• /
  •         
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /
  • /
  •         
  • /
  • /
  •         

Russische Literaturhäppchen

„Das Geld wird immer weniger“

Es musste sich irgendwie herum gesprochen haben, dass diese Veranstaltung ein voller Erfolg zu werden versprach. Mit Anton Tschechow stand vor „ausverkauftem Haus“ einer der bedeutendsten Autoren der russischen Literatur auf dem Programm.

An diesem milden, aber verregneten Abend, der wie geschaffen war sich von Tschechows Anekdoten und witzigen Geschichten aufmuntern zu lassen, fanden sich etwa 50 Besucher im Bürgerhaus ein.

Vermutlich wären, trotz laufender Fußball-Europameisterschaft noch wesentlich mehr Gäste ins Bürgerhaus gekommen, aber die Räumlichkeiten lassen keine Veranstaltungen im größeren Rahmen zu. Die Akteure des Abends hätten aber einen gut gefüllten großen Saal verdient gehabt. Oder wie Ursula Gehrke es ausdrückte: "Der Tschechow-Abend im Bürgerhaus war 'ne besondere Wucht!"

Antje Temler und Anna-Maria Kuricová, zwei Frauen mit umfassender, akademischer Schauspielausbildung und breitem Repertoire, hatten für diesen Abend ein sehr unterhaltsames Programm zusammen gestellt.

Motto: „Das Geld wird immer weniger, mein Bart immer grauer“. Auf ihrer website umreißt Antje Temler das Programm: „Bekanntes und Unbekanntes von Tschechow ist in dieser Lesung zu hören; aus Einaktern, Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und Kurzgeschichten. Dabei zeigt Tschechow seinen feinsinnigen, zuweilen bissigen Humor und gewährt dem Zuschauer zudem noch wunderbar heitere Einblicke in sein Privatleben. Eine Lesung mit Leichtigkeit, Selbstironie und Witz!”

Der szenische Rahmen wurde über den Saxophonisten Daniel Kuric hergestellt, der mit Sonnenbrille am Saxophon als Metapher für die Bespitzelung der einfachen russischen Bürger durch den KGB herhalten musste.

Gleich zu Beginn und gelegentlich zwischendurch erhielt der Spitzel am Saxophon Anrufe auf seinem Handy und erstattete seinem Arbeitgeber Bericht. Was die beiden Frauen einschüchterte und zu besonders unterwürfen, russisch-patriotischen Äußerungen Anlass gab. Sie beteuerten so wiederholt ihre Liebe zu Moskau und zum einfachen Leben dort in Plattenbauten.

In den wunderbar vorgetragenen Anekdoten Tschechows reichten den beiden Vollblut-Komödiantinnen dann auch wenige Accessoires zum übergangslosen Rollenwechsel. So war es ihnen möglich, in jeder Szene jeweils mehrere Personen zu verkörpern. Rasant agieren beide Darstellerinnen im Wechselspiel: Hut ab, andere Stimme, andere Person. Das steigerte sich bis zu einem Wechsel- und Verwirrspiel, in dem drei Personen dargestellt wurden, eine davon von beiden Schauspielerinnen im Wechsel - ohne dass die Zuschauer dabei überfordert wurden.

Zwischendurch gab es Gesang mit Saxophon-, Gitarren- und Akkordeon-Begleitung und auch so manche humoristische Einlage. Dem Inhalt der Sketche konnte man mühelos folgen, da beide Schauspielerinnen sehr gut bei Stimme waren - egal in welcher Tonlage oder mit welchen Akzent gerade gesprochen wurde.

Thema war zu Beginn, wie schon das gewählte Motto ahnen ließ, das liebe Geld. Es folgten dann noch Sketche über misslungene Telefonverbindungen - aus der Frühzeit des Telefons - sowie über in Nachbarzellen einsitzende Mathematiker und Ärzte. Die Gespräche, Erklärungen und Fragen dieser Spezialisten wirkten wegen der jeweils fachspezifischen Terminologie und Inhalte dann allerdings überaus komisch. Der Arzt, Tschechow war selbst Mediziner, und der Mathematiker waren im Grunde genommen doppelt gefangen, im Gefängnis und in ihrer berufseigenen Kommunikation.

Vor der Pause dann noch ein weiteres Thema: die russische Frau auf Brautschau! Hier folgte ein Höhepunkt auf den anderen:

Zunächst in der Rahmenhandlung, als Antje Temler sich auf den Schoß des langjährigen Bürgerhaus-Vorsitzenden Hans-Jürgen Rhein setzte, obwohl sie von Anna-Maria Kuricová gewarnt wurde, dass alle gut aussehenden und gut situierten deutschen Männer verheiratet seien. Rhein zeigte sich allerdings gar nicht abgeneigt und hätte Antje Temler wohl gerne seine Visitenkarte zugesteckt.

Dann eine Lesung aus dem Schwank „Der Hochzeitsantrag“. Anna-Maria Kuricová stelle den reichen nachbarlichen Gutsbesitzer Lomow, Antje Temler im raschen Wechsel gleich zwei Charaktere dar: zunächst den bereitwillig einwilligenden Brautvater Tschubukow sowie seine Tochter, die verhinderte Braut Natalia.

Die Handlung: Lomow hält um Natalias Hand an. Der völlig überraschte Tschubukow ist überglücklich, war es doch sein sehnlichster Wunsch, Natalia endlich unter die Haube zu bringen. Natalia, die von dem Antrage nichts weiß, versucht mit Lornow ein Gespräch anzuknüpfen. Mit umständlichen Worten leitet Lomow seinen Heiratsantrag ein. Erwähnt die guten nachbarlichen Beziehung und nebenbei die an der Grenze der Güter liegende Bullenwiese - vermutlich ohne zu ahnen, dass gerade die Besitzverhältnisse um diese Bullenwiese zwischen den Familien seit Generationen umstritten sind. Es kommt zum Eklat und der eigentlich so ersehnte Bräutigam wird aus dem Haus geworfen.

In der Pause ging es den Gästen wie Anton Tschechow. Es gab keinen Champagner, der so recht zu diesem Abend gepasst hätte. Waren doch die überlieferten letzten Worte des viel zu früh an Tuberkulose verstorbenen Autoren: „Ich habe so lange keinen Champagner mehr getrunken.”

Es stand allerdings, wie im Bürgerhaus üblich, eine reichhaltige Getränkeauswahl bereit. Statt Kaviar wurden warme Brezeln angeboten.

Abschließend wurden dann noch Auszüge aus der Satire „Das Stelldichein kam zwar zustande, aber...“ aus den Erinnerungen eines Idealisten dargeboten. Noch einmal herrliche Situationskomik: Ein Liebender der sich aus Aufregung vor seinem ersten Rendezvous betrinkt und den Termin völlig vergisst. Dann aber zufällig doch noch leicht verspätet und sturzbetrunken am vereinbarten Ort auf die wartende Liebende trifft.

Am Ende ein begeistertes Publikum das nach Zugaben verlangte. Und das Versprechen von Uschi Ihsche, wenn möglich bald wieder eine ähnliche Veranstaltung im Bürgerhaus Lokstedt abzuhalten.

antjetemler.de
www.schauspielhaus.de/de_DE/Team/Anna-Maria_Kuricova.34137

Bürgerhaus Lokstedt, Fr. 15.06.2012, 19.30 Uhr

Russische Literaturhäppchen - Anton Tschechow - Szenische Lesung
Antje Temler und Anna-Maria Kuricová; am Saxophon Daniel Kuric

Schreiben Sie zu diesem Thema einen Leserbrief!

© Lokstedt-online.de 17.06.2012