Leserbrief

Tempo 30 keineswegs langsamer

Sehr geehrte/r anonyme/r Frau / Herr aus dem Jägerlauf,

vielen Dank für Ihre Reaktion, zeigt sie doch gleich anhand mehrerer Beispiele, dass Menschen sich oftmals vorschnell eine Meinung bilden (oder eine andere ungeprüft übernehmen), ohne sich mit den Fakten vertraut gemacht zu haben. Kritisch wird dies, wenn sie diese vorgefasste Meinung öffentlich als vermeintliche Tatsache verkaufen.

Beispiel 1: Sie halten meine Argumentation für "Klassenkampf". Der Duden erklärt diesen Begriff so: "Kampf zwischen den gegensätzlichen Klassen um die Entscheidungsgewalt in der Gesellschaft". Nur weil ich offen die Frage stelle, weshalb einige Gebiete (von wem eigentlich?) als sog. "Wohngebiet" eingestuft werden und diese, als sei es ein Naturgesetz, einen Anspruch auf weniger Autolärm und -verkehr haben, als andere Straßen, an denen ebenfalls Menschen wohnen (!), unterstellen Sie mir Neid und bezeichnen meine Meinung als Klassenkampf. Ein klares Vorurteil! Warum erklären Sie stattdessen nicht einfach, warum Menschen, die in einem "Wohngebiet" wohnen, schützenswerter vor Staus und Verkehrslärm sein sollen, als Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, an einer Hauptstraße wohnen (müssen)?

Was wissen Sie über mich, dass Sie sich so ein Urteil erlauben? Wer sagt Ihnen, dass SIE nicht vielleicht sogar MICH beneiden würden, wüssten Sie mehr über mich? Und: Was ist eigentlich so negativ am "Klassenkampf"? Verurteilen Sie es, wenn Menschen, die gesellschaftlich benachteiligt werden, dafür kämpfen, dass sich dies, wenigstens zum Teil, verbessert? Verbirgt sich vielleicht hinter der negativ besetzten Benutzung solcher Begriffe, die Angst, etwas von seinem Wohlstand abgeben zu müssen? Gegen einen Klassenkampf wird wohl nur derjenige etwas haben, der selbst einer "höheren Klasse" angehört und Angst davor hat, abzusteigen.

Beispiel 2: Ihr Schlusssatz: "Ich bin sehr traurig über Ihren Leserbrief, da er doch zeigt, dass der Neid immer noch in nächster Nähe vorhanden ist".

Weder wissen sie, wo ich tatsächlich wohne (Sie nehmen lediglich an, es sei die Osterfeldstraße), noch wissen Sie über meine wirtschaftliche und persönliche Situation Bescheid. Sie VERMUTEN es nur! Liegt es daran, dass es Ihnen fremd anmutet, wenn jemand sich auch für die Probleme anderer Menschen interessiert. Lässt Ihr Weltbild es denn nicht zu, sich vorzustellen, dass ich selbst zwar ruhig wohne, mich aber trotzdem dafür einsetze, dass auch andere Menschen weniger Lärm zu ertragen haben? Lärm und Abgase machen krank. Ist es nicht wünschenswert, dass möglichst wenige Menschen krank werden?

Gerade der Begriff "Neid" wird immer wieder gern als Totschlagargument benutzt, um nicht sachlich über Ungerechtigkeit und Benachteiligung reden zu müssen. In aller Regel von Menschen, denen es besser geht, als anderen. Wenn ich den Anspruch erhebe, an einer ruhigen Straße zu wohnen, dann muss ich dies auch allen anderen Menschen zugestehen. Ansonsten stelle ich mich als wertvollerer, folglich schützenswerterer Mensch dar.

Beispiel 3: Sie behaupten: "Bei Zone 30 bricht alles zusammen und der Bus ist dann auch im Stau."

Auch hier geben Sie eine Vermutung zum Besten, die durch nichts belegt ist. Anhand welcher Fakten / Studien gehen Sie davon aus, dass bei Tempo 30 "alles zusammenbricht"? Dann müsste es ja bei Tempo 50 allerorts flüssig vorangehen - und bei Tempo 70 noch flüssiger. Das Gegenteil ist der Fall! Tempo 30 - ohne Stau - ist sehr schnell. Sind Sie schon einmal auf dem Fahrrad mit Tempo 30 durch Hamburg gefahren?

Die alltäglichen "Zusammenbrüche" des städtischen Autoverkehrs haben nichts mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zu tun, sondern sind die logische Folge der viel zu hohen Zahl von Autos auf unseren Straßen! Die Autos GERATEN nicht in einen Stau, sie SIND der Stau! Sie stauen sich bei erlaubten 50 Km/h ebenso wie bei erlaubten 30 Km/h. Sind weniger Autos unterwegs, fließt der Verkehr in beiden Fällen, nur dass bei Tempo 30 das Gefahrenpotential erheblich niedriger ist, als bei Tempo 50. Um Ihr Beispiel aufzugreifen: Würde ein naher Verwandter von Ihnen von einem Auto angefahren, ist seine Überlebenschance bei Tempo 30 um ein Vielfaches höher, als bei Tempo 50.

Die umfassende Erklärung, weshalb Tempo 30 den Verkehr keineswegs langsamer, sondern flüssiger macht, würde diese Seite sprengen, deshalb empfehle ich Ihnen, falls Sie sich informieren möchten, diese Abhandlung des Verkehrsclub Deutschland.

Mein Mitgefühl, was den Lärm des ehemaligen Recyclinghofes und der Firma Hanomag angeht, haben Sie. Das ist aber ein völlig anderes Thema und hat nichts mit dem Autoverkehr zu tun. Oder wollen Sie damit indirekt sagen, Ihr Lärmkontingent sei bereits dadurch ausgeschöpft, so dass der Straßenlärm nunmehr anderen aufzubürden ist?

Auch zur Situation hinsichtlich eines Rettungseinsatzes widerspreche ich Ihnen nicht. Hier lag ein klares Versäumnis der zuständigen Behörde vor! Es war abzusehen, dass die Autofahrer über Jägerlauf, Offakamp und Lembeckstraße versuchen, dem Nedderfeld "zu entkommen". Ein einfaches Verkehrsschild "Verbot der Einfahrt, Anlieger frei" hätte das Problem vermieden. In der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung steht (zu den §§ 39 bis 43): "Die Flüssigkeit des Verkehrs ist mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu erhalten. Dabei geht die Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmer der Flüssigkeit des Verkehrs vor". Dass die Sicherheit der Anwohner ein eindeutig höher zu bewertendes Gut ist, als flüssiger Autoverkehr, dürfte außer Frage stehen.

Entweder bekennen wir uns alle zur "Freien Fahrt für freie Bürger" oder setzen uns für lebenswertere Verhältnisse in Hamburg ein. Massenhafter, ungebremster Autoverkehr und ruhiges Wohnen schließen einander aus.

Mit besten Grüßen,
Lutz Räbsch

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© Lokstedt-online 15.11.2013