Modellstudiengang Medizin am UKE

Qualitative Verbesserungen erwartet

Die norditalienische Stadt Bologna ist nicht nur wegen der Hackfleischsauce berühmt. Ganze 25 Prozent der Einwohner sind Studenten, denn Bologna besitzt die älteste Universität Europas. Die Università di Bologna wurde bereits 1088 gegründet.

Diese bildete einen würdigen Rahmen für eine 1999 abgehaltene Konferenz der europäischen Bildungsminister. 29 Staaten unterzeichneten anschließend die dort ausgehandelte Erklärung.

Das Ziel von Bologna war die Schaffung eines einheitlichen Europäischen Hochschulraums bis zum Jahr 2010. Von Förderung der Mobilität, internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit war häufig die Rede.  Eines der bekanntesten Resultate des Bologna-Prozesses ist die Definition eines Systems von drei aufeinander aufbauenden Zyklen in der Hochschulbildung.

Die erste Stufe bildet dabei der Bachelor-Studiengang, in dem grundlegende Kenntnisse erlangt werden. Meist schließt sich der Master-Studiengang, ein Aubaustudium, an. Einige Studenten schließlich erlangen über eigenständige Forschung die Promotion.

13 Jahre später ist es nun am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) soweit. Ab dem Wintersemester 2012/13 wird ein Modellstudiengang für das Fach Humanmedizin angeboten. Die gesetzliche Grundlage hierzu bietet die sogenannte Modellversuchsklausel der Ärztlichen Approbationsordnung, in der es unter anderem im § 41 „Modellstudiengang“ heißt: Die Zulassung als Modellstudiengang setzt voraus, dass das Reformziel beschrieben wird und erkennen lässt, welche qualitativen Verbesserungen für die medizinische Ausbildung vom Modellstudiengang erwartet werden.

Das UKE definiert die Eckpunkte seiner Reform folgendermaßen:
Zentrales Leitprinzip des Studiums sei die wissenschaftliche Orientierung, d.h. im Wesentlichen, dass die Studenten zu einer fragenden, kritische Haltung gelangten, Problem- und Methodenbewusstsein entwickelten, Strukturierungsfähigkeit und Selbstständigkeit erlernten und sich an evidenzbasierter Wissenschaft orientierten.

Zentrale, gleichwertige Aufgaben der Ausbildung zum Arzt seien die Vermittlung von praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie psychosozialen Kompetenzen für den Beruf.

War früher der Erwerb naturwissenschaftlichen Kenntnisse etwa in den Fächern Biologie, Chemie, Physik und Anatomie die Pflichtübung zu Beginn des Studiums. Eine Eingangsphase des Studiums, die mit dem Physikum (Ärztliche Vorprüfung) abgeschlossen wurde. Anschließend wurde sich im klinischen Studienabschnitt mit den einzelnen medizinischen Fächern wie Innere Medizin, Neurologie oder Chirurgie befasst und mit 3 aufeinander aufbauenden Staatsexamen abgeschlossen.

Im Modellstudiengang hingegen soll Theorie und Praxis des Arztberufes vom ersten Semester an eng verzahnt werden. Alle theoretischen Inhalte sollen fächerübergreifend mit Beispielerkrankungen und realen Krankheitsgeschichten eingerahmt werden.

„Als Kernelement aller Module werden die Ausbildungsinhalte zeitlich eng verzahnt aus drei Blickwinkeln erarbeitet: praktische Kompetenzen in Diagnose und Therapie, theoretische Grundlagen sowie soziale Interaktion mit Patienten und Kollegen“, heißt es dazu auf den Internetseiten des UKE.

Dieser Gedanke an sich birgt wenig Neues oder gar Überwaschendes, hatten doch alle Reformen der Approbationsordnung seit den 1970er Jahren bereits diesea Ziel vor Augen.

Unterstützt wird der neue Studiengang durch eine elektronische Lernplattform, die die herkömmlichen Lehrbücher weitestgehend ersetzen soll. Dort sollen den angehenden Ärzten Woche für Woche wechselnde Lerninhalte vermittelt werden.

Die Universität Oldenburg und das UKE sind zum Wintersemester 2012/2013 nunmehr die medizinischen Fakultäten Nummer 11 und 12, die einen Reformstudiengang anbieten. Einige der Universitäten orientieren sich bei ihren Lehrplänen zum Teil an Partneruniversitäten wie Harvard oder Groningen.

Wie bei allen deutschen Reformstudiengängen in der Humanmedizin, räumt das UKE der Kommunikation zwischen dem Arzt und seinen Patienten einen hohen Stellenwert ein. Die Studenten trainieren diese Fähigkeiten zuerst untereinander, dann an Simulationspatienten und schließlich am Patienten. Das Kommunikationstraining bildet während des gesamten Studiums eine durchgehende Säule im Lehrplan.

Auch der Ansatz die Arzt-Patient-Kommunikation zu verbessern ist ein klassisches Thema aller bisherigen Reformen gewesen. Man könnte meinen, dass den Studienreformern nichts Neues eingefallen ist. Zudem gehen die Reformbestrebungen an der Wirklichkeit vorbei. Was nützt dem zukünftigen Arzt das Wissen darum wie er mit seinen Patienten kommunizieren sollte, wenn ihm der Klinik- oder Praxisalltag keine Zeit dazu lässt und der durchschnittliche Patientenkontakt weiterhin drei Minuten dauert.

Insofern sind derartige Reformbestrebungen nur Makulatur, wenn nicht gleichzeitig das Gesundheitswesen reformiert wird.

Die Prüfungen mindestens werden aber an die neuen Lernmethoden angepasst. Mithin werden die Hamburg Studenten nicht mehr an den bundesweit einheitlichen Staatsexamen teilnehmen. Sichergestellt sei laut UKE, dass der Studienabschluss dem an anderen Universitäten erlangten gleichgestellt ist. Das Landesprüfungsamt habe sehr gründlich geprüft, ob die gesetzlichen Vorgaben der ärztlichen Approbationsordnung einhalten wurden.

Es bleibt zu hoffen, dass vom UKE erwarteten qualitativen Verbesserungen für die medizinische Ausbildung eintreten. Für uns Lokstedter ist allerdings zunächst Vorsicht geboten, steigt doch die Gefahr dort statt von einem Arzt nunmehr von einem Studenten untersucht zu werden.

Für alle Studienanfängerinnen und Studienanfänger wird ab dem Wintersemester ausschließlich der Modellstudiengang angeboten. Die Hochschule betont dabei die Freiwilligkeit der Teilnahme am Modellstudiengang. Was sie allerdings unter Freiwilligkeit versteht, fällt schwer nachzuvollziehen. Denn wer nicht freiwillig am Reformstudiengang teilnehmen möchte muss sich an einer anderen Universität bewerben.

www.uke.de/studierende/index_74296.php

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© Lokstedt-online.de 21.04.2012