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Kinderstadt des Hamburger Jugendrotkreuzes

Elternfreie Zone Henry Town

Am langen Himmelfahrt-Wochenende war auf dem Gelände des Corvey-Gymnasiums in Lokstedt so einiges los. 200 Kinder verwalteten ihre eigene Stadt mit Rathaus, Postamt, Feuerwehr, Krankenhaus, Theater, eigener Zeitung und einer eigenen Währung. Vier Tage lebten die 7- bis 12-jährigen Bewohner hier nach ihren eigenen Gesetzen.

Das Hamburger Rote Kreuz feiert in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag. Eine der vielen Aktivitäten in diesem Jubiläumsjahr ist die Organisation der vierten Kinderstadt Henry Town.

Namensgeber ist Henry Dunant, erster Friedensnobelpreisträger im Jahre 1901. Und friedlich geht es auch in Henry Town zu. Schließlich ist die Stadt elternfreie Zone und die zweite Grundregel besagt zudem „Jede Bürgerin und jeder Bürger verhält sich so, dass es dem Leben in der Stadt und dem Ansehen der Stadt nicht schadest. Dazu gehört, dass alle rücksichtsvoll miteinander umgehen und die Einrichtungen der Stadt sorgsam behandeln. Sie sind für die Ordnung in der Stadt gemeinsam verantwortlich.“

Das wollen wir uns vor Ort ansehen. Dazu müssen wir uns allerdings, bevor wir Zutritt bekommen, beim Einwohnermeldeamt akkreditieren. Nach kurzer Wartezeit bekommen wir einen Gast-Pass. Gleich nebenan im Eingangsbereich befindet sich auch die Touristeninformation und ein Café. Hier sind zwei Kinder gerade beim Abwaschen und ich bekomme einen Touristenführer zugeteilt. Der 7-jährige Bendix, er hat eine schwere Kopfverletzung.

Er arbeite trotz Verletzung, denn er müsse schließlich Miete und vieles andere bezahlen. Sein Geld verdiene er mit Touristenführungen. Dafür bekomme er 10 Henry pro Stunde, netto bleiben ihm acht Henry.

Tatsächlich gibt es in Henry Town eine eigene Währung, den Henry. Ein Henry hat 100 Kreuzer und wer arbeitet, verdient sein eigenes Geld und kann es hinterher beim Einkauf oder im Kino wieder ausgeben oder auf der Bank sparen.
In der Kinderstadt gibt es alles, was es auch in einer richtigen Stadt gibt: Geschäfte, Cafés, ein Kino, eine Bank und vieles, mehr. Im Rahmen der vorgegebenen Grundregeln leben die Kinder in Henry Town nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen. Ihre Eltern bekommen höchstens bei geführten Stadtrundgängen Zutritt.

Alle Bewohner der Stadt haben die gleichen Rechte und Chancen. Jeder kann sich einen Beruf suchen und so viel Geld ausgeben, wie er verdient hat. Wer arbeitslos wird, kann sich von der Agentur für Arbeit beraten lassen - oder Arbeitslosengeld beziehen. Wer allerdings länger arbeitslos ist, sollte schon etwas Geld gespart haben, ansonsten muss auf einiges verzichtet werden.

Doch freie Stellen gibt es genug: Vom Beamten bis zum Schmuckdesigner sind jede Menge Berufe im Angebot. Alle Einwohner wählen zudem am ersten Tag ihren Bürgermeister. Der bestbezahlte Beruf in Henry Town.

Claudia Kalina, Landesreferentin im Jugendrotkreuz Hamburg gegenüber Sat1: „Ein Projekt zur Kindermitbestimmung. Die Kinder können hier im Spiel sozusagen lernen welche Entscheidungen welche Konsequenzen haben. Also sie arbeiten hier suchen sich morgens und nachmittags einen Job, verdienen dort auch Geld. Die müssen Miete und auch noch Steuern zahlen. Kinder können lernen wie Zusammenhänge bestehen können aber auch eine Stadt gestalten nach Ihren Wünschen.“

Täglich gibt es zudem eine Bürgerversammlung, in der wichtige Gemeinschaftsprobleme angesprochen und Bürgerentscheide nach demokratischen Prinzipien gefällt werden. Und der Bürgermeisterin droht Ungemach auf der nächsten Versammlung.

