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Güterbahnhof Lokstedt

Siemersplatz mit Kapazitäten

Mit jeder Ampelphase werden zukünftig bis zu vier weitere Pkw den Siemersplatz überqueren. Die Fahrer wohnen im Quartier Tarpenbek Greens auf dem ehemaligen Güterbahnhof Lokstedt in Groß Borstel, dort sollen mindestens 750 Wohnungen entstehen. Das Worst-Case-Szenario rechnet mit stündlich 429 Pkw, die vormittags die Siedlung verlassen werden.

Anfang September trat der Regionalausschuss Lokstedt der Bezirksversammlung Eimsbüttel zu seiner Konstituierenden Sitzung zusammen. Nach den üblichen Brimborium beschäftigte sich der Ausschuss in Öffentlicher Sitzung mit den verkehrlichen Auswirkungen des umstrittenen Großbauprojekts Tarpenbek Greens auf dem Güterbahnhof Lokstedt (Bebauungsplan Groß Borstel 25).

Viel Staub hat das umstrittene Großprojekt in in unserem Nachbarstadtteil bereits aufgewirbelt. Das Interesse war zeitweise so groß, dass Informationsveranstaltungen aus Platzgründen in der Alsterdorfer Sporthalle abgehalten werden mussten, insgesamt 625 Einwendungen gegen das Projekt wurden von betroffenen Bürgern bislang eingereicht.

Doch nichts davon wurde umgesetzt. Im Gegenteil, manch ein Politiker verspottete gar seine Wähler: „Groß Borstel hat kein Vetorecht. Sonst können wir ja keine Großprojekte mehr durchsetzen!“ Mit diesem seltsamen Demokratieverständnis machte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Domres keine Freunde. Mehr als 10 Prozent verlor seine Partei daher bei den letzten Bezirkswahlen in diesem Jahr und weite Teile der Bevölkerung lehnen das Bauvorhaben nach wie vor ab.

Die Bedenken

Die Einwände gegen das neue Quartier auf dem Güterbahnhof sind mannigfaltig, sie reichen von der fraglichen Seriösität des irischen Investors bis hin zum Verbleib der heute seltenen, daher historisch wertvollen Ley-Gartenlauben, die zwischen Herbst 1943 und Sommer 1946 als Behelfsheime für ausgebombte Eisenbahner auf dem angrenzenden Kleingartengelände errichtet wurden.

Alternativen wurden nicht ernsthaft erwogen

Und nicht nur Einwendungen hat es gegeben. Anfangs hatten die Groß Borsteler versucht, sich aktiv in die Planungen für das Gelände einzubringen. Doch auf gut gemeinte Vorschläge, etwa die Kleingärten zu erhalten und auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs eine Freizeitoase zu schaffen, wurde nicht eingegangen. Dabei hätte man durch Flächentausch mit Sportanlagen attraktivere Flächen für die Bebauung gewinnen können, als ausgerechnet das riesige Areal auf dem Güterbahnhof. Doch der Bezirk wollte das Großprojekt anstatt kleinteiliger Bebauung und wie es aussieht, hat er sich dabei kräftig verhoben.

Der enorme Druck, unter dem der Bezirk Nord stand, hat dazu geführt, dass übereilt und schlampig verhandelt wurde. Eigentlich kann der Investor, die McGarrell Reilly Group aus Dublin, nun auf dem Gelände nach belieben schalten und walten. Der Bezirk wollte das Bauvorhaben so dringend umsetzen, dass der Wunsch etwa nach Sozialwohnungen gar nicht erst geäußert wurde.

Dies ist um so unverständlicher, als die McGarrell Reilly Group anfangs durchaus bereit war, ein Bauvorhaben in der Größenordnung von 220 bis 350 Wohneinheiten (WE) umzusetzen.

