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StadtRAD

Erfolgsmodell ins Stocken geraten

Aktuell wurde in der Troplowitzstraße die zweite Ausleihstation des außerordentlich erfolgreichen Leihradsystems StadtRAD in Lokstedt eröffnet. Nächster logischer Schritt wäre eine Station am Siemersplatz, doch fehlende Mittel verhindern die Ausbreitung in die Peripherie.

Es ist Wahlkampfzeit und wer etwas auf sich hält, steigt aufs Rad. So die Grüne-Bezirksfraktion Eimsbüttel zuletzt mit dem Bürgerdialog "Mehr Verkehr in Lokstedt - aber sicher! ...zu Fuß, mit Rad und Bus!"

Und auch der Bezirk tut was er kann. Aktuell wurden den Fahrradfahrern in Lokstedt gerade 50 weitere Meter erneuerter Radweg in der Vogt-Wells-Straße spendiert. Und auch die Kreuzungen erhalten im Rahmen der Umbauarbeiten zur Busbeschleunigung erneuerte, meist schön rote Radwege.

Keine Frage, auf lange Sicht wird sich das Fahrrad - nüchtern betrachtet das in der Stadt überlegene Individual-Verkehrsmittel - durchsetzen. Doch einstweilen werden die Fahrräder, anders als im Rest der Stadt, wo man allenthalben Touristen mit den flotten StadtRAD-Flitzern durch die Straßen gondeln sieht, in den weniger zentral gelegenen Stadtteilen nicht überwiegend rot sein. Der weitere Ausbau des so erfolgreichen Systems ist just in dem Moment ins Stocken geraten, wo es für die Mehrheit der Hamburger interessant geworden wäre.

Public Private Partnerships

Carsten Ovens, CDU-Bezirksabgeordneter für Lokstedt, Niendorf und Schnelsen, der sich für weitere StadtRad-Stationen stark macht, musste aktuell einen Rückschlag hinnehmen. Die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) beschied seinen Antrag auf eine Station am Tibarg negativ: „Das StadtRAD-Budget ist derzeit fast vollständig ausgeschöpft, so dass der Ausbau des StadtRAD-Systems weitgehend abgeschlossen ist. Aus geringen Haushaltsmittelresten des Jahres 2013 können lediglich bis zu fünf weitere Stationen ergänzt werden, sofern Unternehmenskooperationen mit 50-prozentiger Übernahme der Einrichtungs- und Betriebskosten gelingen.“

Mit Unternehmenskooperationen sind öffentlich-private Partnerschaften, auch Public Private Partnerships oder kurz PPP genannt, gemeint. Dabei erklärt sich ein Sponsor dazu bereit, für die Hälfte der Kosten aufzukommen.

StadtRAD-Station in der Troplowitzstraße

Ein Trostpflaster hält die BWVI allerdings für die CDU-Bezirksfraktion bereit. Die im November 2010 geforderte Station in der Troplowitzstraße konnte diese Woche feierlich eingeweiht werden. „Immerhin etwas für das südliche Lokstedt - auch wenn die Umsetzungszeit sicher noch verbesserungsfähig ist“, kommentiert Ovens dieses Ereignis.

Möglich wurde die Station allerdings nur, weil die Firmen Beiersdorf und NXP den von der Behörde geforderten Sponsorenzuschuss tragen.

Weiterer Ausbau gefordert

Doch wenn zukünftig nur noch neue StadtRAD-Stationen eröffnet werden, wenn sich ein finanzstarker Partner finden lässt, bedeutet das das Aus für StadtRAD-Stationen am Tibarg oder am Siemersplatz. Wer käme hier schon als Sponsor in Frage. Börsennotierte Unternehmen, die sich eine eigene StadtRAD-Station leisten können, gibt es schließlich nicht an jeder Ecke.

