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Fassadengestaltung

Erst fliehen die Fledermäuse...

In Lokstedt steht die neue Vorzeigesiedlung des Bezirks Eimsbüttel „Lokstedt 360 Grad“ vor der Fertigstellung. Das von den Politikern hoch gelobte Projekt besticht durch eine mehr als mutige Fassadengestaltung.

Im Rahmen des Bebauungsplan-Entwurfs Lokstedt 54 wurde, wie heute bei Bauvorhaben dieser Größenordnung üblich, immerhin waren 2,6 Hektar von der Planung betroffen, auch eine artenschutzrechtliche Betrachtung durchgeführt. Insbesondere in den Parkanlagen des ehemaligen Altenheims brütende Vögel und Fledermäuse waren durch das geplante Bauvorhaben gefährdet.

Der Biologe Karsten Lutz ging in seiner Analyse davon aus, dass die Zwergfledermäuse und das Braune Langohr beinträchtigt werden könnten. Allerdings räumte er ein, dass im Stadtteil Lokstedt mit seinem großen Baumbestand gute Ausweichmöglichkeiten für die Fledermäuse gegeben seien.

Sein Fazit: „Für das Braune Langohr, das Wälder bevorzugt, sind die im Luftbild erkennbaren dichteren Baumbestände nördlich und nordöstlich des Untersuchungsgebietes wahrscheinlich die besser geeigneteren Lebensräume.“

Die meisten Fledermäuse dürften sich also inzwischen Richtung Niendorfer Gehege vom Acker gemacht haben.

...dann der Mensch

Auf halber Höhe der Emil-Andresen-Straße überfällt den Passanten ein orangenes Neubaugebiet, einfach unglaublich und unbeschreiblich krass.

Ein Auszug aus der Festrede zum Deutschen Fassaden-Preis, wo offensichtlich eine ähnlich gestaltete Fassade prämiert wurde:

"Mit ihren Beiträgen präsentieren die Gewinner die Bandbreite dessen, was mit überlegter Farbgestaltung überhaupt denkbar, möglich und machbar ist...als krasser, fast über das Ziel hinaus schießender Kontrast...das leuchtend rot-rotorange-orange geschossweise gestaffelte...Wohnhaus...ein visueller Paukenschlag, wie expressiv, ja sogar provozierend schrill im besten Sinne mit Farbe umgegangen werden kann.“

Allerdings ist es fraglich ob ein solche Fassadengestaltung ins Lokstedter Stadtbild passt.

So haben einige der neuen Stadthausbesitzer bereits Protest beim Bauträger eingereicht und der hat auch schon eine Ausgleichszahlung angeboten. Die Höhe von angeblich 260 Euro pro Haus ist allerdings ein schlechter Witz.

Unwillkürlich hat man Mitleid mit den Neu-Lokstedtern, die dort in eine Miet- oder Eigentumswohnung einziehen. Man muss sich vor Augen halten, einige Käufer haben für ein solches Signalorange-farbenes Stadthaus bis zu 450 000 Euro ausgegeben.

Doch wie auch immer sich die dort Neu-Lokstedter mit ihrem Bauträger einigen, wer zahlt die Entschädigung für die Alt-Lokstedter. Noch mehr Mitleid befällt einen nämlich, wenn man an die Anwohner in den Häuser vis-a-vis von Lokstedt 360 Grad denkt. Die sind viel schlimmer daran. Die neuen Anwohner sehen ihre Fassade ja nur, wenn sie das Haus verlassen oder abends (hoffentlich im Dunkeln) zurück kehren. Die alteingesessenen Anwohner müssen da ständig drauf schauen.

Die Anwohner der Emil-Andresen-Straße haben gerade erst durch einen vorbildlichen, jahrelangen Bürgerprotest ihren Willen gegen die Bezirksverwaltung und die Bürgerschaft durchgesetzt, dass etwa 30 Ahornbäume nicht wegen der fälligen Straßensanierung gefällt werden, mithin dafür, dass Lokstedt wenigstens an dieser Stelle ein wenig Grün erhalten bleibt. Doch nun sieht es aus, wie die Strafe höherer Mächte, als ob der Bezirk hier mit seinem „Bebauungsplan 54“ bitter-orangene Rache an den Anwohnern genommen hätte.

Die Bewohner sind inzwischen verzweifelt. Und vielleicht wäre es für den einen oder anderen alteingesessenen Anwohner besser den Fledermäusen in Richtung Norden zu folgen.

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© Lokstedt-online.de 7.11.2011