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P+R-Stellplätze

Wild parkende Pendler

Immer mehr Autos aus dem sogenannten Speckgürtel verstopfen die Hamburger Straßen und die Bürgersteige. Der Parkplatzmangel hat die ehemals grünen Stadtteile erreicht. Die geplante Parkgebühr auf den Park-and-ride-Flächen dürfte die Situation weiter verschärfen.

Schon seit Monaten bietet die jenseits des Amsinckpark gelegene Straße Hinter der Lieth morgens um halb acht das gleiche Bild. Noch sind einige freie Parkplätze auf dem Parkstreifen sowie in den Seitenstraßen Hagendeel und Schwübb verfügbar. Nach und nach treffen immer mehr Autos ein.

Es sind nicht die Jogger, die im nahegelegenen Niendorfer Gehege ihren Frühsport verrichten. Die parken 500 Meter weiter im Deelwisch. Die Autos die hier parken kommen aus Gegenden die für solche Aktivitäten nicht auf das Niendorfer Gehege angewiesen wären. PI und SE ist auf den Nummernschildern der geparkten Autos zu lesen.

Mit der U2 in die City

Die U-Bahnstation Hagendeel bietet Pendlern aus dem Norden Hamburgs, was an der Haltestelle Hagenbecks Tierpark nicht mehr so ohne weiteres gegeben ist: eine schnelle Anbindung an die Hamburger Innenstadt und freie kostenlose Parkplätze.
An der U-Bahn Hagenbecks Tierpark hat sich das Parkplatzangebot nämlich seit Oktober deutlich verschlechtert, seit der P+R-Platz an der Lokstedter Höhe kurzerhand zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmet wurde.

Hier spüren die Pendler erstmals was auf sie zukommt, wenn demnächst weitere P+R-Plätze geschlossen werden. Die Antwort der Pendler auf diesen plötzlichen Parkplatzmangel am Tierpark war vorhersehbar. Die HVV-Rider weichen aus und parken in den Seitenstraßen entlang der U2.

Die betroffene knapp 6000 qm große Fläche an der Lokstedter Höhe ist im Bebauungsplan Lokstedt 7 als Parkplatz ausgewiesen und im Wohnungsbauprogramm des Bezirks Eimsbüttel als Wohnungsbaupotenzialfläche vorgesehen. Kurz- bis mittelfristig sollen hier bis zu 70 Wohnungen gebaut werden. Allerdings istPotenitalflächenkataster geplant, dass im Falle einer Bebauung ein Parkdeck als Ersatz für die vorhandene P+R-Anlage zu errichten sei.

Dieser Parkraum ist aus Sicht der Verantwortlichen nun angesichts der Not der Flüchtlinge an der Lokstedter Höhe nicht mehr erforderlich. Die 145 Parkplätze fallen, zumindest während der Zeit der Flüchtlingsunterbringung, ersatzlos weg.
Eine weitere Folge der Parkplatznot: Im benachbarten Parkhaus Hagenbecks Tierpark ist die Parkgebühr sogleich von 3 auf 4 Euro erhöht worden.

Das ehemals an der Lokstedter Höhe geplante P+R-Parkdeck soll dann auf den aktuell noch kostenfreien Flächen neben dem Parkhaus Hagenbecks Tierpark gebaut werden. Auch hier kann dann nur noch kostenpflichtig geparkt werden.
So kommt es, dass der Lokstedter infolge der parkenden Pendler mittlerweile auf immer mehr Straßen gezwungen ist, Schlangenlinien zwischen den parkenden Autos zu fahren. Denn diese Seitenstraße sind nicht auf ihre neue Funktion als P+R-Fläche vorbereitet. Es fehlt oft die eindeutiger Ausschilderung. Mal darf auf dem Bürgersteig geparkt werden, an anderen Stellen nur mit zwei Rädern. Weitere Fahrzeuge parken direkt auf der Fahrbahn, da keine Halte- oder Parkverbote ausgewiesen sind. Es wird also der Phantasie freien Lauf gelassen und wild durcheinander geparkt.