Unternehmenskooperationen in dieser Größenordnung - es würden für jeweils vier Jahre etwa 32.000 Euro fällig - am Siemersplatz? Eher schwierig, da die meisten Geschäfte vor Ort zur Zeit um das wirtschaftliche Überleben kämpfen, einen Nachfolger suchen oder bereits aufgegeben haben und infolge dessen Leerstand herrscht. Doch wer weiß, vielleicht wäre eine PPP etwas für die Haspa. Die Farbe stimmt ja schon.

Eine Fahrradstation braucht aber auch Platz. Am Siemersplatz ist es jedoch nach dem Umbau im letzten Jahr sehr eng geworden. Mittlerweile haben hier nur noch Busse genügend Platz. Weder Parkplätze in ausreichender Zahl noch Platz für eine StadtRAD-Station wurden eingeplant.

Am Tibarg kommt hinzu, dass sich das System Schritt für Schritt, jeweils im Abstand von maximal 1000 Metern, in die Peripherie entwickeln soll. Vorbedingung wäre also zunächst eine Station am Siemersplatz und eine weitere in der Mitte der gut zwei Kilometer bis zum Niendorfer Marktplatz. Das wäre etwa Höhe Niendorfer Straße / Papenreye. Für den Metro-Einkauf sind die roten Flitzer allerdings eher ungeeignet.

Auch die Grünen bekundeten auf der eingangs bereits erwähnten Veranstaltung "Mehr Verkehr in Lokstedt - aber sicher!", das StadtRAD-System weiter ausbauen zu wollen. Ihre Forderung: 50 neue Stationen. Einen entsprechenden Antrag hat die Bürgerschaftsfraktion bereits eingebracht.

Grünen-Verkehrsexperte Till Steffen gegenüber dem Abendblatt: "Der Senat muss die Radverkehrs-Eiszeit beenden und mit Schwung in die neue Fahrradsaison starten. Das Radfahren muss in Hamburg noch attraktiver werden, und nichts hilft da besser als ein Ausbau des StadtRAD-Netzes.“

Hohe Unterhaltskosten

Doch die neuen Stationen müssten auch bezahlt werden. Die Grünen stellen sich dazu vor, zunächst 500.000 Euro aus dem gigantischen Etat der Busbeschleunigungsmassnahmen abzuzweigen.

Doch dies wird für einen Ausbau nicht ausreichen. Die zur Verfügung stehenden Mittel, im Doppelhaushalt 2015/16 sind für das Leihrad-System zwei Millionen Euro vorgesehen, würden sich zwar um ein halbe Million erhöhen. Doch damit kann aktuell kaum mehr als nur die Wartung der bereits vorhandenen Stationen und die Reparatur der Räder bezahlt werden. Die von den Grünen geforderten 50 Stationen würden jedoch weitere Mittel in Höhe von 6,5 Millionen Euro erfordern.

Somit droht das Erfolgsmodell StadtRAD gerade an seinem Erfolg zu scheitern. Die neue Station in der Troplowitzstraße war bereits um 16 Uhr restlos ausgebucht, kein einziges Fahrrad mehr vor Ort. Und so geht es an fast allen Stationen. Monatlich werden die 1600 Räder an rund 130 Stationen von über 220.000 Nutzern bis zu 150.000 mal ausgeliehen. Die gute Nutzung verursacht natürlich entsprechend hohe Unterhaltskosten.

Da werden dann auch Stimmen laut, die die Ausleihgebühren für die roten Flitzer erhöhen möchten. Insbesondere der Passus mit den kostenfreien ersten 30 Minuten sorgt für hohe Verluste beim Betreiber. Doch: Wat den Eenen sin Uhl', ist den Annern sin Nachtigall. Natürlich sind gerade auch die geringen Gebühren ein Grund für die gute Auslastung der Räder.

