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Im Gespräch mit der Gemeinwohl-Ökonomie

Ziel der politischen Gemeinschaft

Es war der erste schöne Sommertag in Hamburg nach einer langen bedeckten und stürmischen Wetterperiode. Es wäre kein Wunder gewesen, wenn mancher einem Spaziergang im Freien den Vorrang gegeben hätte, aber dem war keineswegs so.

Wem daran liegt, dass sich unsere Gesellschaft hin zu den Werten umorientiert, auf die es in Zukunft ankommt, der lässt wohl die Gelegenheit nicht aus, mit den Wegbereitern ins Gespräch zu kommen.

Solche Wegbereiter waren am 4. Juni zu Gast im Bürgerhaus Lokstedt: Bernd Fittkau und Gerd Lauermann. Sie haben die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie in Hamburg etabliert. Eine Idee, die zwar in ihren Grundzügen gar nicht so neu ist, die aber offensichtlich neu entdeckt werden muss, wenn wir unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten und unsere Gesellschaften nicht dem Untergang weihen wollen.

Bereits Platon beschrieb das Gemeinwohl als das Ziel der politischen Gemeinschaft, in der Bürger ihre Interessen realisiert sehen würden. Das Wohl des Volkes sollte auch nach Cicero oberstes Gesetz sein, und Gemeinwohl ist ein Kernelement der christlichen Soziallehre. Das Grundgesetz greift im Artikel 14 Absatz 2 die Aufgabenstellung auf: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Und die Präambel der Hamburgischen Verfassung fordert: „Jedermann hat die sittliche Pflicht für das Wohl des Ganzen zu wirken.“

Spätestens seit der Club of Rome die von der Volkswagenstiftung maßgeblich finanzierte Werk „Grenzen des Wachstums“ 1972 veröffentlichte, wissen wir außerdem: So geht es nicht weiter, wir müssen umsteuern, alles Handeln muss nachhaltig werden. Dennoch sind Jahrzehnte verstrichen, in denen die endlichen Ressourcen gnadenlos ausgebeutet, nie da gewesenes wirtschaftliches Wachstum angefacht, Wegwerfmentalität gezüchtet, Klimaerwärmung hingenommen, Gier und unermessliche Eigentums- und Einkommensspreizung geduldet wurden.

Wer soll es richten? Auf Parlamente und Regierungen warten, die alle vier bis fünf Jahre neu gewählt werden? Wie lange noch? Der Nachbar soll zuerst damit anfangen? Wohl kaum erfolgversprechend. Die Antwort kennt jeder von uns: Ich muss damit bei mir selbst beginnen. Aus freien Stücken. Aus Einsicht. Aus Überzeugung. Wenn ich Unternehmer bin, muss ich mein Unternehmen neu ausrichten. Wenn ich eine andere gesellschaftliche Organisation leite, muss ich die Organisation umsteuern. Und – ich muss mich selbst umstellen. Muss mir selbst die entscheidenden Fragen stellen – und beantworten. Eine nach der anderen. Ein Prozess muss beginnen.

Wer sich ernsthaft auf diesen Weg zu einer ethischen Marktwirtschaft machen will, ist in einem Netzwerk von Gleichgesinnten gut aufgehoben. Da kommt Gemeinwohl-Ökonomie ins Spiel. Sie ist eine Idee, eine junge Bewegung, die praktikable Hilfsmittel bereitstellt, wie sich Unternehmen auf diesen Weg hin zu nachhaltigem Wirtschaften machen können. Unternehmenserfolg stellt sich anders dar als bisher gewohnt, wenn er an Gemeinwohl orientierten Werten definiert wird. Die ersten Unternehmen wenden diese neuen Maßstäbe bereits an und erstellen und veröffentlichen ihre Gemeinwohl-Bilanzen. Ähnliche Vorgehensweise ist bei zivilgesellschaftlichen Organisationen möglich. Und selbst für Privatpersonen der Gemeinwohl-Selbsttest als Startpunkt zur Verfügung. Diese Umsteuerung staatlich zu fördern und / oder steuerlich zu honorieren, wird noch eine politische Herausforderung sein.

Viele Fragen, rege und anregende Diskussion löste die Gemeinwohl-Ökonomie im Publikum aus. Und die Erkenntnis, dass dies ein Prozess sein wird, ein notwendiger Prozess, im Laufe dessen viele Stellschrauben nacheinander in neue Positionen zu drehen sind. Vor allem wurde klar, dass dies möglich und praktikabel ist. Das Netzwerk, die Workshops, die Hilfsmittel, die das Netzwerk schon heute bereitstellt und die Kreativität des wachsenden Netzwerkes noch entwickeln kann, machen es möglich. Beeindruckend, was Pioniere in der Gesellschaft auslösen können! Die Bewegung lädt jeden zu Veranstaltungen, zur Mitwirkung und zur ideellen oder finanziellen Unterstützung ein.

hamburg.gwoe.net
gemeinwohl_matrix.pdf

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© Lokstedt-online 07.06.2015, Helena Peltonen