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Flüchtlingsunterbringung in Lokstedt 7

100 prozentige Sicherheitsgarantie

In einer Antwort auf eine Bürgeranfrage nach dem Hamburgischen Transparenzgesetz stimmt das Amt für Umweltschutz der temporären Nutzung der Fläche am Offakamp als Asylantenunterkunft zu, obwohl aktuelle Bodenproben dort einen krebserregenden Schadstoff nachgewiesen haben.

Ihre Recherchen haben einige Lokstedter Aktivisten nach Hamburg-Rothenburgsort geführt. Hier in der Billstraße an der Ecke Billhorner Deich residiert das Amt für Umweltschutz der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Im begrünten Innenhof stehen einige Mitarbeiter mit Besuchern herum und inhalieren mit jedem Zug aus ihrer Zigarette das krebserregende Benzo(a)pyren. Dieser Schadstoff hatte zu einer Neufassung der Arbeitsstättenverordnung geführt, wegen der nun niemand mehr im Gebäude rauchen darf.

Sie treten ein ins Gebäude und in den Fluren und Büros herrlich gesunde schadstofffreie Luft. Und letztlich ist diese gesunde, benzo(a)pyren-freie Luft auch der Grund, aus dem die Besucher sich von Lokstedt aus auf den Weg in das Amt für Umweltschutz gemacht haben.

Bürgersprechstunde

Die Bürger von der Initiative Bebauungsplan-Entwurf Lokstedt 58 möchten die gesunde Luft teilen. Teilen mit den 177 Asylanten, die auf dem ehemaligen Recyclinghof Offakamp untergebracht werden sollen. Daher machen sich einige von ihnen auf den Weg in Bürokratenstuben, so auch am Dienstag in die Bürgersprechstunde des Bezirksamtsleiters Torsten Sevecke in den Grindelhochhäusern – auch hier übrigens Schadstofffreiheit soweit die Nase reicht.

In der Sprechstunde treffen sie auf einen empörten Bezirksamtsleiter, der sich die Situation selbst kaum erklären kann. Er spricht von einer noch nicht erlebten Ungeheuerlichkeit, die sich Fördern und Wohnen (f & w) da geleistet hätte und verspricht, dass auf dem Gelände am Offakamp keine Asylanten untergebracht würden, sollten die toxikologischen Untersuchungen auch nur den Hauch einer Gefährdung ergeben. Das Unternehmen sei da ein hohes Risiko eingegangen. Sollte für die Sicherheit der dort anzusiedelnden Menschen keine 100 prozentige Garantie gegeben werden können, dann seien die Investitionen von Fördern und Wohnen auf dem Gelände umsonst gewesen.

So räumt der Bezirksamtsleiter ein, dass ein Privatunternehmen, wenn es sich ähnliches wie f & w erlaubte, ein saftiges Ordnungsgeld aufgedrückt bekommen hätte. Gegen eine Anstalt des öffentlichen Rechts, im Besitz der Freien und Hansestadt Hamburg, sind Sevecke aber offensichtlich die Hände gebunden.

Doch die Gemüter konnten sich nur für kurze Zeit beruhigen. Denn, wie schon einige Male zuvor in diesem leidigen Skandal um die Unterbringung der Asylanten auf dem verseuchten Gelände, ist der Bezirksamtsleiter offensichtlich nicht ausreichend informiert und ein weiteres Amt, eine weitere Behörde oder eben f & w tanzt ihm auf der Nase herum.

Auskunft unter Berufung auf das Transparenzgesetz

Zu einem ganz anderen Ergebnis als der Bezirksamtsleiter kundtut gelangt man nämlich, wenn man, wie es die Lokstedterin Helena Peltonen tat, das Amt für Umwelt unter Berufung auf das Hamburgische Transparenzgesetz nach seiner Einschätzung fragt. Sie bat das Amt um Dokumente, aus denen die Schadstoffbelastung des Geländes des ehemaligen Recyclinghofes am Offakamp in Lokstedt hervorginge, sowie um die darauf beruhende Beurteilung der Behörde über die Eignung dieses Geländes für Unterbringung von Flüchtlingskindern.
Das Amt ließ sich zwar einen Monat Zeit mit der Beantwortung dieser Frage. Aber dafür kam die Beisitzerin im Vorstand des Bürgerhauses Lokstedt als sie die Antwort las aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Zunächst zitiert das Amt für Umweltschutz das Gutachten aus dem Jahre 2005 und die allseits bekannten Schadstoffbelastungen, die dort aufgelistet sind:

„Im Untergrund wurden Schadstoffbelastungen mit Schwermetallen (im Wesentlichen Blei, Kupfer und Zink) sowie polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nachgewiesen. Die festgestellten Belastungen im Untergrund sind für den direkten Kontakt nicht relevant, da die Fläche weitgehend versiegelt ist.“

Umgehend zweifelt der Leser an der Qualität der Auskunft. Weiß der anonyme Beamte nicht, dass die Versiegelung in großen Teilen eröffnet wurde und dies eben der Anlass für die erneute Probenentnahme war?

