räumt tatsächlich ein: „Wir haben einen Fehler gemacht! Und der Fehler besteht schlicht und ergreifend darin, dass wir für diese Arten von Notunterbringungen keine planerische Vorsorge getroffen haben.“

Immerhin, Sevecke hat dazugelernt: „Wir haben in Hamburg ein ambitioniertes Wohnungsbauprogramm“, beschreibt er die missliche Lage, in die sich der Senat und die Bezirke gebracht haben.

Etwa alle 10 Jahre käme es zu einer Flüchtlingswelle. Man hätte die Lehre daraus gezogen und man wisse, dass die nächste Welle irgendwann komme. Da solle man vorbereitet sein.

Die Bezirke würden jetzt Vorsorge für die Zukunft treffen. Ein solches Planungsprojekt werde aber mindestens drei Jahre dauern. Bis dahin müsse man dann notfalls wieder Notunterkünfte schaffen.

Linken-Bezirkschef Hartmut Obens, auch presserechtlich verantwortlich für die vor der Veranstaltung verteilten Flugblätter, fühlte sich daraufhin berufen im Namen aller Fraktionen der Bezirksversammlung zu sprechen: „Ich freue mich, dass die Planungen nun endlich vorangetrieben werden.“

Dabei wäre das doch gar nicht nötig gewesen. Politiker aller Parteien waren an diesem Abend anwesend. Die hätten für sich selbst sprechen können.

Keine Unterbringung auf Gewerbeflächen

Doch dann begibt sich der Bezirksamtsleiter aufs Glatteis. Er beklagt sich, dass nach dem Gerichtsurteil in Sachen Unterkunft am Offakamp die Unterbringung nun noch schwieriger geworden sei. Seit diesem Urteil habe man ein Gewerbeflächenproblem!

Sevecke folgert nämlich unzulässig aus dem Urteil, dass Gewerbegrundstücke für die Unterbringung von Flüchtlingen zukünftig komplett ausgeschlossen seien. Unter dieser Prämisse erstellt er ein eigenes Anforderungsprofil an die Eignung von Flächen für neue Standorte: Es müssten Wohngrundstücke gefunden werden, die befestigt seien und sich im Besitz der Stadt befänden.

Was will Sevecke mit diesem eigensinnigen und offensichtlich falschen Anforderungsprofil erreichen?

Der Bezirk jedenfalls widerspricht Seveckes Rechtsauffassung. In einer Pressemeldung zum Gerichtsbescheid heißt es: „Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts bedeutet nicht, dass generell Unterkünfte in Gewerbegebieten ausgeschlossen sind. Im Bebauungsplan Lokstedt 58 vom 14.12.2010 befindet sich für das im Streit stehende Gewerbegebiet ein ausdrücklicher Ausschluss für die nach Baurecht sonst mögliche Erteilung einer Ausnahme zur Ansiedlung von Anlagen für soziale Zwecke im Gewerbegebiet. Dies ist eine planrechtliche Besonderheit, die in anderen Gewerbegebieten nicht gegeben ist.“

Auch Mitglieder der Bürgerinitiative Offakamp sind über diese Aussagen Seveckes empört: „Wie kommt er dazu, so zu verallgemeinern und alle Gewerbegrundstücke ausschließen? Am Offakamp war doch eine ganz besondere Situation. Dort wollte der Bezirk Flüchtlinge auf einer verseuchten Fläche unterbringen, auf der zudem ausdrücklich die Nutzung zu sozialen Zwecken ausgeschlossen war. Das Gerichtsurteil schließe aber doch nicht alle anderen Gewerbeflächen für die Flüchtlingsunterbringung automatisch mit aus.“

Parkplätze

Die rund 140 Parkplätze fielen nun weg, so Sevecke. Das sei natürlich ein Problem, das sei bitter für die Pendler aus Schleswig-Holstein. Man hätte nämlich über die Nummernschilder ermittelt, dass etwa 50 Prozent aus Schleswig-Holstein kämen. Der Rest seien Hamburger PKW.

