Bezirksamtsleitung

Ein Zentrum entwickeln

Nach einem umstrittenen Auswahlverfahren, bei dem der Sieger eigentlich von Beginn an feststand, wurde Mitte Dezember der Schnelsener Sozialdemokrat Kay Gätgens zum Eimsbütteler Bezirksamtsleiter gewählt. Allerdings gaben nur 27 Bezirksabgeordnete dem 54-jährigen Leiter des Dezernats Wirtschaft, Bauen und Umwelt ihre Stimme.

Der Verwaltungsfachmann Kay Gätgens und sein Amtsvorgänger Torsten Sevecke teilen einige Vorlieben. Die ausgewiesenen Radfahrer - Gätgens im Abendblatt: „Genau, nur dass ich eine längere Strecke fahre“ - finden die Osterstraße und das Generalsviertel attraktiv.

Die wachsende Stadt - drei Schwerpunkte

Leider liegen die Beiden auch dienstlich auf einer Linie, als Parteisoldaten fügen sie sich in die Weisungen des Senats. So kann der scheidende Baudezernent sein Metier nicht verleugnen, denn er sieht weiterhin im „Wohnungsbau eine Daueraufgabe“ und sein Aufgabenfeld eng umrissen: „Da wird es darum gehen, weiterhin über 1000 Wohnungen pro Jahr zu genehmigen, und zwar in einem bereits hochverdichteten Bezirk. Das wird kein einfaches Geschäft.“

Dabei setzt Gätgens, genau wie sein Vorgänger, auf das Nachverdichtungspotenzial der Hauptverkehrsstraßen - der gelernte Stahlbetonbauer, Architekt und Stadtplaner nennt sie Magistralen. Weitere Verdichtung soll es im Umfeld von U- oder S-Bahnhaltestellen geben. Neue Möglichkeiten dazu ergeben sich an der in Planung befindlichen U5 - bis die ersten Streckenabschnitte allerdings in Betrieb genommen werden, dürfte Gätgens bereits pensioniert sein.

Weitere Schwerpunkte sieht Gätgens in der Mobilität und im sozialen Zusammenhalt. So möchte er - durchaus löblich - die „Angebote beim Rad- und Fußverkehr ebenso wie beim Nahverkehr“ verbessern.

Gätgens dazu im Abendblatt: „Wenn man sich interessante, attraktive Städte anguckt - nehmen wir Kopenhagen, Amsterdam, Barcelona, Paris – haben alle ein exzellentes Mobilitätsangebot. Sie stehen im Ranking der Beliebtheit und Lebensqualität auch deshalb oben. Ich glaube, dass sich Hamburg da etwas abgucken kann.“

Für den sozialen Zusammenhalt im Bezirk findet der kommende Bezirksamtsleiter bislang nur positive Worte. So behauptet Gätgens, dass die vielen neu hinzugezogenen und die alteingesessenen Lokstedter gut zueinander gefunden hätten. „Das gute Miteinander und die Integrationskraft zeigt sich auch beim Umgang mit den Flüchtlingsunterkünften.“

Lokstedts Zentrum

Im Gegensatz zu Sevecke macht sich Gätgens allerdings auch Gedanken über Lokstedt. Das mag daran liegen, dass er zweimal am Tag Lokstedt mit dem Fahrrad durchfährt. Merkwürdig allerdings, dass er findet, das Ergebnis am Siemersplatz könne sich sehen lassen: „Insgesamt wurde die Situation für alle Verkehrsteilnehmer verbessert. Insbesondere möchte ich auch die Gestaltung der Flächen vor den Geschäften an der Post sowie die ansprechend bepflanzten Beetflächen hervorheben.“

Offenbar hat der zukünftige Bezirksamtsleiter aber auch bemerkt, dass es kaum lohnt im Lokstedter Zentrum einen Stopp einzulegen. Da fährt Gätgens dann schon lieber zur Osterstraße, wo ihm die „Kleinteiligkeit“ gefällt. Die ist dem Lokstedter Zentrum allerdings durch den stetig wachsenden Durchgangsverkehr abhanden gekommen.

Diesen Mangel an Einkaufsmöglichkeiten möchte Gätgens nun ausgleichen. In Lokstedt werde es darum gehen, „ein Zentrum um den Behrmannplatz zu entwickeln“, so Gätgens gegenüber dem Niendorfer Wochenblatt.

