Leserbrief

Dem Autoverkehr schutzlos ausgeliefert

Im Text ist die Rede vom "Wohnquartier" zwischen Ahornallee und Offakamp. Was mir unklar ist: Was ist ein "Wohnquartier"? Was unterscheidet dieses Wohnquartier z.B. von der Osterfeldstraße, an der ebenfalls viele Wohnhäuser stehen? Ich habe zwar nicht nachgezählt, wage aber die Vermutung, dass an der Osterfeldstraße nicht weniger Menschen wohnen, als im Jägerlauf. Ist die Osterfeldstraße also kein "Wohnquartier"?
 
Wenn es nicht die Anzahl der Anwohner ist, die eine Straße zum "Wohnquartier" macht, was ist es dann? Verliert eine Straße automatisch den Titel "Wohnquartier", wenn täglich eine Mindestanzahl von Autos durch sie fährt? Wie hoch ist diese Zahl? Auch dann wohnen aber doch immer noch dieselben Menschen an ihr. Wer erklärt mir den Unterschied?

Vor allem hätte ich gern gewusst, weshalb Menschen, die das Glück und das Geld haben, z.B. im Jägerlauf zu wohnen, "geschockt" sind, wenn für wenige Tage auch einmal viele Autos durch ihre Straße fahren. Engagieren sich denn dieselben Menschen auch für die Bewohner der Osterfeldstraße, die eine weitaus größere Anzahl von Autos mit wesentlich höherem Lärmpegel und viel höheren gefahrenen Geschwindigkeiten ertragen müssen - und zwar jeden Tag und seit vielen Jahren?

Manch einer könnte jetzt geneigt sein, zu argumentieren, dass Menschen, die in die Osterfeldstraße gezogen sind, schließlich vorher wussten, dass sie an eine Hauptstraße ziehen. Ja, das könnte so sein. Aber warum haben sie es trotzdem getan? Weil ihnen weder Lärm, noch Abgase, noch tägliche (vor allem nächtliche!) Raserei etwas ausmachen? Genießen die vielleicht gar den Autoverkehr? Die Menschen, die in Jägerlauf und Ahornallee wohnen, mögen hingegen keine Blechmassen vor ihrer Haustür, deshalb haben sie sich für eine Wohnung im Jägerlauf oder in der Ahornallee entschieden. Spätestens jetzt wird klar, wie dämlich, arrogant und entlarvend dieses Argument ist.

Die Anwohner im Jägerlauf waren "geschockt"? Der ungewohnte Autoverkehr hat sie "wie ein Blitz aus heiterem Himmel" getroffen? Das wahrhaft schrecklich! Den Anwohnern der Osterfeldstraße geht es da viel besser, sie brauchen eine solche Überraschung zum Glück nicht zu fürchten, denn sie haben eine vielfach größere Blechlawine JEDEN TAG hinzunehmen, können also nicht "geschockt" werden.

Selbst die Polizei findet das normal. Wie sonst ist es zu erklären, dass in der Osterfeldstraße nachts keine Tempokontrollen durchgeführt werden, obwohl dort dann Tempo 70 bis 80 eher die Regel als die Ausnahme ist? Und was ist eigentlich mit der 90.000 Euro teuren Blitzsäule, die seit Februar nicht funktioniert? Für die 90.000 Euro (Steuergeld!) hätte man auch eine schöne Plastik an den Straßenrand stellen können.

Womit begründen die Anwohner von Jägerlauf und Ahornallee ihren offenkundigen Anspruch auf ruhiges und weitgehend autofreies Wohnen? Weil sie das Glück und das Geld haben, in einer Straße wohnen zu dürfen, durch die für gewöhnlich nur ein paar Autos am Tag fahren? Haben also weniger finanzkräftige Menschen, quasi von der Natur eingerichtet, krank machenden Verkehrslärm hinzunehmen, während die betuchteren dies nicht müssen? Kann man das irgendwo nachlesen, bei Darwin vielleicht? Man belehre mich bitte, falls ich einen Denkfehler mache aber ich zähle nur 1 und 1 zusammen. 

Ist die zitierte Anwohnerin des Jägerlaufs denn wenigstens ebenfalls "schockiert" von der endlosen Blechlawine, die sämtliche Anwohner der Osterfeldstraße JEDEN TAG, JEDE WOCHE, JEDEN MONAT und JEDES JAHR ertragen müssen? War ihr dies ebenfalls einen Leserbrief wert? Wo finde ich den? Hat sie wenigstens die Kampagne für "Tempo 30 in der Stadt" unterschrieben? Oder ficht sie das alles nicht an, Hauptsache vor ihrer Haustür herrscht Ruhe?

Soll ich ehrlich sein? Ich finde es gut, dass auch die Bewohner der sog. "Wohnquartiere" mal eine, wenn auch nur ganz kleine(!), Kostprobe davon kriegen, was es heißt, dem Umweltzerstörer und Krankmacher Nummer eins, dem Autoverkehr, schutzlos ausgeliefert zu sein! Wenn sie sich für Tempo 30 in ganz Hamburg und für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik mit deutlich weniger Autoverkehr stark machen, dürfen sie sich gern wieder zu Wort melden. Dann bin ich sofort auf ihrer Seite. Wenn Ihnen aber nur daran gelegen ist, dass sich VOR IHRER HAUSTÜR keine Blechmassen stauen, haben sie kein Recht, sich darüber künstlich aufzuregen!

Lutz Räbsch

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© Lokstedt-online 11.11.2013