Wohnunterkunft Grandweg

Du sollst nicht lügen!

Am 9. Oktober 2014 erhielten die Ehrenamtlichen Unterstützer der Flüchtlinge in Lokstedt den Bürgerpreis der Bezirksversammlung Eimsbüttel. In seiner Dankesrede leugnete Pastor Bernd Müller-Teichert die Probleme in der Unterkunft Grandweg und empört damit die Altmieter der Wohnanlage.

Von den Mietern der Wohnanlage Grandweg / An der Lohbek war niemand zur Verleihung des Bürgerpreises der Bezirksversammlung eingeladen. So erfuhren sie von der Auszeichnung der Ehrenamtlichen Unterstützer der Flüchtlinge in Lokstedt mit der silbernen Ehrennadel aus der Presse. Und was sie da lasen, empörte sie. Es war nicht die Auszeichnung der Helfer an sich. Was sie auf die Palme brachte waren die Worte von Pastor Müller-Teichert - sie fühlten sich von ihm verhöhnt.

Die Lüge

Pastor Müller-Teichert freute sich in seiner Dankesrede über die zahlreichen Engagierten vor Ort. Zum Treffen in die Kirche würden es jedes Mal mehr. Zuletzt seien es 50 Leute gewesen. Herzliches Hamburg würde inzwischen von über 300 Menschen unterstützt. Auch freue er sich, dass in der Unterkunft Grandweg / An der Lohbek nun nur noch maximal 3 - 4 Altmieter Probleme vor Ort hätten.

Mit diesen Worten schmähte er die vor Ort verbliebenen Widerständler in der Wohnanlage - der Rest ist bereits ausgezogen - als wenige unbeirrbare Querulanten. Das wollten die Anwohner nicht auf sich sitzen lassen. Grund genug, umgehend eine Umfrage unter den Altmietern durchzuführen. Trotz Urlaubszeit konnten binnen 24 Stunden 25 Fragebögen verteilt werden. Der Rücklauf war mit 80 Prozent ausgesprochen zufriedenstellend. Die 20 ausgefüllten Fragebögen waren allerdings so aussagekräftig, dass Pastor Müller-Teichert damit eindrucksvoll widerlegt wurde.

Der Initiator der Befragung Rüdiger Miosga schildert uns über die Umstände der Fragebogenaktion: „Da kam eine 86-jährige Frau kleinen Schrittes mit Gehwagen zu mir, um ihren ausgefüllten Fragebogen zurück zu bringen. Erleichtert waren viele der Anwohner, dass sich endlich jemand ihre Probleme anhört.“

Die Ergebnisse der Umfrage

Bevor die ersten Flüchtlinge in die Siedlung einzogen, hatten 70 Prozent der Befragten eine neutrale Einstellung zur gemischten Unterbringung von Flüchtlingen in der Wohnanlage Tür an Tür mit den Altmietern. 25 Prozent hatte damals schon eine negative Einstellung und nur ein Anwohner konnte sich den Ausgang des Experiments positiv vorstellen.

Der eine Anwohner blieb bei seiner Auffassung.

Inzwischen aber hat die Grundstimmung unter den Altmietern von neutral auf negativ gewechselt. 75 Prozent der Anwohner haben nunmehr eine negative Einstellung zur Wohnunterkunft am Grandweg, 20 Prozent stehen nach wie vor neutral dazu.

Probleme vor Ort

90 Prozent der Anwohner sind der Auffassung, dass ihre Wohnsituation und Lebensqualität sich verändert hätte. Sie „hat sich verschlechtert, es ist sehr laut, dreckig und man weiß nicht mehr, wer hier alles wohnt.“ Immer andere Bewohner würden gesichtet. „Die Überbelegung der einzelnen Wohneinheiten in der öffentlich-rechtlichen Unterkunft“ sei schuld. Ein anderer Anwohner bemerkt „Nachtruhe, Vermüllung, Dreck. Es gibt keinen einzigen Tag an dem man ausschlafen kann, nicht mal an einem Sonntag! Diese Menschen sind einfach rücksichtslos. Von Morgens bis Abends nur laut ohne Pause.“

Ebenfalls 90 Prozent beklagen Veränderungen im Tagesablauf, vor allem aber der Nachtruhe. Die Probleme: „ständiges Türen schlagen auch zur Nachtzeit bzw. am frühen Morgen“, „die Mittagsruhe werde nicht beachtet“ und „lautes Knallen der Wohnungstür, offene Haustüren, Verständigungsschwierigkeiten“. Ein weiterer Kommentar: „Ab 18.00 Uhr wird es laut durch Streitigkeiten, Türen knallen.“

Sicherheit

35 Prozent der Mieter fühlen sich nicht mehr sicher in der Wohnanlage, 30 Prozent der Anwohner wurden von den Flüchtlingen oder deren Besuchern gar eingeschüchtert oder belästigt. Vor allem sind es die Besucher vor denen mancher Anwohner sich ängstigt. So schreibt ein Mieter: „ Die Familien leben mit so vielen Kindern und irgendwelchen Erwachsenen, die mal da sind und dann wieder nicht.“ Zudem verunsichert manchen Anwohner die „bedrohliche Haltung durch einige ausländische Gäste, deren hohe Anzahl und die unterschiedlichen Kulturen“. Diese würden das Zusammenleben stören. Auch wird „der starke Essengeruch, Lärm und Schmutz“ in der Wohnanlage als belästigend empfunden.