Nun nimmt das Bauvorhaben - großspurig Tarpenbek Greens genannt - immer grotesker werdende Ausmaße an. Seitdem der Bezirk Nord dem irischen Investor zusätzlich das Gelände des Kleingartenvereins Bahn-Landwirtschaft aufdrängte, wird mit 750 WE geplant.

Ob es bei dieser Anzahl von Wohneinheiten bleibt, weiß derzeit niemand. Der Bebauungsplan jedenfalls sieht mindestens 750 WE vor, doch die Geschossflächenzahl würde bei einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von gut 70 Quadratmetern theoretisch auch 1300 WE hergeben, so die Befürchtungen mancher Kritiker. Aktuell gehen seriöse Schätzungen allerdings noch von etwa 900 WE aus. Mit der Anzahl der WE steigt natürlich die Anzahl der Bewohner - und die der Pkw vor Ort.

Groß Borstel und der Verkehr

So sind es die zu erwartenden Auswirkungen auf den Straßenverkehr, die weitere Kritiker auf den Plan rufen. Die aktuell noch 8.086 Groß Borsteler Einwohner fürchten, dass es mit der gewohnten Ruhe im Stadtteil vorbei sein könnte, wenn mehr als 2.000 Neu-Groß Borsteler die Straßen des Stadtteils befahren werden.
Und da reagieren die Groß Borsteler empfindlich. Der Straßenverkehr ist ihr neuralgischer Punkt - obwohl doch der Stadtteil bislang, gut geschützt im Windschatten des Flughafens, wirklichen Straßenverkehr noch gar nicht kennt.

Denn seit Jahren bereits gibt es, damit niemand auf die Idee kommt Schleichwege durch Groß Borstel zu nehmen, ein ausgeklügeltes System von Einbuchtungen, Straßenzungen, überbreiten Parkplätzen, Einbahn- und Spielstraßen, Straßenumlenkungen, Sperrungen für Lkw oder Straßen die ganz gesperrt und nur für Busse und Taxis freigegeben werden.

Allerdings sind diese Regelungen nur für Auswärtige gemacht. Denn die Bewohner selbst halten sich nicht alle an die Regelungen und Verkehrsbeschränkungen.

Wieder andere Bewohner haben sich zusätzlich eigene Straßenschilder her- und aufgestellt. Die Straßen erhalten dadurch insgesamt einen für Hamburger Verhältnisse einzigartigen idyllischen Privatstraßen-Charakter. In einer Straße steht sogar ein Basketballkorb mitten auf der Straße. Man hat das Gefühl, dass in jeder der Straßen ein Bürgerschaftspräsident wohnen könnte, der politischen Einfluss ausgeübt hat - wie einst Berndt Röder, der seine Groß Borsteler Straße von Glatteis räumen ließ.

Und an dieser Stelle zeigt der durch das Großprojekt angeschlagene Bezirk Nord plötzlich wieder Verständnis für die Befindlichkeiten der Groß Borsteler Bürger. Mindestens 80 Prozent der Mehrverkehre durch die neue Ansiedlung, so die aktuelle Planung, sollen daher über die weitaus leistungsfähigeren Lokstedter Straßen abgewickelt werden.

In Spitzenzeiten geht aber auch in Lokstedt kaum noch was, dann breitet sich hier der Schleichverkehr in die Wohnstraßen aus, der in Groß Borstel so sorgsam vermieden wird.

Probleme hausgemacht

Vermutlich um die 6.000 mal am Tag werden die Bewohner ihr Quartier auf dem ehemaligen Bahnhof mit dem Pkw verlassen oder dahin heimkehren. Das Problem dabei, sie können dies nur über eine einzige Straße tun, die Rampe am Kellerbleek.
Und die Verantwortlichen im Bezirk Nord weigern sich partout, dem neuen Quartier eine zweite Verkehrsanbindung zu spendieren. Hätte das Quartier aber eine solche zweite Anbindung, bräuchte man über die verkehrlichen Auswirkungen eigentlich gar nicht zu diskutieren - die Probleme würden sich weitgehend in Luft auflösen.

