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Überschwemmungsschutzgebiete

Querriegel oder kalkuliertes Verrechnen

Die Verwirrung ist groß im Überschwemmungsgebiet Kollau. Neue zweidimensionale Berechnungen verkleinern die Fläche des ermittelten überschwemmten Gebietes unter der Annahme eines 100-jährlichen Hochwasserereignisses um 41 Prozent. Doch wie konnten sich die Fachleute bei der ersten Berechnung so irren?

Über die Topografie der Hochwassergebiete müsse eigentlich nicht diskutiert werden. Man könne auch ein Überschwemmungsschutzgebiete (ÜSG) nicht einfach verschieben. Die entsprechenden Pegelstände der Binnengewässer seien bekannt und die Bodenhöhen könnten heutzutage mittels Laser Zentimetergenau vermessen werden.

So jedenfalls referierten zwei Fachleute der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt noch im Februar 2014 dem Stadtplanungsausschusses der Bezirksversammlung Eimsbüttel über die beinahe absolute Fehlerfreiheit des angewandten Messverfahrens (siehe Lokstedt online vom 08.02.2014).

Zentimetergenau

Doch die angeblich auf so genauen Messungen basierenden Berechnungen des ÜSG Kollau waren mit den auf jahrzehntelangen Beobachtungen der Hochwasserstände durch die Anwohner nicht in Einklang zu bringen. Schließlich weiß ein Anwohner ob er bei einem der immer häufiger auftretenden Rekord-Hochwasserstand in der Vergangenheit sein Grundstück nur mit Gummistiefeln betreten konnte.

Nach zweijähriger Diskussion um die tatsächliche Ausdehnung des ÜSG Kollau gesteht die Behörde nun tatsächlich fehlerhafte Berechnungen ein. Waren noch der alten Berechnungsmethode noch 39,06 Hektar und 286 Gebäude von einem Jahrhunderthochwasser (HQ100) betroffen, sind es nun nur noch 23,11 Hektar und 37 Gebäude.

Um 41 Prozent ist das ÜSG nun in der HQ100-Ausdehnung geschrumpft, das sind 1,597 Milliarden Quadratzentimeter. Soviel zum Thema zentimetergenau - als Schulnote wäre das "ungenügend"!

Wie erklärt nun eine Behörde ein solches Fiasko?

Auf den Hamburgseiten wagt die Behörde für Umwelt und Energie (so heißt die Behörde seit dem 01.07.2015) dazu einen Erklärungsversuch: "Grund für die Verkleinerung dieses ÜSG ist einerseits der Einsatz der technisch anspruchsvollen und zeitaufwendigen zweidimensionalen Modellierung (2D-Methode). Diese berücksichtigt Ð stärker als die bislang verwendete und bundesweit übliche eindimensionale (1D-Methode) - die Beeinflussung der Gewässergeometrie durch topographische und bauliche Strukturen. Weiterer Grund ist die Verwendung des DigitalenGeländeModells (DGM) aus dem Jahr 2010 (Vorgänger stammte aus dem Jahr 2001), mit dessen Hilfe die aktuell gegebenen baulichen und topographischen Gegebenheiten präzise herausgearbeitet werden können. Weitere Gründe basieren auf Hinweisen von Anwohnerinnen und Anwohnern, die zu lokalen Nachberechnungs-Prämissen führten und einer betrieblichen €nderung eines Gewässer-Querriegels."

Der Querriegel ist schuld

Nun ist also ein Querriegel aus Holzbohlen mitverantwortlich für diesen enormen Rechenfehler der Behörde. "Allerdings ist solch ein Querriegel keine Vorrichtung, die zu einer gottgegebenen und unvermeidlichen Überschwemmung von Wullwisch bis zur Kollaustraße führt", heißt es in einer Mail eines Anwohners. Der Riegel wurde von der Stadt installiert um die Strömungsgeschwindigkeit der Kollau zu regulieren. Im Falle eines kommenden Hochwassers kann der Querriegel binnen Minuten durch einen Arbeitstrupp umgelegt werden. Wo liegt da also das Problem?

Das Problem ist vielmehr die schirr unglaubliche Willkür, mit der die Behörden solche Berechnungen durchführen. Für den betroffenen Bürger hat die Ausweisung eines ÜSG erhebliche Folgen. Neben erheblichen finanziellen Einbussen, ein Haus in einem ÜSG ist kaum versicherbar und schwer verkäuflich, kommt hinzu, dass die Ausweisung der ÜSG die Bürger vor Überschwemmungen schützen soll. Schließlich handelt es sich bei der Ausweisung der ÜSG / HQ100 um Hochwasserrisikokarten, die dem Bürger ein EU-weit einheitliches Vorgehen im Bereich des Hochwasserrisikomanagements garantieren sollen.

Flüchtlingsunterbringung am Hagendeel

Nun ist also das Hochwasserrisiko im ÜSG Kollau um 41 Prozent gesunken. Da kommen beinahe unwillkürlich Fragen auf: Plant nicht der Bezirk in der im ÜSG Kollau gelegenen Aue Hagendeel eine Flüchtlingsunterkunft? Handelt es sich also um ein kalkuliertes Verrechnen?

So sieht das auch der CDU-Abgeordnete Carsten Ovens. Das Mitglied der CDU-Bürgerschaftsfraktion und Wahlkreisabgeordneter aus Lokstedt in einer aktuellen Pressemeldung: "Das Überschwemmungsgebiet an der Kollau wird deutlich kleiner. Soweit so gut. Man fragt sich aber schon, wie die Stadt sich im Vorwege so massiv verrechnen konnte? Der so vor Ort erzeugte Widerstand hat überhaupt erst für die viel zu späte Nachberechnung der Umweltbehörde geführt. Es bleibt jedoch völlig unklar, ob rein fachliche Erwägungen den Senat überzeugt haben oder ob auf diese Weise lediglich die Errichtung einer weiteren Flüchtlingsunterkunft ermöglicht werden soll. Jedenfalls muss der Senat jetzt dringend klären, inwiefern die geplanten Flüchtlingsunterkünfte auf der Aue Hagendeel sowie auf der Schmiedekoppel sich durch weitere Versiegelungen des Bodens auf zukünftige Hochwassersituationen auswirken. Zudem bestehen weitere Fragen hinsichtlich des Schutzes der Anwohner vor Hochwasser, die nicht abschließend geklärt worden sind."

Die Nagelprobe für die Seriosität der neu gewonnenen Daten wird also sein, wie sie sich auf die wasserwirtschaftlichen Berechnungen bezüglich der vom Bezirk geplanten Aufschüttung der Aue Hagendeel auswirken. Sollte die neue Umgrenzung des ÜSG Kollau die Argumente für die wasserwirtschafliche Neutralität der Baumaßnahmen stützen, wäre es mit der Glaubwürdigkeit auch der Daten die nach der 2D-Metheode gewonnen wurden vorbei.

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© Lokstedt-online 06.03.2016