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Überschwemmungsschutzgebiete

Kollausohle wird tiefer gelegt

Mit großen Interesse erwarteten die Anwohner des Hagendeel den Vortrag von Stephan Schneider im Regionalausschuss Lokstedt. Der Leiter des Sachgebiets Wasserwirtschaft im Bezirksamt Eimsbüttel berichtete über geplante Hochwasserschutzmaßnahmen.

Gleich zu Beginn des öffentlichen Teils der Regionalausschuss-Sitzung am Montagabend ein kurzweiliger Vortrag über die Planungen des barrierefreien Ausbaus der U-Bahn Haltestelle Hagendeel. Zur Überraschung des Vortragenden waren 50 interessierte Anwohner anwesend und sorgten für eine lebhafte Diskussion.

Allerdings waren die vielen Anwohner nicht wegen des für 2016 geplanten und sicherlich wichtigen Ausbaus der Haltestelle in den Regionalausschuss gekommen. Ihr Thema war nicht die Hochbahn sondern das Hochwasser - nicht die Untergrundbahn sondern das Grundwasser - nicht der Rollstuhl sondern die Gummistiefel, die sie zuweilen benutzen müssen um zur U-Bahn Haltestelle zu gelangen. Dominiert wurde die Tagesordnung nämlich an diesem Abend von Themen rund um die geplante Aufschüttung des Geländes am Hagendeel. Gleich drei Tagesordnungspunkte bildeten einen thematischen Schwerpunkt:

  • TOP 8 Bericht über erfolgte und geplante sowie Überlegungen zu zukünftigen Hochwasserschutzmaßnahmen im Regionalbereich Lokstedt,
  • TOP 8.1 Überschwemmungsgebiet Kollau - Korrekturen erforderlich und
  • TOP 15.3 Nachnutzung der Flächen am Hagendeel.

Da es sich bei der geplanten Aufschüttung des Geländes am Hagendeel um ein - nicht nur aus wasserrechtlichen Gründen - überaus umstrittenes Thema handelt, war der Regionalausschuss Lokstedt an diesem Abend sehr gut besucht.

Bei besten Biergartenwetter hatten fast sämtliche Anwohner des Hagendeels, darunter etliche Mitglieder der Bürgerinitiative Rettet den Hagendeel!, sich auf den Weg gemacht. Zu Gast weitere 10 Mitglieder der Bürgerinitiative Berner Au aus dem Bezirk Wandsbek. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Hätten sie sich statt dessen tatsächlich in einen Biergarten begeben oder daheim gegrillt, sie hätten nicht viel verpasst.

TOP 8

Zunächst der lang erwartete Vortrag von Stephan Schneider. Für den Leiter des Sachgebiets Wasserwirtschaft eigentlich ein Heimspiel, ist er doch bei den Anwohnern des Überschwemmungsschutzgebietes (ÜSG) Kollau nach zwei Jahrzehnten im Amt wohl bekannt. Zusätzlich hatte Schneider an diesem Abend einige Präsente dabei - was ja gewöhnlich die Stimmung hebt.

Nach dem im letzten Jahr bereits die Rückstauklappe im Einlaufbereich der Alten Kollau in die Kollau (an der Niendorfer Straße) Instand gesetzt wurde, versprach Schneider nun die Höhersetzung einer Trumme am Wullwisch, aus der bei Hochwasser infolge Stromumkehr die Wassermassen der Kollau wie aus einer Fontäne sprudeln. Nach Ansicht der Anwohner eine schon lange überfällige Maßnahme. Bereits im Jahre 2013 war deren Notwendigkeit anlässlich einer hydraulischen Betrachtung bei einem Hochwasser auch von den Behörden anerkannt worden. Nun plötzlich kann die Höhersetzung noch in diesem Jahr realisiert werden.

Und auch die Ertüchtigung des Durchlasses der Kollau unter der Niendorfer Straße, von den Anwohner ebenfalls seit Jahren gefordert, soll nun durch verschiedene Maßnahmen realisiert werden. Dabei sollen neben Veränderungen an den Leitungsdurchlässen insbesondere sowohl die Kollau- als auch die Durchlasssohle um 12 Zentimeter tiefer gelegt werden. Eine Maßnahme, die sich der Bezirk etwa 100.000 Euro kosten lassen wird. Die Arbeiten sollen ebenfalls zeitnah durchgeführt werden.

Woher plötzlich diese Großzügigkeit?