Warum der Bezirk Nord sich weigert eine zweite Pkw-Anbindung zu erschließen, ist nicht klar ersichtlich. Ist das einfach nur Sturheit oder scheut man die Kosten?
Offiziell heißt es: „Die bisherigen Verkehrsuntersuchungen und Berechnungen haben gezeigt, dass diese Anbindung für eine leistungsgerechte Abwicklung der im Planverkehr entstehenden Mehrverkehre ausreichend ist und es einer weiteren zweiten Anbindung aus verkehrlicher Sicht nicht zwingend bedarf.“

Doch wenn es darum geht, gut gemeinte Vorschläge zu entkräften, wird mit allen möglichen Argumenten hantiert:

  • Eine Anbindung im Bereich Rosenbrook etwa, erscheint leicht realisierbar, mindestens müsste hier keine Brücke über die Tarpenbek gebaut werden. Der Bezirk Nord aber möchte angeblich nicht, dass hier weitere Kleingärten geopfert werden. Dieses Argument wirkt allerdings irgendwie an den Haaren herbei gezogen, hat man doch die Kleingärten der Eisenbahner bereitwillig geopfert.
  • Am Brödermannsweg wäre ebenfalls ein idealer Ort für eine zweite Anbindung. Über diese kurze, leistungsfähige Anbindung würde die Siedlung direkt mit dem Groß Borsteler Zentrum verbunden. Aber der Bezirk fürchtet Auswirkungen auf die Parkanlage. Dabei könnte man die Anbindung eventuell auch, statt durch die Parkanlage, direkt über das Gewerbegebiet führen.

So bleibt der Bezirk Nord dabei. Eine Anbindung der Großsiedlung Tarpenbek Greens am Kellerbleek und die an- und abfahrenden Fahrzeuge sollen möglichst vollzählig weiter über den ertüchtigten Knotenpunkt Kellerbleek / Nedderfeld auf den Nedderfeld gelagen. So wird dann das gesamte Mehraufkommen in den Stadtteil Lokstedt geleitet.

Doch ist das fair?

Darf der Bezirk Nord ein solches Großprojekt unmittelbar an seiner Bezirksgrenze abwickeln und dann für den Verkehrsabfluss des Quartiers nur eine einzige Anbindung an den Straßenverkehr nutzen. Eine Anbindung zudem, wo die Pkw-Fahrer gar keine andere Wahl haben, als über Lokstedts Straßen zu fahren.
Es ist müßig hier erneut die mannigfaltigen Belastungen aufzuzählen, die die Lokstedter Bürger im letzten Jahrzehnt zu ertragen hatten. Die Stadt wächst und Lokstedt wurde auserkoren Wohnraum und Verkehrsinfrastruktur für dieses Wachstum bereit zu stellen. Um mehr als 17 Prozent nahm in diesem Zeitraum die Zahl der Wohnungen zu und der Straßenverkehr hat sich nahezu verdoppelt. Bis zum Jahre 2018 werden weitere bis zu 1295 Wohneinheiten (WE) in Lokstedt gebaut werden.

Mit dem Großprojekt auf dem ehemaligen Güterbahnhof kommen weitere Wohnungen hinzu, deren verkehrliche Auswirkungen die Lokstedter Bürger zu tragen haben.

Und selbst während der Bauzeit sollen die Groß Borsteler ihre gewohnte Ruhe behalten. Daher wurde bereits vorab geprüft, ob für die ausschließliche Abwicklung des Schwerlastverkehrs nötigenfalls die Fahrbahn unter der Brücke am Kellerbleek abgesenkt werden kann. Dies ist angeblich machbar, damit kann im nördlich angrenzenden Wohngebiet Groß Borstels „eine unzumutbare Belastung vermieden werden“.

