• /
  •         
  • /
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /

Integration

30 Tage Verständnis

In dem gescheiterten Experiment am Grandweg, der Einquartierung einer Vielzahl von Asylbewerbern in eine kleine Wohnsiedlung, wird erneut verkehrte Welt gespielt. In einem Rundschreiben an die Altmieter werden diese nun um Verständnis für ihre Ramadan feiernden Nachbarn gebeten.

Das Zusammenleben in einer Hausgemeinschaft erfordert die gegenseitige Rücksichtnahme aller Hausbewohner. Die Hausordnung, die alle Mietern der Wohnanlage Grandweg / An der Lohbek mit dem Mietvertrag erhalten, ist eindeutig und von allen Hausbewohnern einzuhalten.

Im ersten Absatz heißt es: „Unbedingte Ruhe ist im Interesse aller Mieter von 13 bis 15 Uhr und von 22 bis 7 Uhr, sowie an Sonn- und Feiertagen bis 9 Uhr einzuhalten. Insbesondere ist das Musizieren in dieser Zeit zu unterlassen.“

Nicht einmal Baden oder Duschen ist nach 22 Uhr uneingeschränkt erlaubt, geschweige denn die Waschmaschine oder der Trockner dürfen benutzt werden. Und außerdem gilt sowieso: „Kinder sind anzuhalten, das Lärmen und Spielen im Treppenhaus zu unterlassen.“

Anschreiben f & w: „Ramadan 2015“

In einem Schreiben von f & w fördern und wohnen AöR an die Bewohner der einst so friedlichen und wohl geordneten Wohnanlage heißt es nun: „Vom 18. Juni bis 16. Juli findet dieses Jahr für Muslime der Ramadan statt…Durch das Fasten verschieben sich die Essenzeiten von einigen Ihrer Nachbarn auf nach 22.00 Uhr sowie in die frühen Morgenstunden. Dies beinhaltet, dass Kinder länger als normalerweise wach sind und auch Besucher zu den genannten Zeiten noch anwesend sein können. Wir bitten Sie für diese Festtage, die für Muslime sehr wichtig sind, Verständnis zu haben.“

Setzt der Ramadan die Hausordnung außer Kraft?

Zwar schreibt f & w weiter: „Im Voraus haben wir die Bewohner bereits auf die Ruhezeiten nachdrücklich hingewiesen.“ Sehr viel Vertrauen, dass dieser Hinweis befolgt werden wird, hat man aber scheinbar nicht. Sonst würde man kaum die Altmieter im Voraus um Verständnis bitten. Man könnte es auch „warnen“ nennen, denn immerhin leben mittlerweile etwa 200 Asylbewerber in der kleinen Wohnanlage.

Und wie sollte die Einhaltung der Hausordnung im Ramadan auch funktionieren, wenn nicht einmal zu normalen Zeiten die Hausordnung beachtet wird? Seit März 2014, seit die Wohnanlage zur Unterkunft wurde, ist die Hausordnung, so versichern uns die Altmieter, ohnehin nur Makulatur.

Wer muss sich eigentlich integrieren?

Doch aktuell, mit dem Rundschreiben zum bevorstehenden Ramadan, zeigt f & w erneut ein merkwürdiges Verständnis von Integration. Verlangt man tatsächlich von den Altmietern einen ganzen Monat am Stück Rücksicht auf ihre feiernden Nachbarn zu nehmen?

Rüdiger Miosga, der für einen Großteil der Altmieter spricht, hat wenig Verständnis für diese Bitte: „Es kann doch nicht sein, dass wir uns den Gegebenheiten der Flüchtlinge anpassen müssen. Die Vorabinformation vermittelt das aber. Unsere muslimischen Nachbarn können natürlich gerne Ihre Tradition leben, aber sie müssen dabei die Rechte der Altbewohner respektieren und sich an die Hausordnung halten. Ruhiger Schlaf ist für die Gesundheit wichtig, schließlich leben in der Wohnanlage schwerkranke Menschen, Arbeitende müssen früh raus und haben zum Teil verantwortungsvolle Tätigkeiten. Wie soll etwa eine Krankenschwester ihren Dienst verrichten, wenn sie die ganze Nacht dem Lärm ihrer Nachbarn ausgesetzt war?“

Der Ramadan

Dass der Ramadan tatsächlich gravierende Auswirkungen auf Beteiligte aber auch auf Unbeteiligte haben kann, zeigen Zeitungsberichte. Das Hamburger Wochenblatt etwa berichtet aus Rahlstedt: „Allerdings habe es auch schon Beschwerden von Anwohnern wegen Lärmbelästigung gegeben. Konkret sei es um das abendliche gemeinsame Essen im Freien im Fastenmonat Ramadan und zu laute Gebete gegangen. Auch Kinderlärm ist offenbar ein Problem.“

Und die nachts lärmenden Kinder können in dieser Zeit tagsüber als Folge von Schlafentzug und Hunger oft kaum dem Unterricht folgen. So zitiert etwa die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift: „Nichts essen, nichts trinken, nichts lernen“, einen Lehrer, der sich über das Ende des Ramadan freut: "Endlich keine sich vor Bauchschmerzen krümmenden Zwölfjährigen mehr, kein Schlangestehen vor der Sanitätsliege, weil islamische Schüler fasten und in schöner Regelmäßigkeit zusammenklappen“.