An der Kreuzung Hagendeel / Hinter der Lieth versperren die parkenden Autos die Sicht, selbst die Auffahrten sind durch Kurzparker blockiert. Wenn ein Auto entgegenkommt, muss man auf den Bürgersteig ausweichen oder rückwärts wieder aus der Straße rausfahren. Rechts vor links funktioniert unter solchen Bedingungen auch kaum, da die Kurve durch parkende Autos verstellt ist, muss man ohnehin vor dem Abbiegen erst das entgegenkommende Auto durchlassen. Zu hoffen bleibt, dass Feuerwehr und der Krankenwagen im Notfall zügig durchkommen.

Tendenz weiter steigend

Allein 15.837 Pkw kommen täglich aus Norderstedt, 7.190 aus Pinneberg, 4.927 aus Elmshorn, 4.674 aus Schenefeld, 4.545 aus Henstedt-Ulzburg sowie jeweils mehr als 3.000 aus Halstenbek und Quickborn.

Dies nur die, die im Hamburger Norden morgens verzweifelt einen Parkplatz suchen. Insgesamt 321.000 Berufstätige pendelten im letzten Jahr in die Hansestadt – Tendenz weiter steigend. Und nur für knapp 23.000 von ihnen steht ein P+R-Parkplatz zur Verfügung.

Lokstedt, der familienfreundliche, grüne Stadtteil

Nachdem bereits seit den 1970er Jahren der Straßenverkehr Jahr für Jahr neue Spitzenwerte erreicht – aktuell kreuzen tagtäglich mehr als 180.000 Pkw den Siemersplatz – kommt nun eine Flut von parkenden Pkw auf den Stadtteil zu. Und nicht wenige Lokstedter Bürger belastet diese die Seitenstraßen, Bürger- und Radfahrwege blockierende Pkw-Halde kaum weniger als die durch den Stadtteil hindurch rasenden Autos.

Mit dem Metrobus 5 in die City

Seit die 145 P+R-Parkplätze zugunsten der Flüchtlingsunterkunft aufgegeben wurden, parken einige Pendler völlig ungeniert auch in Lokstedter Seitenstraßen rund um das Zylinderviertel und dem Siemersplatz. Denn auch mit dem Metrobus 5 gelangt der Pendler in die City - allerdings mit erheblich weniger Komfort.

Selbst abgelegene Parkplätze, etwa der des E-Centers in der Osterfeldstraße, werden von Pendlern angesteuert, sodass die Geschäftsführung des Supermarkts mittlerweile intensiv die Parkscheibenpflicht überwachen muss.

Verschont von dieser Welle von PI-Parkern bleibt einzig der Lokstedter Süden. Längst hat sich unter Pendlern herumgesprochen, dass zwischen Rimbertweg und Emil-Andresen-Straße ohnehin keine Parkplätze mehr zu bekommen sind.

P+R-System ausbauen…

„In den nächsten 20 Jahren will der Hamburger Verkehrsverbund 500 Millionen Mark in das neue System investieren; 60 Prozent davon soll Bonn tragen, den Rest muss die Hansestadt beisteuern. Und am Ende sollen statt der zurzeit 5.400 etwa 50.000 Park-and-ride-Stellplätze bereitstehen…Weil im Stadtstaat das Geld für weitere U- oder S-Bahnlinien knapp wird, will der Untergrund-Boss mehr Geld als bisher für den Ausbau eines Systems ausgeben, das Fahrzeuglenker auf die Schnellbahnhofe der Außenbezirke locken und so der täglichen Blechlawine wenigstens etwas von ihrer Wucht nehmen soll.“

Tatsächlich eine gute Idee, sollte man meinen. Doch leider entstammen die obigen Zitate einem SPIEGEL-Artikel aus dem Jahre 1972, die Denkschrift aus dem Jahre 1970 und der Untergrund-Boss Fritz Pampel, der hier zitiert wurde, ist seit fast 30 Jahren nicht mehr im Amt.