Nachfolgend geht das Schreiben dann auf die Ergebnisse der aktuell entnommenen Proben ein:

„Anlässlich der geplanten Unterbringung von Asylbewerbern auf dem Grundstück Offakamp 9b-11b wurden im Dezember 2012 von allen unversiegelten Bereichen Oberbodenproben genommen.

Dazu liegen mittlerweile folgende Ergebnisse vor:

Die Analysenergebnisse unterschreiten die Prüfwerte, die in der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung für Wohngebiete festgesetzt sind, fast vollständig.

Ein einzelner erhöhter Wert für den organischen Schadstoff Benzo(a)pyren wird zurzeit durch eine Nachanalyse verifiziert.“

Gerne würde man dem anonymen Schreiber dieser Zeilen zurufen: „Hallo! Tickst du nicht richtig? Benzo(a)pyren ist krebserregend!“ Für einen solchen Schadstoff gibt es keine Grenzwerte, denn es kann schon in geringsten Konzentrationen Krebs erregen. Kein Deutscher darf am Arbeitsplatz Benzo(a)pyren ausgesetzt sein.

Aber für das Amt für Umweltschutz spielt das offensichtlich keine Rolle. Der Wert kann ja in einer zweiten Analyse „weg-kontrolliert“ werden. So läuft das also. Niedrige Werte werden für bare Münze genommen. Erhöhte Werte müssen „verifiziert“ werden.

Einen weiteren Anhalt dafür, dass hier das bestehende Gutachten durch die neuerliche Probenentnahme ausgehebelt werden soll, liefert uns der Anwohner Norbert Stapelfeld. Im Jahre 2005 sei mittels 10 Tiefborungen intensiv untersucht worden. Nun habe sein Nachbar beobachtet, dass die aktuellen Proben mit einem Handborer genommen wurden. Zusätzlich wurde mit der Schaufel etwas Sand von den Haufen genommen. Das hört sich nicht nach einer fachgerechten Probenentnahme an. Solch eine nachlässige Probenentnahme macht nur der, für den das Ergebnis von vornherein feststeht.

Und ohne die Verifikation des Benzo(a)pyren-Werts erst abzuwarten kommt das Amt direkt zu einer voreiligen Einschätzung der Zulässigkeit der Unterbringung:

„Einer temporären Nutzung der Fläche zur Schaffung von Unterkunftsplätzen für Asylbewerber kann aus altlasttechnischer Sicht zugestimmt werden, sofern die Unterbringung zeitlich befristet bleibt und sichergestellt ist, dass kein Direktkontakt mit belastetem Bodenmaterial möglich ist. Hierzu ist die Versiegelung aufrecht zu erhalten. Bei Bodenarbeiten sind entsprechende Arbeitsschutzvorgaben einzuhalten. Weiterhin sind die oben genannten Vorkehrungen zum Schutz vor Deponiegasen zu beachten.“

Sorge um das Grundwasser

Und so treibt die Anwohner diese Behördenwillkür allmählich in die Verzweiflung und eine neue Sorge geht im Jägerlauf um.

Im Anschreiben der Behörde wird zwar aus dem Gutachten von 2005 zitiert: „Eine Gefährdung des Grundwassers wurde nicht festgestellt.“ Aber gilt das auch noch 2013, wo die Versiegelung vor vier regenreichen Wochen eröffnet wurde und die Ausschachtungen während des Baustopps nur unzureichend abgedeckt wurden?
Benzo[a]pyren ist ein gelber, kristalliner Feststoff, der in Wasser zwar unlöslich ist. Gleichwohl werden die Plättchen oder Nadeln aber mit dem eindringenden Regenwasser ausgewaschen und gelangen so auf direktem Wege in die Tarpenbek.
Einen Beweis für eine unterirdische Verbindung des Gewerbegebiets mit der Tarpenbek gab ein Vorfall aus dem Juni 2012, als ein Umweltfrevler Binderfarbe unsachgemäß entsorgt hatte.

Aus dem Gewerbegebiet am Nedderfeld gelangt die Farbe in die Tarpenbek. Auf eben diesem Wege können nun Benzo(a)pyren-Partikel transportiert werden und auf dem Weg dorthin auch ins Grundwasser gelangen.


fragdenstaat.de

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© Lokstedt-online.de 12.01.2013