Alles was geschieht hat einen Grund. Zwar berichtet Hochwasser-Experte Schneider auch über Maßnahmen, die in der Vergangenheit ausgeführt wurden. Da wurden Retentionsbecken, hauptsächlich im Verlauf der Mühlenau, angelegt und es wurden auch die Ufer im Bereich der Kollau „naturnah“ aufgeweitet. Maßnahmen aber, die eine wirkliche Verbesserung für die Anwohner erbracht hätten, wurden in den letzten 15 Jahren nicht umgesetzt, obwohl dem Bezirk die Mängel durchaus bekannt waren.

So geht aus der Einladung zur Sitzung des Ortsausschusses Lokstedt am 16.06.2003 (!) hervor, dass die Entwässerungssituation am Wullwisch - und damit auch die fehlerhafte Trumme - bereits einmal auf der Tagesordnung standen.

Ziemlich genau 12 Jahre später zeigt Rüdiger Kuhn, Vorsitzender der Bezirksfraktion der CDU, in der Diskussion um TOP 15.3 einen möglichen Zusammenhang auf: Stehen diese nunmehr vom Bezirk vorgeschlagenen wasserwirtschaftlichen Maßnahmen möglicherweise im Zusammenhang mit der geplanten Aufschüttung des Geländes am Hagendeel?

Dieser Bemerkung Kuhns folgte ein hysterisches Aufjaulen der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Jutta Seifert. Das hörte sich so an, als hätte Kuhn damit auf einen Nerv, der notorisch unerträglichen Niendorfer Abgeordneten, gebohrt. Kurz darauf faselt Seifert dann noch etwas von „Freudscher Fehlleistung“. Offensichtlich war sie noch immer damit beschäftigt diesen Affront zu verarbeiten.

Tatsächlich trifft nämlich die eher beiläufige Bemerkung Kuhns in Schwarze. Schon eine Woche vor der Regionalausschuss-Sitzung, als sich die Bürgerinitiative im Hotel Engel traf, war allen Anwesenden klar, dass man versuchen würde, die Anwohner mit einigen kleinen wasserwirtschaftlichen Zugeständnissen gefügig zu machen.

Am Tag nach der Sitzung versuchten dann auch die SPD-Politiker Ernst Christian Schütt und Johannes Hielscher aus den von Schneider vorgestellten wasserbaulichen Maßnahmen Kapital zu schlagen. Ein Mitglied der Bürgerinitiative berichtet per Mail über die Gespräche: „Die Genossen Schütt und Hielscher, die möchten uns gerne zu Zugeständnissen drängen. Nach dem Motto: Wir verbessern eure Wassersituation und ihr gebt den Widerstand gegen die Bebauung auf.“

Was die SPD-Politiker dabei nicht bedenken: Die geplanten wasserbaulichen Maßnahmen beweisen gerade im Umkehrschluss, dass die geplante Aufschüttung am Hagendeel keineswegs so hochwasserneutral ist, wie es den Anwohner in der Vergangenheit vorgegaukelt wurde. Wie bereits eingangs gesagt, nichts geschieht ohne Grund.

Das Grundwasser und die Neuberechnung des ÜSG Kollau

Zu Fragen der überwiegend fachkundigen Fragesteller zur Aufschüttung und der Neuberechnung der ÜSG verweigerte der vortragende Leiter der Wasserwirtschaft dann auch jegliche Auskunft. Dabei bezog er sich abwechselnd darauf, dass hier ein Gerichtsverfahren anhängig und dass er kein Grundwasser-Experte sei. Ganze fünf Wochen habe er sich in seinem Studium mit dem Grundwasser beschäftigt. Und die Neuberechnung der ÜSG, das sei Sache der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.

Dabei ist die Sache mit dem Grundwasser vor Ort wahrlich keine Geheimwissenschaft. Will man den Grundwasserpegel feststellen, reicht es am Hagendeel schon aus mit einem handelsüblichen Spaten dreimal ins Erdreich zu stoßen - schon nach 32 cm ist man am Ziel. Die Anwohner haben mittlerweile mehrere Pegel geeicht. Zur Zeit pendelt sich der Grundwasserspiegel auf etwa 7,28 m ü. NN ein (7,60 - 0,32 m ü. NN).

Und Schneider rutscht dann im Laufe des Abends, als er doch noch auf das Grundwasser zu sprechen kommt (eine Fehlleistung?), heraus, was es bedeutet, wenn das Grundwasser direkt unter der Erdoberfläche liegt. Als er auf mögliche Baugenehmigungen von Privatpersonen im ÜSG zu sprechen kommt (Tenor: Da geht einiges! Kommen Sie zu mir und wir besprechen das! Wir haben noch meist eine Lösung gefunden!), sagt er: „Wenn das Grundwasser bei Ihnen allerdings nur wenige cm tief liegt“, dann werde es natürlich schwierig mit einem Rückhaltebecken.