Schon damals war die Idee allerdings nicht mehr ganz neu. Bereits Anfang der fünfziger Jahre wurde sie in Boston geboren. Großstädte wie San Francisco verfügten schon 1970 über bis zu 23.000 P+R-Stellplätze.

Immerhin: Auf ziemlich genau auf diese Zahl kommt der HVV aktuell. Über 22.904 Stellplätze verfügt er in seinem Gesamtgebiet. Zwischen Großenaspe und Handeloh, Himmelpforten und Büchen kann der Fahrgast zwischen 125 kostenfreien P+R-Standorten wählen und von dort in einer durchschnittlichen Fahrzeit von 36 Minuten die Hamburger City erreichen.

…oder Parkgebühren kassieren

Nun aber sind ausgerechnet die begehrtesten dieser Standorte gefährdet. Der SPD-Senat plant ab Juli 2014 auf den 49 Hamburger P+R-Standorten, die mit 9.100 Stellplätzen etwa 40 Prozent der Parkkapazität ausmachen, Parkgebühren zu erheben. Autofahrer sollen künftig zwei Euro Parkgebühr pro Tag zahlen. Eine Monatskarte schlägt mit 20 Euro zu Buche, die Jahreskarte soll 200 Euro kosten.
Außerdem sollen mehr als 300 Stellplätze an den stadtnahgelegenen Standorten Berliner Tor, Dehnhaide, Niendorf Nord, Tiefstack und Wandsbeker Chaussee abgebaut werden.

Die CDU protestiert

Die Abgeordneten Carsten Ovens und Hans-Hinrich Brunckhorst (beide CDU) und Lutz Schmidt (FDP-Fraktion) schreiben dazu in einem Antrag an die Bezirksversammlung Eimsbüttel: „Das stadtweit für HVV-Nutzer kostenlose P+R Angebot ist ein wichtiger Baustein zur Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs (…) Die Auslastungsquote der P+R-Parkhäuser liegt bei ca. 83%. Anstatt das erfolgreiche Angebot durch eine Gebühr einzuschränken, sollte vielmehr das Angebot erweitert werden (…) Ziel einer weitsichtigen Verkehrspolitik muss es sein durch den Aus- und Neubau von P+R-Parkplätzen weitere Pendler zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen. Eine Gebühr steht dieser Intention entgegen.“

Auch im Hamburger Umland findet die Idee der Parkplatz-Maut wenig Verständnis. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern Dietmar Eifler: Die Gebühr "wird sich auch sehr schnell als finanzpolitischer Rohrkrepierer erweisen, da ein Großteil der erzielten Einnahmen sofort in die Verwaltung versickern wird, die zur Umsetzung dieser kostenpflichtigen Nutzung notwendig ist."

Das Argument, dass mit einer Gebühr das Angebot des HVV unattraktiver werde, konnte Rüdiger Rust (SPD-Mitglied und glücklicher Mieter von zwei Garagenstellplätzen im Rimbertweg) nicht nachvollziehen: „Wer keine Lust hat fürs Parken zu zahlen, soll sich doch eine Wohnung in der Stadt suchen und das Auto abschaffen.“ SPD-Genosse Peter Schreiber ergänzt: Viele Pendler würden im Speckgürtel wohnen und in Hamburg keine Steuern zahlen.

Brunckhorst reagierte auf diese Äußerungen entsetzt: Wer so denke, könne auch am Stadtrand eine Schranke aufstellen.

