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Aue Hagendeel

Elite reagiert mit Gleichgültigkeit

Eine ungeheuerliche Bemerkung des Bundespräsidenten sorgte diese Woche für Unmut. Und tatsächlich, die europäischen Bevölkerungen haben zunehmend Probleme damit, die Entscheidungen der Eliten zu akzeptieren. So auch im Bezirk Eimsbüttel, wo aktuell am Hagendeel eine wertvolle Aue vernichtet wird.

Im Gespräch mit der ARD machte Bundespräsident Joachim Gauck in dieser Woche eine unglaublich arrogante Bemerkung zum Thema EU. Nach dem Satz "die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem", wird diesem Präsidenten wohl niemand eine Träne nachweinen, wenn er im nächsten Jahr seinen Schreibtisch räumt. Er hat den Ehrensold - zumindest aus Sicht der prekären Bevölkerung - nicht verdient.

Das Weltbild des Pastoren

Doch bleiben wir ein wenig bei dem schiefen Bild, dass Gauck da zeichnet: Auf der einen Seite die Bevölkerung, die nichts begreift, auf der anderen die von uns Blöden bezahlte Elite der politischen Entscheidungsträger, deren Handlungen uns frommen sollten.

Da wird es wohl aus Sicht der Bevölkerung - also beispielsweise aus Sicht eines Lokstedter Bürgers - zumindest noch erlaubt sein, Fragen zu stellen. Schließlich sind wir ja dumm und haben nicht das Herrschaftswissen der Elite.

Es ist zudem die Duplizität der Ereignisse, weshalb wir zu fragen wagen. Zwei beinahe zeitgleiche Entscheidungen der politischen Elite, die uns ratlos machen:

  • Wie kann es angehen, dass der Bezirk Nord den Bau von Expresswohnungen an der Osterfeldstraße für 2.800 Flüchtlinge ersatzlos streicht, weil die Stadt eine neue Flüchtlingsprognose vorgelegt und ihre Planungen drastisch reduziert hat?
  • Wie kann es angehen, dass zeitgleich der Bezirk Eimsbüttel - und dies ausdrücklich mit dem Verweis auf die unverändert angespannte Flüchtlingssituation - damit beginnt, im Überschwemmungsschutzgebiet der Kollau am Hagendeel eine wertvolle Aue aufzuschütten, um darauf Holzbaracken für Flüchtlinge zu errichten.

Das ist paradox. An der Osterfeldstraße werden maximal hochwertige Unterkünfte, Komfortwohnungen, nicht mehr benötigt, weil immer weniger Flüchtlinge nach Hamburg kommen. Und am Hagendeel werden Holzbaracken so dringend benötigt, dass die Verantwortlichen, also die politische Elite des Bezirks, bereit ist, einen unwiedergutmachbaren Frevel zu begehen.

Elite reagiert mit Gleichgültigkeit

Kaum haben die Bauarbeiten begonnen, stehen die Kleingärten und die Alte Kollau nach einem normalen Gewitter unter Wasser! Dabei ist noch nicht einmal die Fläche zu Ende versiegelt, es wird weiterhin Sand angefahren.

Und die "Bürgerinitiative zur Erhaltung der Aue Hagendeel" überschreibt einen eigenen Banner mit dem Satz: "Ihre Gleichgültigkeit fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu! Dieser Satz ist an die politische Elite im Bezirk gerichtet. Und sie hört nicht einmal zu!

Der Text wurde nämlich anläßlich der letzten Regionalausschusssitzung angefertigt. Denn dort war die "Elite" empört, dass ein Vertreter der Bürgerinitiative wagte, Ihnen Untätigkeit und Gleichgültigkeit vorzuwerfen. Besonders die SPD-Hausfrauen schüttelten pikiert den Kopf. Einen in der Versammlung verteilten Text wollten sie nicht einmal lesen und schoben den Zettel gleich wieder an den Tischrand - absolutes Desinteresse.

Fast alle Fraktionen meldeten sich - für's Protokoll - zu Wort und verwehrten sich gegen die ihnen vorgeworfene Tatenlosigkeit: Sie hätten alles in Ihrer Macht stehende getan und sich sogar vor Ort ein Bild gemacht. Auch die Grünen stimmten ein, obwohl man von denen niemanden am Hagendeel je gesehen, geschweige denn hat begrüßen dürfen.

Der Vorwurf der Tatenlosigkeit ist offensichtlich für die Verantwortlichen an dem Debakel nur schwer zu ertragen. Der Banner mit dem Vorwurf hat daher auch nicht lange gehalten. Ein Mitmensch mit einem schlechten Gewissen hat auf den Vorwurf sensibel reagiert und den Banner von gestern auf heute entwendet.