Die Wohnanlage am Grandweg

Was sich für die Lehrer an den Schulen schon seit Jahren in „schöner Regelmäßigkeit“ wiederholt, ist für die Bewohner am Grandweg Neuland. Miosga dazu: „Letztes Jahr waren noch nicht so viele Flüchtlinge bei uns. Der Ramadan ging im alltäglichen Lärm, nächtlichen Ruhestörungen unter.“

Für die einen Ruhestörung. Für die Mitarbeiter von f & w aber, die sich zwischen 22 und 7 Uhr nicht in der Wohnanlage aufhalten müssen, eine wertvolle spirituelle Handlung. So heißt es im Mittelteil des Schreibens von f & w: „Aber warum wird eigentlich gefastet: Neben der Hingabe und Anbetung spielt insbesondere die Abwendung von weltlichen Werten und Besitztümern eine Rolle. Die Seele wird von schädlichen Verunreinigungen befreit und Selbstdisziplin eingeübt. Schlussendlich sollen sich die Gläubigen noch in Großzügigkeit, Hilfe für weniger Gesegnete und allgemeiner Hilfe für andere Menschen üben.“

Die Bewohnern der Siedlung am Grandweg haben da handfestere Probleme als ihre sich in „Selbstdisziplin“ übenden Nachbarn. Ihnen reichen nämlich schon die alltäglichen Belästigungen: „Wir haben hier seit 14 Monaten keine Ruhe mehr. Die Hausordnung wird überhaupt nicht eingehalten. Und mittlerweile haben sogar die ehrenamtlichen Helfer einen Haustürschlüssel. Da kann jeder Kommen und Gehen, wann und wie er gerade will“, so Mietersprecher Miosga.

Vor Ort

Als wir von Altmietern erneut auf die Missstände in der Wohnanlage angesprochen werden, entschließen wir uns spontan am Samstagabend zwischen 21.00 und 21.30 Uhr zu einem kurzen Besuch vor Ort.

Wir gehen zu Fuß durch das Zylinderviertel, überall ist es ruhig. Selbst im Studentenwohnheim am Grandweg, wo Musikstudenten wohnen.

In der Wohnanlage / Unterkunft Grandweg / An der Lohbek ist es nicht ruhig. Wir hören verschiedene laute Unterhaltungen durch offene Fenster. In Richtung Park wird es dann richtig laut. Es hört sich nach einem Familienstreit an.

Überhaupt waren sehr viele Fenster geöffnet. Auch stand eine Haustür offen.
Dazu heißt es in der Hausordnung: „Die Haustür muss von 20 bis 6 Uhr verschlossen gehalten werden. Hierfür ist jeder Bewohner oder dessen Besucher, der das Haus zwischen 20 und 6 Uhr betritt oder verlässt, verantwortlich.“

Auf etlichen Balkonen wurde Wäsche getrocknet. Spielzeug lag auf der Rasenfläche. Einige Balkone dienten als Abstellfläche etwa für den Kühlschrank o.ä.. Die Müllstationen waren verunreinigt. Da halfen auch nicht die neuen Bilder, die jemand dort angebracht hatte, um auf die korrekte Benutzung der Container hinzuweisen - Müll stand neben den Containern.

Vor einzelnen Hauseingängen etliche Fahrräder. Dazu kommen abgestellte Kinderwagen vor den Eingängen und unter den Balkonen. Dazu heißt es in der Hausordnung: „Haus- und Hofeingänge, Treppen und Flure müssen von Fahrrädern, Kinderwagen und anderen Gegenständen jeglicher Art freigehalten werden, damit sie ihren Zweck als Fluchtweg erfüllen.“ (siehe auch Lokstedt online vom 16.11.2014).

Es sah vor Ort tatsächlich nicht danach aus, als ob die Hausordnung bei den dort untergebrachten Flüchtlingen angekommen wäre. Oder es leben einfach zu viele dort auf engem Raum. Für den bevorstehenden Ramadan kann man da aus Sicht der Altmieter nur das Grausen kriegen. Ideal wäre es wohl, während dieser Zeit in den Urlaub zu fahren. Für Eltern von Schulkindern allerdings kaum möglich, denn der Ramadan dauert in diesem Jahr genau bis zu den Hamburger Schulferien.

Weitere Artikel zum Thema:

Wohnunterkunft Grandweg: Du sollst nicht lügen!
Wohnunterkunft Grandweg: Wohnungen heben den Lebensstandard
Wohnunterkunft Grandweg: Sitar und Saz im Duett
Meinungsfreiheit: Ich lasse mich nicht vorladen
Flüchtlingsunterbringung: Pilotprojekt gescheitert
Wohnraumschutz: Den Mietern zu Gute kommen
Flüchtlingsunterbringung: Zweckentfremdung von Wohnraum befürwortet
Informationsveranstaltung: Asylbewerbern plattdeutsch beibringen
Asylbewerberunterbringung: Bedarfsgerechte Integration

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 15.06.2015