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E-Mobilität

Wachstumsschub aus Lokstedt

Noch nicht an jeder Ecke, aber doch immer öfter sieht man Autos am Straßenrand, die mit ihren spiralig gewundenen Kabeln Strom tanken. Rund 200 solcher Ladestationen für je zwei Autos gibt es bereits in Hamburg und es werden laufend mehr. Welche Zukunft hat das Elektroauto?

Wer im Zusammenhang mit Lokstedt an innovative Autotechnologie spricht, der dachte bisher an die am Nedderfeld angesiedelten Niederlassungen von BMW oder Porsche. Doch das könnte sich in absehbarer Zukunft ändern. In den letzten Jahren mauserte sich der Bötelkamp nämlich zum Zentrum der deutschen Elektromobilherstellung.

Der Lokstedter Fiat-Importeur Karabag ist ein Vorzeigeunternehmen in einem Markt, dem mancher eine große Zukunft vorher sagt. So tummeln sich denn auch die Politiker im Quartier rund um den Bötelkamp.

Da wäre zum Beispiel der Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Er eröffnete im vergangenen Juni gleich um die Ecke auf dem Gelände des Chipherstellers NXP Semiconductors an der Stresemannallee eine Messe zum Thema Elektromobilität. Der Minister interessierte sich dort auch für den Verbleib der Bundesmittel, mit denen seine Behörde diesen Wirtschaftszweig in den vergangenen Jahren gefördert hat.

Dass das Bundesverkehrsministerium dabei gut beraten war, davon konnte sich aktuell Bürgermeister Olaf Scholz bei einem Besuch des Elektromobilherstellers Karabag überzeugen. Dort ließ er sich die Funktionsweise eines Elektrofahrzeugs erklären und machte persönlich eine Probefahrt mit einen Karabag new500E durch Lokstedt. Vorsichtshalber saß allerdings der E-Mobil-Pionier Sirri Karabag auf dem Beifahrersitz. Scholz war beeindruckt von dem leisen Auto, lobte die rasante Beschleunigung und sieht die E-Mobilität für die Zukunft als wegweisend an. "Große Städte können in besonderer Weise Nutznießer der Elektromobilität sein, denn sie verringert die Belastungen durch Schadstoffe und Lärm", sagte der Bürgermeister anschließend dem Hamburger Abendblatt.

Derzeit sind allerdings erst 5.000 Elektromobile bundesweit zugelassen. 800 davon stammen vom Hersteller Karabag. Neben dem vom Bürgermeister Probe gefahrenen new500E sind dies verschiedene Fiat-Transportertypen, die von dem Importeur auf Elektrobetrieb umgerüstet wurden.

Rund 36.000 Euro kostet ein umgerüsteter Fiat 500, das sind mindestens 20.000 Euro mehr, als eine solches Auto mit einem Benzinmotor kosten würde. Da dieser Mehrpreis durch die Kraftstoffersparnis kaum wieder reingeholt werden kann, gibt es praktisch noch keinen privaten Käufermarkt für diese Autos.

Bei gewerblichen Kunden, die zudem Umweltbewusstsein demonstrieren möchten, kann sich solch ein Auto aber durchaus rechnen. So testet der größte deutsche Pizza-Lieferservice Joey’s an seinem Standort Valentinskamp, in Zusammenarbeit mit Karabag, bereits mehrere solcher Elektroautos, aber auch E-Motorroller, im täglichen Lieferservice. 100 km kann das E-Auto dabei zurücklegen und kommt nach Feierabend an die Steckdose. Neben Lieferdiensten kommen auch Kurier- und Pflegedienst als Kunden in Frage.

Joey’s Pizza Service-Geschäftsführer Karsten Freigang jedenfalls zieht nach einem Jahr ein positives Resümee. Sein Unternehmen wird diese Aktivitäten nach und nach ausbauen.

Eine weitere Vertriebsmöglichkeit hat Sirri Karabag bereits fest ins Auge gefasst. Bald soll direkt vor dem Bezirksamt Eimsbüttel am Grindelberg Deutschlands erste E-Autoverleihstation eröffnen werden. Carsharing ist der Trend. Konsequent weitergedacht, gehört dem E-Carsharing die automobile Zukunft. Einen perfekten Standort glaubt der türkisch-stämmige Unternehmer mit dem Parkplatz vor dem Bezirksamt gefunden zu haben, zeigen doch viele junge Eimsbüttel schon heute eine hohe Bereitschaft alternative Formen urbaner Mobilität wie das Stadtrad oder Carsharing-Modelle mitzutragen.

Solche Projekte wie die E-Autoverleihstation können aber auch mithelfen, die Zeit zu überbrücken, bis ein E-Auto für den Privatkunden erschwinglich wird. Bereits im nächsten Jahr soll der Karabag new500E für unter 30.000 Euro zu haben sein. Damit hat sich der Preis für ein E-Auto innerhalb von nur vier Jahren halbiert.

Um den Verkauf seiner Autos auch an Privatpersonen weiter voranzubringen, hat Karabag mit dem Gabelstaplerhersteller Still, der die Elektromotoren fertigt, vereinbart, dass sein Servicenetz mit bundesweit 800 Stationen, davon 120 in der Metropolregion Hamburg, für die Wartung der Karabag-Fahrzeuge zur Verfügung steht.

Ein weiteres Projekt der Firma Karabag zeigt auf, wie innovativ die Konzepte sein müssen, wenn eine neue eine eingeführte Technologie mit bestehender Infrastruktur verdrängen soll. In Norderstedt, dem Wohnort Karabags, entsteht derzeit eine Siedlung, die über Fotovoltaik-Anlagen sowie ein Blockheizkraftwerk mit Energie versorgt wird. Der am Tage zu viel produzierte Strom wird in der Batterie des E-Autos zwischen gespeichert und kann nachts wieder aus dem Auto abgerufen werden.

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© Lokstedt-online.de 02.09.2012