Leserbrief

Die Masse der Autos selbst ist es

(zu: Wohlfeil klingende Versprechungen vom 11.10.2015)

Sehr geehrter Herr Ovens,

ich teile Ihre Ansicht, dass es "erschreckend" ist, dass der Hamburger Senat nicht in der Lage ist, den Zustand bestimmter Radwege zu beurteilen, gleichzeitig aber Hamburg zu einer "Fahrradmetropole" machen will. Damit erschöpft sich meine Zustimmung zu Ihren Ansichten hinsichtlich einer sicheren Radverkehrsführung und Fahrradinfrastruktur aber auch schon.

Nicht weniger erschreckend sind nämlich Ihre Thesen, was die Verlegung des Radverkehrs "auf die Straße" (Sie meinen sicherlich die Fahrbahn, denn zur Straße gehören auch Geh- und Radwege) angeht. Sie schreiben: "In Tempo-30 Zonen mag dies ja noch praktikabel sein. Auf Tempo-50 Strecken werden so Radfahrer gefährdet um, im Sinne grüner Ideologie, den motorisierten Verkehr auszubremsen. Das wirklich fatale an dieser ideologischen Verkehrspolitik ist, dass sie insbesondere die schwächsten Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringt: Schüler und Senioren, die künftig dazu gezwungen werden sollen, ihren Weg zwischen schnell fahrenden Kfz, Lkw und Bussen zu finden."

Können Sie anhand von Fakten belegen, dass Radfahrende auf Tempo-50-Strecken auf der Fahrbahn stärker gefährdet sind, als auf Radwegen? Ich nehme die Antwort vorweg: Sie können es nicht, weil es nicht zutrifft. Muss man sich nicht erst einmal ausführlich informieren, wie sicher oder gefährlich welche Art der Radverkehrsführung ist, bevor man Behauptungen aufstellt, für die es keinerlei Grundlage gibt? Das haben Sie augenscheinlich nicht getan.

Zur Einarbeitung in die Materie empfehle ich Ihnen die Lektüre: "Unfallrisiko und Regelakzeptanz von Fahrradfahrern", ein Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen. Sollte Sie darin einen Beleg dafür finden, dass Radfahrer auf Tempo-50-Strecken stärker gefährdet sind, als auf Radwegen, lassen Sie es mich und die Leser von "Lokstedt online" bitte wissen.

Sie betrachten es als "grüne Ideologie", wenn Straßenverkehrs- und Straßenbaubehörden den Radverkehr auf der Fahrbahn führen. Sie unterstellen sogar, dies geschehe, "um den motorisierten Verkehr auszubremsen". Ich wusste noch gar nicht, dass diese Behörden im Sinne "grüner Ideologie" handeln. Wurde der Siemersplatz etwa auch umgebaut, um den motorisierten Verkehr auszubremsen? Ich würde eher sagen, das Gegenteil ist der Fall.

Es ist fast zum Lachen, wäre es nicht so traurig. Schauen Sie sich einmal die täglichen endlosen Staus an. Kein einziger davon wird durch "Ausbremsen durch Radfahrer" erzeugt. Die Masse der Autos selbst ist es, die sich gegenseitig ausbremst! "Fatal und ideologisch" ist vielmehr die Verkehrspolitik Ihrer Partei, die einfach nicht erkennen will, dass das Auto als Verkehrsmittel in Städten keine Zukunft haben kann und darf, weil es für eine endlose Liste von Problemen verantwortlich ist, wie Lärm, schwere Unfälle, giftige Abgase und damit verbundene vieltausendfache Todesfälle (bewusst ignoriert von der Bundesregierung, siehe "VW-Skandal"!), einen gewaltigen Flächenverbrauch, auch in Form zugeparkter Geh- und Radwege, sowie die Klimaveränderung.

Weiterhin empfehle ich Ihnen einen Artikel der Welt, die wohl kaum dafür bekannt ist, grünen Ideologien das Wort zu reden. Oder auch ein Morgenpost-Interview mit Polizeidirektor Ulf Schröder.

Wenn Sie schon über Fahrradunfälle schreiben, dann bitte mit der gebotenen Differenzierung. Ich darf Sie (von Ihrer Homepage) zitieren: "Bekannt ist jedoch, dass die Verkehrsunfälle mit Fahrrädern in unseren Stadtteilen seit 2011 zugenommen haben. In Lokstedt, Niendorf und Schnelsen kam es 2011 noch zu 135 Unfällen, in 2014 waren es bereits 169. Für 2015 liegt erst ein Halbjahresergebnis vor. Vor diesem Hintergrund sollten sich Bezirksamt und Fachbehörde erneut die Frage stellen, ob es wirklich überall sinnvoll ist, Radwege auf Straßen zu verlegen. Leider ist die Antwort der Behörde auf meine Anfrage sehr dünn. Weder werden Unfallgründe, noch Zahlen zu den erfragten Unfallschwerpunkten genannt."

Sie legen also den Behörden nahe, sich die Frage zu stellen, ob es sinnvoll ist, Radwege auf "die Straße" (Anm.: es ist die Fahrbahn) zu verlegen, geben einen Satz weiter aber zu, dass keine Unfallgründe genannt wurden! Auf welchem Wissen basiert dann Ihre Annahme, die Radverkehrsführung auf der Fahrbahn sei gefährlicher als jene auf Radwegen? Den Vorwurf einer ideologischen Verblendung müssen wohl eher Sie sich gefallen lassen! Sie können ihn aber einfach entkräften: Legen Sie konkrete Angaben über die Art und den Ort (Fahrbahn, Radweg, Gehweg) der Unfälle und über den / die Unfallverursacher vor, aus denen hervorgeht, dass eine Radverkehrsführung auf der Fahrbahn gefährlicher ist, als auf separaten Radwegen!

Herr Ovens, die Zahl der Radfahrenden ist in Hamburg in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Bei mehr Radfahrern gibt es auch mehr Unfälle. Warum berücksichtigen Sie das nicht bei Ihren Zahlenspielereien?

Der Radverkehr ist auf der Fahrbahn - auch auf Tempo-50-Strecken - keineswegs weniger sicher, als auf separaten Radwegen. Ich wundere mich sehr, dass Ihnen dies noch immer nicht zu Ohren gekommen ist. Googeln Sie doch einfach mal... Können Sie auch nur einen Unfall in Hamburg benennen, bei dem ein Radfahrer beim "normalen" Fahren auf der Fahrbahn verunglückt ist? Falls ja, bitte mit Angabe der Unfallursache.

Lutz Räbsch

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© Lokstedt-online 15.10.2015