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Wohnunterkunft Grandweg

Sitar und Saz im Duett

Am 3. September 2014 hat im Park „An der Lohbek“ das Sommerfest der Wohnunterkunft Grandweg stattgefunden. Das Fest sollte helfen, die verhärteten Fronten zwischen den Bestandsmietern und den dort einquartierten Flüchtlingen aufzuweichen. Dieses Ziel wurde allerdings deutlich verfehlt.

Es mag sein, dass die Nerven auf beiden Seiten blank liegen. Inzwischen reichen Kleinigkeiten aus, um das Klima zu vergiften. So war im Hausflur wenige Tage vor dem Sommerfest ein Anschlag zu lesen:

Die Einladung

„f & w fördern und wohnen AöR lädt am 3. September 2014 alle Nachbarn rund um die f & w Wohnunterkunft Grandweg zum gemeinsamen Sommerfest ein…für die Alt- und Neubewohner der Wohnanlage Grandweg“, stand da zu lesen.

Für den größten Teil der Bestandsmieter stand damit bereits fest, dass sie sich nicht angesprochen fühlten von dieser Einladung. Zitat aus einer uns vorliegenden Mail: „Ich bin ja schließlich kein Bewohner einer Wohnunterkunft.“

So fanden den Weg in den nahe gelegenen Park nur ganze zwei Mieter aus den 52 Wohnungen, die noch von sogenannten Alt-Mietern bewohnt werden. Bei manchem von diesen ging die Ablehnung des Sommerfests gar soweit, dass sie an diesem Tag Umwege in Kauf nahmen, nur um nicht durch den Park gehen zu müssen.

Die Verantwortlichen

Das kann man, das muss man sogar verstehen. Denn praktisch alle Befürchtungen, die vor dem Einzug der Asylbewerber in die Wohnanlage von Pessimisten vorgebracht wurden, sind inzwischen wahr geworden. Und die Mieter machen dafür die Mitarbeiter von f & w verantwortlich. Es sind nicht die Flüchtlinge, es ist die Politik und es sind die Behörden, die von den Mietern für das Scheitern des Projekts verantwortlich gemacht werden. Da haben die Mieter wenig Verständnis dafür, dass die selben Mitarbeiter, die sich sonst nur schleppend um die Belange der Altmieter kümmern, nun Zeit haben ein Sommerfest zu organisieren.

Die Wohnunterkunft Grandweg

Wir von Lokstedt online wurden ebenfalls persönlich eingeladen. Es hatte im Vorfeld des Sommerfestes Beanstandungen aus der Pressestelle von f & w über die Art und Weise unserer Berichterstattung gegeben. Nun wurden wir eingeladen, uns die Sache einmal vor Ort anzusehen.

Dieser Bitte sind wir gerne nachgekommen. Dennoch haben wir weiterhin Bedenken und die haben wir an diesem Tage selbstverständlich in unseren Gesprächen geäußert:

Die Wohnunterkunft Grandweg ist ja nicht irgendeine Wohnunterkunft. Sie ist der - inzwischen gescheiterte - Versuch, in einer weiterhin von Bestandsmietern bewohnten Wohnanlage, in den vom Vermieter in der Vergangenheit kalt entmieteten und daher leerstehenden Wohnungen, eine Wohnunterkunft zu betreiben. Etwa 100 Altmieter - überwiegend ältere Menschen - wohnen in derzeit noch etwa 50 Wohneinheiten. Sie wohnen Tür an Tür mit etwa 200 Asylbewerbern in etwa 40 Wohneinheiten.

Und es werden ständig mehr Asylbewerber. Denn es werden regelmäßig weitere frei werdende Mietwohnungen, die zu angemessenen Bedingungen auch an junge Familien vermietet werden könnten, in öffentlich-rechtliche Unterbringungen umgewandelt und somit zweckentfremdet.

Man kann von niemanden erwarten, dass er glücklich darüber ist, wenn sein Wohnhaus per Dekret zu einer Flüchtlingsunterkunft wird und wenn in seine kleine Wohnanlage so viele Flüchtlinge einquartiert werden - bei Eintritt der Dunkelheit kommen zudem allabendlich zusätzlich Dutzende weitere, sich illegal dort aufhaltende, Besucher hinzu.

Nachts, wenn der Wachdienst die Wohnanlage verlassen hat und allmählich Ruhe einkehrt, werden die Bewohner regelmäßig durch Blaulicht und verzweifelte Schreie aus dem Schlaf gerissen, wenn mal wieder eine Wohnung geräumt wird. So zuletzt am 16.09.2014. Im Zeitraum 2.00 Uhr bis 3.30 Uhr wurde mit einem großen Polizeiaufgebot (8 Fahrzeuge) erneut eine von f & w vorher ausgewählte Asylbewerberfamilie aus dem Gebäude „An der Lohbek 4c“ abgeholt.