Zentrumsfernen Umstieg fördern

Die Hamburger Wirtschaftsbehörde hingegen beschwichtigt. Sie wolle ja eigentlich nur das Park-and-Ride-Angebot in Hamburg ausweiten und verbessern. Um die Kosten für dieses Vorhaben zu decken, müsse das bestehende Angebot kostenpflichtig gemacht werden. So sollen am Stadtrand, an den Bahnstationen Rissen, Harburg, Bergedorf / Nettelnburg, Billwerder-Moorfleet, Hagenbecks Tierpark, Steinfurther Allee und Tonndorf, mehr als 2.000 neue P+R-Stellplätze entstehen. Die innenstadtnahen P+R-Plätze aber sollen geschlossen werden, weil sie nicht mehr dem Ziel, den möglichst zentrumsfernen Umstieg auf die S- und U-Bahnen zu fördern, entsprächen.

Doch egal, wie viele Stellplätze In Harburg oder Billwerder auch errichtet werden. Die katastrophale Parkplatzsituation in Lokstedt wird sich davon nicht verbesseren.

Stellplatzpflicht für Neubauten abgeschafft
Der Abbau der P+R-Flächen trifft zeitgleich zusammen mit dem Abbau von Stellplätzen. Im Rimbertweg werden aktuell Neubauten auf ehemaligen Stellplätzen gebaut. Die wachsende Stadt Hamburg benötigt offensichtlich weiteren Wohnungsraum, nahezu um jeden Preis.

Um das Bauen für die Investoren noch lukrativer zu machen, will die Stadt zukünftig auf die Ausgleichsabgabe für Bauvorhaben verzichten, bei denen nicht die vorgeschriebene Anzahl von Stellplätzen errichtet wird.

So nimmt denn der Senat die Bürger gleich von mehreren Seiten in die Zange. Die Citynahen Parkplätze sollen bebaut werden und in den Wohnquartieren wird die Stellplatzquote reduziert. Da fragt man sich unwillkürlich, wann die Verantwortlichen endlich einsehen, dass Wachstum eine vernünftige Infrastruktur voraussetzt. Und dazu gehören nicht nur Kindergärten, sondern auch Parkplätze.

Da war HVV-Direktor Pampel Anfang der 1970er Jahre bereits weiter: Komfort sollte dem Autofahrer einen Verzicht auf den eigenen Wagen so leicht wie möglich machen. Bereits auf der Zubringerstraße sollte dem Kraftfahrer über ein elektronisches Leitsystem der nächstgelegene P+R-Parkplatz zugewiesen werden. Elektronisch gesteuert werden aber, zumindest in naher Zukunft, nur die Metrobusse.

Optimistisch ging die Studie damals zudem davon aus, das P+R künftig auch für einkaufende Ehefrauen interessant werde könnte. Die heutige Realität hat sich allerdings von diesen Träumen weit entfernt. Die Lokstedter Hausfrau von heute muss zum Einkaufen mit dem Bus oder dem Fahrrad in die Nachbarstadtteile fahren. Nimmt sie doch einmal das Auto, muss sie in Eppendorf oder Winterhude Parkgebühren zahlen oder ein Strafmandat riskieren, wenn sie nicht mal mehr einen gebührenpflichtigen Parkplatz ergattern konnte. Auf dem Rückweg strampelt sich die Hausfrau und Mutter mit ihren Einkaufstüten beladen und dem Kind auf dem Kindersitz mit dem Fahrrad ab. Von Komfort kann da nicht mehr die Rede sein.

Der SPIEGEL allerdings bezweifelte schon damals den Erfolg von Pampels P+R-Vision: „Ob sich dann auch so viele Hamburger bereitfinden, den Autosessel mit der ratternden, in Spitzenzeiten überfüllten, oft schmuddeligen und stickigen U-Bahn herkömmlicher Art einzutauschen, steht dahin. “Stattdessen schlug er vor, das Problem wie manch Wiener zu lösen: "Früh in die City fahren und dort im Auto frühstücken, um sich einen Parkplatz zu sichern".

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© Lokstedt-online 21.12.2013