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Leserbrief

Es geht hier um weitaus mehr

In der Tat fragt man sich, nach welchen Kriterien der Standort für die Info-Tafel ausgesucht wurde. Sollte Ihre Leserin Frau Freuers Recht haben, wenn sie vermutet, dass den Verkehrsplanern die Ideen ausgegangen sind, als es um Abstellmöglichkeiten für Fahrräder ging? Die wenigen vorhandenen Abstellbügel sind ein Witz für einen Knotenpunkt an einer derart stark frequentierten Buslinie. Betrachtet man aber den Siemersplatz als Ganzes, kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass die Verkehrsplaner alles andere als Ideenlos waren. Im Gegenteil: Was die Optimierung des Autoverkehrs angeht, haben sie an Genialität grenzende Arbeit geleistet.

Leider beschränkt sich der Ideenreichtum der Verkehrsplaner, wie üblich, ausschließlich auf den motorisierten Verkehr! Und genau da liegt das Grundproblem.

Wohl niemand bezweifelt, dass auf dem gesamten Siemersplatz sowohl Radfahrer, als auch Fußgänger ein Dasein am Rande führen, eher geduldet, als gleichberechtigt behandelt werden und vermutlich noch dankbar sein müssen, dass man ihre Restflächen nicht noch einer weiteren Fahrspur für den automobilen Wahnsinn geopfert hat. Bisher kenne ich keinen einzigen Menschen, der den Umbau des Siemersplatzes als gelungen bezeichnet hätte. Das Gegenteil ist der Fall. Niemand hält sich länger als nötig auf dem Siemersplatz auf. Er ist eine lärmende, stinkende Asphaltwüste voller Ampeln, seltsamer Verkehrsführungen und wirrer Markierungslinien. Noch immer gibt es Autofahrer, die nicht durchschauen, wie auf dem Siemersplatz abzubiegen ist.  Es gibt fast genau so viele "Geisterradler", wie korrekt fahrende. Verkehrspolitisch ist der gesamte Siemersplatz ein Schritt zurück in die 1960er Jahre, als man jeden Baum, jeden Strauch und jeden Meter Verkehrsfläche dem Autogott opferte.

Glaubt ernsthaft jemand, den Verkehrsplanern sei nicht bewusst gewesen, dass Radfahrende, nachdem sie sich durch die wartenden Fahrgäste an der Bushaltestelle gekämpft haben, sofort vor dem nächsten Hindernis stehen, nämlich der Kolonne der auf einen frei werdenden Parkplatz wartenden Autos? Viele Radler weichen - ordnungswidrig - auf den Gehweg aus. Wer hat schon Lust, wenige Zentimeter an einem wartenden Auto vorbei zu fahren, Stichwort "dooring" Nein, das alles wussten diese Verkehrsplaner! So einfältig kann kein Mensch sein, schon gar nicht, wenn er sich beruflich damit beschäftigt. Es war und ist ihnen schlichtweg egal! Ihnen ging und geht es nur um das Wohl des Autoverkehrs! Und: Sie setzen nur das um, was ihnen "von oben" vorgegeben wird!

Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass der Metrobus 5 regelmäßig mit seinem Heck beim Halten den Fußgängerüberweg vollständig versperrt? Die Fußgänger "dürfen" dann bis zum nächsten "Grün" eine Zwangspause einlegen.  Und zwar immer dann, wenn am vorderen Ende der Busbucht ein Auto parkt, manchmal sind es auch zwei. Mir ist in Hamburg keine zweite Bushaltestelle bekannt, wo es Ähnliches gibt.

Wie kommt so etwas?

Da sind zunächst jene Autofahrer, die Verkehrsregeln rücksichtslos nach ihrem Gutdünken auslegen, schließlich sind es ja nur zwei Minuten, die sie in der Busbucht parken. Bald danach kommt allerdings schon der nächste Verkehrsrüpel - natürlich auch nur für zwei Minuten. Das wäre alles nicht einmal so schlimm, läge der Fußgängerüberweg dichter an der Vogt-Wells-Straße, wie es an Kreuzungen im Allgemeinen üblich ist. Warum also ist der Überweg so weit weg? Damit so viele Autos wie möglich aus der Vogt-Wells-Straße in den Lokstedter Steindamm abbiegen können. Ansonsten müssten sie erst die Fußgänger passieren lassen und weniger könnten abbiegen. Das ginge ja gar nicht. Also versetzt man kurzerhand den Fußgängerüberweg. Fußgänger haben keine starke Lobby...

Wie so oft in Hamburg sind auch hier Fußgänger und Radfahrer Menschen zweiter Klasse. Warum wird eigentlich, als wäre es ein göttliches Gesetz, immer nur der Autoverkehr optimiert, ja hofiert und warum müssen andere Verkehrsteilnehmer grundsätzlich zurückstecken? Warum macht man es nicht mal umgekehrt? Breite Geh- und Radwege, die man gern benutzt? Warum werden Menschen, die sich mit einem Auto fortbewegen, die weitaus größeren Privilegien zugestanden, als anderen? Reicht es nicht, dass jedes einzelne Auto in Deutschland pro Jahr volkswirtschaftlich mit rund 2000 Euro subventioniert wird (Studie der TU Dresden, Okt. 2012) und zwar von ALLEN Steuerzahlern, auch den Nicht-Autofahrern? Warum müssen Menschen in ihrem eigenen Stadtteil darauf verzichten, sich beim Flanieren und Einkaufen wohl zu fühlen, nur weil endlosen Blechkolonnen der meiste Platz gewidmet wird? Solche Fragen sind in Behördenkreisen tabu.

Es geht hier um weitaus mehr als eine ungünstig platzierte Info-Tafel. Es geht um die Frage, wie lange es sich die Hamburger Bürgerinnen und Bürger noch gefallen lassen wollen, als Fußgänger und Radfahrer von der Verkehrspolitik des Hamburger Senats zu weitgehend rechtlosen Randfiguren degradiert zu werden.

Lutz Räbsch

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© Lokstedt-online.de 09.01.2015