In eigener Sache

Sowieso das Zeitliche segnen

Am 24.10.2014 veröffentlichte ich unter der Überschrift "Du sollst nicht lügen!" einen Artikel zu einer Umfrage unter den Mietern der Wohnanlage Grandweg / An der Lohbek. Der Artikel hat einen wahren Shitstorm ausgelöst.

"Hahhahhhhhhhahaaaaaa man, man, man, wie kann man nur so scheisse frustriert sein?! Tja leider könnt ihr nix machen, die Unterkünfte bleiben und die Alten werden sowieso das Zeitliche segnen! Also ein Hoch auf die neuen deutschen die Saz und Sitar spielen!! Es grüßt euch eine die Deutschland liebt mit Migrationshintergrund."

Diese Mail erreichte mich vorgestern auf dem Gipfel eines Sturmes der Entrüstung, der allerdings etwas inszeniert daherkommt.

Wir kürzen unseren Artikel

Um die Wogen zu glätten - ich habe hier bei Lokstedt online anderes zu tun als diffamierende Mails zu erwidern - werde ich nicht weiter spekulieren, wer hinter der Kampagne steckt. Statt dessen habe ich mich entschlossen, den eingangs bereits erwähnten Artikel zu überarbeiten. Ich habe diejenigen Absätze entfernt, die Spekulationen über Motive enthalten.

Die Erwiderung

Außerdem veröffentliche ich selbstverständlich die Erwiderung von Pastor Müller-Teichert. Es ist das Prinzip von Lokstedt online, dass hier jedermann - sei er nun Pastor oder nicht - seine Meinung sagen kann.

Der Pressekodex

In seiner Erwiderung erwähnt Pastor Müller-Teichert die Ziffern 1, 9 und 12 des Pressekodex' - dafür bin ich ihm dankbar. Allerdings erläutert er nicht näher, was er eigentlich damit meint.

Ziffer 1 - Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde
Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.
Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

Die "Wahrhaftigkeit und die Achtung der Menschenwürde", das ist haargenau der Ansatz meiner täglichen Arbeit. Es entspricht eben genau dieser "Achtung vor der Wahrheit", wenn mir in dem Moment vor Schreck fast der Bleistift aus der Hand gefallen ist, als Pastor Müller-Teichert in seiner Dankesrede vor der Bezirksversammlung von "3 - 4 Altmietern - maximal!" spricht. Ich war schließlich oft genug vor Ort in der Wohnanlage am Grandweg und stehe mit verschiedenen Mietern in Kontakt, sodass ich im Moment der Lüge wusste, dass dies die Unwahrheit ist. "Die Achtung vor der Wahrheit" und "die Wahrung der Menschenwürde" - nämlich die der verleugneten "Altmieter" - zwingt mich dazu, zu sagen, was ist.

Ziffer 9 Schutz der Ehre
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.

Es mag sein, das Müller-Teichert sich durch meine Berichterstattung in seiner Ehre verletzt gefühlt hat. Vielleicht war es unnötig, einen Pastor an das achte Gebot zu erinnern und dafür entschuldige ich mich. Aber - er hat es auch irgendwie herausgefordert. Er hätte bei seiner Darstellung der Umstände vor Ort in der Wohnanlage am Grandweg einfach bei der Wahrheit bleiben sollen (oder schweigen, wenn er über keine gesicherten Informationen verfügt) - gerade "angesichts der Schwere des zugrunde liegenden Problems", wie er in seiner Erwiderung schreibt.

Ziffer 12 Diskriminierungen
Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.

Diskriminiert wird in dem Artikel niemand. Der Hinweis, dass Müller-Teichert evangelischer Pastor ist, kann wohl kaum als Diskriminierung einer religiösen Gruppe verstanden werden. Gerade deswegen nicht, weil in Hamburg immer noch mehr als 30 Prozent der Bevölkerung evangelisch sind und sie damit nicht gerade eine - besonders schützenswerte - Minderheit darstellen.

Ethnien oder nationale Gruppen werden in dem Artikel nicht erwähnt.

Der Leserbrief

Außerdem beklagt sich Müller-Teichert Über einen anonymen Leserbrief. Er würde falsche "Behauptungen und Beleidigungen" enthalten. Dazu ist folgendes zu sagen:

Die Identität des Leserbriefschreibers ist mir bekannt und es lag in diesem Fall ein guter Grund vor, den Leserbrief ohne Namensnennung zu veröffentlichen - was im Übrigen legitim ist.