Die Bürgermeisterin heißt Nora. Sie hatte sich im Wahlkampf für geringere Mieten und Steuern eingesetzt. Gleich nach Amtsantritt haben alle Bewohner von Henry Town ein Stück Pizza gratis von ihr bekommen. Ein Bewohner kommt vorbei und berichtet uns, dass man Nora als Bürgermeisterin abwählen wolle. Sie hätte auch ein Eis versprochen und dieses Versprechen bislang noch nicht gehalten.

„Die Kinder übernehmen Verantwortung für sich und andere. Sie treffen Entscheidungen und tragen die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Sie erleben unmittelbar wie eine richtige Stadt funktioniert“, so Wilhelm Rapp, Präsident des Landesverbandes Hamburg des Deutschen Roten Kreuzes, in einer Presserklärung.

Ob nun Bäcker, Friseur, Kaufmann, Handwerker, Journalist oder Arbeitsloser, hungern muss in Henry Town keiner. Mehr als 150 Helfer verpflegen alle Kinder, sorgen für die Unterbringung und stellen als Nachtwächter sicher, dass die Sperrstunde um 22.00 Uhr eingehalten wird

Auf unserer Führung kommen wir am Finanzamt und am Rathaus vorbei. Das Amt ist nicht besetzt und im Rathaus wird gefeiert. Die Senatoren bereiten sich auch die nächste Versammlung vor, sie wollen der Bürgermeisterin zeigen, woher der Wind weht. Im Finanzamt ist kein Beamter anwesend. Die seien sicher gerade irgendwo vor Ort in den Geschäften, um Steuern einzutreiben. Bislang wurde allerdings kein Fall von Steuerhinterziehung bekannt.

Wir kommen am Krankenhaus vorbei. „Hier wurde ich versorgt“, berichtet uns Bendix „Aber unter uns, in echt habe ich nichts!“ Die Helfer vom Jugendrotkreuz verbinden perfekt und die Verbände sind sehr begehrt. Überall sieht man Kinder mit Verbänden herumlaufen.

Wir treffen ein Mädchen mit einem Verband. „Ich habe mir einen Kratzer zugezogen und die hatten kein Pflaster.“ Außerdem macht ein Verband eben viel mehr her als ein Pflaster. Lisa Marie Kohrs, Bildungsreferentin vom Jugendrotkreuz, die uns begleitet: „Das kann doch nicht sein. Das Rote Kreuz ohne Pflaster!“

Verbandsmaterial war tatsächlich einst sehr wichtig beim Roten Kreuz. Um die Leiden der Verwundeten auf beiden Seiten im Deutsch-Dänischen Krieg zu lindern, wurde 1864 die Vorläuferorganisation des Deutschen Roten Kreuzes Hamburg gegründet. Bereits ein Jahr zuvor kam es in Genf auf Initiative von Henry Dunant zur Gründung des Internationalen Komitees der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege, später Internationales Komitee vom Roten Kreuz benannt.

Überall in Henry Town hängen Kabel herum. Es gäbe nämlich eine eigene Telefongesellschaft und einen eigenen Radiosender, erfahren wir. Der Radiosender finanziert sich tatsächlich über Werbeeinnahmen, ganz wie im echten Leben. Ein Kind läuft herum und sucht Kunden. Vier Ansagen, die die ganze Stadt hören kann, kosten 5 Henry. Ansonsten werden Songs gespielt.

Die Telefonzentrale ist voll besetzt. Im Nebenraum befindet sich die Lokalzeitung. „Wir berichten über alles was hier so los ist. Das haben wir schon alles gemacht.“ Stolz werden uns die letzten beiden Exemplare gezeigt. „Wir haben auch einen Fotografen, der macht Fotos und hält uns auf dem Laufenden.“ Bevor wir weitergehen, erfahren wir noch, dass es auch eine Online-Ausgabe gibt: www.henrytown.de.

Weiter geht es zur Bank und zur Post. Auch hier sind alle Schalter besetzt. „Wir verkaufen Stempel, Postkarten und Briefumschläge und bringen die Post an alle Adressen in der Stadt.“ Außerdem könne man Briefe auch nach außerhalb verschicken.

Sehr gut besucht die Station der freiwilligen Feuerwehr. Wehrführer Peter Kleffmann von der Freiwilligen Feuerwehr Lokstedt wirbelt unter der Mannschaft der Jugendfeuerwehr kräftig mit. Denn hier kommt es zu echten Einsätzen: Es sind Brände zu löschen und zwischendurch gibt es immer Übungen. Außerdem wird geholfen wo es nur geht. Ein Mädchen kommt vorbei. Sie hat eine Eisverpackung nicht aufbekommen. Kleffmann hilft beim Öffnen.

