Kommentar von Karlheinz Messelken

Selbstermahnung

(zu: Kollausohle wird tiefer gelegt vom 16.05.2014)

Wie Inhumanität doch abfärbt! Das ostasiatische Thailand und die indonesische Inselwelt mobilisieren dieser Tage ihre Marine, um Flüchtlingsboote, die an ihre Küsten gelangen wollen, aufs Meer zurückzudrängen. Nun ja, vorher versorgen sie die Insassen mit Nahrungsmitteln und Wasser. Asiatische Grausamkeit sieht anders aus. Mögen die indonesischen und thailändischen Maßnahmen trotzdem inhuman sein, inhumanitär sind sie nicht. Aber nicht weit weg haben wir einen ganzen Kontinent, der – so dachte man –, obwohl im fernsten Osten gelegen, zutiefst westlich geprägt sei, als Staat ein Musterbild einer Westminster-Demokratie, seine Bewohner erfüllt von den jüdisch-christlichen, aufgeklärt-aufklärerischen Wertvorstellungen unserer abendländischen Zivilisation, hingegeben an die Menschenliebe, die sie sprechen lässt: „Kommet her zu uns alle, die ihr mühselig und beladen seid! Wir wollen Euch erquicken.“ Doch nein, Australien ist mit dem Einsatz seiner Marine zur Fernhaltung ungebetener Migranten seinen Nachbarn sogar noch zuvorgekommen. Darüber, ob bei den Aktionen der australischen Marine wenigstens humanitäres Brot und Wasser gespendet wurden, ist nichts verlautet. So schnell können böse Beispiele in der Nähe die gutmenschlichen Sitten verderben.

Davor sind wir in Europa gefeit. Wir schicken unsere Marine aus, um Migranten von ihren überfüllten Booten zu bergen und sicher an die Gestade Europas zu bringen. Deutschland, das Herz Europas, das die ewig unvergängliche Schuld, die es sich vorwirft, von Jahr zu Jahr wachsen fühlt, ist damit schon einmal vorangegangen. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union werden gewiss bald diese humane Vorreiterrolle unseres Landes anerkennen und zu schätzen wissen. Vorausgesetzt ist nur die Erfüllung einer kleinen Bedingung: dass Deutschland den Riesenanteil der Zuwanderer, die übers Meer kommen, in den eigenen Grenzen aufnimmt und ausschließlich auf eigene Kosten versorgt, und zwar so, dass kein Menschenrechtsgremium auf dieser Welt etwa daran auszusetzen hat. An dem Verteilungsschlüssel, der das gewährleistet, wird in Brüssel gegenwärtig gefeilt.

Bei so viel Edelmut des deutschen Herzens (oder ist es nur dessen Eitelkeit, wie der Philosoph Hegel einst böse vermutete) sollten die übrigen Organe über kleine Beschwerlichkeiten, die für sie aus der Aufnahme erwachsen, nicht lamentieren. Und der Zellhaufen, den sie organisieren, sollte sich schämen, wenn er Missbehagen empfindet. Wird der Zellhaufen eines Organismus nicht ohnehin innerhalb von sieben Jahren einmal vollständig ersetzt? Ist der deutsche Zellhaufen nicht ohnehin hoffnungslos überaltert? Ist also nicht wohltätige Frischzellentherapie, was ihm das Herz verordnet? Wenn dabei einige Altzellen vorzeitig absaufen, weil für eine fachgerechte Unterbringung derjenigen, die uns mit ihrer Zuwanderung beehren, ein Wasserloch zugeschüttet, erhöht und versiegelt werden muss, dann sollten die paar hundert Überflutungsgefährdeten in der Nachbarschaft gefälligst nicht greinen, sondern wenigstens die Klappe halten. Besser jedoch stünde ihnen Dankbarkeit dafür an, dass sie Teil einer Willkommenskultur sein dürfen, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 17.05.2015