Die Pendler und auch die Hamburger Bürger sollen die Park+Ride-Parkplätze nutzen, das sei Senatspolitik. Auf der anderen Seite wolle man die Flüchtlinge vernünftig unterbringen. Diese beiden Punkte ständen sozusagen im Widerstreit. „Wir haben uns für die Flüchtlinge entschieden.“

Man kann aus Behördensicht diese Entscheidung nachvollziehen. Doch Sevecke verlor kein Wort darüber, wohin denn jetzt die Parkplatzsuchenden ausweichen sollen. Es bestehen in Lokstedt nämlich erhebliche Parkplatzprobleme.
Wohin sollen die Pendler also ausweichen?

• Da wären zunächst die Parkplätze rund um Hagenbeck. Dann aber finden die Tierpark-Besucher kaum noch einen Parkplatz.

• Nach Lokstedt-Süd. Rund um den Lohkoppelweg aber hat das „ambitionierte Wohnungsbauprogramm“ bereits dafür gesorgt, dass selbst die Anwohner dort nicht mehr parken können.

• In den Bereich des Lokstedter Steindamms. Dort wird es langsam voll. Schon seit Monaten beklagen sich die Anwohner des Zylinderviertels, dass die Straßen tagsüber von Pendlern aus SE, IZ und PI zugeparkt werden, die mit dem Metrobus 5 in die Stadt fahren.

• In den Bereich der Osterfeldstraße. Dort kann man sich davon überzeugen, dass aktuell der Betreiber des E-Centers Strüve seine Kunden mit Aktionen auf die Parkscheibenpflicht hinweist. „Wir werden zunehmend von Pendlern zugeparkt,“ erklärt uns ein Mitarbeiter.

Wie muss es da erst dem E-Center Schrader mit seinem überschaubar kleinen Parkhaus direkt am „ehemaligen“ Park+Ride-Parkplatz ergehen. Wie soll er Pendler und Kunden auseinander halten. Muss er nun stündlich kontrollieren und abschleppen lassen?

Alternativen

Alternativen zur Lokstedter Höhe, so Sevecke, gäbe es keine. Alle anderen sechs Bezirke hätten deutlich mehr Flüchtlinge untergebracht. Und schließlich sei Eimsbüttel der mit Abstand reichste Bezirk Hamburgs. Da müssten wir unsere Verantwortung tragen. Allerdings ist Eimsbüttel auch der am dichtesten bevölkerte Bezirk und gerade in Lokstedt wurde in den letzten Jahren fast jede freie Fläche bebaut oder nachverdichtet.

Man hätte alles geprüft. Sogar das Inter-Conti Hotel, das stehe ja leer. Da hätten durchaus 200 – 300 Flüchtlinge untergebracht werden können. Man hätte auch schon mit dem neuen Besitzer gesprochen. Aber das hätte nicht geklappt, so Sevecke: „Wollen sie wissen warum? Bauprüf! Ja, Bauprüf, das Gebäude ist nicht feuersicher. Und wir wollten natürlich auch nicht das Leben der Flüchtlinge gefährden.“

Zahlen

Nun war Bettina Prott von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (Basfi) an der Reihe zu berichten.

In 2013 würden 100.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Das sei dann wieder das Niveau von 1997. Die kämen derzeit überwiegend aus Tschetschenien, Syrien oder Russland. Hamburg müsse derzeit 400 – 450 Flüchtlinge pro Monat übernehmen.

Wir haben das nachgerechnet. Das kann eigentlich so nicht stimmen: Der Königsteiner Schlüssel regelt die Aufnahmequote für die einzelnen Bundesländer (). Demnach muss Hamburg 2,55023 Prozent aller nach Deutschland kommenden Flüchtlinge aufnehmen. Das wären, bezogen auf ein Gesamtzahl von 100.000, dann 2550 Flüchtlinge im Jahr, also etwa 212 Flüchtlinge pro Monat. Wie kommt Prott auf 450 Flüchtlingen pro Monat?