Neubürger werden ausgegrenzt

Will man die Bewohner der neuen Siedlung wirklich im Zentrum haben? Mittlerweile wirkt es fasst so, als wollte man sie lieber in ihrem Quartier gefangen halten, isolieren. So wird aus einem Quartier ein Ghetto.

Dennoch sollen die (vermutlich) kaufkräftigen Bewohner dieses Ghettos die Geschäfte in der Borsteler Chaussee stärken. Sie sollen sozusagen ein Leben als Groß Borsteler auf Abruf führen und bekommen zum Einkaufen Freigang: So ist man auf die absurde Idee mit einer Fußgängerbrücke gekommen. Derzeitiger Planungsstand ist eine Brücke über die Tarpenbek, über die die Bewohner der Siedlung - aber bitte nur zu Fuß oder mit dem Rad - die Geschäfte in der Borsteler Chaussee erreichen können.

An ihren strammen Waden wird man dort die jungen Mütter erkennen, die nach Einkauf und Café Latte in Groß Borstel mit Tüten und Kleinkindern auf dem Fahrrad zurück nach Hause auf den Bahndamm radeln. Das Gelände liegt nämlich 4,5 Meter über dem Niveau der Umgebung, zurück geht es kräftig bergauf.
Sicherheit im Quartier gewährleistet?

Ein Wohnquartier mit nur einer Anbindung an das Straßennetz wirft zudem die Frage nach der Sicherheit der Anwohner auf. Man stelle sich nur einmal vor, bei einem kräftigen Herbststurm versperren umgefallene Bäume die Rampe am Kellerbleek. Was ist, wenn gleichzeitig vor Ort dringend ein Notarzt, die Polizei oder die Feuerwehr angefordert wird? Legt sich die Freiwillige Feuerwehr Groß Borstel Fahrräder für solche Fälle zu und radelt mit geschulterter Leiter über die Fußgängerbrücke am Brödermannsweg zum Einsatz?

Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel?

Die Siedlung verfügt über keine bequem erreichbare fußläufige Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Wer, wie manch Lokstedter, als Kind bei der verlassenen Bahnhofswerkhalle gespielt hat, in der heute das Restaurant Le Marrakech ansässig ist, weiß, dass man zu Fuß bis zurück zur Nedderfelder Kehre (Metrobus 5) oder zum Jägerlauf (281er) eine halbe Ewigkeit unterwegs ist. Und wenn es dunkel wird, ist es ziemlich schaurig auf der Rampe.

Das Gelände zwischen der Tarpenbek und der Güterumgehungsbahn ist immerhin 84.000 Quadratmeter groß und Kritiker nennen die Anbindung bereits „die längste Sackgasse Hamburgs“.

Wer läuft schon mehr als einen Kilometer, um dann mit dem Metrobus 5 in die Innenstadt zu fahren. Daher werden die überwiegend gut verdienenden zukünftigen Bewohner überdurchschnittlich viele Pkw halten. Für Verkehrsplaner bedeutet dies, dass der MIV-Wert (Motorisierter Individualverkehr) deutlich über dem Durchschnitt liegen wird.

Fragen über Fragen

Die Liste der offenen Fragen ließe sich beliebig etwa um die Themen Flächenversiegelung, Artenschutz, Regenwasserablauf ins Überschwemmungsschutzgebiet Tarpenbek, Lärmschutzwall oder Ersatzflächen für Kleingärten erweitern.

Da verwundert es, dass der Bezirk Nord dieses Projekt ohne jede politische Rückendeckung aus dem Bezirk Eimsbüttel entwickelt. Warum wurde der Regionalausschuss Lokstedt nicht schon früher mit ins Boot geholt? Warum wurde er nicht an den Planungen beteiligt?

Die Gutachten

Soweit die Fragestellungen, von denen vor allem die ständig wachsende Zahl der geplanten WE und die unzureichende Anbindung dazu geführt haben, dass das ursprüngliche Argus-Verkehrsgutachten mittlerweile von verschiedenen Seiten angezweifelt wird.