So bleiben die Fronten insgesamt verhärtet. f & w findet das Projekt gelungen, die ehrenamtlichen Helfer frohlocken, die Alt-Bewohner sind nur noch genervt und wir berichten darüber. Und versuchen dabei so fair wie möglich zu sein.

Gleichschaltung der Presse

Und was machen die Flüchtlinge inzwischen? f & w jedenfalls möchte nicht, dass wir darüber „einseitig“ berichten. Offensichtlich wäre es der Anstalt des öffentlichen Rechts lieber, wenn wir völlig unkritisch berichten würden. Etwa wie die Eimsbütteler Nachrichten über das Sommerfest: „Es wurde musiziert, geschlemmt und gespielt. Wir waren vor Ort.“

Super! Die Welt ist ja so schön. Aber auch wir waren vor Ort und bereits zu diesen wenigen Worten haben wir einiges hinzuzufügen:

  • Musik: Siad Khawam auf seiner Sitar!
  • Geschlemmt: Leckere Lammwurst oder wie es bei f & w heißt „ kulinarische Köstlichkeiten aus mehreren Ländern“;
  • und gespielt: Wurde auch, aber getrennt nach Geschlechtern.

Die Reporterin der Eimsbütteler Nachrichten hatte vermutlich keine Kinder mitgebracht, sonst wäre ihr aufgefallen, dass die Kinder - wie in einer Moschee - nur nach Geschlechtern getrennt zum Spielen die Hüpfburg betreten durften.

Probleme mit der Integration

Mein Sohn der mit seiner Freundin mitgekommen war, konnte nicht verstehen, warum er mit seiner Klassenkameradin nicht gemeinsam in die Hüpfburg durfte. Immer wieder fragte er am Abend nach, warum das so war.

Nennt man das Integration? Welches Rollenverständnis lernen die Kinder auf solchen Sommerfesten? Soll ihnen vermittelt werden, dass Mädchen nicht mit Jungen spielen dürfen, dass sie nicht die gleichen Rechten hätten und dass sie später einmal nicht die gleichen Berufe ausüben dürften wie ihre Brüder? Das mag in der Heimat mancher Flüchtlinge so sein, hier ist das anders und das sollten die Kinder von Anfang an vermittelt bekommen. Selbst wenn sie irgendwann wieder abgeschoben würden, hätten sie dann etwas Positives aus ihrem Gastland mitgenommen.

Ähnlich ging bei den anderen Spielmöglichkeiten zu - der Spieltiger hatte seine mittlerweile obligatorische Rutsche aufgebaut und dann gab es noch eine „Clownin“, die für die Kinder Luftballon-Figuren machte. Es war unerträglich anzusehen, wie manche männlichen Flüchtlingskinder ihre Schwestern beiseite drängten und generell nicht bereit waren, sich hinter einem Mädchen in einer Schlange anzuschließen. Warum stand hier keiner und hat den Kinder die Regeln erklärt?

Die Freundin meines Sohnes allerdings ist, nennen wir es einmal resolut, sie war nicht bereit beiseite zu treten. Einige der Flüchtlingsjungen konnten die Welt nicht mehr verstehen, ein Kulturschock! War das wirklich das erste Mal, dass sie ein Mädchen in die Schranken verwiesen hat?

Das Sommerfest

Ansonsten war das Sommerfest für die Flüchtlingskinder sicher sehr schön. Man konnte Freude in ihren Gesichtern sehen, auch Dankbarkeit. Ein etwa 14-jähriges Mädchen umarmte die Clownin überschwänglich, als Dank für einen Luftballon. Es mag sein, dass so viel Dank für eine Kleinigkeit unseren übersättigten Kindern abhanden gekommen ist.

Und insgesamt ist es natürlich eine schöne Idee, so ein Fest zu veranstalten. Wäre da nicht der schlechte Start mit der verkorksten Einladung; wären da nicht die ohnehin verhärteten Fronten; wären nicht in den Wochen zuvor etliche Bestandsmieter durch Mitglieder der Helfergruppe an ihren Wohnungstüren bedrängt worden, an der Integration ihrer Nachbarn mitzuarbeiten.

Man kann aber niemanden zwingen, staatliche Aufgaben zu übernehmen und stellvertretend für überforderte Behörden die dringend notwendig Integrationsarbeit zu übernehmen.

Die Gäste

So blieben auf diesen Fest die Gruppen unter sich. Es waren viele Mitarbeiter von f & w vor Ort (so viele, wie die Bestandsmieter es sich sonst wünschen würden) und etliche Menschen aus der Helfergruppe.

