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NDR Lokstedt

Moderatoren mit Hose

Am Ostersamstag präsentiert die Tagesschau ihren Zuschauern erstmals ihr neues Nachrichtenstudio. Herzstück ist eine 18 Meter lange, gebogene Medienwand. Trotzdem verzichtet man auf Virtualität, was die Zuschauer sehen, ist real im Studio vorhanden.

Als „grüne Hölle“ bezeichnen die ZDF-Nachrichtenmacher gerne ihr seit 2009 in der Greenscreen-Technik betriebenes 30 Millionen teures virtuelles Nachrichtenstudio. So etwas wird es beim ARD nicht geben, obwohl man sich das neue Studio beim NDR in Lokstedt auch etwa 24 Millionen hat kosten lassen. So bleibt das neue ARD-aktuell Studio, aus dem nicht nur die Tagesschau, sondern auch die Magazine Tagesthemen und das Nachtmagazin gesendet werden, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Studio zum Anfassen. Denn die neue riesige Videowand verfügt sogar über eine Touch-Funktion.

Zudem können sich die Moderatoren im Studio frei bewegen. Sie stehen künftig mitten in den Fotos, die die Nachrichten begleiten. Das Studio bedeutet das Ende der Moderatoren ohne Unterleib, die hinter einem Tresen stehen. Nun werden sie also nicht nur Jackets sondern auch Hosen brauchen.

Eigentlich sollte die Tagesschau, die älteste noch bestehende Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen (Erstausstrahlung am 26. Dezember 1952) schon seit ihrem 60. Jubiläum in neuem Glanz erstrahlen. Doch Software-Probleme verzögerten die Fertigstellung der Medienwand um 16 Monate, denn aufwendige Computerberechnungen in Echtzeit sind jeweils nötig, wenn einer der sieben Projektoren die gebogene Medienwand belebt.

Wenn der in Lokstedt wohnende Chefsprecher Jan Hofer - seit 1985 als Anchorman bei der Tageschau - heute Abend um 20 Uhr erstmals im Studio mit dem aufgefrischten Design an einem der zwei Moderationstischen stehen wird, dann können auf der riesigen Medienwand hinter ihm Panoramabilder, Fotos, Videos und Schrifteinblendungen im Breitwandformat eingeblendet werden. Chefredakteur Kai Gniffke: „Mit großformatigen Fotos können wir die Themen ausdrucksstärker, authentischer und emotionaler bebildern. Das erhöht die Verständlichkeit. Wir möchten den Zuschauerinnen und Zuschauern seriösen Nachrichtenjournalismus in einer ansprechenden und modernen Aufmachung bieten.“

Doch der neue Lock sei nicht der wichtigste Grund gewesen, das Studio völlig neu herzurichten. „Auch die größtenteils rund 15 Jahre alte Studiotechnik einschließlich Kameras, Licht und Mischpulten wurde erneuert. In diesem Zusammenhang wurde auch der Umstieg auf eine Produktion in HD-Qualität vollzogen“, schreibt die ARD in ihrer Pressemappe.

Und NDR Intendant Lutz Marmor ergänzt: „Mit diesem Studio macht die ARD ihr Flaggschiff klar für die kommenden Jahre. Technisch war die Erneuerung der Studio-Ausrüstung überfällig. Und für die Präsentation der Tagesschau und der Tagesthemen steht jetzt modernste Technik zur Verfügung.“

Die Technik im alten Studio sei zu alt gewesen, um sich in einer gerade für jüngere Zuschauer attraktiveren Bildsprache darzustellen. Denn auch „Mutter aller Nachrichtensendungen“ hat mit Zuschauerschwund zu kämpfen. Laut Welt hat sie „so viele Zuschauer verloren wie keine andere Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Nur noch rund fünf Millionen schalten regelmäßig ein.“ Der Durchschnitt der Zuschauer hat zudem wie die Sendung seinen 60. Geburtstag bereits hinter sich. Jüngere Menschen befriedigen ihren Nachrichtenhunger im Internet.

Aus diesen Grund ist die komplette Überarbeitung des Formats auch ein Risiko. Kaum jemand glaubt daran, dass die Tagesschau, auch bei noch so fortschrittlicher bildlicher Darstellung, für die heutige Jugend attraktiv werden könnte. Die aktuellen Zuschauer aber, sind eigentlich mit der althergebrachten, stocksteifen Darstellungsweise zufrieden. „Die wollen eigentlich, dass alles so bleibt“, befürchtet auch Nachrichten-Chef Gniffke.

Damit sich also bei den Nachrichtensendugen in der ARD nicht all zu viel ändert und die Tagesschau sich ingesamt treu bleibt, hat die Redaktion vor Beginn der Umbauplanungen Leitlinien aufgestellt:

1. Die Tagesschau bleibt die Tagesschau – sie bleibt blau.

2. Die Tagesschau bleibt eine Sprechersendung – die Nachricht ist der Star.

3. ARD-aktuell verzichtet auf Spielereien: Das neue Design legt Wert auf Klarheit und Übersichtlichkeit.

4. Die Tagesschau nutzt moderne Technik nur da, wo sie hilft, komplexe Sachverhalte besser darzustellen und zu erklären.

5. Die Tagesschau verzichtet auf Virtualität. Alles, was die Zuschauer auf dem Bildschirm sehen, ist real im Studio vorhanden.

6. Nachrichten sind Vertrauenssache.

7. Die Moderatorinnen und Moderatoren sollen Sicherheit ausstrahlen und agieren nicht im „luftleeren Raum“.

8. ARD Aktuell legt noch mehr als bisher großen Wert auf guten Fotojournalismus.

Sämtliche Nachrichten kommen dabei künftig aus dem neuen Studio, es wird 24/7, 365 Tage im Jahr betrieben. Damit gibt die ARD auch ein Stück Sicherheit auf, es gibt kein zweites Studio wie bisher. Eine technische Panne hätte für die Nachrichtensendung daher katastrophale Folgen. Doch weitere Millionen in ein Ersatzstudio zu investieren hätte vermutlich die Gebührenzahler verstimmt.

www.ndr.de

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© Lokstedt-online.de 19.04.2014

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