Leider gibt es bislang weder Konzept noch Bebauungsplan. Bislang lasse man lediglich den Kontakt zu den Grundeigentümern nicht abbrechen. Gätgens: „Die Entwicklung ist allerdings von dem Interesse und den Möglichkeiten der Eigentümer abhängig.“

Doch hier irrt Gätgens. Dies kommentiert ein Sprecher der Initiative Ein Zentrum für Lokstedt: „Den Kontakt nicht abreißen zu lassen ist in dieser Angelegenheit aus Lokstedter Sicht deutlich zu wenig. Wichtig wäre hingegen, dass man auf das DRK zugeht und konkret um erneute Gespräche bittet, denn es war vor Jahren die Lokstedter SPD, die den Verkauf des DRK-Grundstücks verhinderte.“

Tatsächlich war es Rüdiger Rust, Vorsitzender der SPD-Fraktion Eimsbüttel, der dem DRK den Profit beim Verkauf des Geländes am Behrmannplatz mißgönnte. Im Bezirkswahlkampf 2014 machte Rust mißmutig klar, dass es unter ihm eine Wertsteigerung des DRK-Grundstücks von Null auf 14 Millionen Euro nicht geben würde. Zudem stand für ihn stets der soziale Wohnungsbau bei dem Projekt am Behrmannplatz im Vordergrund, nicht das für Lokstedt so wichtige Zentrum.

Seine besondere Stärke

Die Wahl seines Parteigenossens Gätgens zum Bezirksamtsleiter kommentierte Rust in der vergangenen Woche übrigens deutlich freundlicher: „Für unseren Bezirk ist Kay Gätgens die richtige Wahl, denn er bringt die notwendige Kompetenz und auch die Erfahrung mit, ein hervorragender Bezirksamtsleiter zu werden. Er hat in den vergangenen Jahren bereits bewiesen, dass seine besondere Stärke im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern liegt. “

Wenn dem tatsächlich so ist, sollte Gätgens seine besondere Stärke im Dialog umgehend nutzen. Denn nach seinen eigenen Worten bestehen keine alternative Überlegungen für ein Lokstedter Zentrum.

Viele Menschen nach Lokstedt

Die Schaffung eines Lokstedter Zentrums - also zunächst Gespräche mit dem DRK - gehört mithin zu den dringendsten Aufgaben für den neuen Bezirksamtsleiter. Nur so kann er sich weiterhin auf Lokstedt verlassen, über das er sagt: „Lokstedt gehört nach wie vor zu den stark wachsenden Stadtteilen. In den letzten 15 Jahren ist die Einwohnerzahl um rund zehn Prozent gestiegen. Man ist einerseits schnell im urbanen Kerngebiet und  andererseits sind vielfältige und attraktive Grün- und Freizeitflächen auch sehr nah. Das macht die Standortqualität aus und deswegen wollen auch so viele Menschen nach Lokstedt ziehen.“

Solch eine Lokstedt-Wachstumsblase kann schnell vergehen, wenn sich unter den Wohnungssuchenden erst einmal herumgesprochen hat, dass der Stadtteil Lokstedt kein richtiges Zentrum hat.

Doch nicht nur die vielen Neu-Lokstedter, junge Familien in meist überteuerten Wohnungen, auch die Alteingesessenen hätten ein Lokstedter Zentrum verdient, das dem Namen gerecht wird. Schon in den 1970er Jahren, als das immer größer werdende Verkehrsaufkommen die ersten Geschäfte verdrängte, kam der Wunsch in der Bevölkerung nach einem neuen Zentrum, fernab von lauten Siemersplatz, auf.

Keiner hat sich bisher diesem Thema ersthaft angenommen. Es wurde bisher immer nur so getan als ob. Wenn Gätgens das umsetzt, dann könnte er in Lokstedt Pluspunkte für den Bezirk sammeln. Ist doch das Ansehen des Bezirks in Lokstedt durch unverständliche Entscheidungen - etwa am Hagendeel - merhr als angeschlagen.

Ziele der Koalition umsetzen - Eimsbüttel 2040

Auch Philip Engler, Vorsitzenden der Grünen-Fraktion, ist von der Linientreue des neuen Bezirksamtsleiters überzeugt: „Wir schätzen Kay Gätgens als einen Menschen, der neuen Ideen und Inhalten gegenüber aufgeschlossen ist, so dass wir auch mit ihm weiterhin die gesteckten Ziele der rot-grünen Koalition in Eimsbüttel umsetzen können.“

Auch wenn die Vertreter der Koalition den neuen Bezirksamtsleiter bereits heute über den grünen Klee loben, wir werden ihn an seinen eigenen Worten messen: „Es muss gelingen, Bürger abzuholen, bevor es zu Bürgerentscheiden kommt.“

Dazu bietet sich schon bald Gelegenheit. Wenn es tatsächlich so ist, dass seine „besondere Stärke im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern liegt“, dann sollte Gätgens die Lokstedter Bürger mal fragen, wie sie sich das neue Zentrum vorstellen. Am 11. Januar 2017 ist das Konzept "Eimsbüttel 2040" mit Infostand und Fragebogen in Lokstedt zu Gast (Grelckstraße 9–13 Uhr), da könnte er ja mal mit den Lokstedtern über ein neues Zentrum diskutieren.

Als Stadtplaner hätte Gätgens tatsächlich gute Voraussetzungen für Lokstedt etwas zu bewegen. Es bleibt allerdings zu hoffen, dass er in den Gesprächen begreift, dass es den Bürgern beim neuen Zentrum nicht um den Bau von Wohnungen geht.

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© Lokstedt-online 04.01.2017