Genau das ist aber die Situation am Hagendeel (siehe Fotos)!

Retentionsfläche Hagendeel

Nach allem kann man von folgender Situation ausgehen. Die geplante Aufschüttung am Hagendeel ist nie und nimmer hochwasserneutral. Das Gutachten ist ein schlechter Witz. Zudem würde durch die Aufschüttung eine Aue zerstört, die eine wertvolle Retentionsfläche für die Umgebung darstellt.

Um diese brisante Situation zu entschärfen wies Schneider in seinem Vortrag darauf hin, dass das Gelände am Hagendeel keine offizielle Retentionsfläche sei. Der Vorsitzende Rüdiger Rust (SPD) ergänzte, da brauche man ja nur auf den B-Plan zu schauen (Gewerbegebiet).

Aber durch die langjährige Nichtnutzung dieses Gewerbegrundstücks und die vielen voll unterkellerten Neubauten rund um die Kollausowie durch die Terrassierung des Geländes an der Niendorfer Straße für ein Erstaufnahmelager, ist das Gelände am Hagendeel de facto zur Retentionsfläche geworden.

Das ist eben genau der Konflikt. Hätte der Besitzer schon vor Jahren eine Nutzung für die Fläche umgesetzt und damals aufgeschüttet, dann wäre es in der Folge zu massiven Überschwemmungen im ÜSG Kollau gekommen und andere Neubauten mit überdimensionierten Tiefgaragen und Kellern hätten dann nicht genehmigt werden können.

Der Besitzer hat die Fläche aber brach liegen lassen und inzwischen sind europaweit Überschwemmungsschutzgebiete ausgewiesen worden. Nun darf die Aufschüttung nicht mehr erfolgen und der von Rust so inbrünstig zitierte B-Plan hätte mittlerweile längst widerrufen werden müssen.

Diese Retentionsfläche soll nun, wenn es nach dem Willen des Bezirks ginge, der hier auf Biegen und Brechen ein Flüchtlingsgroßlager errichten möchte, aufgeschüttet werden. Die Anwohner sollen aber damit beruhigt werden, dass nun im Eiltempo wasserwirtschaftliche Versäumnisse der Vergangenheit abgearbeitet werden, um die Auswirkungen der Aufschüttung vor Ort zu verschleiern. Damit sollen dann Zugeständnisse, möglicherweise ein Klageverzicht, erzielt werden.

Doch warum sollten die Anwohner sich auf diesen Kuhhandel einlassen, zumal davon auszugehen ist, dass die erteilten Baugenehmigungen vom zuständigen Gericht ohnehin einkassiert werden.

Wohin mit dem Wasser?

Der Bezirk geht aber weiterhin davon aus, am Hagendeel eine Unterkunft zu errichten. Die durch die dafür notwendige Aufschüttung anfallenden Wassermassen aber, die sollen durch den ertüchtigten Durchlass der Kollau unter der Niendorfer Straße hinweg, in die Tarpenbek fließen.

Schon im Februar 2014 hatte der Vorsitzende Rust, damals noch im Scherz, dieses Szenario auf einer Sitzung des Regionalausschusses entworfen. Da bräuchten wir ja nur ein, zwei Rohre zusätzlich unter der Niendorfer Straße hindurch zu führen und das Problem wäre gelöst. So sein damaliger Vorschlag.

Allerdings fürchtete Rust schon damals, dass sich der Bezirk Nord so etwas kaum gefallen lassen würde. Denn damit würden ja auch die durch die widerrechtliche Aufschüttung am Hagendeel zusätzlich anfallenden Wassermassen dem ÜSG Tarpenbek zugeführt.

Und Recht hat Rust mit seinen damals geäußerten Bedenken. Auch entlang der Tarpenbek stehen nicht nur Kleingärten. In den letzten Jahren entstanden dort auch schmucke Einfamilienhäuser - natürlich ohne Keller. Was werden die Anwohner in Groß Borstel, die sich an die in Überschwemmungsschutzgebieten vorgeschriebenen baurechtlichen Bestimmungen gehalten haben, wohl dazu sagen, wenn am Hagendeel mal eben 16.000 qm Aue aufgeschüttet werden und sie das Hochwasser aus ihrem Wohnzimmer pumpen dürfen?