Heute ist ein heißer Tag und die Bürgermeisterin hat sich nun doch dazu entschlossen, ein weiteres Wahlversprechen einzulösen: Eis für alle, sie bleibt im Amt.

Im Kaufhaus ist heute nicht so viel los. Um so mehr im Kiosk. „Wir müssen unsere Ware im Großhandel kaufen. Wir gehen gleich unsere Lager auffüllen, da es heute Sonderangebote gibt“, wird uns berichtet.

Bei den kleinen individuellen Läden ist viel los. In der Kräuterapotheke gibt es Cremes, Seifen. „Reine Naturprodukte, wir machen alles selbst“, erzählt uns die Lokstedterin Maja. „Unser Laden läuft echt gut.“

An der liebevoll hergerichteten Cocktailbar, wo man Coco Colada oder einen California Sun bekommt, treffen wir vier vergnügte Mädchen. „Manchmal ist der Andrang ziemlich groß, da müssen wir schon mit so vielen arbeiten.“ Und nebenan ist das Getränkeschiff. Hier gibt es Wasser und Tee kostenlos. Eine Cola kostet allerdings 5 Henry.

Ein florierendes Geschäft ist der Friseurladen. „Wir haben schon eine große Stammkundschaft aufgebaut.“ Die Strähnen sehen wirklich super aus. „Wir machen sie jeden Tag neu, passend zur Kleidung. Und im Nagelstudio gibt es den passenden Lack mit oder ohne Glitzer.“

Unterwegs treffen wir die Eisverkäufer, die alle Ecken abklappern, da es ja gilt, das Gratiseis von der Bürgermeisterin zu verteilen.

In der Corvey-Kantine ist eine Bäckerei und das Restaurant. Die Pizza ist der Renner, der Teig muss aber gut durchgeknetet werden. Die Bäckerei hat noch eine Filiale im Außenbereich. Da werden Waffeln gebacken.

Es wird viel produziert: Schmuck, Kerzen, Fimo-Werkstücke. Blumentöpfe und Bilderrahmen werden verziert. Das wird alles verkauft. „Wir haben auch Auftragsarbeiten“, erzählt uns ein Mädchen.

In der Turnhalle haben die Kinder die Möglichkeit sich weiter zu bilden. In der Tanz- und Akrobatikschule treffen wir Anton. Er hat hier schon einige Kunststücke gelernt, die er uns gleich vorführt. Alles was er geübt hat, sitzt wie eine Eins.

Spielen und amüsieren gehört natürlich auch dazu, kostet aber. Es gibt eine Hüpfburg, 20 Minuten kosten 2 Henry. Ein selbstgebautes Wasserspiel mit Spritzanlage, mit der Ballons abgeschossen werden. Die Ballons müssen allerdings gekauft werden. Und ein Spielkasino mit Roulette- und Black-Jack-Tischen gibt es auch. Startgebühr 2 Henry.

Morgen, auf dem Abschlussfest soll dann noch ganz viel an- und dargeboten werden. Tänze, unter anderem der Drachentanz, Theater, Zirkus, ein Markt der Möglichkeiten, Trickfilmkino, Tombola und natürlich wird auch die Bürgermeisterin anwesend sein.

Nur Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz wird nicht kommen. Er hat zwar die Schirmherrschaft von Henry Town übernommen, hat aber leider keine Zeit gefunden vorbeizuschauen. Schade, hier hätte er sich mal anschauen können, wie Wahlversprechen eingehalten werden und wie eine echte Stadt funktioniert.

29. Mai – 01. Juni 2014

Kinderstadt Henry Town

Übernachtung in den Klassenräumen auf Feldbetten. Bitte mitbringen: Schlafsack, Kopfkissen, gegebenenfalls Isomatte.

200 Teilnehmer. Kosten: 20 Euro inkl. Vollverpflegung. Für den Teilnahmebeitrag kann ein Bildungsgutschein eingelöst werden.

Deutsches Rotes Kreuz, Landesverband Hamburg e.V.
Behrmannplatz 3, 22529 Hamburg
Tel.: 55 42 00
Fax: 58 11 21
www.jrk-hamburg.de

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© Lokstedt-online 12.06.2014