Alternative Verkehrsmittel

Die gut besuchte Veranstaltung der Grünen zum Thema alternative Verkehrsmittel belegt, viele junge Hamburger wandeln mittlerweile ihr Verkehrsverhalten. Klar im Trend dabei die Benutzung des HVV, der schon über zu hohe Fahrgastzahlen klagt, und natürlich das Rad.

Ein eigenes Auto zu haben, finden immer weniger junge Leute erstrebenswert und offensichtlich gibt es immer mehr, die sich nicht mal mehr mit einem eigenen Fahrrad belasten wollen.

Mehr Fahrradfahrer und ein wachsender Erfolg des StadtRADs auch in Lokstedt, am besten in Kombination mit einer Stadt- oder besser U-Bahn, idealer weise kombiniert mit einem Einkaufszentrum vor Ort um unnötige Wege zu verhindern. So könnte langfristig das Verkehrsaufkommen in Lokstedt gesenkt werden.

Ovens verspricht jedenfalls, sich weiter um das Thema StadtRAD zu kümmern: „Auch wenn der SPD-Senat derzeit keine weiteren Mittel für neue Stationen zur Verfügung stellt: gemeinsam mit den CDU-Kollegen in der Bezirksversammlung und in der Bürgerschaft werde ich mich weiter für den Ausbau des erfolgreichen und beliebten Leihradsystems stark machen.“

Ovens selbst geht dabei mit gutem Beispiel voran. Ein Auto besitzt er nicht. Im Sommer fährt er fast ausschließlich mit dem Rad, ansonsten nutzt er beide in Hamburg verfügbaren Car-Sharing-Systeme.

Der Senat

Gefordert wäre der Senat, weitere Mittel zur Verfügung zu stellen. Und gerade letzte Woche forderte der Ausschuss für Verkehr im Bezirk Eimsbüttel den Senat erneut dazu auf: „Auf Antrag der CDU-Bezirksfraktion beschloss der Ausschuss für Verkehr am 2. April einstimmig den weiteren Ausbau des StadtRADs“. Dazu Carsten Ovens: „Wir begrüßen das privatwirtschaftliche Engagement für das StadtRAD außerordentlich und möchten weitere Unternehmen einladen, das StadtRAD-Netz gemeinsam mit der Politik auszubauen.“

„Gleichzeitig fordern wir den SPD-Senat auf, bereits beantragte StadtRAD-Stationen auch endlich umzusetzen und die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen“, heißt es weiter in dem CDU-Antrag.

Im einzelnen wäre dies die Stationen: Tibarg, Siemersplatz, Troplowitzstraße / Lokstedter Steindamm, Basselweg, S-Bahn Station Langenfelde, S-Bahn Station Elbgaustraße, AKN Station Eidelstedt, Eidelstedter Platz, Informatikum, Apostelkirche sowie am Campus Bundestraße.

Der Bezirk

Doch in dem Beschluss fordert der Verkehrsausschuss auch „eine Öffnung für neue Finanzierungsoptionen.“ Da sollte sich der Bezirk vielleicht einmal an die eigene Nase fassen. Seit Januar 2010 versucht er im Zentrum Niendorf-Nord mehr als 770.000 Euro an den Mann zu bringen.

Es soll in Niendorf-Nord integrierte Stadtteilentwicklung betrieben werden, doch die überwiegende Mehrzahl der Grundbesitzer will sich an dem Programm „Aktive Stadt- und Ortsteilzentren“ nicht beteiligen. Und die Bürger und der Naturschutzbund möchten verhindern, dass hier 90 Bäume gefällt werden.

Noch im April wird sich zeigen, ob das Konzept endgültig scheitert. Vielleicht wäre es eine Option, diesen Etat umzuwidmen. Für das Geld könnte man alle elf für den Bezirk Eimsbüttel beantragten StadtRAD-Stationen realisieren - ganz ohne PPP.

www.engagiert-fuer-eimsbuettel.de
www.gruene-fraktion-hamburg.de

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© Lokstedt-online 10.04.2014