Aber auch die Bewohner der Wohnunterkunft waren in großer Zahl auf das Fest gekommen. Das ist durchaus nicht selbstverständlich. Denn beim Sommerfest im Containerdorf an der Lokstedter Höhe - so wurde uns jedenfalls berichtet - haben nur sehr wenige Bewohner der Unterkunft mit gefeiert.

Aus der Nachbarschaft waren auch einige wenige gekommen, eine Frau aus dem Zylinderviertel wollte sich das einmal genau ansehen. Ihre Meinung möchten wir hier nicht weiter gegen, das wäre wieder zu einseitig.

Gesichtet wurden natürlich auch Politiker. Etwa Ernst Christian Schütt, das ist der Bezirksabgeordnete von der SPD, der sich neuerdings nicht mehr von uns fotografieren lassen möchte, Hartmut Obens (Die Linke) und Carsten Ovens (CDU).

Des weiteren wurde gesichtet: Bernd Müller-Teichert, das ist der Lokstedter Pastor, der unsere Berichterstattung gerne unterbinden würde, zwei Mädchen vom Corvey-Gymnasium, die sich im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft engagieren und der sehr freundliche Wachmann.

Wichtig auch der nette Polizist, denn ich erhielt nach dem Fest eine Mail aus der ich den Grund für seine Anwesenheit erfuhr: „Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat aus gutem Grund Angst vor Polizisten, deshalb fand ich es so gut, dass der nette Polizist wieder dabei war.“

Wenn man an die nächtlichen Räumungen der Wohnunterkunft denkt, dann war seine Anwesenheit auf dem Fest doppelt wichtig. Auch vor unserer Polizei könnten die Asylbewerber - zumindest die, denen eine Abschiebung droht - Angst haben.
Aber dieser Polizist fand schnell Kontakt. Er unterhielt sich mit allen! War, wenn man so will, einer der Wenigen die wirkliche Integrationsarbeit leisteten. Genau wie Helena Peltonen vom Bürgerhaus Lokstedt, die als einzige Frau dicht bei der Musik stand und begeistert den Klängen der Sitar lauschte.

Die Ehrenamtlichen

Ich hatte dann tatsächlich noch einige nette Gespräche und blieb sehr viel länger als ich eingeplant hatte. Unter anderem sprach ich mit Annegret Reich aus der Helfergruppe, die lieber ehrenamtliche Unterstützerin genannt werden möchte.

Sie hat in ihrem Leben schon oft Nachbarschaftshilfe geleistet, sich um Alte Menschen und Obdachlose gekümmert. Seit es die Unterkunft an der Lokstedter Höhe gibt, engagiert sie sich für Flüchtlinge. Sie erzählt mir von ihrer Arbeit mit den Flüchtlingen. Da gibt es die Kleiderkammer, den Deutschkurs, sie macht Arztbesuche und zeigt den Flüchtlingen, wo man einkaufen kann. Dann war da noch Stella Gerke, ihr Mann Nils Juliane und Axel von Stritzky. Sie kommen alle aus der Nachbarschaft und arbeiten in der Gruppe der Kirchengemeinde mit.

Ich bot jedermann an, er möge mir Leserbriefe schreiben, falls er meine Berichterstattung als zu einseitig empfände, und dass ich auch gerne mal mit dem Fotoapparat vorbeikäme und eine Geschichte schreiben würde. Da wurde ich gleich zur Teestube eingeladen, die Helfer haben einen Samowar beschafft. Dazu hab ich dann allerdings doch erst mal nein gesagt, da ich finde, wenn es um Integration geht, sollte der Tee wie üblich zubereitet werden. Und dann würde meine Geschichte über die Teestube sicher wieder zu „einseitig“ ausfallen.

Der Abschied

Ich hoffe, dieser Artikel war dieses Mal tatsächlich ausgewogen. Und in milder Stimmung, in der ich mich jetzt befinde, lasse ich den Bericht mit einem Zitat aus den Eimsbütteler Nachrichten ausklingen:

„Das gemeinsame Sommerfest neigt sich nun langsam dem Ende zu. Während die Hüpfburg sich langsam senkt und die Schlange für die Luftballons kürzer wird, gesellt sich ein weiterer Musiker, Abdul Rahman Habbal, mit seinem Saz, einer orientalischen Gitarre, zu Siad. Im Duett lassen sie das gemeinschaftliche Sommerfest ausklingen.“

Und spätestens jetzt, da sich Sitar und Saz zum Duett vereinen, wird es an diesem schönen Spätsommertag wirklich Zeit für mich zu gehen!

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online 05.10.2014