Um Zweifel auszuräumen, wurde ein ergänzendes Gutachten durch die BKP erstellt. Außerdem sollten durch dieses Gutachten andere, seit dem Erstgutachten veränderte Parameter wie der Umbau des Siemersplatzes, der mögliche Ausbau des Nedderfeld, der Neubau des Luftfrachtzentrums und natürlich die Erweiterung des Bauhaus Fachcentrums, in die Untersuchung einbezogen werden.

Für den komplexen Sachverhalt sind mittlerweile drei Gutachten relevant:

Argus: Bebauungsplan Groß Borstel 25 Verkehrsgutachten

Schmeck: Verkehrsgutachten für den Neubau des Bauhaus Fachcentrums

BKP: Ergänzendes Verkehrsgutachten zum B-Plan Entwurf Groß Borstel 25

Alles in allem Grund genug für den Regionalausschuss Lokstedt sich die Verkehrsgutachten einmal genauer anzusehen:

Wir sind zurück im Regionalausschuss Lokstedt. Der Vorsitzende wurde inzwischen gewählt und unter dem Tagesordnungspunkt „Verkehrliche Auswirkungen durch ‚Tarpenbek Greens‘ (ehemaliger Güterbahnhof Lokstedt)“ trägt ein Verkehrsexperte die Ergebnisse des BKP-Gutachtens vor.

Was leistet ein Gutachten?

Als Laie erwartet man einfach zu viel von solch einem Gutachten. Naiv gedacht, sollte es die gesamten verkehrlichen Bedingungen vor Ort präzise erläutern, sowie letztlich die Auswirkungen des Mehrverkehrs auf den gesamten Stadtteil beschreiben. Im Idealfall sollten am Ende Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Sozusagen eine Fortschreibung des Verkehrskonzepts.

Nun gut, das wäre vielleicht zuviel erwartet. Wie könnte ein Verkehrsgutachten zum Quartier Tarpenbek Greens ein Verkehrskonzept für Lokstedt fortschreiben, dass es gar nicht gibt.

Dies alles leistet die Verkehrsplanung also nicht.

Statt dessen ist der Nutzen solcher Studien ziemlich klar umrissen. Es wird geprüft, ob die Verkehrsanbindung ausreichend ist. Im Grunde reicht es den Gutachtern, wenn die ersten zwei Knotenpunkte, die von den Anwohnern befahren werden, den Mehrverkehr abwickeln können. Ob der Siemersplatz (das wäre der vierte Knoten) dann täglich von 185.000 statt von 180.000 Pkw befahren wird und ob damit dann die Grenzen des Erträglichen endgültig überschritten werden - manchmal ist es ja ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt - interessiert die Gutachter eher wenig.

Die Ergebnisse

So überrascht das Fazit der Gutachter nicht. Die Ergebnisse dieser Machbarkeitsstudien eigentlich vorhersehbar:

Argus: „Mit den aufgeführten Maßnahmen ist eine leistungsgerechte Erschließung des Gebietes auch ausschließlich über eine Anbindung möglich.“

Schmeck-Gutachten Bauhaus: „Durch eine Verteilung der Verkehre auf mehrere Ein- und Ausfahrten kann eine leistungsfähige Abwicklung erreicht werden.“

BKP: „Somit ergibt sich für die nachmittägliche Spitzenstunde eine verträgliche Verkehrsqualität, d.h. auch mit 900 Wohneinheiten wäre die Erschließung des Planungsgebietes gesichert.“

Worst Case

Die BKP-Planer entwerfen ein neues Szenario. Dazu rechnen sie, anders als im Argus Gutachten, mit 900 statt mit 750 WE, einem MIV von 0,75 statt mit 0,5 und mit einem niedrigerem Pkw-Besetzungsgrad von 1,1 statt 1.2. Damit meinen die Planer dann, alle möglichen aufkommenden Probleme beschrieben zu haben.
Dabei wurde aber auch das ergänzende Gutachten mittlerweile von der Realität überholt. Was hier als Worst Case angenommen wurde, dürfte vermutlich genau so umgesetzt werden:

900 WE mit 2430 Bewohnern (2,7 pro WE), 75 Prozent der Fahrten mit dem eigenen Auto und nur jedes 10. Autos mit mehr als einer Person besetzt.