Die Basfi, so Prott weiter, wolle die Flüchtlinge eigentlich nicht in solchen Notunterkünften unterbringen. Man wolle die langfristige Unterbringung in Pavillondörfern oder Container in Modulbauweise. „Da lebt es sich wie in einem richtigen Haus“. Zwischendurch seien aber leider immer wieder solche Notmaßnahmen nötig wie hier an der Lokstedter Höhe. „Zunächst bis zum 31.12.2013 oder solange wie zwingend nötig.“

Vor Ort

Auch Rembert Vaerst, Geschäftsführer von f&w und damit Herr über 60 Flüchtlingsunterkünfte und die zentrale Erstaufnahme, hätte sich bei diesem Projekt mehr Vorlauf gewünscht. „Aber die Dinge sind so wie sie sind!“

Auf dem Gelände würden 86 Container aufgestellt. Zunächst seien mehr geplant gewesen, aber das Gelände wäre kleiner als ursprünglich vermessen. In den 86 Containern seien Sanitärcontainer und Container für die Essensausgabe mit eingerechnet.

Ein Zwischenruf: „Kochen die Flüchtlinge nicht selber?“

Vaerst erklärt: Normalerweise würde in den Lagern selbst gekocht, aber hier in diesem provisorischen Containerlager seien die Verhältnisse zu eng. Hier gäbe es ein Catering und eine Essensausgabe.

Ansonsten konnte Vaerst den Anwohner nicht viel über die vor der Tür stehenden, baldigen Nachbarn berichten. Er wisse auch nur, dass morgen früh zunächst 60 Flüchtlinge, überwiegend aus den ehemaligen GUS-Staaten, aufgenommen würden. Innerhalb von zwei Wochen steige dann die Belegung auf 200 Asylsuchende.

Man kenne die Leute noch nicht, wisse auch nicht wie viele Kinder kommen werden.
Auf die Nachfrage eines Anwesenden versichern er: Alle Kinder würden beschult.
Drei Mitarbeiter seien vor Ort, die Leitung und ein Sozialmanagement. Die Sozialarbeiter regeln dann, dass die Flüchtlinge möglichst schnell in das Regelsystem, also Schule, Sozialleistungen (Taschengeld), HVV-Karte, medizinische Versorgung etc. übernommen würden. Für all die Dinge haben wir ein funktionierendes System, das wir nutzen können.

Die Zeit drängt

Es kommt der letzte Rundumschlag von Brigitte Samtleben: „Das ist auch eine Erfolgsgeschichte, wie wir die Unterbringung in so kurzer Zeit geregelt haben“. Mit diesem die Tatsachen auf den Kopf stellenden Statement eröffnet sie ihre Abmoderation.

Man merkt, sie möchte die Veranstaltung nun möglichst rasch beenden und gibt den Anwohnern die bereits eingangs erwähnten 5 Minuten Zeit für „ihren Frust“.

Kindeswohl gefährdet

Es meldet sich aber abermals kein Anwohner. Viele sind inzwischen völlig frustriert. Einige vorzeitig gegangen. Es spricht wieder eine professionelle Helferin, dieses Mal eine Mitarbeiterin des Jugendamts. Allerdings mit einer bemerkenswert offenen Aussage, die bei Samtleben und Vaerst auf wenig Gegenliebe stößt: Regelmäßige Aufgabe des Jugendamts wäre ja, zu prüfen, ob das Kindes- bzw. Jugendwohl gefährdet sei. Eigentlich müsse man nämlich bei allen Kindern, die in diesen Notunterkünften von f&w untergebracht seien, eine Kindes- oder Jugendwohlsgefährdungsmeldung machen. Bei deutschen Kindern jedenfalls würde man unter solchen Lebensumständen eine solche Meldung machen. Es sei daher mittlerweile ein Problem für die Jugendbehörde, dass man bei deutschen und bei ausländischen Kindern (Flüchtlingen) mit zweierlei Maß messe. Man stelle übrigens nur deshalb keine Meldung aus, weil die Eltern ja nichts dafür könnten, dass sie Flüchtlinge seien.

Diese Aussage bestätigt die verbreitete Auffassung, dass die Unterbringung in den Containern menschenunwürdig ist. Jeweils vier Personen werden in einem 15 qm großen Container untergebracht. Oder anders herum gerechnet: Dort wo vorher 140 Autos parkten sollen nun 200 Menschen wohnen - da hat dann ein Mensch die Fläche von 0,7 Autos zur Verfügung.

