Leserbrief

Kitas, "Wohngebiete" und arme Autofahrer

Der/die kritische/r Bürger/in (Leserbrief: "Der arme Autoverkehr?") ist zwar gedanklich auf dem richtigen Weg, bleibt aber inkonsequent. Er/sie hat richtig erkannt: Die Autofahrer geraten nicht in einen Stau, sie SIND der Stau. Aber für die Feststellung, dass es besonders „erschreckend“ sei, wenn Autofahrer „in unmittelbarer Nähe zu einer Kita“ Gas geben, fehlt die Begründung. Was ist dort anders, als auf allen anderen Straßen? Kommen denn Kinder nur in der Umgebung von Kitas vor? Und bis wohin ist man in der "Nähe einer Kita"? 50 Meter? 100, 200?

Was ist mit Kindern, die sich auf einer anderen Straße, fernab einer Kita, aufhalten? Und überhaupt: zählen denn nur Kinder? Sind nur sie es, die vor selbstherrlichen, unfähigen Autofahrern geschützt werden müssen? Und ab welchem Alter erlischt der "Welpenschutz" nach Ansicht der AutorIn? Ab 10 Jahren? Ab 14? Sind Erwachsene dann nur noch Freiwild, das eben Pech gehabt hat, wenn ein Raser sie erwischt? Und was ist mit alten Menschen? Mit Behinderten? Konsequentes Denken und Handeln würde bedeuten, ALLE sog. "schwächeren" Verkehrsteilnehmer vor den ignoranten Autofahrern zu schützen, die Geschwindigkeitsbeschränkungen lediglich als Vorschläge betrachten und auf Gehwegen parken, damit "der Verkehr" nicht behindert wird!

Seien wir doch mal ehrlich: Jeder Mensch möchte gern, dass vor seiner Haustür Tempo 30 gilt - oder besser noch, er an einer Spielstraße wohnt. Nimmt derselbe Mensch jedoch auf dem Fahrersitz seines Autos Platz, beansprucht er "freie Fahrt" und will nicht von Tempo 30-Schildern "gegängelt" werden. Natürlich will er auch direkt an seinem Ziel parken. Genau hier liegt das tiefere Problem. Parkt man sein Auto vor der eigenen Haustür am Fahrbahnrand, dient es der "Verkehrsberuhigung" – das ist positiv, denn man wohnt schließlich hier. Fährt man woanders Auto, wo ebenso geparkt wird, nerven einen diese "Schikanen" - man will ja schließlich vorankommen. Nicht dass ich dieses Denken der Leserbriefautorin unterstellen will aber so sehen es nun einmal viele Autofahrer, denn ansonsten hätte niemand etwas gegen Tempo 30 in der gesamten Stadt - flankiert von massiven Polizeikontrollen und wirklichen(!) Strafen bei Überschreitungen.

Warum gehen wir eigentlich nicht noch einen Schritt weiter: Die Stadt muss wieder als Ort für Menschen gestaltet werden. Auf Straßen soll wieder Leben vorherrschen, nicht tote, rasende, lärmende, Platz verschwendende Blechhaufen. Das Auto bekommt die Rolle, die es verdient: Es wird geduldet, wo es tatsächlich alternativlos ist. Mehr nicht.

Wie abgestumpft sind wir eigentlich inzwischen? Nehmen wir den überbordenden Autoverkehr in Lokstedt (und ganz Hamburg) nur dann als Belastung wahr, wenn er mal wieder zum Erliegen kommt? Empfindet es denn niemand als nervtötend, z.B. an der Vogt-Wells-Straße (Julius-Vosseler-Straße, Osterfeldstraße, Kollaustraße, Lokstedter Steindamm...) als Fußgänger unterwegs zu sein und vom krank machenden Lärm und den giftigen Abgasen der Autos zugedröhnt zu werden? Ist es denn gottgegeben, in sog. Nebenstraßen ständig hintereinander gehen zu müssen, weil der Gehweg dank parkender Autos nicht mehr breit genug für zwei Personen nebeneinander ist? In einem Auto befinden sich immer zwei Sitze nebeneinander - auch dann, wenn der Fahrer drei leere Sitze spazieren fährt... Fällt dazu keinem mehr ein, als zynisch vorzuschlagen, man könne ja auch selbst mit dem Auto fahren, anstatt zu Fuß zu gehen?

Warum sind Fußgänger eigentlich, ganz amtlich, zu Menschen dritter Klasse degradiert, während dem Auto seit Jahrzehnten im wahrsten Sinne des Wortes "der Weg frei gemacht" wird? Wie mag sich ein älterer Mensch fühlen, der auf dem "busbeschleunigten" Siemersplatz auf einer winzigen Verkehrsinsel an der Ampel endlos lange auf Grün wartet, diese aber bereits nach dem dritten Schritt schon wieder Rot zeigt?

Jeder horche einmal in sich selbst hinein. Die meisten werden sich wohl eingestehen müssen, dass auch in ihrem Innern zwei Seelen wohnen. Die generelle Frage kann nur lauten: Wollen wir uns weiterhin vom Auto dominieren lassen? Wollen wir weiterhin akzeptieren, dass Lokstedt (Eppendorf, Hoheluft, Niendorf, ganz Hamburg...) vom Autoverkehr dominiert wird? Wollen wir weiterhin das vernebelnde ADAC-Gewäsch übernehmen, dass "vor Schulen und Kindergärten" besonders kontrolliert werden muss? Warum nicht woanders? Der Auto-Club - Pardon, neuerdings ja "Mobilitäts-Club", möge das doch bitte einmal nachvollziehbar erklären! Warum nicht Tempo 30 in ganz Hamburg? Auch auf allen Hauptstraßen! Langsamer wird dadurch der Verkehr übrigens erwiesenermaßen nicht! Im Gegenteil. Wer das ungeprüft ablehnt, hat keinen Anspruch auf gebremsten Autoverkehr vor seiner Haustür, keinen Anspruch auf eine staufreie Autofahrt und er hat auch keinen Anspruch auf einen lebenswerten Stadtteil.

Es gibt keinen Kompromiss. An dem wird seit Jahrzehnten erfolglos gearbeitet (so er denn überhaupt jemals gewollt war). Der "Kompromiss" sieht immer so aus, dass der Autoverkehr absoluten Vorrang genießt und alle anderen Verkehrsteilnehmer zurückstecken müssen - egal, ob sie wollen oder nicht. Gefragt wird der vermeintlich mündige Bürger sowieso nicht. Der autogerecht umgestaltete Siemersplatz ist das beste Beispiel dafür. "Busbeschleunigung"? Welch ein Hohn. Darum geht es den „Verkehrsplanern“ doch allenfalls am Rande. Tatsächlich war es einmal mehr das Ziel, den Autoverkehr vor dem endgültigen Kollaps zu retten - wenigstens für ein paar Jahre. Natürlich, wie immer, zulasten anderer.

Opfern wir also weiter dem Autogott die Flächen in Hamburg. Wichtig ist nur, dass "der Verkehr" rollt - und parkt. Radfahrer und Fußgänger sind Randfiguren, der Auto fahrende Mensch ist das Maß aller Dinge. Dann aber bitte nicht über fehlende Familienfreundlichkeit und auf Gehwegen parkende Autos aufregen!

Lutz Räbsch

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© Lokstedt-online 29.10.2013