Um so mehr erstaunt es, dass die Ergebnisse dieses Worst Case den Abgeordneten unterschlagen werden. Zwar spricht der Gutachter immer wieder von 900 WE, aber die zu erwartenden Verkehrsbewegungen, die er den Abgeordneten präsentiert, entnimmt er der ursprünglichen Argus-Prognose mit 750 WE. Der Gutachter räumt zwar ein, dass es andere Berechnungen gäbe, diese wären aber nicht sehr wahrscheinlich. Da fragt man sich dann, wofür das ergänzende Verkehrsgutachten überhaupt erstellt wurde.

Die Prognose

Der Experte führt den Abgeordneten die verkehrlichen Auswirkungen von rund 250 stündlich abfahrenden Pkw vormittags und gleich vielen nachmittags zurück kommenden Pkw vor Augen. Bei dieser konservativen Prognose sind es dann rund 3000 Gesamtfahrten täglich (einschließlich 101 Lkw-Anlieferungen), während im Worst Case (der Realität) tatsächlich mit der doppelten Anzahl zu rechnen ist.
Und es gibt gute Gründe tatsächlich vom schlechtesten Szenario auszugehen. Neben der tatsächlich noch nicht bekannten Zahl der auf dem Gelände einst gebauten WE, wiegt schwer, dass das Gelände - wie bereits erwähnt - grottenschlecht an das Öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen ist. Es ist daher zu erwarten, dass der MIV sehr deutlich über dem durchschnittlichen Hamburger Wert von 0,42 liegen wird.

Es gäbe keine Anzeichen dafür, dass die Neu Groß Borsteler Bürger überdurchschnittlich viele Pkw mitbringen werden, so der Gutachter des Bezirks Nord. In Wahrheit weiß er, dies räumt er auf Nachfrage ein, nichts über die zukünftigen Bewohner.

In Anbetracht des hochpreisigen Wohnraums, der geplant ist, und der absolut ungünstigen Anbindung, ist aber damit zu rechnen, dass die Bewohner mehr als einen Pkw pro Wohneinheit halten werden. Und selbst wenn sie nur einen Wagen mitbrächten, zur Automeile ist es nicht weiter als bis zur Bushaltestelle. Die Bewohner können dort, sobald sie den morgendlichen Fußweg zur Busstation leid sind, problemlos weitere Pkw erwerben.

Alle 8 Sekunden ein Auto!

Der Experte rechnet also mit 250 Pkw - wir übertragen seine Zahlen auf den sogenannten Worst Case, nach dem vormittags stündlich 429 Pkw das Gelände verlassen werden - eines alle 8 Sekunden.

Von den 429 Pkw fahren nach Auffassung der Planer etwa 20 Prozent (85 Pkw), wenn sie den Sackgassenbereich des Kellerbleek verlassen haben, in Richtung Groß Borstel. Insgesamt wird sich der Verkehr im Kellerbleek verdoppeln.

Darüber werden sich die Groß Borsteler vermutlich nicht gerade freuen. Da aber alle Möglichkeiten der Verkehrsberuhigung bereits ausgeschöpft sind, müssten sie schon denn Kellerbleek zu Sackgasse machen, um diese Durchfahrten gänzlich zu verhindern.

Nedderfeld und Siemersplatz

Die verbliebenen stündlich 344 Pkw landen unweigerlich auf den Nedderfeld. Am Knotenpunkt Kellerbleek / Nedderfeld sieht das Verkehrsgutachten das ein kleines Problem, die „Ertüchtigung“ der Abbiegespuren. Allerdings wie gut, dass der Nedderfeld hier bereits für das Bauhaus umgebaut wurde, sodass lediglich die Ampelschaltungen noch optimiert werden müssen.

