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Klimawandel

Die Domestizierung der Lokstedter

Am vorletzten Mittwochabend fand in der Aula der Schule Döhrnstraße die Auftaktveranstaltung zum „Climate Smart City Hamburg / Lokstedt -Forschungsprojekt Klimaschutz und Stadtteilentwicklung“ statt. Leider, soviel steht bereits fest, steht die Forschung und nicht die Stadtteilentwicklung im Interesse der Verantwortlichen.

Wer nach den Begrüßungsreden - sie wurden von Eimsbüttler Bezirksamtsleiter Kay Gätgens und dem Staatsrat der Behörde für Umwelt und Energie Volker Pollmann gehalten - noch glaubte, nun würden Weichen gestellt und es würde etwas geschehen in Lokstedt, der wurde von der nachfolgenden Rednerin auf den Boden der Tatsachen zurück gebracht.

Professorin Anata Engels von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stellte ihr Projekt vor. Ein transdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema Klimaschutz - mehr nicht! Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Das Projekt

Erforscht werden sollen dabei die „unterschiedlichen Lebenswelten“ der Bewohner Lokstedts in den Handlungsfeldern Haushaltsenergie, Mobilität und Abfallwirtschaft. Die einzelnen Gesichtspunkte reichen dabei von der Gebäudesanierung über die Infrastruktur, Car-Sharing, E-Mobilität bis hin zu der Frage, wieviele Müllbehälter wohl notwendig seien.

Die Untersuchung erstreckt sich über drei Jahre. Bis zum Oktober wird der Verbrauch von Haushaltsenergie untersucht. Danach bis zum Juli 2018 die Mobilität und schließlich bis April 2019 die Abfallwirtschaft. Die Themen werden in den nächsten drei Jahren nacheinander abgearbeitet, jeweils nach dem selben Schema:

Zunächst werden jeweils 30 (!) Haushalte befragt, weitere Bürger können sich freiwillig online beteiligen, dann folgen Expertenforum und Diskussion im Stadtteil.

Warum ausgerechnet Lokstedt?

Engels übergab das Mikrofon an Jan Philipp Stephan vom Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung des Bezirksamtes Eimsbüttel. Er sollte dem Auditorium erklären: Warum ausgerechnet Lokstedt?

Eine plausible Begründung blieb Stephan allerdings den rund 100 Gästen schuldig. Sein Erklärungsversuch war einfach zu schlicht gestrickt: Er präsentierte eine Schautafel „Lokstedt im Wandel“. Die listete einige der bereits in Lokstedt durchgeführten Bürgerbeteiligungsprojekte auf (vergleiche auch Lokstedt online vom 10.01.2017).

In Stephans Sichtweise werden die Tür und Angelgespräche aus dem Jahre 2014 - mit denen sich der Regionalbeauftragte Michael Freitag ins Amt eingeführt hatte - und die Perspektiven für den Stadtteil Lokstedt mit dem neuen Projekt gleichsam fortgeführt. Die Ergebnisse dieser Projekte würden dann mit den Ergebnissen des aktuellen Klimaprojekts zusammengeführt und dadurch ihre Vollendung finden.

Merkwürdig, die Lokstedter Bürger hatten sich nämlich schon gefragt, in welcher Schublade die Perspektiven für Lokstedt wohl vergammeln. Und schade, dass zu diesem Zeitpunkt dem aufmerksamen Zuhörer dieser Veranstaltung bereits klar war, dass auch die Erkenntnisse von Climate Smart City bald schon ebenso ungenutzt in irgendeiner Schublade herumliegen werden.

Vor 100 Jahren

Ganz nebenbei machte Stephan in seinem Vortrag noch zwei Bemerkungen, die der Korrektur bzw. der Kommentierung bedürfen.

Zunächst sein Hinweis, dass es in den 1960ern die Vogt-Wells-Straße noch gar nicht gegeben hätte. Das ist natürlich falsch. Natürlich gab es diese - zur Kaiserzeit hieß sie übrigens Wilhelmstraße. Sie endete jedoch noch bis zur Eröffnung des Elbtunnels am Behrmannplatz und hatte keine Verbindung zur Julius-Vosseler-Straße. Dies nur am Rande.

Die zweite Bemerkung von Stephan regt zum Nachdenken an. Er sagte: „Vor 100 Jahren gehörte Lokstedt noch gar nicht zu Hamburg.“ Das ist richtig.

Da sich die Veranstaltung mit dem Klimawandel beschäftigt, lassen wir uns doch einmal auf die von Stephan vorgeschlagene Zeitreise ein. Zugegeben 1917 - kein schönes Jahr. Der erste Weltkrieg neigte sich dem Ende und ein Winter mit einer der verheerendsten Seuchen - die Spanische Grippe - stand unmittelbar bevor. Diese dezimierte die Weltbevölkerung noch einmal um 50 Millionen Menschen. Sie lag damals bei etwa 1,8 Milliarden.

Was wissen wir von Lokstedt?

In Lokstedt lebten 1921 etwa 4.700 Einwohner (Kollauer Chronik Bd. II, S. 27), doch auch ohne über genaue Zahlen bezüglich der Kohlendioxid-Bilanz (CO2-Bilanz) des Stadtteils in der damaligen Zeit zu verfügen, lässt sich vermuten, dass die überwiegend in der Landwirtschaft oder in Gärtnereien arbeitenden Lokstedter weniger CO2 produzierten, als die Parks und Grünflächen zur Photosynthese verbrauchten. Der grüne Stadtteil Lokstedt eben!

Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Und auch die Weltbevölkerung hat kräftig zugelegt. In den letzten 100 Jahren hat sich die Anzahl der Menschen, die sich unsere Erde teilen, vervierfacht. Es sind aktuell etwa 7,4 Milliarden. Bis zum Jahre 2050 - dieses Jahr spielt auch für den Klimawandel eine Rolle - dürfte die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen wachsen. Für die weitere Entwicklung der Weltbevölkerung nach 2050 gibt es verschiedene Szenarien, auf die wir hier nicht eingehen wollen - zumal auch nicht alle wirklich friedlich ablaufen werden.

2015 hatte Lokstedt zum Jahresende 28.252 Einwohner. Mithin hat sich die Einwohnerzahl in den letzten 100 Jahren in Lokstedt sogar versechsfacht. Dieser rasche Wandel liegt auch daran, dass Lokstedt 1937 Hamburger Stadtteil wurde und mittlerweile vom Bezirk zur Urbanisierungszone auserkoren wurde. Auch hierzu machte Stephan eine Bemerkung: „Der Bezirk wird weiter wachsen.“

Nun haben sich die Verantwortlichen vorgenommen, das Klimaverhalten der Lokstedter Bürger auszuforschen. Doch schon ein Blick auf die Bevölkerungszahlen zeigen, dass hier das Pferd eigentlich vom Schwanz her aufgezäumt wird. Anstatt alles, aber auch wirklich alles dafür zu tun, dass die Bevölkerungszahl auf unserem Planeten nicht weiter wächst - es ist ja zu bedenken, dass neben dem Klimawandel auch noch andere Gefahren wie Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, Seuchen etc. drohen - hat man sich auf sogenannte Klimaziele geeinigt. Diese wurden den Anwesenden von Birgit Schiffmann von der Leitstelle Klimaschutz (ja so etwas gibt es) erläutert.

Nicht mehr als 2 Tonnen CO2 darf im Jahre 2050 jeder der 10 Milliarden Menschen auf unserem Planeten erzeugen. Aktuell erzeugt ein Hamburger Bürger jährlich etwa 10 Tonnen von diesem sogenannten Treibhausgas.

Kaum Lokstedter anwesend

Helena Peltonen vom Bürgerhaus Lokstedt hielt es beim Thema CO2-Einsparen nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie war entzückt von der Idee und begeistert über die vielen anwesenden Lokstedter „Klima-Champions“. Sie fragte, warum die nicht alle auch in der Zukunftswerkstatt des Lokstedter Forums mitmachen würden, da hätte das Thema keinen interessiert. Sie lud daher jedermann zum Mitmachen ins Bürgerhaus ein.

In ihrer Euphorie hatte Peltonen offensichtlich gar nicht bemerkt, dass kaum Lokstedter anwesend waren. Die Reihen waren zwar gut gefüllt, allerdings die meisten davon von Mitarbeitern und Partnern des Projekts, Politikern und Beamte des Bezirks.

Der Lokstedter als Klima-Champion

Um nun wieder auf die wenigen anwesenden Lokstedter zurück zu kommen.
Wie können wir uns das Leben eines Lokstedters im Jahre 2050 vorstellen? Das Leben eines solchen Klima-Champions, wie Peltonen ihn nannte, dürfte in etwa dem eines Dackels oder einer Hauskatze entsprechen. Die erzeugen nämlich aktuell jährlich zwischen 1,8 und 2,2 Tonnen Kohlendioxid.

Um uns Lokstedter also auf den rechten Weg - der Domestizierung zum Klima-Champion - zu führen, nun also das Forschungsprojekt Climate Smart City.

Bevor die Bürger endlich ihre Fragen stellen durften, erwähnte Birgit Schiffmann dann noch das unvermeidliche, weltweite Klimaabkommen, dessen Nichteinhaltung angeblich katastrophale Konsequenzen für unseren Planeten hätte. Um das Ziel der 2-Grad-Obergrenze zu bewerben ist den Verantwortlichen offensichtlich jedes Mittel recht, es wurde sogar noch ein von der EU finanzierter Film aus dem Jahre 2008 vorgeführt: „Energy let’s save it“.

Fragerunde

In der folgenden Fragerunde, war deutlich die Skepsis gegenüber dem Projekt zu spüren. Gleich zu Beginn mahnte eine Besucherin an, doch lieber die Bäume in Lokstedt stehen zu lassen.

Von verschiedenen Besuchern wurde die Methodik der Untersuchung angezweifelt. Kaum einer im Auditorium konnte sich vorstellen, dass die Befragung von nur 30 Haushalten zu verwertbaren Ergebnissen führen könnte. Projektleiterin Engels wies darauf hin, dass unterschiedliche Verfahren gäbe, für dieses Projekt würde das Verhalten der Probanden tatsächlich bis in die Tiefe ausgeleuchtet.

Als dann ein Besucher nachfragte, ob denn auch irgend etwas von dem, was die Forscher herausbekämen wirklich umgesetzt würde, war aus der Veranstaltung die Luft raus. Es handelt sich bei dem Projekt tatsächlich - wie ja eingangs bereits durch die Projektleiterin dargestellt - um ein reines Forschungsprojekt. Wer also schon von Car-Sharing Projekten, besseren Radwegen, Tempo-30-Zonen oder ähnlichem in Lokstedt geträumt hat, wurde auf den Boden der Realität zurück geführt.

Der Steuerzahler zahlt das alles

Trost spendete manchem das im Eingangsbereich aufgebaute Buffet. Auch wurden Energiemessgeräte verschenkt und man konnte noch an Stehtischen zu den verschiedenen Themen mit den Verantwortlichen diskutieren. So kam es, dass manch einer dann doch befriedigt nach Hause ging. Ein Besucher fand nach der Veranstaltung allerdings deutliche Worte: „Wenn es nicht den Etat vom Bundesministerium zum Verbraten gäbe, dann würde es das ganze Projekt nicht geben.“

www.hamburg.de

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© Lokstedt-online 26.02.2017