Und um an dieser Stelle auch andere Vorwürfe, die mir gelegentlich gemacht werden, zu erwidern:

Ich schreibe die Leserbriefe nicht selbst!

Außerdem wirft mir ein Leser vor, ich würde "in einer unglaublichen Art und Weise, unsachlich und hetzerisch" alle Artikel anonym schreiben. Dabei kennt der Leserbriefschreiber mich persönlich und sollte wissen, dass Lokstedt online eine One-Man-Show ist. Näheres dazu ist im Impressum nachzulesen.

Was nun die Leserbriefe betrifft, so vergewissere ich mich allerdings regelmäßig, ob die in Leserbriefen genannten Fakten stimmen - mindestens ob sie plausibel sind. Im Falle des von Müller-Teichert kritisierten Leserbriefes, war die Verifikation der Fakten einfach. Da ich selbst auf allen öffentlichen Informationsveranstaltungen in Lokstedt, die zum Thema der öffentlich-rechtlichen Unterbringung abgehalten wurden, anwesend war, konnte ich mich natürlich an die beschönigenden Worte von Müller-Teichert über die ehemalige Unterkunft an der Niendorfer Straße erinnern.

Die Lüge

Beim Kern meiner Aussage, dass Müller-Teichert in seiner Dankesrede die Unwahrheit gesagt hat, bleibe ich. Ich habe schließlich seine Äußerungen mitgeschrieben.

Eine Argumentation, wie er sie in seiner Erwiderung vorträgt, dass erst in der Umfrage herauskam, das er mit seiner Aussage falsch liege, trägt nicht. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Entweder wusste er, dass es mehr als "3 - 4 Altmieter" sind, die Probleme vor Ort haben oder nicht. Im ersten Fall hätte er gelogen und im zweiten Fall eben auch!

Einseitige Berichterstattung

"13 Asylbewerber musste Kaltenkirchen 2012 aufnehmen, 2013 waren es 16. In diesem Jahr sind es bereits 50. Das stellt die Stadt vor Probleme", schreibt www.kn-online.de.

In der Kleinstadt Kaltenkirchen mit seinen 20.000 Einwohnern herrscht aktuell eine riesige Aufregung, dass zu den 29 Asylbewerbern aus den beiden letzten Jahren nun 50 weitere Flüchtlinge aufgenommen werden sollen.

Wenn man Lokstedt online gelegentlich einseitige Berichterstattung im Zusammenhang mit der Flüchtlingsunterbringung am Grandweg vorwirft, dann sollte man bedenken, dass hier an die 200 Flüchtlinge in eine bestehende Wohnanlage mit etwa 100 Altmietern einquartiert wurden.

Kommt in Kaltenkirchen ein Asylbewerber auf 250 Einwohner, so kommen in der Wohnanlage am Grandweg zwei Asylbewerber auf jeden Altmieter - nachts, wenn die Mitarbeiter von fördern & wohnen die Anlage verlassen haben, der Schlafbesuch eingetroffen ist und es laut wird - deutlich mehr.

Und es ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit, dass hier in Lokstedt niemand diesen Menschen hilft, mit ihren Problemen fertig zu werden. Und, dass man es ihnen angetan hat, als Versuchsprojekt her zu halten. Sie sind es, die für uns Lokstedter die Hauptlast tragen. Sie leben Tag und Nacht Tür an Tür mit den Problemen und Konflikten die üblicherweise in Unterkünften auftreten. Sie können nicht nach getaner Integrationsarbeit - wie die Flüchtlingshelfer oder die Angestellten von fördern & wohnen - in ihre ruhigen Wohnungen zurück kehren.

Sie, die Altmieter in der Wohnanlage am Grandweg, sind es, die mit dem Bürgerpreis hätten ausgezeichnet werden sollen. Statt dessen sind es gerade die selbsternannten Gutmenschen im Stadtteil, die sich zwar um Flüchtlinge kümmern (und sich dafür selbst beweihräuchern), aber die Altmieter am Grandweg als Querulanten diskreditieren.

Dies gipfelt dann in Mails, wie ich sie eingangs zitiere. Dort wünscht ein Leser, dass die Altmieter "das Zeitliche segnen" mögen.

Keine Frage also, wem meine Solidarität gebührt.

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 22.11.2014