Auf dem Nedderfeld fahren, so die Annahme des Gutachtens, 40 Prozent der Pkw weiter in Richtung Eppendorf und entsprechend 60 Prozent in Richtung Kollaustraße. Da allerdings am Kellerbleek, so die Vorgaben der Gutachter, ledig die Rechstabbiegespur ertüchtigt werden musste, sowie am Nedderfeld die Linksabbiegespur in den Kellerbleek verlängert wurde, spricht manches dafür, dass die Verkehrsplaner in Wahrheit von mehr als 60 Prozent der Autofahrer annehmen, dass sie in Richtung Kollaustraße fahren werden.

Dazu der Gutachter. „Ich weiß ja nichts darüber, wo die Anwohner arbeiten werden!“ Doch auch er rechnet letztlich damit, dass mindestens 60 Prozent die Kollaustraße und dem Siemersplatz befahren werden. Nach der Worst-Case-Berechnung sind es dann vormittags mindestens 206 Pkw stündlich, mehr als vier je Ampelphase. Darüber freuen sich die Lokstedter nun wieder nicht.

Im Windschatten des Flughafens

Es kann doch nicht angehen, dass ein Stadtteil wie Groß Borstel, verkehrstechnisch geschützt im Windschatten des Flughafens liegend, aber auch jeden Verkehr über die Straßen Lokstedts abwickelt. Als Beispiel sei nur die Verkehrsausschilderung an der Kreuzung Deelböge / Rosenbrook genannt. Wer aus Richtung Winterhude kommend eigentlich sinnvollerweise über die Borsteler Chaussee nach Niendorf fahren würde, wird über die Route Rosenbrook - Nedderfeld - Kollaustraße durch halb Lokstedt umgeleitet.

Darf es einem einzelnen Stadtteil erlaubt werden, sich den gnadenlosen Auswirkungen der wachsenden Stadt zu entziehen? Kann es sein, dass die Straßen des einen Stadtteils als privates Eigentum der Anwohner betrachtet werden, während der Nachbarstadtteil beliebig von jedermann bei Tag und bei Nacht hundertausendfach befahren werden darf?

Die Hauptstraßen Lokstedts

Und um auf das fehlende Verkehrskonzept des Stadtteils Lokstedt noch einmal zu sprechen zu kommen. Kann es sein, dass nur die Hauptstraßen Lokstedts allein - Julius-Vosseler-Straße, Kollaustraße, Lokstedter Steindamm, Nedderfeld, Osterfeldstraße, Siemersplatz, Vogt-Wells-Straße um sie einmal zu benennen - stetig steigende Last alleine tragen müssen?

Es geht einfach nicht mehr so weiter!

Die Bewohner der oben aufgezählten Hauptstraßen gönnen den Bewohnern der vielen kleinen Nebenstraßen ihre Ruhe. Doch es ist mittlerweile soweit, dass die Gesundheit der Bewohner an diesen Hauptstraßen gefährdet ist. Lärm machen krank, mehr als 75 dB (A) werden auf den schmalen Bürgersteigen dieser Hauptstraßen mittlerweile gemessen. Und die Schadstoffemissionen werden vorsichtshalber gar nicht erst ermittelt. Die nächste Messstelle liegt an der Kieler Straße - und dort werden die EU-Werte nicht eingehalten.

Ein schlechter Witz!

Der Gutachter sagt dann tatsächlich allen ernstes - er ist sich der Tragweite dieser Aussage offensichtlich nicht bewusst -, dass der Siemersplatz nach dem Umbau noch ausreichende Kapazitäten hätte.