Gesundheitsschäden

Die Reibereien in der Wohnunterkunft sind so gravierend, dass 55 Prozent der Anwohner inzwischen über „stressbedingte Gesundheitsschäden“ klagen, die im letzten halben Jahr aufgetreten seien. Der „ständig schlechte Schlaf wegen Nachtruhestörungen“ hätte sie krank gemacht. Immer wieder werden Schlafstörungen und auch Bluthochdruck als Folge der geänderten Lebensumstände genannt. Die Bewohner sind „nervlich sehr angespannt“, eine Bewohnerin schreibt: „Unkonzentriertheit, Schlafstörungen, körperlicher Zustand sehr schlecht!“

Eine andere fasst die Situation zusammen: „Eine Hausordnung wäre angebracht“.

f & w und ehrenamtliche Helfer

Ja, die Hausordnung. Da wäre neben dem Vermieter wohl auch fördern & wohnen gefragt. Schon vor fünf Monaten hatte f & w einem Mieter, der sich über das ewige Türenknallen beschwerte, zugesagt, die Bewohner der Unterkunft in ihrer Sprache mit der Hausordnung vertraut zu machen. Resigniert beschwert sich schließlich der Mieter per Mail bei seinem Vermieter: "Man sollte die Türen entfernen!"

Das sind die Gründe, aus denen 70 Prozent der Anwohner die Betreuungsarbeit von f & w für „nicht ausreichend“einstufen und ebenfalls 70 Prozent empfinden die Arbeit der freiwilligen Helfergruppe von der Lokstedter Willkommenskultur als „wenig hilfreich“ für das Zusammenleben.

Die Anwohner

Es wäre noch anzumerken, das die auskunftsfreudigen Bewohner der Anlage im Durchschnitt 25 Jahre dort wohnen. Eine der an der Befragung teilnehmenden Familien wohnt bereits 50 Jahre in der Anlage und muss nun im Alter eine Wohnunterkunft Wand an Wand ertragen. Alle Anwohner waren freiwillig bereit, Auskunft über ihre Adresse (welcher Wohnblock) zu geben. 55 Prozent zeichneten den Bogen gar mit ihrem Namen.

Damit hat sich eindrucksvoll die Ausgangserwartung der Umfrage bestätigt: Pastor Müller-Teichert lügt, wenn er behauptet, dass nur noch maximal 3 - 4 Altmieter Probleme vor Ort hätten.

Die Auswirkungen

Müller-Teichert hat in seiner Dankesrede auf der Verleihung des Bürgerpreises nicht als irgend ein beliebiger Pastor gesprochen. Er hat gesprochen als eine Art Streetworker, der für die Ehrenamtlichen Unterstützer der Flüchtlinge einen Preis entgegen nimmt. Bei der Politik gilt er damit als ein Kenner der Materie, schließlich arbeitet er ja jeden Tag vor Ort und weiß wovon er spricht. Also glaubt man was er sagt.

Und das ist das Fatale. Müller-Teichert hat nicht nur die Unwahrheit gesagt, er hat die Entscheidungsträger im Bezirk mit falschen Informationen gefüttert, um Einfluss auf deren Entscheidungen zu nehmen. Im Angesicht der Preisverleihung hat er Lobbyarbeit verrichtet.

Es wäre aber wichtig, dass die Politik und auch die Behörden sehen, dass in der Wohnanlage am Grandweg nicht alles in Ordnung ist. Schön wäre es auch, endlich mal eine neutrale Darstellung der Probleme im NDR zu erleben. Den auch dieser Hurra-Journalismus ist schädlich.

Lügen haben bekanntlich nicht nur kurze Beine, in diesem Fall liefern sie eben auch falsche Planungsdaten. Eine zweite vergleichbare Unterkunft wie die am Grandweg darf es nicht geben. Auch wenn der Pastor sie noch so schön redet.
Denn die unzufriedenen, stress geplagten Altmieter sind nur die Spitze des Eisbergs. Es sind bereits etliche Altmieter aus der Wohnanlage ausgezogen, sie wurden regelrecht raus gemobbt - erst durch den Vermieter, nun durch für diesen Zweck instrumentalisierte Flüchtlinge.

Was nun aber in der Wohnanlage ausharrenden Menschen betrifft, da müsste sich der Pastor fragen: Was kann ich für diese armen Menschen tun?

Viele der Mieter sind alt, haben ihr Leben lang gearbeitet, und wollten doch nur ihren Lebensabend in Ruhe verbringen. Andere sind noch jung und gehen tagtäglich müde und krank zur Arbeit.

Grandweg_Fragebogen.pdf

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© Lokstedt-online 24.10.2014

Es handelt sich bei diesem Artikel um die gekürzte Version vom 22.11.2014. Gründe für die Kürzung siehe "In eigener Sache vom 22.11.2014"