Professionelle Helfer greifen ein

Im Laufe der Veranstaltung wurden die Vortragenden von Anfang an immer wieder unterbrochen. Mehrere Pastoren, Sozialarbeiter, Kindergärtner, Schuldirektoren und Psychologen ergriffen das Wort. Höhepunkt der Veranstaltung allerdings die Wortmeldung einer Frau und Mutter: „Ich möchte für die Flüchtlinge einen Kuchen backen!“

Passend dazu die Äußerung von Bettina Prott: „Die Menschen haben verdient mit offenen Armen aufgenommen zu werden.“

Traumatisiert…

Es gingen an diesem Abend in der Aula offensichtlich alle Beteiligten davon aus, dass es sich bei den zu erwartenden Flüchtlingen ausnahmslos um schwer traumatisierte Menschen handeln würde. Jedenfalls rankte sich die Diskussion beinahe ausschließlich um diese Themen.

So wurde dann auch in verschiedenen Wortmeldungen ein erhöhter Bedarf an therapeutischer Intervention eingefordert. Die Schulleiterin der Schule Vizelinstraße etwa sagte, dass es nicht ausreiche den Kindern Deutsch beizubringen. Schließlich handele es sich überwiegend um schwer traumatisierte Kinder, die von Traumaexperten psychologisch betreut werden müssten. Das könne die Schule nicht leisten.

Danach steigerten sich im Publikum die Ansprüche an die Betreuung. Gerade so, als würden hier die Kleider des Kaisers ersteigert, balgten sich die Beteiligten um die Pfründe. Einige im Publikum gingen soweit, öffentlich bereits die Aufbesserung der Stellenschlüssel zu fordern - bei der vielen Arbeit, die ihnen diese schwer traumatisierten Menschen abverlangen werden.

An dieser Stelle wurde dann auch deutlich, dass nicht alles im Leben schwarz-weiß ist, auch manche Gutmenschen nicht nur gut sind und nicht alle Anwesenden am Helfersyndrom litten. Nein, auch handfeste Interessen spielen hier offensichtlich eine Rolle. Man muss nämlich auch immer daran denken, dass die auf Deutschland zukommende Flüchtlingswelle für etliche Helfer einen krisensicheren neuen Job bedeutet. Schließlich nehmen auch Pastoren, Sozialarbeiter, Kindergärtnerinnen, Lehrer und Beamte Geld für ihre Arbeit.

Es ist nur der Bürger, hier der Anwohner, der die Integrationsleistung umsonst erbringen soll. Zusätzlich zahlt er die Steuern, von denen die professionellen Helfer bezahlt werden und nimmt dafür dann in seiner direkten Umgebung Unbequemlichkeiten und Gefahren auf sich. Meldet er sich aber mal zu Wort, dann ist das bereits „grenzwertig“.

Brigitte Samtleben allerdings war von so viel Sorge um die traumatisierten Flüchtlinge dermaßen beeindruckt, dass sie sogleich davon berichtete, dass der Personalschlüssel bei f&w bereits jüngst aufgebessert worden sei.

…oder Germania gut?

Die Bildzeitung war gleich am ersten Vormittag vor Ort in der Lokstedter Notunterkunft und sprach mit den Flüchtlingen.

Unter den ersten 60 Flüchtlingen auch Benueva Rezida mit ihrem Mann Rustam Tutajev aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny. „In ihrer Heimat hatten Benueva Rezida und ihr Mann keine Arbeit. Hier lernen sie Deutsch, die Kinder gehen zur Schule. Warum sie gekommen sind? Benueva Rezida lächelt: ‚Germania gut.‘“

Rezida erwartet im Januar ihr fünftes Kind. Weder sie noch ihre Kinder wirken allerdings traumatisiert. Es dürfte sich bei der Familie um ganz normale Wirtschaftsflüchtlinge handeln.