Da möchte man antworten: Kapazitäten hätte doch eher noch die Borsteler Chaussee, denn die teilweise nur zweispurige Borsteler Chaussee wird täglich nur von etwa 25.000 Pkw befahren. Bei einem vierspurigen Ausbau wären reichlich Kapazitätsreserven vorhanden.

Natürlich, der Verkehrsplaner sieht nur auf die „Leistungsfähigkeit der Knotenpunkte“ und bei 180.000 Pkw die ohnehin täglich über den Siemersplatz fahren, geht da immer noch etwas was.

Aber, als ob es nur über die technische Möglichkeit ginge. Die Anzahl der Überfahrten am Siemersplatz lässt sich nicht beliebig erhöhen. Sonst müsste manch Lokstedter zukünftig zur Lungenkur auf den Zauberberg nach Groß Borstel fahren - Anreise natürlich zu Fuß.

Und was heißt überhaupt, der Siemersplatz habe noch Kapazitäten? Werden doch die Fußgänger am Siemersplatz nach dem Umbau für die Busbeschleunigung mittlerweile im Sekundentakt wie Vieh über die Kreuzung gedrängt, von einer Mini-Verkehrsinsel zu nächsten.

Oft fallen bei starkem Verkehrsaufkommen sogar ganze Ampelphasen für die Fußgänger aus. Dann stehen die Fußgänger und Radfahrer eine weitere Ampelperiode auf ihren klitzekleinen Verkehrsinseln zwischen den vorbei bretternden Lkws und Monster-Bussen und warten.

Wenn es also tatsächlich stimmt, dass der Siemersplatz verkehrstechnisch gesehen noch freie Kapazitäten hätte, dann sollten diese dringend dazu genutzt werden, den Fußgängern und Radfahrern mehr Zeit zum Überqueren der Straße einzuräumen.

Das könnte dann auch schon etwas helfen ein anderes dringendes Problem zu lösen. Seit der Veranstaltung „Lokstedt im Wandel“ ist nämlich allseits bekannt, dass die Lokstedter sich am Siemersplatz mehrheitlich unsicher fühlen. Da werden weitere 5.000 Pkw keine Abhilfe schaffen, einige Mehrsekunden für die Fahrbahnüberquerung aber schon.

Familienausflug ins Bauhaus

Eine abschließende Antwort auf eine Frage eines Bezirksabgeordneten offenbart dann die schier grenzenlose Naivität des Verkehrsplaners. Gefragt, in welcher Relation die zusätzliche Belastung durch Tarpenbek Greens zu der durch das deutlich vergrößerten Bauhaus’ steht, antwortet der Gutachter.

Nein, das neue Bauhaus am Nedderfeld habe die Situation vor Ort nicht verändert. Er selbst sei seit der Eröffnung Ende August bereits dreimal dort gewesen und der Parkplatz sei immer nur zu einem Drittel belegt gewesen. Außerdem würde man meist dann ins Bauhaus fahren, wenn man ohnehin da vorbei käme.

Der Experte ist offensichtlich kein Heimwerker. Fehlt bei der Arbeit auch nur eine Schraube, fährt man sofort ins Bauhaus und wartet nicht erst auf den nächsten Familienausflug.

Da sollte der Verkehrsgutachter in drei Monaten in der Vorweihnachtszeit erneut einmal die Autos auf dem Parkplatz zählen, wenn sich in Hamburg herumgesprochen hat, wo das größte Bauhaus steht. Oder - was für einen Verkehrsexperten nahe liegender wäre - sich das Verkehrsgutachten für das neue Bauhaus noch mal genauer anzusehen. Dort wird davon ausgegangen, dass in Spitzenzeiten stündlich mehr als 250 Pkw die Zufahrt nutzen und gleich viele das Fachcentrum wieder verlassen.

Lokstedt online beschäftigte sich in den letzten zwei Jahren bereits mehrfach mit dem umstrittenen Großprojekt Tarpenbek Greens.
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© Lokstedt-online 20.09.2014