EU-Richtlinien, nur für die Bevölkerung

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, die europäischen Bevölkerungen begreifen nicht, dass EU-Hochwasserschutz-Richtlinien erlassen werden, die vor Ort nicht befolgt werden. Richtlinien, an die sich die Bevölkerung halten muss, und die für die politischen Eliten dieser Gesellschaft keinerlei Gültigkeit besitzen.

Kein Wunder, dass die Bevölkerung Ihnen mittlerweile zunehmend Probleme bereitet. In Großbritannien hat man ja gesehen, was etwa dabei herauskommt, wenn man die Bürger fragt, ob sie eine EU wie die derzeitige brauchen. Die Antwort auf diese Frage dürfte übrigens in fast jeder der von Ihnen so verachteten "Bevölkerungen" dieselbe sein: Raus aus dieser EU und weg mit den elitären Politikern wie Ihnen!

Die Kanzlerin hat maßgeblich beigetragen

Statt dessen bräuchte Europa mehr Politiker wie den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz. Sein Statement zum Thema Brexit hört sich anders an als das von Gauck: "Es braucht positive Veränderung in der EU statt Durchhalteparolen & das Schönreden von Problemen!"

Diese Aussage von Kurz ist im übrigen auch an unsere Bundeskanzlerin gemünzt. Und die Welt ergänzt: "Die Briten haben auch Merkels Alleingänge abgewählt. Großbritannien verlässt die EU, weil eine Mehrheit das Versagen der Gemeinschaft nicht mehr hinnehmen will. Dazu hat die Kanzlerin mit ihren Alleingängen bei den Flüchtlingen maßgeblich beigetragen."

Richtig! Es sind Politiker wie Merkel und Gauck, die das Vertrauen in die Politik zerstört haben - und sich nun andere "Bevölkerungen" wünschen. Wie sagte Merkel noch? "Dann ist das nicht mehr mein Land".

Daher wird man uns als Bevölkerung wohl auch nicht fragen, ob wir weiterhin in einer EU bleiben wollen, in der mit zweierlei Maß gemessen wird.

Aber da man uns nicht fragt, wird es wohl zumindest erlaubt sein, dass wir einmal nachfragen. Also mal ganz direkt gefragt, aus Sicht der dummen Bevölkerung, die alles entscheidende Frage:

Cui bono?

Ist es wirklich nur der Grundbesitzer der Aue Hagendeel, der von der Aufschüttung profitiert? Das wäre nämlich kein Argument. Denn an der Osterfeldstraße spielte offensichtlich ebenfalls Profitstreben eine wichtige Rolle. Die Welt schrieb dazu: "Von Anfang an war das Projekt umstritten; einigen Anwohnern missfiel die Größe der Unterkunft; andere fürchteten, da wolle sich ein Investor eine goldene Nase verdienen." Und trotzdem konnte man im Bezirk Nord die Reissleine ziehen und das Projekt fast auf der Ziellinie noch stoppen.

Da man also auch solche Großprojekte, bei denen schon Architekten detaillierte Pläne vorgelegt haben, noch stoppen kann, lauten für den Hagendeel folgerichtig weitere Fragen:

  • Gibt es andere Gründe, die es unmöglich machten, das Projekt zu stoppen? Profitieren womöglich andere - etwa Mitglieder der politischen Elite - von diesem Bauvorhaben?
  • Wurden einfach nur schlechte Verträge von den angeblich so klugen Köpfen der politischen Elite ausgehandelt, die es unmöglich machten aus dem Projekt auszusteigen?
  • Oder gab es geheime Zusagen, wechselten gar prall gefüllte Briefumschläge oder Aktenkoffer den Besitzer?
  • Und, steht womöglich der Abgang des Bezirksamtsleiters in irgendeinem Zusammenhang mit den unerklärlichen Vorgängen am Hagendeel?

Zugegeben dumme Fragen, für die sich vermutlich nur die einfache Bevölkerung interessiert. Politische Eliten beschäftigen sich mit bedeutenderen Themen - dem Wachstum der Stadt, perfekten Bedingungen für Start-ups, WLAN in der City, der Olympiade oder ob diese Stadt ein Profi-Eishockey-Team hat.

Oder könnte es sein, dass sich doch noch irgendjemand eines Besseren besinnt und einen Untersuchungsausschuss zum Thema Hagendeel einberuft?

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 26.06.2016