Oberflächenwasser-Experte Schneider hat für Rust allerdings schon eine Ausrede bereitgelegt: Zwei Drittel des Hochwassers der Kollau falle gar nicht im Gebiet der Kollau an. Die Arena und das Gewerbegebiet an der Fangdieckstraße (beides in Lurup und damit glücklicherweise im Bezirk Altona gelegen) sind eigentlich für die Wassermassen verantwortlich. Folglich kann sich Rust, wenn der Bezirk Nord ihm und seinen Genossen eins auf den Deckel geben möchte, darauf berufen, dass schließlich nur Wasser aus dem Bezirk Altona weitergeleitet würde.

5 Jahre warten

Für die Anwohner am Hagendeel allerdings so oder so eine unbefriedigende Situation. Einerseits weiß niemand, ob die zugesagten Maßnahmen tatsächlich die von Schneider vorhergesagte Verbesserung der Situation erbringen werden. Er sprach davon, dass die Tieferlegung der Kollausohle etwa 6 Zentimeter weniger Hochwasser bedeuten würden.

Anderseits verpuffen nun die geplanten Maßnahmen, selbst wenn Schneider mit seiner Prognose richtig läge. Man muss ja bedenken, dass diese Maßnahmen jahrzehntelang gefordert wurden, um die Situation entlang der Kollau zu verbessern. Nun werden sie bestenfalls die Verschlechterung durch die Aufschüttung ausgleichen.

Die Anwohner sind daher keinesfalls bereit, sich von der SPD einlullen zu lassen. In der bereits zitierten Mail der Bürgerinitiative heißt es daher über die Antwort, die dem wenig begeisterten Hielscher erteilt wurde: „Erst einmal die Maßnahmen durchführen, dann mindestens 5 Jahre warten, ob sich eine Verbesserung einstellt und dann können wir weiterreden.“

TOP 8.1

Wie die kontroverse Diskussion zeigte, lies der Vortrag von Schneider eigentlich alle die Anwohner brennend interessierenden Fragen ungeklärt zurück. Und das liegt auch daran, dass Bürger und SPD-Politiker mittlerweile ständig aneinander vorbei reden. Die einen sorgen sich - berechtigter weise - darum, beim nächsten Hochwasser nicht abzusaufen. Die anderen wollen einfach nur Flüchtlinge auf dem Gelände unterbringen - alles andere ist für sie nebensächlich. Da ist dann eine ergebnisoffene Diskussion einfach nicht möglich. Das zeigte sich dann auch im nächsten Tagesordnungspunkt.

So konnten sich die Bezirkspolitiker nicht einmal darauf einigen, ein Zeichen zu setzen und eine im übrigen folgenlose, aber politisch aussagekräftige Forderung zu verabschieden: Keine Baumaßnahmen bis die Widersprüche geklärt sind! Will heißen, bis die wasserbaulichen Mängel behoben, die Korrekturen der Berechnungen des ÜSG Kollau erfolgt, die Bürger in den Planungsprozess eingebunden und die Rolle der Aue Hagendeel geprüft wurde. Der entsprechende Antrag des inzwischen in die Hamburger Bürgerschaft gewählten Carsten Ovens wurde mit der Mehrheit von SPD und Grünen vertagt.

Möchten die Anwohner also erst einmal 5 Jahre abwarten, können sich unsere Bezirkspolitiker nicht einmal darauf einigen, einen Monat (bis zur nächsten Regionalversammlung) zu warten. Diese Forderung stellte der CDU-Fraktionsvorsitzende Kuhn für den Fall einer Vertagung des Antrags, aber auch dieser Forderung konnten, wollten oder durften sich die SPD-Vertreter im Ausschuss nicht anschließen.

TOP 15.3

Und auch ein weiterer Antrag der CDU wurde vertagt. Inhaltlich ging es bei diesem Antrag um die „Nachnutzung der Flächen am Hagendeel“.

Völliges Entsetzen kam bei den SPD-Politikern im Angesicht der Forderung der CDU-Fraktion auf, die am Hagendeel aufgeschütteten Flächen später einmal (Rüdiger Kuhn: „Wenn Weltfrieden herrscht und keine Flüchtlingsunterkünfte mehr benötigt werden.“) wieder vollständig zu entsiegeln und in den Zustand vor dem Umbau zurück zu versetzen. Dürften doch den SPD-Politikern vermutlich einige Vertragsdetails bekannt sein. Die Rückgabe des aufgeschütteten (!) Grundstücks stellt - neben der vermutlich üppigen Pacht - den tatsächlichen Zugewinn der Grundstückseigentümer dar.

Denn ohne die temporäre Unterbringung von Flüchtlingen auf dem Gelände, hätten die Eigentümer wohl niemals mehr eine Aufschüttungsgenehmigung für ihr Grundstück im ÜSG erhalten. So schafft die Flüchtlingssituation bizarre Koalitionen.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 16.05.2015