Kommentar von Jens Reuter

Es geht eben doch nicht!

(zu: Kollausohle wird tiefer gelegt vom 16.05.2015)

Seit etwa 25 Jahren herrscht in der Hamburger Politik die Vorstellung vor, die öffentliche Verwaltung müsse auf das aller notwendigste Maß zurück gefahren werden. Konzeptionelle Planungen sind seitdem durch unkoordinierte Einzelfallentscheidungen ersetzt worden. Es gibt Politiker, denen die unübersehbaren Mängel der öffentlichen Infrastruktur zwar bekannt sind, die aber dennoch die Auffassung vertreten, die Stadt könne weiterhin auf „Verschleiß gefahren werden“: „Es wird schon gehen, die kriegen das irgendwie hin“.

Mit 'die' sind die MitarbeiterInnen der öffentlichen Verwaltung gemeint. Die sehen- und erleben dies mit Sicherheit ganz anders, können oder dürfen sich zur Sache i.d.R. aber nicht äußern. Anders erleben dies ebenfalls betroffene BürgerInnen, die zunehmend gegen willkürlich erscheinende Verwaltungsentscheidungen aufbegehren und vor Gericht ziehen. So auch am Hagendeel in Hamburg Lokstedt.
Als unerträglich wird in Lokstedt empfunden, dass längst überfällige Maßnahmen der Wasserwirtschaft seit Jahrzehnten hinter den Erfordernissen hinterher hinken. Erfordernisse übrigens, welche durch Entscheidungen der Politik erst entstanden sind. Die gewerblichen Nutzungen rund um die Mühlenau zwischen dem Volkspark und der Kieler Straße hat die Politik gewollt. Infolge dessen sind in dem Gebiet erhebliche Flächen versiegelt worden. Auf Grund unkoordinierter Einzelfallentscheidungen ist es versäumt worden rechtzeitig dafür zu sorgen, die
in Hamburg regelmäßig vom Himmel fallenden Wassermassen in Richtung Elbe zu bugsieren oder an Ort und Stelle zu „parken“.

Seit Jahrzehnten geben sich diese Wassermassen an der Kollau ein Stelldichein und breiten sich am Hagendeel sprichwörtlich aus. Ausgerechnet an dieser Stelle wollen die Politik und die Verwaltung ein weiteres Mal ihr Portfolio unkoordinierter Einzelfallentscheidungen ausbreiten und das Kunststück vollbringen, das Wasser am Hagendeel horizontal zu stapeln?

Spätestens an diesem Punkt leuchtet jedem Leser ein: Es geht eben doch nicht! So einsichtig zeigen sich die Politiker allerdings nicht. Die beauftragen lieber auf Kosten des Steuerzahlers Gutachten, welche bei genauerer Betrachtung nicht als Gutachten bezeichnet werden dürfen und wollen den BürgernInnen damit glaubhaft machen, die Naturgesetze ließen sich ihren politischen Absichten unterordnen.

Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, das mit solchen Leuten nicht mehr vernünftig geredet werden kann. Dennoch fragt man sich unwillkürlich wie es Politikern möglich ist, sich selbst und die BürgerInnen in derartig ausweglose Situationen zu manövrieren?

Nun, wer ein System lange genug auf Verschleiß gefahren hat und keine Nach- und keine Vorsorge getroffen hat, der hat sich zwangsläufig mit vermehrt auftretenden Systemausfällen zu beschäftigen und ständig auf diese zu reagieren. Der Möglichkeit zum Agieren und zum Voraus schauendem Handeln ist er spätestens jetzt beraubt. Üblicherweise vorgehaltenen Reserven sind seit 25 Jahren aufgezehrt worden und stehen nicht mehr für Notfallsituationen zur Verfügung. Die zusätzliche Bewältigung außergewöhnlicher Umstände ist in dieser Lage nahezu
unmöglich, wie die Tagespolitik regelmäßig nachweist!

Kein „Politiker“ und kein Behördenleiter wird dies zugeben können. Die sind schließlich mit dem Versprechen angetreten, Probleme zu lösen und nicht das Problem zu sein.

PAUSE

Es scheint sich für diese Herrschaften persönlich zu lohnen, solche Versprechen abzugeben. Bleibt die Frage, ob es sich dabei wahrhaftig um ein Versprechen- oder doch nur um einen Versprecher handelte?

J. Reuter, Hamburg im Mai 2015

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© Lokstedt-online 18.05.2015