So sehen das wohl auch die Verantwortlichen in der Ausländerbehörde, denn nur etwa 15 Prozent der in Deutschland gestrandeten Flüchtlinge dürfen tatsächlich in Deutschland bleiben. Die Bild weiter über Rezida: „Sie spricht kaum Deutsch, kein Englisch. Mithilfe eines Wörterbuchs erklärt sie knapp, aber deutlich: ‚Wir wollen ein besseres Leben.‘“

Warum ausgerechnet Deutschland

Im Interview mit Spiegel online spekuliert die Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina über mögliche Gründe der aktuellen Flüchtlingswelle aus Tschtschenien - mehr als 10.000 Flüchtlinge sind dieses Jahr bereits aus diesem Land nach Deutschland gekommen. „In Tschetschenien haben Gerüchte die Runde gemacht, Deutschland sei bereit, bis zu 40.000 Tschetschenen aufzunehmen. Ich habe im Mai zum ersten Mal von diesen Gerüchten gehört. Da heißt es, Deutschland gebe ein Stück Land und Geld. Von anderen Ländern ist dagegen bekannt, dass sie Tschetschenen häufig abschieben.“

Dolmetscher

Auch an diesem Abend auf der Informations-Veranstaltung kommt man schließlich auf das Thema der Sprachbarriere zu sprechen. Ein im Ruhestand befindliche Pastor, jetzt als psychologischer Psychotherapeut tätig, meldet sich zu Wort. Aus seiner Erfahrung gäbe immer das Problem der Sprache. „Gibt es denn genügend Dolmetscher?“

Geschäftsführer Vaerst räumt dazu ein, dass die f&w-Mitarbeiter bei der Kommunikation mit den Flüchtlingen auf Honorardolmetscher angewiesen seien. „Unsere Mitarbeiter sprechen zwar viele Sprachen, etliche haben ja einen Migrationshintergrund. Aber es sind nicht immer die Mitarbeiter mit der passenden Sprache vor Ort.“

Die Schulleiterin der Schule Vizelinstraße weist darauf hin, dass die benachbarte Lenzsiedlung ja auch ziemlich multi-kulti sei. Im dortigen Verein Lenzsiedlung e.V. würden sich Dolmetscher fast aller Sprachen finden lassen.

Was können wir tun?

Am Ende bricht allerdings das sorgfältig errichtete Kartenhaus der Behörde doch noch zusammen. Auf die Frage, was man denn jetzt heute schon konkret für die Flüchtlinge tun könne, gibt Vaerst eine bemerkenswerte, für die anwesenden Helfer vernichtende Antwort: „Am besten Sie lassen die Flüchtlinge erst mal für einige Wochen in Ruhe. Die müssen sich ja zunächst noch eingewöhnen.“

Was denn nun?

Da haben doch all die mit Blick auf ihren Etat äußerst dienstbeflissenen professionellen Helfer einen Frühstart hingelegt haben. Denn so viel steht nun fest. Einen runden Tisch wird es frühestens in einem Monat geben.
Was wollten die denn alle auf dieser Veranstaltung?

Wurden diese armen, nun auf Wochen frustrierten Helfer, nur benutzt? Benutzt vom Bezirk und von der SPD Eimsbüttel um die gewünschte positive Stimmung auf der Veranstaltung zu erzeugen?

Ein Trostpflaster allerdings hielt Samtleben für die verhinderten Helfer bereit. Wer wollte konnte sich vor Ort gleich in Gutmenschen-Listen eintragen, die noch vor Ende der Veranstaltung durch die Reihen gingen. Und manch einer wird sich vermutlich auch dort nur eingetragen haben, weil die anderen in der Sitzreihe es auch taten.

Fazit

Samtleben bricht dann um 21.05 Uhr die Veranstaltung ab. Viele Fragen blieben offen.

Sevecke ist aber offensichtlich so begeistert und erlöst, dass er sich zu einem Fazit und einem pathetischen Schlusswort berufen fühlt.

Er danke für die Bereitschaft von f&w einen runden Tisch einzurichten. Das sei vorher so nicht besprochen gewesen. Und noch eins: Die Anlage bleibe offen: „Wir werden keine Zäune errichten!“ Das sei übrigens eine gemeinsame Entscheidung von f&w, der Polizei und der Behörde.

Und dann geht an diesem Abend doch noch der Bundeswehroffizier mit ihm durch. Sevecke wagt einen Versuch, die von der Masse von Sozialarbeitern, Beamten und Politikern unterdrückten Anwohner wieder aufzurichten. Es fallen Worte, die Sevecke sich besser für die Führungsakademie der Bundeswehr hätte aufheben sollen:

„Dies ist ein freies Land. Wir werden gemeinsam die Freiheit nach innen und außen verteidigen.“

Die Masse dank es ihm mit Beifall.

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© Lokstedt-online 07.09.2013